Saturday, 25. April 2026
Kindertagespflege in der Krise – Mut und Neupositionierung
Ein Appell an Tagesmütter und Tagesväter in Deutschland

Fotoquelle: R&V Versicherungen / sogenannte "betriebliche" Kindertagespflege
Liebe Tagesmütter und -väter, deutschlandweit,
aus aktuellem Anlass möchte ich heute einen Appell an alle Kindertagespflegepersonen richten. Ich möchte Euch Mut machen.
Die aktuelle Situation der Kindertagespflege
Landauf, landab sind die Hilferufe der Kindertagespflegepersonen zu hören und zu lesen: Viele geben ihre Betreuung auf, schließen ihre Angebote oder versuchen, sich mit einem Nebenjob durch die kinderlose Krise zu retten.
In öffentlicher Wahrnehmung werden folgende Ursachen konstatiert:
- Geburtenrückgang, der die Kindertagespflege zuerst trifft.
- Kommunen nehmen der Kindertagespflege zugunsten der klassischen Kita die Tageskinder weg.
Im Zuge dieser Krise erreichen uns vermehrt Anfragen von Tagespflegepersonen (TPP), die sich erhoffen, durch Wigwam 1994 Unterstützung zu finden. Sie fragen, ob auch wir einen Kinderrückgang verzeichnen und wie wir mit der aktuellen Lage umgehen. Sie erhoffen sich, dass wir ihre Fluktuation beenden, ihnen "Tageskinder schicken"; sie verorten uns in der Nähe einer Vermittlungsagentur. Damit können wir aus vielerlei Gründen nicht dienen. Der Erfolg, der Erhalt unserer Wigwam-Gemeinschaft ist neben der hohen Beratungs- und Betreuungsqualität der Treue seiner Mitglieder zum familiären Ursprungswesen des Berufsstandes geschuldet. Außerhalb von Wigwam ist dies kaum noch der Fall.
Beständigkeit von Wigwam 1994
Seit 33 Jahren existiert Wigwam 1994. Das könnte für einige TPPs ein Signal sein, dass es einen Grund geben muss, warum wir durch alle familienpolitischen Gezeiten unbeschadet geschifft sind, die Corona-Pandemie ohne einen Ausfalltag überstanden haben, und auch die aktuelle Krise uns in keiner Weise berührt.
Wir sind sicher auch morgen noch da und werden „kraftvoll zubeißen“ (kleiner Joke am Rande..)
Keine Sorge, liebe Leserinnen und Leser, dies wird keine Lobeshymne auf Wigwam 1994, sondern ein mutmachender Beitrag.
Unternehmen Kindertagespflege
Da ich, Susanne, die Gründerin, in 33 Jahren auf allen zeitgemäßen Wegen „pro Bindung“, "pro echter Elternpartnerschaft" gebloggt & geschrieben habe, komme ich heute "nur" und ausschließlich als erfahrene Unternehmerin auf Euch zu.
Auch Tagesmütter und -väter sind Unternehmerinnen und Unternehmer. Leider hat dieser Aspekt in den Qualifizierungen von Jugendhilfeträgern zur Erlangung einer Pflegeerlaubnis keinen Raum, was zu "Kraut & Rüben" in der formalen Ausgestaltung führt. Wigwam 1994 räumt diesem Thema jedoch den größten Raum ein.
Ein erfolgreicher Unternehmer ist sich nicht nur seiner "Kern-Botschaft" bewusst, die er konsequent ausstrahlt, sondern hat „Langstrecken-Qualitäten“: Er sieht und vertraut nicht nur früh ersten zarten Signalen am gesellschaftlichen Horizont, richtet seine unternehmerische Nase danach aus, sondern kann sie hoffentlich auch "richtig" deuten.
Das ist dem Berufsstand Kindertagespflege nicht gelungen!
Ab dem Jahr 2004 (TAG - Tagespflegeausbaugesetz) sind Tagespflegepersonen einer familienpolitisch bewusst gestreuten "sogenannten Weiterentwicklung" des Berufsstandes aufgesessen, der die Krise von heute ursächlich anzulasten ist. Weiterentwicklung bedeutet Verfeinerung und Professionalisierung.
Was real stattgefunden hat, ist Entfremdung!
mit fatalen "unternehmerischen" Folgen.
Ich empfehle im ersten Schritt meinen rein "unternehmerisch" ausgerichteten Beitrag von heute wirken zu lassen, um bei näherem Interesse sodann in meine 2 wesentlich detailreicheren Blog-Beiträge einzutauchen, die Euch die wahren Ursachen der KTP-Krise von heute - den schleichenden Niedergang - verdeutlichen.
Quo Vadis Kindertagespflege. Teil 1
Quo Vadis Kindertagespflege. Teil 2
Beispiel aus Sozialen Netzwerken
Mein heutiger Blog fußt auf einem Negativ-Beispiel, das ich den Seiten des „Bundesverbandes Kindertagespflege“ entnommen habe.
