Dienstag, 25. Februar 2014

Autor: Susanne Rowley

Warum muss das Leben eines kleinen Menschleins in einer Einrichtung beginnen?

Jede Form von kognitiver Bildung sattelt auf ein emotionales Fundament auf.


www.kizz.de/gesundes-kind/gesundheit/laerm-und-seine-auswirkungen-auf-kinder-ruhe-jetzt

Liebe Wigwam-Freunde

11 Köpfe von schutzbedürftigen Kleinstkindern unter 1 Jahr habe ich vor einigen Monaten auf einem Foto gesehen, das von einem Elternpaar in einer Kita aufgenommen wurde.

Heute möchte ich mal wieder die Frage in den Raum werfen:

Warum muss das Leben eines so kleinen Menschleins in einer Einrichtung beginnen?

Ein kleiner Mensch, der nach nachweislich erst um den 1. Geburtstag herum überhaupt in der Lage ist, ein Erinnerungsvermögen auszubilden, dem ist es nicht möglich, zu verinnerlichen, dass eine Person, die den Raum verlässt, auch sicher wiederkommt. Es spielt also keine Rolle, wie oft man das Abgeben mit einem solchen Kind üben würde, es fruchtet nicht. Sie könnten ihm ebenso die New York-Times den ganzen Tag vor die Nase halten, es kann die Information nicht lesen. Ich stelle täglich fest, viele wussten das gar nicht. 

Manches muss man sich wirklich bildlich oder vor Ort vor Augen führen, damit man be-greift, wovon die Rede ist.

Aber auch das scheint nicht wirklich nachhaltig zu sein, denn sehr oft hörte ich von Eltern und Pädagogen solcher Einrichtungen, das Kind sei sehr "pflegeleicht" und würde überhaupt nicht weinen. Hierzu sei angemerkt, dass das Nicht-Weinen eines Kindes nicht zwingend Ausdruck von Zufriedenheit sein muss - es kann schlicht und ergreifend auch innerlich aufgegeben haben. 

Anlass für meinen Artikel

sind u.a. Sendungen und Berichte landauf landab, die davon künden, dass wir über eine mangelnde Qualität in Einrichtungen sprechen müssen, angefangen von unzureichenden Betreuungsschlüsseln bis hin zum Fachkräftemangel. Zum anderen liegen mir haufenweise Berichte von überforderten Erzieherinnen und Pädagogen vor, die planen, ihre Einrichtung zu verlassen oder dies bereits getan haben.

Es darf also die Frage erlaubt sein,

wenn bereits Erzieher völlig überfordert sind und gar von gesundheitlichen Problemen durch Überforderung berichten, wie muss es dann erst den Kindern gehen, die sie täglich behüten sollen? Und wie geht es dann jenen Kleinen, die noch nicht einmal in der Lage sind, sich zu erinnern?

An anderer Stelle hier in diesem Blog habe ich bereits schon sehr oft erwähnt, dass wir nur 2 Lager haben. Und nein, auch dann wenn ich Bindungsforscher gerne zitiere, so bin ich nicht gegen die Vereinbarung von Beruf & Familie, sondern für selbige, sofern sie alters- und kindgerecht vonstatten geht.

Von daher fehlt mit nach über 20 Jahren meiner Tätigkeit vollständig & restlos das Verständnis dafür, warum die Kindertagespflege in den Augen von Experten nicht sogar die vorrangig zu empfehlende Betreuungsform für die Allerkleinsten ist, denn nur sie kann einem sehr kleinen Kind die familiäre Nähe und Geborgenheit geben, die es zur Gesunderhaltung seiner Seele & seines Körpers dringend braucht.

Ich habe mir in all den Jahren

viele gute und weniger gute Kita-Einrichtungen angesehen; vor wenigen Monaten besuchte ich eine sehr große Kita, die durch die üblichen Anbauten eine Gruppe für 1-jährige schaffte. Ich habe mich stundenlang dort aufgehalten und den Abläufen beigewohnt. Auch auf die Gefahr hin, dass mir unterstellt wird, keine wertfreie Beratung mehr durchzuführen, zweifle ich aufgrund realer Erfahrungen, die ich direkt vor Ort in den Einrichtungen machen musste, an, dass in Kitas ab einer bestimmten Größe Kindeswohl berücksichtigt werden kann; auch dann nicht, wenn Top Erzieher und Sozialpädagogen am Werk sind, und auch dann nicht, wenn Personal passend zur Kinderzahl aufgestockt würde.

