Samstag, 27. Juli 2019

Autor: Susanne Rowley

Was die Großmutter noch wusste, kann der Assessment Center nicht richten.

Persönliches Gespräch mit MdB Antje Lezius.

Liebe Wigwam Freunde, 

diese Woche, kurz vor meiner Wigwam Sommerpause (ich sollte laut Wigwam Kalender gar nicht im Büro, sondern im bereits voll gepackten Wigwam Bus sitzen ;-)) lernte ich eine Bundespolitisch Verantwortliche Frau mit Visionen kennen. Ich hatte Gelegenheit, mit der Bundestagsabgeordneten Antje Lezius zu sprechen. Im Rahmen ihrer Sommertour bat sie mich um ein Treffen, dem ich gerne nachgekommen bin.  

Frau Lezius ist Mitglied des Ausschusses für Arbeit und Soziales – Zukunft der Arbeit. War selbständige Unternehmensberaterin, Geschäftsführende Gesellschafterin, hat selbst Kinder großgezogen und ist Großmutter. Sie kennt sich aus mit dem Spagat, den Frau und Mann zwischen Beruf und Familie zuweilen vollführen muss. Und sie muss ihn von Amts wegen zusammen denken mit dem Fachkräftemangel, der unsere Wirtschaft plagt.  

Während ich tapfer mit Spaghetti Arrabiata und den darauf befindlichen Gambas kämpfte, und zeitgleich versuchte, mein Kleid fleckfrei zu halten, erörterten wir intensiv die übergeordnete Frage:

Wie wollen wir Familie und Beruf in der Zukunft (er)leben?

Die Frage drängt nach einer Vision und umfasst weit mehr lebens- und arbeitsnotwendige Bedürfnislagen von Familien, als Antworten des Bundes zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf gegeben werden. 

Fachkräftemangel, Vereinbarkeit vom Familie und Beruf sind für Antje Lezius Leib- und Magenthemen. Ihr ist bewusst, dass die Züge von Arbeit und Sozialem mitnichten immer auf dem gleichen Gleis fahren, und sie weiß, dass uns in Zeiten des Umbruchs der Arbeitswelt, der immer noch negierte zusätzliche Verlust der Baby Boomer bevorsteht. 

Auch die Zunahme psychischer Erkrankungen in unserer Gesellschaft treibt sie selbstredend um, deren Ursache sie wie ich in der immer stressigeren Lebensrealität der Menschen verortet bei gleichzeitig zunehmendem Verlust empathischer Qualitäten, die Leben seinen ureigenen Wert verleihen. Und sie signalisierte, dass sie einen Blick dafür hat, dass Hard Skills die Oberhand in Sachen Definition eines "erfolgreichen" Lebens gewonnen haben, denn Vorteile von Soft Skills sind schwer messbar, lassen sich maximal beobachten.   

Ich begegnete einer Frau, 

deren Visier auf „on“ gestellt war, von meinen mehr als 2 ½ Jahrzehnten währenden Erfahrungen an der Betreuungsfront mit Familien im Berufsleben zu hören.     

Ich nutzte die Gelegenheit, ihr unsere gelebte Vision von Vereinbarkeit mit Hilfe der familiärsten und zugleich modernsten aller Betreuungsformen, der Kindertagespflege, nahe zu bringen. Ich erzählte ihr von natürlichen Zusammenhängen in Sachen Bindung, Bildung und Betreuung, die geeignet sind, das Wohl unserer Allerkleinsten sicher zu stellen, und die berufstätige Kleinfamilie maßgeblich zu entlasten. Angefangen vom Gefühl der Geborgenheit und Zugehörigkeit, über die Geschwister ähnlichen Gefüge einer klein gehaltenen Kindergruppe bis hin zu Freundschaften, die unter unserem Dach auch noch Jahre nach der Beendigung der Tagespflege fortbestehen. 

Ich beschrieb, wie echte Elternpartnerschaft entstehen kann, wenn Zeit für Entwicklung und Erhalt nicht von sinnentleerten kommunalen Satzungen oder gegenteiligen Landesinteressen, die gerne einer Betreuungsform den Vorrang einräumen, um eine andere auf das Zuarbeiten zu reduzieren, unterlaufen werden. Und ich ließ sie teilhaben daran, wie schwer es unseren Eltern zuweilen fällt, das Wigwam Nest wieder zu verlassen - hinaus in eine institutionelle Betreuungslandschaft, die keinen Raum mehr für individuelle Befindlichkeiten und ein echtes Miteinander im Sinne von Geben und Nehmen lässt. 

Ich zögerte auch nicht, ihr zu schildern, wie Kräfte zehrend es sich gestaltet, den Kindertagespflege Kopf zwischen widerstreitenden Beteiligten und Bedürfnislagen aus freier Wirtschaft, Land und Kommunen über Betreuungswasser zu halten, wenn man zeitgleich täglich in frisch gebackene Mutter- und Vateraugen blickt, die nicht glücklich sind mit dem, was ihnen von Seiten der Politik an Lösungsmodellen geboten wird. Und die nicht verstehen, warum ihnen ein Anspruch garantiert ist, auf dessen Ausgestaltung ihnen die Mitwirkung zum Wohle ihres Kindes versagt bleibt.      

