Wigwam Blog

Samstag, 15. November 2014

Autor: Susanne Rowley

Wenn Wissenschaft Eltern schafft - schaffen Eltern Kinder

Die Wissenschaft hat fest-gestellt!


Wenn Wissenschaft Eltern schafft - schaffen Eltern Kinder - gemeinsam schaffen sie sich ab.

www.focus.de/familie/erziehung/schwerpunkt-fit-sein-fuer-die-weltwirtschaft-ein-erziehungsziel-mit-tuecken_id_4270819.html

Viel – Früh – Intensiv – Kognitiv!

Liebe Wigwam-Freunde,

Au weia - ich weiß, schon wieder so ein Artikel, bei dem schon die Überschrift ermüdet. Sie lesen sich allesamt wie Peitschen, deren Schläge man auf sich hernieder regnen lässt, und am Ende so schlau ist wie zuvor.

Aber nein – so manche Vorwurfsarie regt auch dazu an, zu schauen, woher ihr Inhalt eigentlich kommt; und bei diesem Artikel kann man es besonders gut ab-lesen. „Erziehungswerte sind immer Ausdruck des allgemeinen Lebensgefühls“, wird in diesem Artikel erläutert. Oder – das hier: „Das gesellschaftliche Klima findet sich in den Köpfen der einzelnen Menschen wieder.“

Ziemlich nah dran, aber noch nicht ganz.

Und: "Derzeit sei es von ökonomischen Imperativen bestimmt: Leistung, Anstrengung, Selbstdisziplin." Ja!

Aber warum?

Warum können Eltern scheinbar immer weniger selbständig denken und fühlen - und infolge eigenverantwortlich handeln und entscheiden. Nicht schlimm? Weil sie können es ja nach-lesen? Sehr schlimm, denn die Kinder erleben ihre Eltern praktisch un-sicher.

Und wenn ich die Vorwurfskette in o.g. Artikel weiter hinunterscrolle kommen die richtig scharfen Sachen, nämlich die, dass hinter allem und jedem eine ökonomische Berechnung steht. Da ist also eine Macht, die lenkt, und der wir blind zu folgen scheinen. Da steht:: „Wir leben in einer Zeit der Effizienzagenturen, des Controllings, der maximalen Ausschöpfung von Ressourcen.“ Das Ziel „Optimierung“ sei allgegenwärtig, selbst in der Freizeit, Fortbildungen, Paartraining, Auslandsreisen, Sport, Diäten, das ganze Leben sei auf Selbstoptimierung ausgerichtet.

Und das hier lesen wir bei den Kindern: „Momentan gibt es einen regelrechten Frühförderwahn“, Was als jeweils beste Erziehung erscheine, habe wenig damit zu tun, wie Kinder sind“.

Warum mich diese Artikel zusehends müde machen, obwohl sie auf-rütteln sollen und auch einen wahren Kern enthalten, ist nicht die Tatsache, dass sie alle gleich klingen, auch nicht der Umstand, dass alle Jammern und keiner tut was, selbst das Wissen darum, dass jedem Trend wie von Geisterhand ein Gegentrend folgt, nervt mich nur manchmal. Es ist die großflächige Langzeit-Folgewirkung, die auf mich geradezu wie eine Lähmung wirkt. Sowohl Eltern als auch Betreuende kommen mir zeitweise vor wie Stimmvieh! Sie haben eine Stimme, aber sie nutzen sie nicht. Sie haben ein Unwohlsein, sehen sogar die Wand, auf die sie zufahren, und geben Gas. Sie fahren unglücklich im Kreisverkehr, nehmen eine Abfahrt, die nicht weiter führt - fahren erneut hinein und biegen ab, wo sie schon immer eingebogen sind.

Ich habe dieses Thema bei unseren Wigwam-Eltern thematisiert - erst stumm und beobachtend – ich gebe zu, auch „Fallen stellend“; aber natürlich auch im offenen Gespräch. Wahrgenommen habe ich ganz deutlich eine Mischung aus mehreren Komponenten. Die eine ist die "eigene Erziehung“ - der ggf. noch keine ausreichende erwachsene Findungs- und Aufarbeitungsphase folgen konnte - z.B. weil man sehr jung Eltern wurde, und es kommt zu diesem unreifen Mix die Flut von Informationen hinzu, denen Eltern täglich medial ausgesetzt sind. Ich möchte gar nicht so stark ins Detail gehen – nur soviel: Es sind Verknüpfungen, die früh gelegt wurden und heutzutage zusammentreffen mit einem medial öffentlichen „Muss“, das weder Zeit zu erlebter familiärer Selbsterkenntnis läßt, noch bleibt Raum zum schadlosen Selberdenken.

Ein kleines Beispiel sei mir erlaubt. Jedes Elternpaar hat Wünsche für sein Kind – klingt erst mal ganz einfach: ich erfrage diese Wünsche, erfahre sie, und erfülle sie. Nein, so einfach ist das nicht. Denn:

1. Wünsche werden oft nicht formuliert, denn auch das will gelernt sein - sondern stumm erwartet – maximal nebulös signalisiert. Das Gegenüber scheitert mit hoher Wahrscheinlichkeit mangels Information

2. Auf diese Sprachlosigkeit aufsattelnd kommt die stille Prüfung, die auch kein Betreuer bestehen kann, weil er nicht weiß, dass er sich in diesem Modus befindet.

