Tuesday, 26. December 2023

Autor: Susanne Rowley

Wigwam 1994 - Gedanken zur Wallraff-Reportage - Gewalt in Kitas and more

Team Wallraff deckte 2023 auf 

Liebe Wigwam-Freunde,

eine furchterregende Reportage über die Zustände in deutschen Kitas flimmerte am 28. September 2023 durch deutsche Wohnzimmer.

Team Wallraff - undercover in Kitas

Zahlreiche besorgte Anrufe von Eltern erreichten uns im Herbst diesen Jahres, mit daraus resultierenden Beratungen, wie man für sein Kind ein solches Umfeld vermeiden könne. 

Wir möchten das Jahr 2023 nicht abschließen, ohne unsere Gedanken dazu weit und frei schweifen zu lassen..

Wenn Wallraff am Start ist, weiß man, es kommt nichts Gutes.

Aber war das, was wir dort zu sehen bekamen, wirklich überraschend? Ich denke nein.  

Ich räume ein, es stimmt mich zuweilen traurig, dass Team Wallraff auf einem "Trash Format" wie RTL agiert. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass das, was wir dort sahen, einer Aufdeckung bedurfte.   

Wir sahen Gewalt an Kleinstkindern in psychischer und physischer Form. Kleinstkinder, die gewaltvoll angesprochen, behandelt, ignoriert oder auf andere Weise sträflich vernachlässigt, an Körper und Seele verletzt wurden. Überforderte, Macht missbrauchende Fachkräfte, die ihren Job nicht können, oder schlicht keine Lust haben, ihn zum Wohle der Kinder auszuüben. Gelangweilte, Smartphone-Daddelnde Erzieherinnen, die offensichtlich nichts mehr herbeisehnen als den Feierabend. Solche, die sich vor der vollen Windel eines Kleinkindes ekeln, Kinder zum Essen und Schlafen zwingen. Solche, die Zeit darauf verwenden, Krankheitsanzeichen bei Kindern zu finden, um sie von Eltern vorzeitig abholen zu lassen. Und wir sahen Fachkräfte, die zu unterirdischen Lästermäulern gegen Eltern mutierten, wenn diese nicht anwesend waren, weil sie nicht wissen, wohin mit geballtem Unmut.  

Was machen wir jetzt damit?

Ich habe mich in der Flut von Netz-Reaktionen umgeschaut. Die Wellen von Reaktionen und Schuldzuweisungen schlugen verständlicherweise hoch. Es wurden die Rahmenbedingungen für Fachkräfte ebenso kritisiert, wie das System als solches. Es werden erweiterte Schutzkonzepte, Kontrollmechanismen, tiefergehende Eignungskriterien und final Strafen und Entlassungen gefordert.

Mein Blogbeitrag heute, 

soll dazu dienen, auch andere Betrachtungen mit einfließen zu lassen.  

Es muss keinem vernünftig denkenden Menschen erklärt werden, dass es in jedem Berufsstand solche und solche gibt. Diese wird es immer und überall geben. Ganz sicher aber darf die Reportage nicht auf sogenannte Einzelfälle reduziert werden, denn es sind keine. Auch schlechte Rahmenbedingungen können nicht verantwortlich dafür zeichnen, dass der Unmut einer desillusionierten Fachkraft sich über den Schwächsten in unserer Gesellschaft entlädt. Daher stellen sich für mich final 2 Fragen:

Kann man solche Zustände entschuldigen? Nein.

Kann man versuchen, sich ursächlichen Zusammenhängen zu nähern? Ja.   

Es kommen unterschiedliche, teils in sich widersprüchliche gesellschaftliche und familienpolitische Entwicklungen zusammen, die am Ende katastrophal zusammenwirken. Wirft man zusätzlich noch einen verschärften Blick in die Historie, beachtet die Schnelllebigkeit unserer Zeit, ist sich dann noch der Tatsache bewusst, wie schwer es sich gestalten kann, einen trägen Tanker auf neuen Kurs zu bringen, und sucht dann noch die gemeinsame Vision, bei dem kann Verzweiflung aufkommen.

Ich fange niederschwellig an,

werfe teils banale Fakten, Erkenntnisse und daraus folgend Fragen als Brainstorm in den ungeordneten Betreuungsraum.

