Saturday, 25. July 2026
Wigwam stellt die Kita-Systemfrage
Warum Vereinbarkeit & Kindeswohl ein ungelöster Widerspruch geblieben ist

Liebe Eltern, liebe PädagogInnen, liebe Wigwam-Freunde,
ich spreche heute ein fundamentales Dilemma an, das Familienpolitik vom Bund bis hinunter zu den Kommunen seit Jahrzehnten verschleiert:
Sie behandelt Vereinbarkeit von Familie und Beruf und das Kindeswohl als zwei getrennte, ja sogar gegensätzliche Baustellen, statt sie als Einheit zu denken.
Weil der Staat keinen gangbaren Weg gefunden hat, beides zu vereinen, hat man schlicht die Schablone der klassischen Schulen in Form der Massen-Institution Kita auf Kleinstkinder übergestülpt. Die Kita-Katastrophe, die permanente Überlastung der PädagogInnen, der Druck auf die Eltern und die Not der Kinder, die sich auf ihr ganzes Leben und damit auf unser Gesundheitssystem auswirken, sind keine Zufälle – sie sind die logische Konsequenz dieses systemischen Denkfehlers.
Man hat zwei essenzielle Lebensbereiche einfach voneinander getrennt.
Auf der einen Seite steht der ökonomische, gesellschaftliche und persönliche Anspruch, dass Eltern berufstätig sein können, sollen und wollen.
Auf der anderen Seite steht das psychische und physische Wohl von 1- bis 3-jährigen Kindern, deren Lebensfundament in den ersten drei Lebensjahren unwiederbringlich gelegt wird.
Und dazwischen klemmen Erzieherinnen und Erzieher, die in einem kaputten System auf Kosten ihrer eigenen Gesundheit den Nachweis erbringen sollen, beides sei gelungen.
Wenn man Lebensbereiche trennt, die zusammengehören, trennt man auch die Menschen.
Im kranken Kita-System sind sie nicht nur getrennt; man bringt sie gegeneinander auf.
Seit es die sozialen Netzwerke gibt, beobachte ich den hilflosen K(r)ampf der unversöhnlichen Lager jeden Tag. Eltern fühlen sich seitens der Fachkräfte herabgewürdigt und müssen sich zuweilen die Frage gefallen lassen, warum sie überhaupt Kinder bekommen, wenn sie sie ohnehin nur abschieben wollen; die schuldhafte „Rabenmutter“ ist in Deutschland wahrlich nicht totzukriegen.
Erzieherinnen und Erzieher sollen sich ihrerseits mal nicht so anstellen; Spielen, Wickeln und Kaffeetrinken kann schließlich jeder. Statt anzuerkennen, dass der Bildungsanspruch, der unter den katastrophalen Bedingungen einer Massen-Institution schier nicht zu erbringen ist, ist es naheliegender, weil erleichternd, ihnen von Elternseite diesen einfach abzusprechen.
All‘ das ist kein Wunder.
Wenn sich der eigentlich Verantwortliche auf familienpolitischer Ebene aus der Affäre zieht, reißen sich die Parteien an der Basis irgendwann aus Hilflosigkeit die Haare raus.
Hier ein Kommentar aus Sozialen Netzwerken zum o.g. Foto (Quellenangabe GPA Österreich).
Sabine stellt berechtigt die Kita-Systemfrage! Mit ihrem Unmut und der Analyse gehe ich konform. Ihre Lösungsvorschläge allerdings sind lebensfremd, bzw. in der heutigen modernen Gesellschaft so nicht mehr umsetzbar, will man nicht neue schier unlösbare Probleme erschaffen. Gemeint ist z.B. ihr Vorschlag, beide Eltern sollten in Teilzeit arbeiten. Man denke an die Altersarmut in unserem System. Die Vorwürfe, die sie "gegen" Eltern erhebt, sind klassisch, weil verzweifelt.
