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Samstag, 24. Mai 2014

Autor: Susanne Rowley

Wir machen aus einem Pferd einen Maulesel..

..und rufen es weiterhin Pferd.


Liebe Wigwam-Freunde,

Man sollte aus einem Pferd keinen Maulesel machen und glauben, es sei dann noch ein Pferd.

Hier sehen Sie eine Expertise der Abteilung Familie und Familienpolitik des Deutschen Jugendinstituts e.V zum Thema Tagespflegepersonen in sozialversicherungspflichtigen Angestelltenverhältnissen.

www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2014/DJI_Rechtsexpertise_Tagespflege.pdf

Ich habe mir dieses Papier gerade komplett angesehen, und meine Ansicht, die ich zuvor schon hatte, verstärkt sich. Man sollte aus einem Pferd keinen Maulesel machen und glauben, es sei dann noch ein Pferd.

Kurz zum Hintergrund dieser Expertise:

Ausgangspunkt ist der Gedanke, Tagesmüttern und –vätern eine weitere Perspektive an die Hand zu geben, ihren Beruf in gesichertem Rahmen auszuüben – dem gliedert sich die Hoffnung an, den Beruf an sich für die, die ihn ergreifen wollen, attraktiver zu gestalten.

Wichtig hierbei:

Ausgangspunkt ist die Annahme, >> dass Festanstellungsmodelle dazu beitragen könnten, soziale Unsicherheiten der Tagespflegepersonen zu beseitigen sowie deren kontinuierliche Erwerbsintegration zu gewährleisten. Darüber hinaus könnten Festanstellungsmöglichkeiten grundsätzlich verstärkt die Chance eines Rückgriffs auf institutionalisierte Netzwerkstrukturen sowie die Einbindung in einen regelmäßigen fachlichen Austausches bieten. Für die Eltern könnten Festanstellungsstrukturen eine bessere Betreuungskontinuität und Verlässlichkeit liefern.<<

Danke Danke –

unter diesen Gesichtspunkten kann man die gesamte Expertise lesen – zuklappen – und sicher sein, die Annahmen sind fragwürdig, unnötig, stellenweise falsch oder in ihrer Wirkung schlichtweg unerwünscht.

Ich möchte jetzt an dieser Stelle nicht auf die formalrechtlichen Aspekte dieser Expertise eingehen, das haben die Experten ja wunderbar aufgelistet, wo und an welcher Stelle Korrekturen und Anpassungen der gesetzlichen Grundlagen notwendig wären, um dann geltendes Arbeitsrecht für Tagesmütter und -väter einzuhalten.

Und es ist auch völlig logisch,

dass bei der Umwandlung vom Pferd in einen Maulesel berücksichtigt werden muss, dass das Wesen des Pferdes keine Berücksichtigung mehr finden kann, denn es soll ja nun mal ein Maulesel werden. Wir stellen also das Futter um, führen regelmäßige Essenszeiten ein, und brauchen dann einen Tierarzt wegen den Verdauungsbeschwerden. Wir gewähren ihm auch geregelte Lastenpausen, denn er soll es ja gut haben –

und am wichtigsten:

wir rufen den Maulesel immer noch: Pferd!

Dass das Pferd gerne Maulesel sein möchte, oder gar Pferdeliebhaber davon profitieren würden, wenn sie sich vom Pferd verabschieden, das wage ich genauso zu bezweifeln, wie die Tatsache, dass der zukünftige Mauleselhalter wüsste, wie er die Kernqualitäten und eigentlichen Aufgaben des Pferdes aufrecht erhalten soll, wenn er sein Wesen ablehnt, seine Grundbedürfnisse verneint.

Unter dem Deckmantel also,

dem bislang freien Pferd, dass sich u.a. dem elterlichen Herdenwesen widmen sollte , etwas Gutes zutun, wird summa summarum völlig vergessen, dass es im Stall seinen ursprünglichen Aufgaben nicht mehr nachkommen kann, und von der elterlichen Herde völlig abgetrennt wird.

Wie ich das meine?

Eine der größten Vorteile der Kindertagespflege ist ihre Flexibilität und damit die unschlagbare Fähigkeit, sich ebenso flexiblen Anforderungen der Arbeitswelt anzupassen. Um diese aufrecht zu erhalten, ist das Verpassen eines starren Regel-Korsetts das falscheste was man überhaupt nur tun kann. Korsette kneifen, verbiegen, schränken in der Bewegungsfreiheit ein, verleiden einem die Freude an der Bewegung und man möchte sie alsbald wieder loswerden.

Ok – vielleicht

machen sie ja eine bella figura – also werden wohl nur jene welche das langfristig tragen wollen, deren Schwerpunkt dieser Aspekt ist. Aber nicht nur das.

Die Expertise zeigt

an vielen aufgeführten Anstellungsmodellen deutlich auf, dass jene Seite, nämlich die der Eltern und Kinder, für die die Betreuungsmodelle ja geschaffen werden, mit so vielen Einschränkungen und hinkenden Ersatzlösungen zurecht kommen müssten, dass der Sinn und damit die Zielsetzung an sich komplett infrage gestellt werden muss. Ganz davon abgesehen lässt diese Expertise naturgegeben Ersatzlösungen völlig außen vor – Gott sei’s also gedankt, war das nicht die Aufgabenstellung der Rechtsexperten, denn sie hätten keine Antwort gefunden.

