Samstag, 17. September 2016

Autor: Susanne Rowley

Wenn einem soviel Vereinbarkeitsschwindel wird beschert..

.. ist das einen Blogbeitrag wert!


Eigentlich wollte ich meine erholten Kräfte nach meiner diesjährigen Sommerpause noch etwas schonen..

Aber das Wort Eigentlich muss man wohl aus dem Wortschatz streichen.

Beginnen möchte ich meinen Beitrag mit einem themenfremden kleinen Schwank :-).

Sie kennen die Story mit dem Facility Manager? Also dem früheren Hausmeister – jetzt aber mit Diplom. Er war auch schon früher ein Experte, weil nur er den Laden in vielen Bereichen am Laufen gehalten hat. Aber wer möchte schon Meister nur des Hauses sein. Heute soll er mehr als das – zumindest wird ihm ein schönerer Anstrich gegeben, damit sein allseits belächeltes Schattendasein ein Ende hat. Unabhängig davon welche wirtschaftliche Bedeutung ihm denn nun genau zukommt, ist der Drang, das Arbeitsfeld genau zu definieren und zu umreißen, groß. Ihn bildungstechnisch in den Bachelor oder auch den Master zu quetschen – das wär’s doch jetzt. Blödsinn meinen Sie? Das gibt es aber schon. Passende Studiengänge heißen z.B. Gebäudemanagement. In den Vorlesungen gibt’s dann neben Mathematik und Physik Wichtiges aus dem Bauwesen, Statik, Recht und Betriebswirtschaft zu hören. Marketing und Personalführung sowie die Sächelchen rund um der Deutschen Lieblingsbegriff: Nachhaltigkeit, werden ebenso gelehrt, wie die Hygiene. Trotz Aufwertung geht dieser Manager aber mit um die 2.500 Brutto nach Hause. Die Wertschätzung endet also ohnehin im Geldbeutel. Und im Übrigen, ist dann keiner mehr da, wenn’s ans Glühbirnen wechseln geht ;-).

Denken Sie jetzt bitte nicht,

die hat was gegen Entwicklung. Nein im Gegenteil. Ich habe nur etwas dagegen, wenn selbige den Sinn einer Sache vernichtet oder nichts weiter ist, als Etikettenschwindel!

Sie ahnen sicher, wo mein Themenschwenk jetzt hingehen soll! Richtig.

Zurzeit fühle ich mich von Artikeln in Sachen Vereinbarkeit und qualifzierter Kinderbetreuung, die davon berichten, dass angeblich bahnbrechend Neues hervorgebracht wurde, nicht nur geflutet, sondern extrem verschaukelt.

Da haben wir zunächst die Berliner Bildungssenatorin, die uns eine schnöde Babysitter Vermittlung als mobile Kita verkaufen möchte.

>>Wenn die Kita zu den Eltern nach Hause kommt <<

Da steht sie die Berliner Bildungssenatorin vor inhaltsschwangeren Schautafeln, die uns verdeutlichen sollen, wie ein so sensationell NEUES Modelprojekt aufgebaut ist.

Ähnlich bahnbrechend kommt jener Artikel da unten daher, in dem uns der von Neuerungen völlig geblendete Journalist lesen lässt: Kinderbetreuung kann auch zu Hause stattfinden. Die Kita im eigenen Spielzimmer. Ist es denn zu fassen, der verpönte weil unqualifizierte Babysitter ist wieder da!

http://www.morgenpost.de/berlin/article208244669/Wenn-die-Kita-zu-den-Eltern-nach-Hause-kommt.html

http://www.berliner-zeitung.de/berlin/-mokis--fuer-berlin-mobile-kita-soll-alleinerziehende-und-schichtarbeiter-entlasten-24745740

Kinderfreundlich ist das neue Qualitätsmerkmal im Crashkurs

>> Ab sofort werden kinderfreundliche Berliner gesucht, die sich einen "Nebenjob" vorstellen können. Denn künftig sollen Kinder von Eltern, die am Wochenende oder im Schichtdienst arbeiten, auch zu Hause betreut werden. Am Mittwoch gab Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) den Startschuss für das Modellprojekt "Mobiler Kinderbetreuungsservice für Eltern mit besonderen Arbeitszeiten" (Mokis). "Durch den neuen Service für Eltern sollen die Betreuungszeiten für Kinder in den Kitas und in den Schulhorten noch flexibler werden", sagte Scheeres. Das sei vor allem für die vielen Alleinerziehenden in der Stadt eine wichtige Voraussetzung, um beispielsweise in der Gastronomie oder im Einzelhandel arbeiten zu können. <<

Jetzt geht’s ans Personal RE-krutieren.