Sabine Elisabeth Scherer, Österreich: Mal Klartext: Da hilft kein mehr an Gehalt und kein mehr an Personal, wenn man meint, dass es Sinn macht, 20+ junge Menschen mit großem Bewegungsdrang 4-9 Stunden täglich in viel zu kleine und mit Möbeln verstellte Räume zu sperren...und wenn wir schon dabei sind, noch eine krassere Meinung: Kitas ab 1 Jahr gehören abgeschafft, denn sie nützen keinem Kind. So kleine Kinder brauchen verlässliche Bezugspersonen und ganz viel Bindungszeit, das kann auch die liebevollste Kita nicht leisten. Mein Vorschlag: Lasst die Kinder bis mindestens 2-3 Jahre dort, wo sie hingehören- bei ihren Eltern. Wenn diese das nicht möchten, muss man sich eh überlegen ob die Kinder dort gut aufgehoben sind. Dann mit 3-5 Jahren Kita, mit 5-8 Jahren Kindergarten und mit 8 erst Schule, 6-jährige quälen sich eh nur durchs Schulsystem. Zusätzlich sollten die Öffnungszeiten bzw. Schließzeiten der Kitas und Kindergärten, denen der Schule angepasst werden, dann würden sich erstens wieder mehr Personen finden, die in den Beruf gehen und man würde auch den Kindern helfen, ich bin sicher, dass Verhaltensauffälligkeiten abnehmen würden. Dazu mehr Support und Vernetzungsangebote für Eltern durch Angebote für Eltern mit ihren Kindern wie Spielgruppen etc...unbedingt auch verpflichtende Aufklärung zum Medienkonsum und Angebote die Eltern zeigen, wie sie ihr Kind fördern können ohne Medien oder es den ganzen Tag zu "bespielen", wie sie bindungs- und kompetenzorientiert begleiten ohne orientierungs- und grenzenlose Persönlichkeiten heranzuziehen und selber dabei auszubrennen....und selbstverständlich müssen die Gruppengrößen drastisch reduziert werden und bevor es jetzt wieder heißt wo sollen die Räume herkommen: wie wäre es wenn man Wald- und Bauernhof-Kindergartengruppen fördert statt unterdrückt? Nur so ein paar Überlegungen von einer Pädagogin, Sozialarbeiterin und Mama, der die Familien, die Kinder und die Kolleginnen wirklich am Herzen liegen...es gibt so großartige motivierte Pädagoginnen, die in diesem System in kurzer Zeit ausbrennen....ach ja und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit: wie wäre es, wenn man Teilzeitarbeit fördert statt bekämpft? Bei Männern und Frauen?
Beim Blick in Soziale Netzwerke stimmt mich besonders traurig,
jede neue Generation von Eltern und ErzieherInnen nimmt an, sie seien die erste Generation, die den kraftraubenden Kampf gegen familienpolitische Fehlentscheidungen aufnehmen muss.
Nach 33 Wigwam-Jahren, eng am Puls von frühkindlicher Familienpolitik, darf ich allen postenden/kommentierenden Akteuren versichern:
Ihr seid nicht die ersten, und Ihr werdet nicht die letzten sein!
Seit 33 Jahren begleite ich den Berufsstand der familiären Kindertagespflege
Seit 33 Jahren verfolge ich die Debatten und Handlungsfehler in der frühkindlichen Familienpolitik. Seit 33 Jahren sehe ich dieses fundamentale Versagen, obwohl die Folgen mit jedem neuen Jahr schlimmer werden. Jeder familienpolitische Handlungsfehler schafft 10 neue Problem Felder, denen wiederum mit neuen noch katastrophaleren Fehlentscheidungen begegnet werden muss.
Die Folgen dieses Denkfehlers:
Das Dreiecks-Drama: Wenn alle drei Parteien im System leiden
Dass eine rein funktionale Aufbewahrung in Kita-Institutionen nicht funktioniert, sieht man daran, dass alle drei an ihre Grenzen stoßen:
- Den Kindern geht es schlecht: Einjährige brauchen keine Bildungseinrichtung mit wechselndem Schichtpersonal und Dauerlärm. Sie brauchen emotionale Sicherheit, Geborgenheit und Bindung. Fehlende Bindung bedeutet Dauerstress im kleinen Organismus – eine Flutung mit Stresshormonen des jungen Nervensystems, die sich Jahrzehnte später im Gesundheitssystem oder beim Trauma-Therapeuten niederschlagen wird.
- Den Erzieherinnen geht es schlecht: Die massive Überlastung und der erschreckend hohe Krankenstand in Kitas sind der eindeutige Beweis: Wenn die Rahmenbedingungen die Pädagogen krank machen, wie soll es dann den Kindern gut gehen, die ihnen anvertraut sind?
- Den Eltern geht es schlecht: Eltern stehen unter Dauerstrom. Sie spüren den inneren und äußeren Verriss, wenn sie ihr einjähriges Kind mangels Alternativen in ein überfordertes System abgeben, wenn sie nach beruflicher Erfüllung suchen, oder schlicht arbeiten müssen, wenn von 1 Gehalt kein Leben mehr ist.
Der Symptom-Zirkus: Tausend kleine Helferlein doktern am Kollaps herum
Weil die Politik die Grundsatzfrage verweigert, entsteht ein Markt an Lückenbüßer-Lösungen; selbstverständlich getrennt für jede der Parteien:
- Resilienz-Coaches versuchen Erzieherinnen in Seminaren beizubringen, wie sie sich im Burnout-gefährdenden System noch ein bisschen besser anpassen können.
- Ratgeber & vermeintlicher Rechtsanspruch versuchen Schuldgefühle in eine Anspruchshaltung zu wandeln, statt die Ursache für die staatliche Kindeswohlgefährdung und amtliche Mangelverwaltung zu beseitigen.
- Bindungsforscher, Mahner und Hüter schreiben sich vergeblich die Finger wund, ohne dass ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse jemals den Weg in die Gesetzgebung finden.
- Kinder- und Jugendtherapeuten bemühen sich darum, Kinder in ihren sogenannten Verhaltensauffälligkeiten besser zu verstehen und zu "behandeln".
- Politische Notmaßnahmen wie ungelernte Kräfte,(getarnt als Multiprofessionelle Teams), Gruppenvergrößerungen, verkürzte Öffnungszeiten, Betreuungsplatz-Verschiebebahnhöfe, flicken Löcher,
während das Schiff weiter sinkt.