Kindeswohl

Muss sichergestellt werden. Jeder der familienpolitisch Verantwortlichen befürwortet das. Wir begrüßen Ergebnisse der Bindungsforschenden, von Neurowissenschaftlern, von Experten der Trauma-Forschung, die uns von Folgen früh angelegter Entwicklungstraumata, Sekundärtraumata, generationsübergreifenden Traumata, Schocktraumata berichten. Traumata also, die die Resilienz und Ausbildung des frühkindlichen Nervensystems bestimmen. Ein ganzes Leben lang.

Wir wissen das alles. Ziehen keine Schlüsse daraus. Wir handeln nicht danach.  

Die frühe Kindheit ist beim Thema Betreuung vollständig durch-institutionalisiert. Und die Entwicklung schreitet unaufhörlich weiter fort, weil wirtschaftliche Zwänge scheinbar keinen Ausweg mehr zulassen.

Es herrschen zuweilen Dezibel-Zahlen eines Presslufthammers in einer KiTa-Institution, die den Cortisol-Spiegel unserer Allerkleinsten; insbesondere der 1-Jährigen hochhält. Das Nervensystem, das just erst dabei ist, sich zu entwickeln, wird mit Stresshormonen geflutet. Die Trauma-Forschung weiß, dass ein gesundes Nervensystem im späteren Leben eines Toleranzfensters bedarf, in dem der Mensch empfundene Hoch- und Überspannung versus Entspannung in einem gesunden Gleichgewicht durch Regulation halten kann. Frühkindliche Entwicklungstraumata sorgen für das Gegenteil. Das Toleranzfenster bleibt eng, und Erwachsene bewegen sich zuweilen ihr ganzes Leben im Wechsel oberhalb des noch erträglichen Spannungsbereiches, oder aber rauschen ab in die Erschöpfung, die jegliche Grundspannung für Antrieb vermissen lässt.

Wenn Erziehung „Beispiel“ (Vorbild) ist, was nehmen unsere Allerkleinsten zusätzlich mit, wenn sie täglich erfahren, dass es den „Für-sorgenden“ Fachkräften, selbst unterirdisch schlecht geht.

Unsere Fachkräfte

Wie motiviert und ernüchtert fühlen sich Fachkräfte, die in gesellschaftlicher Gesamtbetrachtung in Sachen Wertschätzung und Gehalt bei Kaffee schlürfenden Erfüllungsgehilfen „stehen geblieben“ sind, während Familienpolitik unaufhörlich an immer neuen Bildungs-, Dokumentations-, Partizipations-, und nun auch pflegerischen Aufgabenschrauben dreht, um den Anstrich von Bildung (Pisa lässt grüßen) künstlich herzustellen.  

Jesper Juul tat dereinst den wohltuenden Ausspruch: „Kita spielt Familie. Sie ist keine“.

Hehre Begrifflichkeiten wie „Partizipation“ / „Elternpartnerschaft“ unternehmen den Versuch zu bemänteln, was Institution weder kann noch ist. Anspruch und Umsetzbarkeit stehen im fundamentalen Widerspruch. Wenn der Anspruch, den man an die Institution stellt, dem Wesen nach nicht erfüllbar ist, wie lange möchte man dann noch auf Erfüllung warten?

Flapsig könnte man es auch so formulieren:  

Wenn die Diagnose schon nicht stimmt, wird jeder Behandlungsversuch scheitern, infolge Frust erzeugen.  

Das führt mich unweigerlich dazu die vor-gestellten Ansprüche und Realitäten der Akteure in der gesamten Betreuungslandschaft einander gegenüberzustellen:

Und genau hier haben wir den Salat. 

Nichts geht mit nichts zusammen.

Unsere Allerkleinsten wollen nichts. Sie bedürfen. Wer also von Kindeswohl schwafelt, muss frühkindlichen Bedürfnissen Rechnung tragen. Unsere Allerkleinsten brauchen Liebe, Zuwendung, beständige Fürsorge, authentische Vorbilder, einen kontinuierlich verlässlichen Hafen, frei von krankmachenden Ambivalenzen.

Motivierte Fachkräfte möchten einen Beitrag leisten und dafür Wertschätzung erfahren.