Wer wird das sein? Studenten, Senioren, Hausfrauen, und gerne natürlich auch ganz einfach: der Mensch von nebenan, oder aus dem Bekanntenkreis derer, die da Bedarf anmelden! Das wäre z.B. wieder die eigene Oma, die sich früher in ganz natürlichen Familienzusammehängen zuständig fühlte. So ganz ohne Pseudo-Bildungshype geht’s natürlich auch hier nicht ab, sonst geht der Schwindel nicht als neuartig durch. 24 Stunden Crashkurs müssen schon sein; dabei ein bissel Erste Hilfe, ein polizeiliches Führungszeugnis, damit man sich nichts nachsagen lassen muss, schnell noch ein paar warme Worte zur Gestaltung des Alltags. Könnte lauten: Wie finde ich den Spielplatz? Oder vielleicht: Wo ist der Dosenöffner? Oder was kann ich mit dem Balg machen außer Fernsehen gucken? Und ganz wichtig: „Zusammenarbeit mit den Eltern“ soll auch Thema sein. Fragen wie: Wo liegt der Hausschlüssel wollen ja qualitativ hochwertig abgeklärt sein. Mit 8 fuffzig die Stunde ist der Berliner locker dabei. Sicher achtet man darauf, dass die elterliche Wohnung nicht zum Taubenschlag mutiert - was sich aber schwerlich verhindern lassen wird, denkt man an die Endlichkeit von Semesterferien, die Rentenkürzungsschwelle, die es Senioren nicht erlaubt, ein gewisses Verdienst- und Zeitfenster zu überschreiten, oder das Jobcenter, dass gehalten sein wird, einen arbeitslosen Betreuer in sinnfreie Bewerbungstrainings abzukommandieren.

Schwamm drüber! Die machen das ganz bestimmt „bildungs- und selbstverständlich auch ganz kindgerecht“.

Die Wahrheit ist: Es blieb ihnen nichts anderes übrig. Die 24-Stunden-Kita ist gescheitert. 

Jetzt heißt es back to the roots,

damit der Schichtdienst weiterleben kann. Aber bitte so, dass der Rückfall in bildungswahnfreie Zeiten nicht auffällt. Also wieder hin zur Randzeiten-Oma für die ab dem Jahr 2004 in der Welt von Frau von der Leyen kein Platz mehr war, weil sie nicht ins Bild des frühkindlichen Bildungswahnsinns passte, und zudem kein verlässlicher Faktor mehr für eine freie Wirtschaft war, die junge Paare räumlich hinter sich herziehen ließ.

Da ging es los mit der "un"-sinnigen Pflegeerlaubnis, die da noch heute besagt:

>> Eine Person, die ein Kind oder mehrere Kinder außerhalb des Haushalts des Erziehungsberechtigten während eines Teil des Tages und über 15 Stunden wöchentlich gegen Entgelt länger als 3 Monate betreuen will, bedarf der Erlaubnis. <<

Wie gut, dass da "außerhalb des Haushaltes" steht. Schwein gehabt!

Schon damals lief ich dauerkopfschüttelnd durch mein Büro, denn übersetzt heißt diese Auflage: Dass innerhalb der elterlichen Wohnung alles geht. Unter 15 Stunden ist Kindeswohl wohl nie gefährdet. Bis zu 3 Monaten ebenfalls nicht. Und unentgeltlich kann ich ohnehin machen was ich will.

Wohin die Auflagen bisweilen in der realen Kindertagesbetreuung in den einzelnen Bundesländern hin mutiert sind,