Ich kam auch sehr schnell auf den Punkt zu sprechen, 

dass Kindeswohl in der massiven Ausweitung auf den sehr frühkindlichen Betreuungsbereich, nicht ohne Elternwohl zu denken und zu erreichen ist. Denn sehr kleine Kinder sind, neben den tiefen Bindungsbedürfnissen, die erfüllt werden müssen, vollkommen darauf angewiesen, die Sicherheit zu verspüren, dass es ihren nächsten Bezugspersonen gut geht. Ist dem nicht so, spiegeln sie dieses Missempfinden eins zu eins. Solange dieser wissenschaftlich unumstrittene Aspekt weder Glauben noch Berücksichtigung findet, wird kein noch so wohlklingendes Bildungsprogramm der frühkindlichen Natur gerecht, noch kann es Firmen nutzen, ihre elterlichen Fachkräfte zufrieden und auf gewünschtem Leistungsniveau einzusetzen. 

Vereinbarkeit von Familie und Beruf 

fußt auf ungleich mehr Pfeilern als der bloßen Kinderbetreuung. Über diese Tatsache waren wir uns schnell einig und führten unseren weit gefächerten Gesprächsstreifzug fort mit den unterschätzten Folgen der Globalisierung, die die Kleinfamilie von heute still und lautlos ihrer natürlichen Lebenszusammenhänge und damit einer erweiterten Familienkompetenz enthoben hat. Die Last, die diese Vereinsamung und Reduzierung aller Rollen auf die schmalen Schultern von „Mutter, Vater, Kind“ zur Folge hat, ist enorm. Es gibt niemanden mehr, der mal eben einspringen kann. Da sind keine lebenserfahrenen Generationen mehr greifbar, von deren Reife man tiefen Nutzen ziehen kann, und die einer nachwachsenden Generation ein differenziertes gewachsenes Vorbild von Leben vermitteln. Da sind keine natürlichen Ratgeber mehr, mit denen man sich im ganz persönlichen Kontext austauschen und seine Sorgen teilen und mindern darf.

Wo man auch hinsieht, 

sieht sich die kleinste Zelle unserer Gesellschaft, je nach vorherrschendem Zeitgeist, druckfrischen aber toten Ratgebern gegenüber, sowie der durch organisierten Institution, deren starres Korsett am Maß des familiären Organisationstalentes bis über die Machbarkeitsgrenze hinaus zerrt. Eine sich verändernde Arbeitswelt, sowie die stramme Einkommenssituation von Eltern, gepaart mit den stetig steigenden Lebenshaltungskosten von Familien, lassen keine Wahl mehr, persönliches Leben so zu gestalten, dass Ohnmacht und Überforderung nicht ständiger Begleiter sind.  

Der fortschreitende demografische Wandel 

in unserer Gesellschaft und seine Ursachen, werden lange schon nicht mehr hinterfragt. Er ist heutzutage einfach Fakt. Er hat den Fachkraftmangel im Schlepptau und wird mit den gleichen Hard Skills bekämpft, die ihn einst hervorbrachten. Jetzt ist es eben so, dass alle 4 Hände einer Kleinfamilie am Arbeitsmarkt gebraucht werden. 

Und weil Politiker immer so gerne „nach vorne schauen“ und nie zurück, 

obwohl Reflexion von politischen Fehleinschätzungen helfen könnte neue zu vermeiden, wird stattdessen auch die jüngste Generation auf diese hohe Drehzahl eingeschworen. Das völlig krankhaft überzogene Bildungssystem, das die frühe Kindheit überzieht, sie selbiger beraubt, macht auch seine Erfüllungsgehilfen krank, weil es sie auf die Dokumentationspflicht einer Sache reduziert, die sie gerne geleistet hätten, sofern sie im schön gerechneten Betreuungsschlüssel denn gekonnt hätten. Und so gehen uns schlussendlich auch jene in der Betreuungslandschaft verloren, die einst ausgezogen waren, sie mit Leben zu erfüllen. 

Es ist allerhöchste Zeit einzuräumen, 

dass politisch Verantwortliche keine Idee haben, wie Kindeswohl und Vereinbarkeit zusammen gehen könnten. Statt dessen wird Bildung statt Bindung wie eine Monstranz vor sich hergetragen, weil man sicher davon ausgehen kann, gegen Bildung als solches wird sich in einer auf ewiges Wachstum getrimmten Gesellschaft kein nennenswerter Widerstand regen. Wir halten Elternhände nur für die Wirtschaft frei und erzählen doch selbst nur zu gerne von einer unbeschwerten Kindheit, die unserer Generation zuweilen noch vergönnt war. Heute sind die Spielplätze leer. Kinderlachen am Vormittag ist in heimischen Gefilden nicht zu vernehmen. Und die Gesundheitskassen werden sich in Legislaturperioden der Zukunft ganz sicher mit einer bindungsarmen Generation beschäftigen müssen, wobei ich Zweifel hege, dass der Bogen zur eigentlichen Ursache dann noch geschlagen wird. 