Sie erwarten, dass es ihnen mental und körperlich gut geht. Für ihr berufliches Leben tragen sie in Form der Selbstreflexion (hoffentlich!) ihrer eigenen frühkindlichen Mitbringsel eine Eigenverantwortung. Darüber hinaus möchten sie Rahmenbedingungen vorfinden, die ihnen das Erleben von Selbstwirksamkeit und Gestaltung ermöglicht; wie sonst sollten sie Vorbild sein. In diesem Kontext möchten sie gesellschaftliche Wertschätzung für ihren Bildungsauftrag erfahren, den familienpolitisch Verantwortliche wie eine leere Monstranz vor sich hertragen, der aber in der breiten Gesellschaft so nie angekommen ist. Das Einkommen, das den gesellschaftlichen Wert ihres Betreuungs- und Bildungseinsatzes sichtbar untermauern könnte, ist ebenfalls nicht vorhanden.

Eltern brauchen

DAS viel beschworene Dorf. Eine zugewandte Gemeinschaft, die sie kontinuierlich bei den flexiblen Herausforderungen unserer modernen schnelllebigen Welt in Sachen Vereinbarkeit von Familie und Beruf begleitet. Dabei suchen sie zeitgleich „das Beste für ihr Kind“, für das sie seit Geburt Verantwortung empfinden. Auf Erfahrungen eines „Dorfes“ können sie aufgrund der Globalisierung nicht mehr zurückgreifen. Die eigenen Eltern leben an einem anderen Ort. An die Stelle treten eine Flut von Ratgebern, unter denen auf gut Glück das „Richtige“ zu wählen ist. Für sich selbst erheben sie den berechtigten Anspruch, Erfüllung und Zufriedenheit auf beruflichen Ebenen zu (er)leben, für den sie in Zeiten der Ausbildung viel investiert haben. Zu guter Letzt wachen sie nach Geburt ihres Kindes auf in einer Welt, in der von einem Einkommen kein Leben mehr ist. Sie müssen arbeiten, ob sie wollen oder nicht. Das muss im Umkehrschluss aber nicht bedeuten, dass die Hände der Obhut, schlechte sein müssen. 

Familienpolitisch Verantwortliche unternehmen 

seit ich denken kann, den scheinbar unlösbaren Spagat, Kindeswohl und Vereinbarkeit mithilfe des Erfüllungsgehilfen Fachkraft unter einen wirtschaftsfördernden Hut zu quetschen. Das Unterfangen muss aus politischer Sicht zwingend einen Bildungsanstrich bekommen, um gesellschaftliche Grundakzeptanz zu erwirken. Gleichzeitig darf es finanziell für Bund, Länder und Kommunen nicht aus dem Ruder laufen; zumindest solange nicht, wie die eigentlichen Nutznießer von Vereinbarkeit, als da wären, der Finanzminister, die Sozialkassen sowie die Unternehmen, nicht monetär mit rudern, also zur Kasse gebeten werden.

Wer sich nun die Mühe macht, diverse Interessenlagen und Wirklichkeit zusammenbringen zu wollen, muss spätestens ab dem Rechtsanspruch 2013 zugeben, so wird niemals ein Schuh daraus. Im bevorstehenden Jahr 2024 muss ich als Gründerin Wigwams schon beinahe aufpassen, mich im Ton nicht zu vergreifen..

Infolge stellen sich mir folgende Fragen:

Müssen Kindeswohl, Fachkraftzufriedenheit und Vereinbarkeit von Familie & Beruf im Widerspruch stehen?

Kann das Wohl des einen wirklich nur gelingen, auf Kosten des Wohls eines anderen?

Wie ist es insgesamt um die gesellschaftliche Kinderfreundlichkeit bestellt? Wer möchte noch Kinderlärm neben dem Eigenheim erdulden, weil er Wertminderung befürchtet? Welchen Anteil trägt die Gesellschaft selbst am Fachkraftverlust, weil die Bereitschaft sinkt, Qualität zu erhalten, wenn's auch billig geht. Welchen Wertmaßstab, außer Geld, zieht eine Gesellschaft aktuell noch heran, um echte Werte zu schätzen? Bleibt uns an dieser Stelle nicht längst vorrangig das Ehrenamt? Welche Akzeptanz genießt Vereinbarkeit von Familie und Beruf wirklich mit Blick auf die Gleichstellung von Mann und Frau - versus dem heimlichen "deutsche gute Mutter-Bild". Fragen über Fragen, auf die zuweilen die Antwort fehlt, weil schon der Mut, die Frage zu stellen, fehlt.. 