Um Missverständnissen hier gleich vorzubeugen:

Ich bin für Qualität und arbeite vorrangig in der Kindertagespflege mit Sozialpädagogen und Erziehern. Dennoch muss die Frage doch erlaubt sein, inwiefern Bildung und Förderung bei 1-jährigen überhaupt angesagt ist, und ob sie überhaupt in großen Einrichtungen umgesetzt werden kann und muss?

Wo bleibt in großen Einrichtungen Kindeswohlfühl-Atmosphäre? Wo sind ausreichend Geborgenheit und Zuwendung, ruhige Minuten und Trost. Wo bitte ist die Beständigkeit einer verlässlichen Bezugsperson, bei Urlauben, Krankheiten, Fortbildungen und der damit einhergehenden Fluktuation. 

Nachdem ich meinen Besuch in der ein oder anderen Großeinrichtung beendet habe, war ich stets reif für’s Sofa! Ich war fix und fertig von der Reizüberflutung, völlig platt vom Geräuschpegel. Ich habe ununterbrochen nur Situationen wahrgenommen, in denen vorwiegend irgendein Chaos im Griff gehalten wurde, sowohl beim Essen, als auch beim Spielen, und erst recht beim fast unmöglichen Ruhen auf Matten.

Wenn pädagogisch wertvolle Inhalte an das Kind gebracht werden sollen,

brauche ich

a) Zeit

und

b) Gelegenheit und Ruhe

dafür, mich auf das kleine Wesen einzulassen. Übertragen auf uns Erwachsene ist es aus meiner persönlich erfahrenen Sicht durchaus vergleichbar mit der Atmosphäre eines Großraumbüros, und ich frage mich, warum geht man per se davon aus, dass diese Umstände nicht ebenso an den Nerven von Kindern zehren.

Bei Grundschülern in zu großen Klassen würden wir nicht annehmen wollen, dass der Bildungsauftrag besser erfüllt würde, wenn statt einem Lehrer vorne noch 2 weitere stehen.

Warum ist es normal geworden,

diese Frage, ob Kindern eine Ausgestaltung im großen Stil überhaupt gut tut, nicht mehr zu stellen? Ja es stört mich, dass je mehr die Qualitäts- und Personaldiskussion im Zuge des Ausbaus fortschreitet, es keiner wirklich wagt, diese

Grundsatzfrage

 zu beleuchten. Es wird die Personalsituation diskutiert, es wird der Betreuungsschlüssel diskutiert, es werden die Räumlichkeiten diskutiert, es wird die leistungsgerechte Vergütung diskutiert, und es wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf diskutiert. Aber es wird nicht wirklich darüber diskutiert, welche Altersgruppen geeignet sind, in den zweifelhaften Genuss einer größeren Gruppe zu kommen. 

Und sobald die KTP (Kindertagespflege) ins Spiel kommt, heißt es :

>> Alternative <<

Diese Alternative Form wäre aber die natürliche!

Und sie böte bei richtigem Umgang mit dem Potential alles, was per se in diesen Kita-"Anstalten" überhaupt nicht machbar ist. In der KTP kann mit hochqualifizierten Pädagogen und Erziehern wunderbar gearbeitet werden, mit hervorragenden Bildungskonzepten, hier ist eine „Mutter für den Tag“ (Tagesmutter/vater) am Werk. Es kann eine verträgliche geschwisterähnliche und damit natürliche Gruppengröße gestaltet werden, die für alle Beteiligten er- und verträglich ist, und dennoch das Erlernen von Sozialverhalten ermöglicht. Individuelle Zuwendung, echte Aufmerksamkeit, Zeit, Liebe, Trost, Rückzug und Ruhe können auf eine Art geboten werden, die Bildung und Förderung erst möglich machen. Und noch dazu keine starren Öffnungszeiten, Partner von Eltern, statt starre Institution und "Abmahner" beim Zuspätkommen....

Warum muss eine Betreuungsform immerzu 2. Wahl bleiben, die das Potential für alles hat?