3. Der Genickbruch eines näher werdenden Betreuungsverhältnisses für ein Kind ist dann die bestehende Verknüpfung, die gelernt, nicht modifiziert und zusätzlich noch durch medial an-gelesene Werte verwirrt wurde - wie in solchen Artikeln.

Das erschwert im übrigen auch die zukünftige persönliche Selbsterkenntnis, denn schlaue Wissenschaftler nehmen Eltern das Denken ab! Das Un-heil an solch "global" daher kommenden wissenschaftlichen Erkenntnissen ist, dass sie einerseits die persönliche Erlebniswelt von Familien niemals abbilden können; maximal können sie statistisch erheben und erfassen, weil sie gefragt haben - andererseits verstärkt das fertige "Wissens-Menue" die elterliche Auffassung von "Gut" und "Schlecht". Entspricht dieses Bild nicht dem, was Eltern persönlich ausmacht, lernen Kinder keine "echten Eltern" mit Stärken und Schwächen kennen, die ihnen vorleben, dass ein Leben ge-meistert werden muss, sondern perfekte Abziehbilder, die immer "etwas" ausstrahlen, was nicht zum real gelebten Leben passt.

Hierzu ein ganz banales Beispiel, das sich jedem Leser hier erschließen und gedanklich beliebig erweitert werden kann. Eine Mutter wünscht sich still so etwas wie „ungeteilte Aufmerksamkeit“ für ihr Kind. Das muss nicht heißen, dass keine Spielkameraden da sein dürfen, das kann aber heißen, dass sie in ihrer Vorstellungswelt mit der Anwesenheit mehrere Kinder Unaufmerksamkeit ihrem Kind gegenüber befürchtet. Auch noch nicht so schlimm, denn vom Gegenteil kann sie sich ja in einer Probezeit überzeugen. Das klappt aber nicht ohne Weiteres, wenn sie eine zusätzliche eigene frühkindliche Verknüpfung in ihrem Kopf gebunden trägt – aus welchem eigenen Anlass heraus auch immer – dass ein „fremdes Kind“ niemals so geliebt werden kann wie ein „eigenes“. Um es deutilcher zu machen: Persönlich wünscht sie sich vielleicht eine reife Bezugsperson für ihr Kind – eine qualifizierte Oma als Tagesmutter. Sie würde sie auch sofort wählen, sofern die Chemie und das Konzept stimmt – wäre da nicht der eigene Enkel, den sie auch betreut, der die un-heilige Verknüpfung aktiviert, dass der Enkel der „eigene“ ist – und somit der „fremde“ Enkel hinten herunter fallen muss.

Was hat das mit einem solchen Artikel zu tun.

Aus meiner Sicht ganz viel. Eigene frühkindliche Erfahrungen und die daraus resultierenden Lebenserfahrungen führen im „gesunden Maße“ irgendwann an einen realen aktuellen Punkt, an dem man unheilvoll Altes, schädlich Nachwirkendes erkennt, gegensteuert und es im besten Falle für seine eigenen Kinder in Sinnvolles, Offenes, Ehrliches – auf jeden Fall aber erkennbar in eine Auseinandersetzung mit sich "im Früher" und mit sich "im Heute" in Einklang bringen kann. Ist dieser Prozess noch empfindlich, filigran, nicht abgeschlossen – kurz gesagt im Werden - wirken solche von außen hammerhart, permanent und zielorientiert propagierte Werte, wie wir sie täglich lesen, wie eine Bremse, wie eine Mahnung, wie ein Zwang, wie eine Gehirnwäsche.

Das führt zu noch mehr Unsicherheit und zu noch mehr Griffen zu "fundierten" Artikeln und Außenmeinungen, die scheinbar Sicheres bieten.

Eine Elternschar von unmündig Gebliebenen zieht noch unmündigere Kinder auf, die irgendwann nur noch darauf starren, was die Wissen-schaft ihnen abnehmen wird.

Die „Wissenschaft hat fest-gestellt“,

was gut für mein Kind ist. Was will Eltern mehr?

Schaut man sich dann noch in einer Leistungsgesellschaft um, in der diejenigen, die sich trotzdem einen Umweg gestattet haben, bestraft, oder nicht zwingend auf einen guten Weg zurückfinden – wissen Sie Bescheid – oder?

Das tut mir so unglaublich leid. Denn Kraft gibt – so hab ich es ganz persönlich erfahren – ein Weg, der er-lebt, und ge-gangen wurde – auch wider der allgemeinen Auffassung – von Rückschlägen geprägt - folgend seinem Gefühl, was sich irgendwann gut und richtig anfühlt. Ich bin keine Therapeutin – ich habe das auch nicht erlernt – aber ich habe erlebt, dass in den 90iger Jahren Eltern mit klareren Vorstellungen auf mich zukamen – auch solchen, die mir als Mutter – nicht als Vermittlerin - oft widerstrebten. Heutzutage muss ich Minimum 5 Gänge zurückschrauben und Eltern, sofern möglich, erst helfen, ihre eigenen Wünsche zu erfassen. Sie möchten sich viel lieber anlehnen an das, was ich als 3-fache Mutter erfahren habe. Aber das kann und darf es nicht sein! Meine Wünsche haben mit deren Wünschen herzlich wenig zu tun – und darum ist meine Arbeit, die ich immer noch liebe, so anstrengend geworden.

ch wünsche mir….das, was sie sich hoffentlich beim Lesen auch dachten.

Eure Susanne Rowley

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