Meine Antwort aus 30 Jahren Erfahrung klänge vielschichtig: 

Wir müssten zunächst einmal damit aufhören, uns selbst zu betrügen. Wir müssten aufhören zu negieren, wohin wir uns sehenden Auges manövriert haben. Wir müssten eingestehen, dass Quantität in der Regel schnell herzustellen ist; hinter echter Qualität stehen jedoch Menschen mit Bedürfnissen, die sich nicht auf Anordnung installieren, verankern lassen. Auch hehre Begrifflichkeiten wie "Gute-Kita-Gedönse" täuschen niemanden mehr. Alle wissen, dass Multiprofessionelle Teams nicht geschaffen werden, um einen "Mehr-Wert" zu erreichen, sondern einzig deswegen, weil aus Verzweiflung situationsbedingt wider aller zuvor mühsam geschaffenen Bildungsauflagen jetzt doch wieder jeder ran darf an unsere Allerkleinsten. 

Wie irre kann es noch werden? 

Masse wird dem Wesen nach niemals im Stande sein, Klasse zu erhalten. 

Massenveranstaltungen vermitteln zuweilen die Hoffnung, viele Fliegen mit einer Klappe fangen zu können. In der Betreuungslandschaft jedoch hat die Abkehr von Klasse dazu geführt, dass neue Probleme "massenhaft" in noch größerer Komplexität entstanden sind. Das fatale Versäumnis von gestern, bedingt das neue Problem von morgen.   

Verantwortliche müssten den Mut aufbringen, Massen- und Kassensturz in der frühkindlichen Betreuungslandschaft zu vollziehen. Leider fehlt politisch Verantwortlichen und zuweilen auch hilfreich Forschenden der echte Bezug zum realen Leben! 

Das kann man ändern.  

Am Anfang steht immer die Vision. Und ja, der Weg kann lang sein.  

Ein Blick in die Deutsche Historie bleibt uns nie erspart.

Nur wer genau weiß, wo er herkommt, und wo er hinwill, kann seine Segel für alle Mitreisenden ausrichten. (Kern-Zitat Seneca). Es bedarf zuweilen einer gesamtgesellschaftlich transparenten, ehrlichen (Rück)schau und Mut, will man zukünftig an besseren Orten anlanden. 

Wem jetzt zum Gähnen zumute ist, dem seien folgende, zwar themenfremde, aber veranschaulichende Vergleiche ans Herz gelegt:

Vor Jahrzehnten fiel die Mauer zwischen Ost und West. Welche Wege noch vor uns und kommenden Generationen liegen, um seinerzeit getrennte Welten nicht nur haptisch, sondern auch auf anderen Ebenen zu vereinen, zeigt uns die Lebensrealität.   

Wer sich mit dem Holocaust auseinandersetzt, spürt, wie vieler Generationen es bedurfte, bis Schuld ausgesprochen und anerkannt wurde. Wie vieler Generationen es zukünftig noch bedarf, die zwar keine persönliche Schuld mehr trägt, dafür das Land mit Verantwortung aufgrund von Vergangenem in die Zukunft führt, können wir uns vorstellen.

Wer sich in Deutschland verzweifelt fragt, warum sexualisierte Gewalt an Kindern in Kirchen und Institutionen nicht zur Chefsache wird, und wie es sein kann, dass wir bei Zusammenbrüchen von Finanzsystemen und Banken, Akten und Computer ad hock beschlagnahmen, es aber bei Missbrauchsfällen von Kindern, die selbstredend unsere Zukunft sind, noch immer zulassen, dass unabhängige Justiz zuweilen außen vor bleibt, statt dessen der Institution Kirche, einem Staat im Staate, erlauben, ihre eigenen Verbrechen aufklären zu wollen, und/oder zusehen, wie unabhängigen Experten nur geschwärzte Dokumente zur Bewertung übergeben werden, der kann entweder verzweifeln und sich von der Gesellschaft abwenden, oder aber etwas beitragen, um die Zustände zu ändern. Dafür braucht es Zeit, den Blick in die Historie sowie die Bereitschaft zur Aufarbeitung, Reflektion, und Übernahme von Verantwortung.