Feste Planungsgrößen und starre Zeiten und Vorgaben

würden also zukünftig einem hungrigen und unberechenbaren Betreuungsbedarf gegenüberstehen – die Wörter bedarfsorientiert oder familiengerecht würden zusätzlich zum Fremdwort. Sämtliche Anreize von Tagesmüttern- und vätern, die aus Anstellungsmodellen heraus in die Kindertagespflege gegangen sind, werden noch dazu gekillt.

Völlig zerstört

würde der Familiencharakter und der Grundgedanke einer Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern und Tageseltern. Dies würde auf jeden Fall eine veränderte und gesteigerte Anspruchshaltung einer Partnerschaftsseite zur Folge haben, womit es schlicht und ergreifend keine Partner mehr sind. Und wenn ich meine Partnerschaft erst mal aufgegeben habe, muss ich mich auch nicht mehr dafür interessieren, was mein Partner wirklich braucht. Ich mache Dienst nach Vorschrift, und funzt das nicht, gehe ich mich beim Chef beschweren. Absprachen treffe ich auch keine mehr – ich hab ja mein Arbeitszeit-Korsett, das ich nach gesetzlichen Vorlagen an- und ausziehe.

Die in der Expertise aufgeführten größten Schwachpunkte,

neben all den hinfällig werdenden Berufsaspekten, sind wie immer die Vertretungs – und Urlaubsregelungen. Waren sie bislang schon schwer zu lösen, ist die Tür zur Lösung dann gänzlich verschlossen. Denn ist der Maulesel schon nicht mehr flexibel, wird der Esel, den der Maulesel dann auch noch zur Unterstützung braucht, nicht zu finden sein. Merken Sie was? Vom Kind redet hier sowieso keiner mehr. Ich hab also ein Recht auf Pause, u das nach 6 geleisteten Arbeitsstunden egal, was das Kind, das zu betreuende, gerade braucht, ich setz mich hin. Dann klingelt natürlich der Esel an der Haustüre, der jeden Tag nur darauf wartet, meine Pause zu füllen *lach. Jener Esel hat sich für diese lächerliche Stunde auch sicherlich voll qualifizieren lassen. Mein Urlaub, der mir gesetzlich zusteht, denn ziehe ich natürlich durch, und das spreche ich mit allen Eltern von allen Kindern zeitgleich passend ab *vogelzeig. Wenn mir das nicht gelingt, steht auch dann wieder der vollqualifizierte Ersatzesel vor der Türe, der das ganze Jahr keine eigenen Lebensplanungen vornimmt, weil er nur darauf wartet, was ich und all die Eltern machen. *doppelvogelzeig.

Und dazwischen klemmt

irgendwo mein modern denkender Arbeitgeber vom Amt, der um 16 Uhr nicht mehr zu kriegen ist, aber sicher für alle Eventualitäten und Schwierigkeiten vorgesorgt hat. :-)

Richtig abenteuerlich wird’s

dann an den Stellen, an denen über noch verrücktere Konstrukte zumindest nachgedacht wurde.

Achtung jetzt kommt‘s:

Festanstellung im Home-Office!

Ja Sie haben richtig gelesen. Erst machen wir das Wildpferd zum Maulesel und rufen ihn weiterhin Pferd. Dann haben wir aber keinen Stall zur Verfügung und schicken ihn wieder auf die Weide. Auf der Weide gelten dann die Bedingungen des Stalls, den wir gar nicht haben. Wir entlassen also quasi den Maulesel zurück ins Pferdeleben mit Maulesel-Regeln. Kopfschüttel.

Die Experten kamen an diesem Punkt schnell dahin, dass das keinen rechten Sinn ergeben kann; aber sie störten sich weniger am verpatzten Pferdeleben, sondern mehr an der Weide, und kommen zu dem Schluss –

Weide is nicht!

Ebenfalls sehr bemerkenswert

war jene Form, in der die Eltern als Arbeitgeber auftreten, ins besondere dann, wenn sie zusammen mit mehreren eine GbR gründen. Hier wurde die Möglichkeit erörtert, dass der Maulesel täglich den Stall wechseln könne – das ist doch echt nett, so kommt er auch mal raus und hat Abwechslung. Mehr schreibe ich dazu nicht, weil mir sonst der Kamm auf Übergröße schwillt. Denn auch hier gilt in Sachen Kind: das Spiel die Reise nach Jerusalem mag ja ganz witzig sein, aber wer möchte das schon jeden Tag spielen.

Ein Fazit der Autoren

war, dass es bei der Tagespflege als eine >> familial-individuelle Betreuung << immanent wichtig sei, die Einflussnahme des Jugendamtes auf den Betreuungsalltag zu begrenzen *uff.

Tja, und offensichtlich werden durch Festanstellungsmodelle in keiner Weise die bereits vorhandenen größten Schwachstellen wie Vertretungs-, Krankheits-, und Urlaubsregelungen gelöst.

Ich ergänze:

Nicht nur nicht gelöst, sondern deren Chance auf Lösung ist nicht mehr vorhanden.

Also schlage ich an dieser Stelle den politisch Verantwortlichen einfach mal vor, lasst das Pferd einfach Pferd sein und verbessert nur seine Lebensbedingungen – wie wär's?

Einen schönen Tag wünscht

Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
Kapitän-Lorenz-Ufer 20
55583 Bad Kreuznach

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