Hierzu erreichte mich einmal dieses Statement einer Pädagogin aus Bremen: 

Zitat:

>>  Nein, nicht Großraumbüro, sondern "Wartehalle" ist das Stichwort. Hinzu kommt, dass durch den Druck auf die U3 Einrichtungen vielerorts schon 2,5 Jahre junge Kinder in 20ger Gruppen versorgt werden. Das sind 8-11 Pamperskinder in Gruppen ohne Ruheraum. Kein Mensch kommt auf die Idee, dass eine Umgebung, in der ErzieherInnen wegen Stress ausfallen, die viel empfindlicheren Kinderohren, Kinderherzen, Kinderhirne ebenfalls leiden! <<

Statt dessen fordert die ein odere andere Kita-Leitung schon den  Flüsterasphalt und die Lärmschutzwand in der Kita - ganz nach dem Vorbild der Akustik eines Opernhauses.

Aha - das müssen Sie sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Statt das Übel an der Wurzel zu packen, suchen wir Übelverbesserungen, um die Geräuschattacken irgendwie im Griff zu halten. Was in der Gesellschaft also gegen Hörschäden und Tinnitus, Kopfschmerzen und Migräne unternommen wird, hält dann Einzug  in der Kita.

Und weiter schrieb sie:

Zitat:

>> Was hindert einen daran, die Kinder in Familiengruppen zu versorgen? Warum muss die Erziehung in unpersönlicher Massenabfertigung beginnen, in der das Kleinkind im Laufe der Woche bis zu 7 Leute hat, die es zusammen mit 8-12 anderen Kindern oder gar noch mehr (Wenn nachmittags die "Restgruppen" zusammengefasst werden) betreuen? In Betreuen steckt das Wort "Treue" - und nicht Unverbindlichkeit. Kein Dressurpferd kann man mit ständig wechselnden Trainern erziehen- sind unsere Kinder denn weniger Sorgfalt wert? Ich habe mich letztens mal wieder in einer Kita umgesehen, die eine Heilpädagogin suchten- ich hätte da am Ende des Monats doppelt so viel auf dem Konto gehabt, wie jetzt, aber es war unerträglich - die gesamte Struktur der Einrichtung war am Menschen vorbei geplant, beziehungsfeindlich, laut. Klar, alle Leute mit Erzieherschein, oder wie ich mit Diplom, aber was hilft die schönste Ausbildung, wenn du den Mangel verwaltest, und in der Praxis ein Feldversuch für psychische Störungen von ADHS bis hin zu Formen von Hospitalismus übrigbleibt. <<  Zitat Ende

An dieser Stelle

möchte ich die Gelegenheit nutzen, auf zahlreiche Publikationen zu kindlichem Bildungsverhalten von Karin Grossmann aufmerksam zu machen (Psychologin an der Uni Regensburg), nach denen man in Suchmaschinen Ausschau halten kann. Ihr grundsätzlicher Tenor ist nicht contra außerhäusige Betreuung, wie manch andere Bindungsforscher es propagieren, sondern sie differenziert sehr genau in ihren Aussagen und verweist gerne auf natürliche familiäre Situationen aus früheren Zeiten, in denen es ganz natürlich war, dass auch andere Familienmitglieder als Bezugspersonen für Kinder fungierten.

Es ist wichtig,

so findet sie, dass Kleinstkinder Geborgenheit, Zuwendung und vor allem Schutz von anderen Menschen erfahren, und somit früh erleben, dass sie ihrer Um-welt und anderen Umgangsformen Vertrauen schenken können.

Dieser Schutz muss aber auch vorhanden sein,

und ein Kind, das früh Vernachlässigung innerhalb der Betreuung erfährt, weil auf Bedürfnisse nicht eingegangen werden kann, oder die Bedingungen dafür keinen geborgenen Rahmen hergeben, erlebt das genaue Gegenteil und nimmt diese Erfahrung mit ins spätere Leben.

Sie wird wie ich auch nicht müde,

immer wieder zu betonen, dass jede Form von kognitiver Bildung zunächst auf einem emotionalen Fundament aufbaut; und dieses Fundament wird einzig durch Herzensgüte, körperliche und mentale Wärme, Zuwendung und verlässliche Aufmerksamkeit aufgebaut.

Gerne kann zu meinen Ausführungen kontrovers und kritisch diskutiert werden.

Herzliche Grüße

Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
Kapitän-Lorenz-Ufer 20
55583 Bad Kreuznach

Anerkannte Bildungseinrichtung

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