Aufarbeitung, Verzeihung von Verfehlungen der Vergangenheit, nebst Neuausrichtung ist immer nur dann glaubhaft möglich, wenn in der Gegenwart Veränderungen sichtbar gelebt werden. Am besten fängt man an mit dem Kehren vor der eigenen kleinen Haustüre. Veränderungen kommen immer von unten. Nicht wirklich von oben. 

Auch Fachkräften bleibt Veränderung / Aufarbeitung nicht erspart

Die glaubhafte Motivation sich der Fürsorge von Kindern zu widmen, sollte die Berufswahl im Kindergarten, vormals ab dem 3. Vollendeten Lebensjahr, schon bei der Ausbildung einmal bestimmt haben. Mit den Jahren wurde das ursprüngliche Ansinnen, Kinder in einem „Garten für Kinder“ an eine größere soziale Gemeinschaft spielerisch heranzuführen, abgelöst vom Gedanken, einen frühkindlichen Bildungsort daraus werden zu lassen. Je weiter das Alter der Kinder hin zum U3-Bereich abgesenkt wurde, umso stärker wurde das Ansinnen Bildung jedoch zur Farce, denn 1-Jährige, die ein Bedürfnis-Bündel sind, benötigen einen Schutzraum, tiefe Bindung und fürsorgliche mentale und körperliche Pflege. Sie benötigen keine explizite Bildung. Und wenn, findet sie auf spielerische natürliche Weise im sozialen Kontakt und unter Anleitung einer kompetenten Bezugsperson statt. Und insbesondere die pflegerische Komponente des Wickelns hat Kita-Fachkräfte "kalt" erwischt und wurde von familienpolitischer Seite mal eben so draufgesattelt. Im Kinderkrankenpflegebereich ist Pflege Teil des Berufsbildes. Bei Kita-Fachkräften wirkten sich die neuen Wickelaufgaben, gepaart mit dem höherwertigen "Bildungsauftrag" als subjektiv empfundene herabwürdigende Bürde aus.           

Wer unsere Allerkleinsten demnach heutzutage qualitativ hochwertig betreut und pflegt, muss weit mehr Voraussetzungen mitbringen/erfüllen, als Ausbildung und ein lupenreines polizeiliches Führungszeugnis. Es bedarf der Empathie, der inneren Reife, der Persönlichkeitsbildung und der Bereitschaft zur Weiterentwicklung und vor allen Dingen der Selbstreflexion. Weiterhin setzt man eine Grundmotivation und Haltung voraus, die dem gesamten Aufgabenbereich des neuen Berufsbildes entspricht. Sowohl die gesellschaftliche Anerkennung, als auch das Salär im Geldbeutel tragen all diesen Entwicklungen in keiner Weise Rechnung.  

Die Folge: 

Der Berufsstand wehrt sich. Mit Recht. Mit seinen bescheidenen Mitteln. Dies tut er einseitig. 

Jedoch gegen den Partner Eltern.  

Die Träger und politisch Verantwortlichen reagieren aufgrund des Fachkraftmangels schnell - mit Kürzung der Öffnungszeiten - sogenannten multiprofessionellen Teams, was nichts weiter bedeutet, als Absenkung der Standards u.v.m. 

Jedoch gegen den Partner Eltern und Unternehmen.  

Das alles geschieht auf Kosten der "sogenannten" Elternpartnerschaften, die es ohnehin in der Institution nie gab, und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Wirtschaftsunternehmen, die ihrerseits im Strudel der Gesamtereignisse mit guter Vereinbarkeit ihre Fachkräfte anwerben müssen. 

Genau genommen sägen alle an den Ästen aller

Ist das nicht ver-rückt?

Dieses Gebaren kann man sich durchaus auch heute schon in anders gelagerten Konstellationen vorstellen. 