All das sind seit Jahrzehnten Versuche, ein krankes Konstrukt am Tropf zu halten. Wir doktern an Symptomen herum, anstatt das Fundament neu zu gießen.
Wo ist das „Dorf“, dass es immer schon brauchte, um ein Kind groß zu ziehen?
In früheren Zeiten war es die Großfamilie, die schleichend der Globalisierung zum Opfer fiel.
Dieses Dorf kann man in die moderne Zeit überführen, wenn man sich von der Vorstellung verabschiedet, dass die Institutionalisierung der frühen Kindheit das Maß aller Dinge sein soll. Dieses Dorf kann man in die moderne Zeit überführen, wenn man darüber nachdenkt, wer oder was die moderne „Ersatz-Großfamilie“ sein könnte.
Wir haben dieses Dorf längst in der Qualifizierten familiären Kindertagespflege. Familienpolitik möchte ihr keine Beachtung schenken. Sie wird seit Jahrzehnten degradiert, schlecht beschult, verbogen, verhunzt, beschnitten, zweckentfremdet, ihres familiären Wesens beraubt.
Die qualifizierte, professionelle Kindertagespflege, sofern sie ihren Markenkern „Familie“ bewahrt, ist die einzige Betreuungsform für U3-Kinder, die alle Ansprüche, Erwartungen und alle 3 Parteien perfekt zusammenbringt & versöhnt:
- Für die Kinder: Zeit. Eine feste, feinfühlige Bezugsperson, geschwisterähnliche Kleingruppen, Ruhe, Geborgenheit und echte Bindungsqualität.
- Für die Eltern: Eine erweiterte Familie, die Rollen einnimmt, das beruhigende Wissen, dass ihr Kind sicher aufgehoben ist, und sie frei von starren Strukturen und Öffnungszeiten ihrer beruflichen Erfüllung nachgehen können.
- Für die Pädagogen: Ein Selbstständiges, gewaltfreies, konzeptionell hochwertiges und damit sinnerfülltes Betreuen und Begleiten ohne den krankmachenden Druck der Großinstitution.
Fazit: Hören wir auf zu flicken – stellen wir endlich die Systemfrage!
Es ist Zeit, die Scheuklappen abzusetzen. Die Kita-Institution kann und darf nicht die erste Betreuungsform für Kleinstkinder bleiben.
Wir müssen aufhören,
- Jung & Alt, Menschen, die noch nicht, oder nicht mehr zum Bruttosozialprodukt beitragen "outzusourcen".
- Eltern gegen ErzieherInnen auszuspielen und Notlösungen als Fortschritt zu verkaufen.
- Eltern vorzuwerfen, dass sie wählen, was anders nicht geboten wird.
- motivierte Fachkräfte in ihren Ambitionen zu verstümmeln und ihre konzeptionellen Fähigkeiten zu ersticken.
- Kindern ihre Kindheit zu nehmen.
- Fachkräfte und Kinder massenhaft einzupferchen.
Wir müssen anfangen,
- Kindern eine glückliche Kindheit zu geben. Sie haben nur diese eine.
- Eltern eine familiäre Gemeinschaft mit entlastenden Rollen und professionellen Vorbildern zu bieten.
- Fachkräften das Ausleben ihrer vielfältigen Konzepte ermöglichen, um Ihnen die Freude am Beruf neu zu schenken.
Wenn wir Vereinbarkeit und Kindeswohl wirklich vereinen möchten,
dürfen wir nicht mehr auf das 20. Gute-Kita-Verschlimmbesserungsgesetz warten. Wir haben bereits zu viele Generationen von Kindern verloren.
Wir müssen die familiäre Kindertagespflege flächendeckend als primäre Betreuungsform für die Allerkleinsten auf höchstem Niveau etablieren. Diese Betreuungsform hält alles für alle bereit, wenn sie Top geschult, pädagogisch unterfüttert, zielführend begleitet und wunderbar vernetzt ist.
Unsere von Regeln und Normen erstickte, vereinsamte Gesellschaft braucht dieses Dorf.
Familien sollten Familien finden und einander bereichern. Jetzt.
Sodann wird die Freude eine solche zu gründen langfristig wieder wachsen.
Dass so ein kleines Dorf existieren, florieren und alle Beteiligten mit Freude erfüllen kann, lebt Wigwam im kleinen Maßstab seit 33 Jahren vor, trotz des familienpolitischen Gegenwindes, der uns mindestens genauso lange harsch in Form von sinnentleerten Vorschriften und Satzungen ins Gesicht bläst.
Zu guter Letzt eine Frage an alle meine LeserInnen:
Was ist Ihre schönste Kindheitserinnerung?
War es der Besuch in einem Hühnerstall? Das Pflücken von Johannisbeeren in Omas Garten?
Sicher würden Sie niemals antworten, es sei der Lärmpegel eines Presslufthammers gewesen, dem sie 7 Stunden täglich mit 130 Kindern ausgesetzt waren.
Es grüßt
Susanne Rowley