Montag, 9. Juni 2014

Autor: Susanne Rowley

Wie kommt die Bildung zum Kind?

Keine Bildung ohne Bindung.

Heute möchte ich Ihnen einen Gastbeitrag vorstellen, geschrieben von Andrea Bleichert, Dipl. Sozialpädagogin und Marte Meo Trainerin, Referentin in der Kindertagespflege

Ein geradezu flammendes Plädoyer für unsere Allerkleinsten, die aus ihrer Sicht vorrangig dem Bildungswahn ausgesetzt sind, ohne zuvor die alles entscheidende Bindung erfahren zu haben. Und sie ruft uns allen zu: 

Keine Bildung ohne Bindung

Zitat Andrea Bleichert:

Wie kommt die Bildung zum Kind?

„ICH“ sagt die Kleine das erste Mal, mit Nachdruck –

und alle um sie herum wissen, da ist etwas Bedeutsames passiert!

Das Kind bringt zum Ausdruck, laut und deutlich, dass es um seinen eigenen Willen weiß, dass es den Unterschied zwischen Mama/Papa und sich selbst deutlich wahrnimmt, dass es willens ist, eigene Entscheidungen zu treffen und sein Bedürfnis nach Autonomie und Freiheit, auch zu vertreten weiß – allein mit diesem Wort „ich“.

Das Kind ist sich seiner Fähigkeiten, ja seiner selbst bewusst und grenzt sich von den anderen, von den anderen Entscheidungen deutlich ab. Das ist sein gutes Recht, ob es uns passt oder nicht.

Eine tolle Leistung!

Eine Leistung, deren Anfang mit der Geburt, den ersten beziehungsvollen Augenblicken in dieser Welt beginnt und sich dann Tag für Tag entwickelt. Was braucht das Kind dafür? Jemanden, der ihm sagt, wie es funktioniert? Haben Sie schon mal eine Mutter gesehen, die ihrem gesunden Kind sagt, wie es saugen muss? Nein, es braucht nicht viel. Fragen wir das Kind …. „Um zu einem selbstbewussten, glücklichen, zufriedenen und kreativen Menschen zu werden, brauche ich vor allem Menschen, die mich halten, die mir Nähe, Wärme, Liebe, Vertrauen und Nahrung geben. Die meine Bedürfnisse wahrnehmen, die mich mit liebevollen Blicken, Worten und Gesten berühren, schützen und unterstützen. Die für mich da sind oder Sorge dafür tragen, dass andere liebevolle Menschen bei mir sind, um mich zu behüten, meine Bedürfnisse zu erfüllen.“

Das Kind erlebt sich als Einheit mit seiner Bindungsperson

und fühlt sich sicher und geborgen. Von diesem sicheren Hafen aus, ist es dem Kind dann auch möglich, sich selbst aufzumachen, um zuerst mit neugierigen Blicken, dann mit Gesten und Bewegungen, die Menschen und den Raum, die Welt um sich herum zu entdecken. Die Neugierde, das Spiel, die Bewegung sind der Motor dieses kreativen Vorganges des Erlebens, des Bildens.

Und umgekehrt:

ohne den sicheren Hafen, ohne Bindungsperson, wird das Kind nicht oder nur eingeschränkt in die Lage versetzt, seine Umwelt zu erkunden, sich zu bilden. Wir Erwachsene geben den Kindern also lediglich die Sicherheit und das Vertrauen, als sicherer Hafen, in dem das Schiff bei Sturm und hohen Seegang jederzeit wieder einlaufen kann und schaffen ihnen die Möglichkeiten, diese neue Welt zu erkunden, diese neuen Erfahrungen auch zu machen, Grenzen kennenzulernen und herauszufinden, wie etwas funktioniert. Jeden Tag aufs Neue. Eine Brutstätte für Kreativität, ohne die wir wahrscheinlich immer noch als Jäger und Sammler durch die Welt ziehen würden.

Zu einfach?

Oh nein. Leider verdammt schwer. Es braucht schon sehr erfahrene und selbstbewusste Menschen in Zeiten des Bildungswahns, die erkennen, dass ihr natürlicher Umgang mit dem Kind, das Wahrnehmen der Bedürfnisse und die vertrauensvolle Beziehung zum Kind wichtiger ist, als das Erlernen von Babyzeichensprache, Englisch für Babys, chinesisch Klöppeln für hochbegabte Kleinkinder….!