Stellen wir uns geburtenstarke Jahrgänge in der Zukunft vor. Infolge kein Mangel mehr an Fachkräften. Wie wäre es dann um das Wohl der Allerkleinsten, der Fachkräfte, Eltern und Firmen bestellt? Auch dieses Szenario hat Wigwam in 3 Jahrzehnten erlebt und durchlebt; es hat andere Verlierer hervor gebracht, weil es keinen politischen Anreiz gab, sich heute um das Wohlergehen derer zu scheren, die erst morgen zum Bruttosozialprodukt beitragen - die Kinder. 

Bestandsaufnahme nach 30 Jahren Wigwam 1994

! Lagerbildung macht krank ! 

Erst vor wenigen Jahren erhielt ich eine Bewerbung einer wundervollen Pädagogin, vormals weisungsgebunden in der Kita tätig, die Ihre Bewerbung mit folgenden Worten untermauerte:  

Ich habe die Kita verlassen, weil ich das "Wir gegen die-Gefühl" nicht mehr ertrug.

Reicht das, um in der Kindertagespflege infolge erfolgreich zu sein? Nein. Ihr Entschluss, die Institution zu verlassen, ging mit der klaren Bereitschaft einher, sich mit Lust, Kraft und neuer Motivation auf einen völlig anders gelagerten Berufsstand einzulassen / sich einzuarbeiten. Das hat sie getan. Sie ist der eine Baustein, der Verantwortung vor der eigenen Tür übernommen hat, und der Hoffnung auf eine bindungsgerechte, betreuungswerte Zukunft macht. 

Kann man ein solch' schönes individuelles Bsp. auf große politische Zusammenhänge übertragen?

Ja, das denke ich schon sehr lange. 

Politisches Handeln ist im Grunde nichts weiter als das große Abbild der kleinsten Zelle unserer Gesellschaft:

Die Familie. 

Woher kommt der offene oder subtile Hass von Fachkräften auf Eltern, obwohl sie im selben Boot sitzen?

Auch diesen erlebe ich seit 30 Jahren auf die eine oder andere Weise. Er entsteht zuweilen aus einem Mix von Rahmenbedingungen und der daraus resultierenden Überforderung und Ohnmacht, gepaart mit dem Unwillen oder der persönlichen Unfähigkeit sich in die Lebenssituation verschiedener Eltern empathisch einfühlen zu können oder zu wollen. 

Unten wie oben. Oben wie unten. 

Aber es gibt auch historische Gründe, die in unserer scheinbar so aufgeklärten und modernen Welt noch immer ihre Spuren hinterlassen.

Ein banales Bsp. in Sachen ver-kehrtes Berufsverständnis Kindertagespflege: 

Ich habe in 3 Jahrzehnten viele Tagesmütter kennengelernt, die sich selbstredend nur deswegen im Wigwam bewerben wollten, weil sie ihre eigenen Kinder niemals in „fremde Hände“ geben würden. Für mich von der ersten Sekunde das Ausschlusskriterium number 1. Wie kann man sich glaubhaft in einem Bereich engagieren wollen, wenn man das Lebensmodell seines "Partners" berufstätige Eltern, ablehnt, an dem man zeitgleich verdienen will. Eine solche Startkonstellation birgt das Scheitern einer Elternpartnerschaft aus vielerlei Gründen in sich. Eine solche Haltung kann man sich ggf. leisten, wenn man ein Produkt verkauft. Für den Dienst am Menschen ist eine solche Grundhaltung immer problematisch. 

Die zusätzliche Spaltung innerhalb der Gesellschaft bietet leider noch immer das zähe „deutsche Mutterbild“.

Dilemma für Eltern

Wir geben uns im Außen modern und aufgeklärt. Das Bild der deutschen Rabenmutter möchte der Vergangenheit angehören. Aber ist das wirklich so? Schaue ich mich in der Betreuungslandschaft um, und höre ich in vertraulichen Vereinbarkeitsberatungen, was Eltern wirklich denken und ausdrücken möchten, entdecke ich noch immer vorrangig 2 Lager - oder stellvertretend die Angst davor -  und selten einen versöhnlichen Grauton dazwischen. Da gibt es jene, die eine echte Bindung zum Kind nur für möglich halten, wenn Vater oder Mutter die schützende Hand über das Kind halten und „fremde Hände“ per se für lange Zeit außen vor bleiben. Und dann gibt es das andere Lager, das sich emanzipiert auf die Errungenschaften von moderner Vereinbarkeit beruft, in der Frau und Mann sich gleichermaßen früh beruflich verwirklichen möchten. Sie kennen ihr von Amtswegen verbrieftes Recht und setzen ihren Anspruch auch durch. Noch immer stehen sich beide Lager unversöhnlich gegenüber. Hieraus resultiert seit nunmehr 30 Jahren der wiederkehrende Beratungsinhalt im Gespräch mit (werdenden) Eltern, wie man mit (s)einem schlechten Gewissen dem Kind gegenüber umgeht.