ist meinen Leserinnen und Lesern ja bekannt. Innerhalb der Kindertagespflege kann schon mal die DIN-Norm der Treppe dafür verantwortlich sein, dass dringend benötigte Vereinbarkeit mal eben für beendet erklärt wird! Ebenso kann es geschehen, dass eine Großmutter, die 6 studierte Kinder großgezogen hat erst gar nicht in der Schulung Platz nehmen darf, weil im "Eignungsgespräch" einfach zu schüchtern. Das erzeugt nicht nur Unmut, sondern gerne auch Berge von Akten, die zwischen Anwälten und Jugendämtern monatelang hin- und herfliegen. 2 Tagesmütter im Zusammenschluss? Da hört’s dann in dem einen oder anderen Bundesland ebenfalls auf, weil die familienergänzende Komponente in Gefahr gebracht würde. Und dort wo der Zusammenschluss erlaubt ist, darf ggf. nicht gemeinsam gekocht werden. Oder es scheitert am fehlenden Flur, der die Betreuungsräume trennt. Gemeinsames Spiel aller Tageskinder im selben Garten? Wo denken Sie hin, das würde ja dazu führen, dass das jeweilige Kind nicht mehr der entsprechenden Tagesmutter zuzuordnen ist.

Der Schwachsinn kennt in der frühkindlichen Betreuung wirklich keine Grenzen mehr - die Glaubwürdigkeit ist dahin.

Ich warte auf den Tag, an dem "Betreuung" zum Schimpfwort wird!

Dass Politik versagt hat, weil sie nicht in der Lage ist, Bedarf zu ermitteln und echte frühkindliche Angebote zu schützen und zu fördern, bringt solches Chaos hervor. Vorboten des Schwachsinns Babysitten jetzt mobile Kita zu nennen, hat es auch im Vorfeld schon gegeben. Da gab es plötzlich die freiberufliche Tagesmutter, die ins Haus kommt. Das war also von oben diktiert keine Kinderfrau mehr, wie wir sie kennen, die unabhängig von der Kinderzahl einen Stundenlohn in Höhe von 10 bis 15 € zu erwarten hatte - sondern eine Selbständige, die zeitgleich weisungsabhängig, wie eine Angestellte blieb. Das hatte den unschlagbaren Vorteil, sie gnadenlos unterbezahlen zu können - nämlich analog der Tagesmutter, die in ihren eigenen Räumen pro Kind ihr Einkommen erhält. Dass die Tagesmutter, die ins Haus kommt, sich aber schwerlich körperlich auf mehrere Haushalte verteilen kann, ist ebenso klar, wie die Tatsache, dass sie seltenst auf eine entsprechende Kinderzahl trifft.

Kinderfrauen und Babysitter aus der Betreuungslandschaft ekeln, da waren andere Bundesländer noch pfiffiger: Die sperrten die klassische Kinderfrau aus ihren Betreuungs- und damit Qualifizierungsgedanken einfach ganz aus. Keine Qualifizierungspflicht für Kinderfrauen. So wurde sichergestellt, dass dies weitestgehend eine Art elitäre Betreuungsform für Gutverdienende blieb, die ohnehin keine staatliche Förderung für ihr Kind nötig hatten. Dass dies aber eine Betreuungsform für Familien mit außergewöhnlichen Arbeitszeiten sein könnte, oder für Alleinerziehende und jene im Schichtdienst? Kein Thema. Die Institution sollte wieder den Vorrang haben. Zudem wussten wir ja: Schutz und Bildung brauchen Kinder nur "außer Haus".

Was gibt’s sonst noch NEUES BAHNBRECHENDES?

Die Oma taucht plötzlich in der Kita auf!

Zitat: >> Traurig, dass ich keine Enkel habe", sagen manche Senioren. "Schade, dass die Großeltern so weit weg wohnen", sagen viele Familien. Zwei Erzieherinnen haben in Augsburg eine Kinderbetreuung "plus Oma und Opa" gegründet. Das Projekt wurde beim Ideenwettbewerb der Initiative "Deutschland wird Kinderland" ausgezeichnet. <<

Ganz zufällig in Zeiten des Fachkräftemangels, in denen Erzieher händeringend gesucht werden, Praktikanten schon früh aus überfüllten und unterbesetzten Kitas fliehen, weil sie schon in Woche 1 mit Leitungsfunktionen konfrontiert werden, Quereinsteiger-Konzepte Hochkonjunktur haben, kommt man auf diese Idee. Und Ideenreichtum muss belohnt werden. Und so gab es für diese bahnbrechende Aktion 5000 €! 

Ohne Oma geht es nicht!

Man wird den Eindruck nicht los, dass es ohne "Oma" doch nicht geht. Aber so verkaufen die uns das nicht. Viel eher wird uns vorgegaukelt, dass die ältere Generation von heute viel rüstiger ist, nach Aufgaben lechzt, und man etwas mehr für den Zusammenhalt der Generationen tun möchte. Wer würde da schon vermuten wollen, dass es sich auch hier um ein back to the roots im neuen Kleid - und am Besten noch für Umme - handelt. Und zudem kann sich die überforderte Erzieherin noch vor Feierabend zur lästigen Bildungsdokumentation, die sie zuvor den Omas übergebrüht hat, ins Hinterzimmer zurück ziehen. Ist das nicht genial?