* Quelle des Fotos oben: Bundesverband Kindertagespflege & R & V Versicherungen
Die R & V Versicherungen rühmen sich, eine betriebliche Großtagespflege an den Start gebracht zu haben. Der Chef des Bundesverbandes Kindertagespflege war anwesend, und alle feiern sich und ihren Erfolg.
Was sieht man auf diesen Fotos?
Ich sehe alles, aber keine „Kindertagespflege“!
Stattdessen sehe ich einen möblierten Raum, vielleicht ein ehemaliges Büro im xten Stock eines Großkonzerns. Im Herbst eine Plastikhölle mit Neonlicht. Aus dem Fenster blickend erahne ich Beton oder das beleuchtete Nachbarbüro. Kein Baum. Kein Strauch. Dort werden Kleinstkinder am Morgen hingebracht, betreut von "angestellten" Betreuungspersonen, die nicht weiter entfernt sein könnten von einer "Tagesfamilie", die dem Wesen nach niemals weisungsgebunden, sondern ursprünglich selbständig Tätig war. Das Niveau erinnert mich an die 90er Jahre, als Fitness-Studios Spielräume für Kinder boten, damit Mama in Ruhe trainieren kann. Ich nenne das den Versuch einer "Kita light" für kommunale und betriebliche Sparfüchse – und alle machen mit.
Man kann diese Errungenschaft loben, beklatschen, muss sie nicht zwingend bewerten oder kritisieren. Die Konsequenzen dieser Entfremdung vom selbständigen familiären Berufsstand, die seit dem Jahr 2004 mit dem TAG eingesetzt hat, muss man aber in einem ursächlichen Zusammenhang zur heutigen Krise verstehen. Denn nur hier - nirgendwo anders - sind die wahren Ursachen für die verzweifelte Krise der KTP im heute zu suchen.
Kindertagespflege hat "ihr familiäres Gesicht" verloren.
Der Preis ist der Verlust des einzigartigen Alleinstellungsmerkmals.
Kindertagespflege hat ihren Markenkern „verkauft“. Der Berufsstand wurde auf vielfältige Weise benutzt und instrumentalisiert. Tagesmütter und -väter haben sich von familienpolitisch Verantwortlichen instrumentalisieren lassen oder wurden Opfer dieser Herangehensweise / fragwürdiger kommunaler Satzungen, die sie mangels juristischer Kenntnis nie hinterfragten.
Kindertagespflege startete dereinst als „familiäre Nachbarschaftshilfe“. Es war einmal eine Familie, die auf betreuungssuchende Familien traf.
Im Wigwam leben wir dieses Alleinstellungmerkmal seit Gründung bis heute.
Families Find Families in a Globalized World
Was ist außerhalb von Wigwam geschehen?
Tagesmütter und -väter mieten Räume an (Kita light), schließen sich familienfern zu Großtagespflegen zusammen, sie gehen in Betriebe hinein (Betriebskita light), sie gehen zu Eltern ins Haus (Kinderfrau), sie stehen auf Abruf, wenn’s brennt (nennt sich Kita to go; ist aber nichts weiter als der gute alte Babysitter), Eltern werden angehalten eine GbR zu gründen, um sich sodann eine "Tagesmutter" = Kinderfrau im Angestelltenverhältnis zu "teilen". Ich könnte unendlich weiter aufzählen; denn die Verhunzungen kennen heutzutage keine Grenzen mehr. Der klägliche Rest der vom Kindertagespflege-Rupf noch geblieben ist, ist die vertragliche "Zuordnung" eines Tageskindes zu einer TPP.
Alle scheinbar modernen Betreuungsformen, die Kommunen aus der Kern-KTP über die Jahre "bastelten", diente politisch Verantwortlichen nur dazu, sie billig und schnell verfügbar zu machen. Um Kindes- oder Elternwohl ging es an keiner Stelle, und schon gar nicht um das Wohl der Fachkräfte. Alle Verrenkungen, die dem Berufsstand angetan wurden, haben eins gemeinsam:
Das „Alleinstellungsmerkmal“ Familie wurde vernichtet.
Zur Erinnerung: Ich argumentiere heute rein „unternehmerisch“: 90 Prozent aller Tagesmütter und -väter haben sich auf Kosten ihres unvergleichlichen „Alleinstellungsmerkmals Familie“ dem eigenen Untergang geweiht.
Der Berufsstand wurde zwar vom Bund der klassischen Kita-Institution gleichgestellt, aber viele TPPs fühlten sich als Lückenbüßer zweiter Klasse, und sahen ihr Heil in der Angleichung an die Kita.
Der Befund war real. Die Lösung fatal.
Konsequenzen des Verlusts aus unternehmerischer Sicht:
- Verlust des Fokus: Wer sich der Kita-Institution angleicht, verliert den Fokus auf den eigenen Wert und den individuellen Weg.
- Beliebigkeit: Eine austauschbare Dienstleistung wird unscheinbar im Wettbewerb der Betreuungslandschaft insgesamt.
- Preisdruck: Ohne einen klar erkennbaren Qualitätsvorteil wird der Preis zum Hauptargument für Elternkunden, was zu ständiger Fluktuation in KTP und zum Versuch durch Wucherpreise wiederum Ausgleich zu schaffen führt, mit dem Ergebnis von noch mehr Fluktuation. Ein Loch ist im KTP-Eimer.