Ein Blick in die Historie kann auch hier hilfreich sein.

Denn zu wissen, wo eine Gesellschaft noch vor wenigen Generationen stand, kann helfen, besser zu beurteilen, wo sie heutzutage steht. Dabei ist es gar nicht notwendig bis in die Jahre des 2. Weltkrieges und den Zeiten des „Mutterkreuzes“ zurückzublicken. Es ist noch gar nicht so lange her, dass der Chef beim Einstellungsgespräch vom „Handicap Kind“ sprach. Auch Feministinnen wie Alice Schwarzer, die Frauen und Mütter dazu anhielt, sich vom Patriarchat zu befreien, haben uns ebenso beeinflusst, wie eine Eva Herrmann, die uns vor wenigen Jahren noch mahnte, Frauen sollten doch endlich zugeben, dass sie mit Eva- und Adamskostüm zeitgleich zu dick angezogen seien. Dazwischen schnürte uns Familienpolitik ein Korsett aus politischen Anreizen und Reglementierungen, damit die Frauen einerseits wieder Kinder bekommen möchten und gleichzeitig den Weg der Verwirklichung gehen können. Und wir lauschten aufmerksam Statistikern, klugen Experten und anderen Persönlichkeiten, die dazwischen besorgt feststellten, (*Zitat Frank Schirrmacher) der Ausbildungsgrad einer Frau sei eine feste Größe für Kinderlosigkeit und die Verschiebung stabiler Partnerschaften. 

Nicht zu vergessen die seit Jahrzehnten anhaltende Dauerberieselung von Erziehungsratgebern, die Eltern darlegen, was sie wann richtig und was sie warum falsch machen. Ich wundere mich keinen Tag mehr darüber, dass eine gesunde elterliche Intuition, das sogenannte Bauchgefühl, vollends verstummt ist.  

Ich erinnere an den "Stern", der es vor vielen Jahren wie folgt zusammen fasste

Es gibt sie einfach nicht die "gute Mutter". Keine Chance in Deutschen Landen, den „richtigen Weg“, heißt, gesellschaftlich anerkannt, gewählt zu haben. 

Frauen, die keine Kinder haben sind karrieregeil

Frauen, die für Kinder zu Hause bleiben sind faul oder rückständig

Frauen, die trotz Kindern arbeiten, sind Rabenmütter

Frauen, die nur 1 Kind haben, sind selbstsüchtig

Frauen, die mehr als drei Kinder haben sind asozial

Frauen, die ihre Kinder früh abgeben, sind verantwortungslos

Frauen, die ihre Kinder stets selbst betreuen möchten, sind Glucken

In der heutigen Zeit gesellen sich die SUV-Helikopter-Eltern hinzu, die ihrem Nachwuchs den Hintern nachtragen. Und nicht zu vergessen, jene welche, die im Familienbett Platz für alle geschaffen haben. 

Ich sehe bis heute nicht wirklich einen gesellschaftlichen Raum für das Anders Sein. Das alles und noch viel mehr spiegelt sich selbstverständlich dort wieder, wo Kinder in Obhut sind. 

Und dann hat uns die Globalisierung ereilt.

Die Kleinfamilie von heute hat keinen familiären Anschluss mehr. Sie arbeitet global und überall, zum Preis der Isolation und Einsamkeit. Zuweilen pendeln sie zwischen Hamburg und München. Nicht umsetzbar ohne helfende Betreuungshände dazu zu holen, oder aber das Aus fürs Kinderkriegen zu beschließen.

Unsere Welt ist hektisch, komplex, vielfältig und lässt zuweilen Halt und Orientierung vermissen. Wir brauchen aber beides. 