Stellt sich die Frage: Was kommt als nächstes?

Ich sag’s Ihnen.

Die Großfamilie wird bald ihr Comeback feiern!

Aber auch das dürfen wir nicht sofort merken. Die Frage ist also, wie verschleiert man das sinnvolle Übel?

Ich hätte da einen Vorschlag: Kitagemeinschaft mit Altersgefälle ;-).Für weitere Vorschläge bin ich offen liebe Wigwam-Freunde! 

Auch in anderen Bereichen lassen wir uns schon seit Jahren verschaukeln

Coworking - ganz was Feines. Arbeiten mit Laptop und Kind auf dem Schoß. Suggeriert: Die Eltern sind ja gar nicht weg. Feine Sache für's schlechte Gewissen, das man per se ja gar nicht haben müsste, wenn die Betreuungsform ein gutes Gewissen im Gepäck hätte. Keinesfalls dürfen Sie Betriebskita dazu sagen, deren Schwachpunkt nicht nur ihre platztechnische Endlichkeit war und ist, sondern auch das Geschmäckle, was sie mit sich brachte, weil das Kind mit in die Firma muss. 

Ein neuer Name, eine Rama-Mutter aufs Plakat und fertig ist die neue Betreuungsform.

Fehler einzugestehen, ist bei politisch Verantwortlichen nicht vorgesehen. Umdeuten und neu definieren ist die Devise.

Bei genauem Hinsehen kann man nur konstatieren: Das ist eine Bankrotterklärung der Familienpolitik in Sachen Vereinbarkeit von Beruf & Familie, und der Wahn der frühkindlichen Bildungsauflagen, sind nichts weiter als ein Feigenblatt, das jetzt getrost herunter genommen werden kann. Denn es gibt ohnehin kein einziges 1-Jähriges in diesem Land, dem dies wohl täte!

Und:

Sie werden noch einige Jahre damit vertun, die einzige Betreuungsform, die alles im Gepäck hat, im Nischendasein zu halten.

Die Kindertagespflege.

Klar gibt es die schon.

Aber die Verantwortliche wissen noch immer NICHTS mit ihr anzufangen. Tja, wie sollte man ihr auch einen Kita-Anstrich geben, wo sie doch genau das nicht ist: Eben keine Institution. Aber Institution muss es leider immer noch sein, sonst setzt der politische Kontrollverlust stante pede ein.

Was hat die Kindertagespflege im Gepäck? ALLES

Sie ist wirklich familienergänzend, sofern man mit ihr entsprechend umgeht. D.h. hier ist nicht angesagt, irgendeiner freier Platz zum Kind, sondern zusammenbringen, was familienergänzend wirkt.

Hier gibt es Elternpartnerschaften, sofern sich die Partner suchen und auswählen dürfen. 

Hier gibt es keine starren Öffnungszeiten, wenn man es versteht, diesen Berufsstand unternehmerisch anzuleiten.

Hier gibt's Bindung zu einer Tages-Mutter, die der Seele unserer Allerkleinsten heute und für's ganze Leben so gut tun würde.

Hier gibt's kleine Gruppen und keine Massenveranstaltung mit 70 Dezibel.

Und

frühkindliche Bildung gibt's frei Haus, wenn man diese Betreuungsform nicht zur Randzeitenbetreuung missbraucht und damit das existenzielle Aus vorzeitig einleitet.

Wann geht es in den Politkopf hinein, dass Anreize einerseits durch ein gutes Einkommen UND einen erfüllenden Einsatz im Berufsfeld zu schaffen sind. Das wären Investitionen in die Zukunft. Und Zukunft heißt für mich: 

Weiter denken als eine Legislaturperiode!

herzliche Grüße

Ihre

Susanne Rowley


WIGWAM 1994
Susanne Rowley
Kapitän-Lorenz-Ufer 20
55583 Bad Kreuznach

Anerkannte Bildungseinrichtung

Phone: 06708 – 660636
E-Mail: info_at_wigwam.de

Kindertagespflegeberatung
Mo-Do: 9-16 Uhr
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