- Verlust der Elternbindung: Eltern sehen keinen Grund mehr, sich für Kindertagespflege zu entscheiden, die Loyalität für das „ Kita-ähnlich gelagerte“ schwindet.
- Identitätsverlust: Der Berufsstand verliert seine Identität, seinen Wert und (ver)schwimmt in einem M(e)ehr von Formen & Strategien; und löst sich auf.
Das Ergebnis:
Jede Krise, jeder Hauch von Unwägbarkeit in der Betreuungslandschaft kann das Aus für eine einzelne TPP bedeuten – und genau das passiert seit Jahren und gipfelt aktuell im Jahr 2026.
Was wäre meine Empfehlung als Wigwam-Gründerin?
Neupositionierung und klare Abgrenzung
Wer sich dem Berufsstand familiäre Kindertagespflege verbunden fühlt, die Liebe der Kinder, die Wertschätzung junger Eltern nicht verlieren will, muss eine klare, authentische Position suchen, finden, einnehmen, pflegen und konsequent leben. Nicht morgen. Sondern jetzt!
Eltern müssen einen Unterschied erkennen.
Glaube zunächst selbst wieder daran, dass werdende Eltern suchen, was heutzutage rar geworden ist. Gemeinschaft mit kompetenter Führung. Glaube auch dann daran, wenn Eltern es sich nicht mehr zu fragen oder zu formulieren wagen, weil es ihnen nie geboten wurde. Stecke sie mit Deiner Freude und Kompetenz an. Biete, was andere nicht haben, und eine Institution niemals kann. Familiäre Geborgenheit, eine wirklich kindgerechte Eingewöhnung, führe echte Elternpartnerschaften, die durch Deine Kompetenz spielerisch „ge-führt“ werden, und die den Namen verdient, geschwisterähnliche Gruppengröße, Kernzeiten statt Öffnungszeiten, eine hochwertige Konzeption, die sich wie ein roter Faden durch Deine KTP zieht, lerne gewaltfreie Kommunikation, pflege ein gesundes Nähe-Distanz-Verhältnis. Taste das Wertesystem von Eltern nicht an, und schaffe es trotzdem, das Tageskind sanft in Deine Familie zu integrieren, so dass Eltern nicht „los-lassen“ müssen, sondern verstehen, dass etwas viel Schöneres an die Stelle tritt; nämlich das "Zulassen" einer Erweiterung ihrer eigenen Familie.
Zeige jungen belasteten Eltern von heute, Deinen selbst gezogenen Johannisbeerstrauch im eigenen Garten!
Back to the roots
Finde zurück zu Deinen Wurzeln.
Finde zurück zum „Alleinstellungsmerkmal Familie“, besetze die Nische, wandle sie zum Markenkern, mache sie zu Deinem kompetenten einzigartigen Stellen-WERT.
Sei fortan mächtig stolz darauf und strahle es aus. Das ist nicht old-school oder rückwärtsgewandt, sondern Zeichen der Zeit.
Hör‘ auf Dich zu vergleichen. Hör' auf zur scheinbar 1. Betreuungsform „Kita“ rüberzuschielen, die Dir die Kinder stiehlt. PädagogInnen fliehen in Scharen aus klassischen Massenveranstaltungen in Kita’s. Sie werden selbst krank in diesem Umfeld, weil sie nicht mehr „ans Kind“ bringen können, was ihnen zu Ausbildungszeiten einst am Herzen lag. Frage Dich: Wenn eine Erzieherin sich im System krank fühlt, wie muss es dann erst einem Kleinkind gehen. Zeige der Welt, dass es auch anders geht. Welchen Grund könnte eine Tagesmutter/ein Tagesvater überhaupt noch haben, sich dieser Betreuungsform, die allseits in der Kritik steht, annähern zu wollen. Ich verstehe es nicht.
Und noch mehr Mut!
Begreife Deine Kindertagespflege ab sofort nicht mehr als „Alternative“ zur Kita. Stattdessen setze die Kindertagespflege in Deiner inneren mentalen Ausrichtung ab morgen auf Platz Nr. 1. Die Kita sollte die Alternative zu Dir sein. Nicht umgekehrt.
In einer globalisierten Welt ruft die gesamte Gesellschaft jeden Tag lauter nach mehr gelebter individueller Gemeinschaft mit Raum für das Kind, Raum für junge Eltern, deren Kernfamilie in Timbuktu weilt, und die ihrerseits erschlagen von Erziehungsratgebern, keine eigene elterliche Intuition mehr haben, nach Orientierung suchen, und alles nehmen müssen, was ihnen von kommunaler Seite serviert wird, weil von 1 Gehalt kein Leben mehr ist.
Niemand in unserer zunehmend vereinsamten Gesellschaft braucht noch mehr Outsourcing von Jung und Alt in Massen-Institutionen.
Nie wurde die echte "familiäre Kindertagespflege" mehr gebraucht als heute.
Nutze die Gunst der Stunde.
Think about it.
Es grüßt herzlich
Susanne Rowley