Was können nun meine geneigten Leserinnen und Leser aus diesem Blog-Beitrag mitnehmen?

Hat Wigwam die perfekte Lösung parat bei aller Kritik?

Nein. 

Diesen Anspruch kann auch unsere kleine Gemeinschaft keinesfalls erheben. Auch wir machen Fehler, müssen uns an gesetzliche Vorgaben unseres Berufsstandes halten. Tragen Verantwortung für eine gute Beratung von (werdenden) Eltern. Müssen anerkennen, dass auch wir nicht immer mit guten Fachkräften mit passender Motivation gesegnet waren. Manche, die wir aufnahmen, gingen davon aus, sie könnten die Kita 1 zu 1 in unser Wigwam hineintragen..

Aber eines dürfen wir konstatieren. Wir kehren vor der eigenen Tür!

Wir sind bemüht, den einzig noch verbliebenen familiär orientierten Berufsstand „Kindertagespflege“ in seiner Grundphilosophie zu erhalten und nur dergestalt weiter zu entwickeln, dass er einerseits, professioneller an den Start geht, und andererseits sein Alleinstellungsmerkmal nicht verliert.

„Familien finden Familien“. Er ist der einzig noch verbliebene Berufsstand überhaupt, der immer komplexer werdenden Ansprüchen und neuen Bedürfnislagen begegnen kann; Menschen zusammenführt. 

Er kann Eltern eine erweiterte Familie bieten, die im Alltag nicht mehr greifbar ist. Er kann Fachkräften ermöglichen, ihre Motivation und Fähigkeiten wertschätzend auszuleben. Und er kann Kindeswohl unserer Allerkleinsten sicherstellen, weil die Fachkraft zugewandt bleiben kann, wenn die Gruppengröße Geschwister ähnlich und beschaulich bleibt. 

Hinzu kommt, dass dieser Berufsstand in der heutigen Zeit rechtskonform agieren sollte. Er ist auf der einen Seite dem SGB VIII sowie dem BGB als Selbständiger verpflichtet. Mit Bedauern nehme ich zur Kenntnis, dass auch die unternehmerische Flanke zunehmend leidet und von TPPs nicht wirklich umgesetzt, zuweilen auch nicht verstanden wird. Aber hier leistet Wigwam tatkräftig Unterstützung. 

Ich wünsche mir von ganzem Herzen, 

dass unser Berufsstand keine fortgesetzte Entfremdung zulässt, sondern eine Professionalisierung bei gleichzeitiger Erhaltung des Alleinstellungsmerkmals vorantreibt. 

Möglich ist bis dato die Großtagespflege, das Anmieten fremder Räume. Der Berufsstand schickt sich an, der Kita ähnlich werden zu wollen, weil er glaubt, an höhere Wertschätzung heran zu reichen. Erste Tagesmütter und -väter konstatieren schon jetzt öffentlich, nicht mehr so genannt werden zu wollen. Sie bevorzugen es, „Kindertagespflegeperson“ genannt zu werden. Tagesmütter und -väter gehen in Räume von Firmen hinein, zu Eltern als (Kinderfrau) nach Hause u.v.m.

Ich schließe mit dem Wunsch an alle Tagesmütter und -väter

Versucht nicht gesellschaftliche Wertschätzung zu erreichen durch Angleichung an andere Betreuungsformen. Stärkt und pflegt vielmehr Euer letztes Alleinstellungsmerkmal.

Auch Erzieherinnen und Erzieher haben nie an Wertschätzung gewonnen, wenn sie auf Lehrerinnen und Lehrer zeigten.

Seid vielmehr authentisch, motiviert und hochprofessionell, in allem was Ihr tut. Dann fliegt Eure frühkindliche Botschaft leicht wie eine Feder hinaus in die sonst so leidgeprüfte Betreuungslandschaft. 

Der Erfolg der Kindertagespflege als Betreuungsform Nr. 1 liegt nicht im Außen. Er liegt vor Eurer Haustür. Er kommt aus Euch - durch Euch - mit Euch! 

Es grüßt herzlich 

Susanne Rowley 

Wigwam 1994
Anerkannte Bildungseinrichtung
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