Es ist traurig, weil unwiederbringlich, wenn die 2 kleinsten aller frühkindlichen Hände schon kurz nach der Geburt erfahren, dass Leben alles andere ist als SPIEL und Schokolade.

Kurzum. 

Es hat mir Freude gemacht, von unserer lebendigen Wigwam Vision zu erzählen. Die Großfamilie von früher durch eine moderne und hoch qualifizierte Kindertagepflege wieder zurück ins Bewusstsein zu bringen und der entwurzelten Kleinfamilie zur Seite zu stellen. Mit im Gepäck befinden sich Bindung und Bildung, die bei uns spielend zusammen gehen. Zeitgleich betreut unter unserem Dach ein zufriedener Berufsstand, der wieder ans Kind bringen darf, wozu er sich einst ausbilden ließ. Ganz nebenbei müssen sich unsere Eltern weder mit Randzeiten noch mit ungedeckten Ausfallzeiten herumschlagen. Eine Win Win Situation für alle an Vereinbarkeit Beteiligten. Denn von echter Vereinbarkeit kann nur dann die Rede sein, wenn sie für alle an ihr Beteiligten vereinbar ist. 

Ein unschätzbarer Schatz für unsere Kinder und Familien, ja für die ganze Gesellschaft liegt in diesem völlig unterschätzten Berufsstand. Der Schatz muss nur entdeckt und endlich gehoben werden. Sie wird darüber nachdenken. So hoffe ich.

Und ich habe ein anerkennendes Gefühl mitgenommen, für eine Bundespolitikerin, die angetreten ist, an den Zuständen etwas zu ändern. 

Am Ende gab ich einer sehr sympathischen und politisch Mitverantwortlichen mit auf den Weg, dass ich überzeugt davon bin, dass der Tanz einer flexiblen Arbeitswelt mit einer starren Betreuungsstruktur von Einrichtungen niemals mehr wird hervorbringen können, als die zu Recht heftig umstrittene 24 Stunden Kita, und ein immer neu zu rekrutierendes Heer von scheinbar zauberhaften „Feen und Kobolden“, deren noch so blumige Bildungsbezeichnungen nie darüber hinwegtäuschen können, was sie eigentlich sind. Aus der Not der Kleinfamilie Geborene und in die eigene Not, die sie zuvor rekrutier bar machte, zurück Entlassene.

Einen Wunsch hatte ich natürlich, oder auch zwei: 

Ich wünsche mir, dass sich Politik darauf besinnt, Rahmenbedingungen zu schaffen, die das Erblühen einer bunten, gleichberechtigten Betreuungslandschaft an der Basis ermöglicht. Es muss Schluss sein mit Druck von oben nach unten in Form eines bloßen Rechtsanspruches, der jene nicht auf dem Schirm hat, die ihn umsetzen sollen. Elternbeiträge sollten nicht als kommunales Steuerungselement einsetzbar sein, um Eltern ihre gesetzlich garantierte Wahlfreiheit durch die Hintertür zu nehmen. Und bei klarer Gesetzeshaltung bliebe es Eltern, Kindertagespflegepersonen und den Gerichten erspart, sich endlos über Definitionsfragen zu streiten. Dazu beitragen könnte maßgeblich eine Finanzierung der Kindertagesbetreuung, die endlich jene in die Pflicht nimmt, die vom Wiedereinstieg der Eltern profitieren. Als da wären der Bund, die Sozialkassen sowie die Unternehmen. Bis dato quält sich jede Kommune mehr oder weniger mit dem schwarzen Finanzierungspeter herum und ringt mit Folgekosten. 

Eingeschlafen bin ich mit dem Gedanken: 

Vielleicht kommt ja noch ein ganz abgefahrener Politiker auf die Idee, Kitas und Altenheime grundsätzlich zusammen zu legen. Wie praktisch ist das denn. Dann könnten Kinder die un-produktiven Alten pflegen, und die Alten die Kinder hüten. Ich wüsste auch schon welchem Politiker so etwas einfallen könnte ;-).

„Spässle gmacht“ zum Beginn meines Urlaubes, der mich in den nächsten Stunden mit dem Wigwam Bus mental und real weit weg von jeglichen Vereinbarkeitsthemen hinein in die Lombardei führt.

Ich habe zudem beschlossen, vor Ort auf Gambas zu verzichten, um meinen minimalen Kleidervorrat auf Reisen zu schonen ;-). 

Mit sehr erholungsbedürftigen Grüßen verbleibt 

Eure Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
Kapitän-Lorenz-Ufer 20
55583 Bad Kreuznach

Anerkannte Bildungseinrichtung

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E-Mail: info_at_wigwam.de

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