Eine Tagesmutter fragt,

„da werden wir 160 Stunden qualifiziert und dann sollen wir doch nur auf unsere Intuition hören....!?“ Ich denke, genau das wird das Schwierige sein, Eltern und pädagogisch Tätigen beizubringen, auf ihre Intuition zu hören. Ich sehe in der täglichen Praxis, dass zwar enorm viel Wissen über die Entwicklung von Kindern da ist, aber diese Entwicklung oft nur mit der „defizitären Brille“ betrachtet wird, was das Kind alles nicht kann. Habe ich aber keine gute Beziehung zum Kind, dann wird mir das Kind auch schwerlich seine Fähigkeiten, seine Ressourcen zeigen.

Und wer sagt denn, dass jedes Kind alles können muss? Ein Eichhörnchen muss Klettern und Springen können, Schwimmen muss es nicht können. Versuche ich dem Tierchen nun das Schwimmen beizubringen, wird es höchstwahrscheinlich zu Lasten des Kletterns und Springens gehen. Das Schöne ist, unsere Kinder wollen alles lernen und erfahren, wir müssen ihnen nur die Möglichkeiten bieten, die (Bildungs-)Räume zur Verfügung stellen, zu Hause, in der Gruppe, auf dem Spielplatz, in der Natur u.ä.. Und wir müssen da sein und wahrnehmen, wo das Interesse des Kindes gerade liegt, wo es sich gerade selbst bildet, dieses unterstützen, in dem wir wieder gezielt Materialien und Räume zur Verfügung stellen.

Eine Mutter fragt mich letzte Woche:

„Mein vierjähriger Sohn baut zu Hause und in der KiTa nur mit Bauklötzen, er soll aber auch malen, um sich feinmotorisch zu verbessern.“ Ich habe die Mutter beruhigt, dass die feinmotorische Entwicklung nicht alleine durchs Malen kommen wird, aber das es toll ist, dass ihr Sohn so viel Energie, Leidenschaft, Kreativität und Konzentration in das Bauen von Türmen steckt. Hier lernt er neben dem Stapeln von Klötzen auch viel über Größe, Formen und Statik. Irgendwann wird er genug Türme gebaut haben und dann vielleicht mit etwas anderen anfangen, vielleicht malt er ja dann Bilder von großen Türmen …..

Ich erlebe Eltern oft als verunsichert,

alles richtig zu machen. Sie vertrauen Büchern und Entwicklungstabellen mehr als der natürlichen Entwicklung ihres Kindes. Hier braucht es Menschen die Eltern begleiten, die ihnen Mut machen, sich Zeit für ihr Kind zu nehmen, ihr Kind mit allen Fähigkeiten wahrzunehmen, sich daran zu erfreuen und darauf zu vertrauen. Diese Menschen müssen über eine gesunde Intuition im Umgang mit Menschen, mit Kindern verfügen, aber auch über Erkenntnisse der modernen Bindungs-, Entwicklungs- und Bildungstheorie. Und diese Menschen müssen Kinder und Eltern in ihrem (manchmal auch anstrengenden) Tun wertschätzen.

Mir geht es nicht um weitere Professionalisierung

im pädagogischen Bereich, mir geht es um pädagogisch Tätige, die bereit sind, sich auf die Menschen, mit denen sie arbeiten einzulassen; mit ihnen wertschätzend zu arbeiten. Dazu braucht es ein grundlegendes pädagogisches Wissen, aber eben auch eine sehr gute Intuition und Einfühlungsvermögen. Gleichzeitig müssen diese pädagogisch Tätigen selbst die Möglichkeit haben, ihr Handeln regelmäßig zu reflektieren. In Praxisbegleitungen, Teambesprechungen und Supervisionen. Dafür ist dann auch eine Bildungsdokumentation auf Grundlage eines wertschätzenden Beobachtens des einzelnen Kindes sinnvoll.

Zurück zu den grundlegenden Erkenntnissen

über das gesunde Aufwachsen von Säuglingen und Kleinkindern, die leider heutzutage in der Praxis vorwiegend nur theoretisch beachtet werden. Der Ausgangspunkt, quasi das 1.Gebot in der frühkindlichen Bildungsarbeit lautet:

KEINE BILDUNG OHNE BINDUNG!

Leider wird in den meisten Betreuungsangeboten und Bildungsangeboten und auch in den politischen Diskussionen genau diese wichtige Voraussetzung, die Bindung, völlig außen vor gelassen. KiTa-Gruppen und Krippen sind viel zu groß. Zu wenig Personal, das oft mit anderen Dingen beschäftigt sein muss, als mit der beziehungsvollen Arbeit mit dem einzelnen Kind.

Dafür bleibt keine Zeit, denn das Curriculum sagt uns,

was wir wann in welchem Alter können müssen, wo wir also konkret was zu fördern haben,  weil angeblich nicht vorhanden!

Individuelle Ressourcen! Schatzsuche? Blödsinn! Gewäsch von Pädagogen, die noch nie in einer Einrichtung waren, die einen Bildungsauftrag zu erfüllen hat!

Wir sparen uns ja nur das kleine „K“ und arbeiten nach dem Gebot:

EINE BILDUNG OHNE BINDUNG!

und lassen die Kinder, die da nicht mitkommen, hinten runter fallen. Um diese können sich dann spezialisierte Fachkräfte kümmern. Und unzählige Evaluationen und Förderprogramme und Dokumentationsmappen bestätigen dieses Vorgehen ja schließlich! Und kostengünstig ist es auch. Wir brauchen schließlich nicht so viel teures pädagogisches Personal. Wo um alles in der Welt sollen wir das denn auch herholen, das Personal und das Geld? Ha, so funktioniert Bildung schließlich seit Jahren! Und die Bindung, der sichere Hafen, der für Kinder nötig ist, damit sie überhaupt die Welt, die anderen Menschen und vor allem sich selbst und ihre Fähigkeiten entdecken und entwickeln können, was ist damit?

Sind verunsicherte Eltern,

voll mit Stoff von Erziehungsleitfäden und theoretischem Wissen erworben in unzähligen Kursen, um ja nichts falsch zu machen, wirklich das Beste für ihr Kind?

Sind überlastete ErzieherInnen,

die mehr Zeit mit der Ausarbeitung und Beantragung von Förderprogrammen und deren Dokumentation verbringen, gute Bezugspersonen für Kleinkinder?

Sind Tagespflegepersonen,

die permanent um berufliche Anerkennung ringen müssen, deren berufliche (und private) Existenz von frühzeitigen Kündigungen oder Nichtbesetzung eines Betreuungsplatzes abhängen, die kaum pädagogische Begleitung und fachliche Beratung erhalten, wirklich in der Lage diese wunderbare familienergänzende Betreuung in einer kleinen überschaubaren Gruppe zu gewährleisten?

Ich will weder

diese wunderbaren Eltern, die nur das Beste für ihr Kind wollen, noch die ErzieherInnen, die irgendwie versuchen, bei aller Belastung, die Beziehung zum einzelnen Kind doch irgendwie positiv zu gestalten, noch die engagierten Tagespflegepersonen, die mit großem Einsatz und viel Liebe zum Kind versuchen, für diese tolle Betreuungsform für Kleinkinder endlich die nötige Wertschätzung zu bekommen, an den Pranger stellen.

Nein beileibe nicht. Ich will (nicht: möchte), dass unsere Politik, unsere Gesellschaft endlich zuhört, wie Bildung funktioniert, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit Bildung überhaupt funktionieren kann und dementsprechend die Rahmenbedingungen für Familien mit Kindern (Elternzeitmodelle, Elterngeld, Unterstützungsangebote in den Frühen Hilfen ...), für frühkindliche Betreuungsformen (KiTa, Krippe und Tagespflege), für Schaffung von Kinder-Räumen in der Kommune (Betreuungsräume, Spielplatz, Wiesen und Wälder zum Toben...) überdenkt und vor allem personell und finanziell besser ausstattet und ausbaut. Damit jedes Kind die Chance bekommt, sich zu einem starken, selbstbewussten und kreativen Menschen zu entwickeln, der wertschätzend mit sich selbst, mit seinen Mitmenschen und mit seiner Umwelt umgehen kann.

Hier liegt unsere Chance als Gesellschaft

und hier entscheidet sich unsere Zukunft!

Doch schließt sich hier meine nächste Frage an:

Will Politik, will unsere Gesellschaft überhaupt kreative Menschen, die sich ihres eigenen “Ichs“, ihrer eigenen Fähigkeiten bewusst sind? <<

Zitat Ende

* Andrea Bleichert Dipl.Sozialpädagogin Frühe Hilfen Marte Meo colleague trainer Referentin Kindertagespflege

Herzliche Grüße und mit Dank an Andrea Bleichert

Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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