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Donnerstag, 27. Mrz 2014

Autor: Susanne Rowley

Warum "Bindung" vor Bildung und Förderung kommen muss

Der Autor Herbert Renz-Polster schreibt mir aus dem Herzen.


www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.interview-zu-aggressiven-kindern-bindung-kommt-vor-bildung.97535809-e848-4bf8-b760-84f68242580c.html

Hallo liebe Wigwam-Freunde, 

diesen Artikel möchte ich gar nicht umfangreich kommentieren,

nur zitieren, denn er enthält bereits alles, was mich zu frühkindlicher Betreuung seit 20 Jahren bewegt.

Erstmals jedoch lese ich so deutlich meine Auffassung, dass beim Kleinkind

„Bindung“ vor Bildung und Förderung kommen muss

und dies gilt konsequenterweise besonders für unsere Allerkleinsten. Der Autor Herbert Renz-Polster (Humanmediziner, Kinderarzt mit sehr viel Auslandserfahrung) befasst sich vorrangig mit der kindlichen Entwicklung aus Sicht der Verhaltens- und Evolutionsforschung.

Besonders intensiv geht er in diesem Artikel auch auf frühkindliche Aggressionen ein, die in Kitas vornehmlich sanktioniert werden - nicht etwas weil das Personal dort per se unsensibel wäre, sondern weil es eben um das Funktionieren einer ganzen Gruppe, also das Sozialverhalten von Kindern gehen muss - und da ist nunmal weniger Platz für eine ganz persönliche Bindung zum Kind.

Aus seiner Sicht ist das Risiko, solches Verhalten miss zu verstehen, umso größer, je kleiner die Kinder sind. Das leuchtet mir persönlich besonders gut ein, denn ein Ausdruck von Aggression eines sehr kleinen Kindes, empfand ich schon immer selbstverständlich als eine Art „unsichere Kontaktaufnahme" bzw. suche nach Beziehung zu mir.

Das Kind sucht Aufmerksamkeit und wartet auf eine entsprechende Resonanz;

es übt also ,Beziehungsverhalten" und nicht Soziallverhalten in einer Gruppe. Und um letzteres zu Erlernen, muss die Bindung vorausgehen. Denn nur sie ist der Hafen, von dem aus ein Kind dann locker in die Sozialgemeinschaft lossegeln kann.

Und gerade im Augenblick, fallen mir einige junge Mütter in meiner Beratung ein, die davon überzeugt waren, dass ein 6-Monate altes Kind, das seinen Schnuller aus der Wippe wirft, dies "extra" macht, es aggressiv sei, und die Mutter "ärgern" wolle.

Wo fragte ich mich immer, kommt solches Gedankengut her.

Ich mache mir ernsthafte Gedanken über die 1-jährigen, die nun auch in größeren Gruppen von Kitas ihren Platz finden – wie wird dort mit ihren ersten zaghaften Beziehungsversuchen - womöglich in aggressiv anmutender Form - umgegangen, wenn das Personal nunmal nicht ausreicht! Oder was geschieht, wenn aufgrund der Gruppengröße kaum eine Bindung zum Erzieherpersonal aufgenommen werden kann, oder Personal ständig wechselt - Aushilfen dazu stoßen etc. Im Artikel lesen wir dazu:

>> Kleine Kinder entwickeln ihre emotionalen und sozialen Kompetenzen nicht einfach so aus sich selbst heraus, sie brauchen die Resonanz ihrer Bezugspersonen. Der Fokus der Krippen- und Kita-Betreuung müsste deshalb auf der Beziehungsebene liegen. Hier müssten hochwertige, emotional sichernde, verlässliche, authentische und feinfühlige Beziehungen geboten werden. Ich sehe daher den heutigen funktionellen Fokus auf frühe Bildung kritisch. Verlässliche Bindung kommt für die Kleinen vor Bildung – auch wenn erstere eindeutig kosten- und personalintensiver ist. <<

Und jetzt stelle man sich das mit den ganz Kleinen vor:

>> Die Kinder zeigen in den Kitas vor allem ihr normales kleinkindliches Aggressionsverhalten. Es ist wichtig, dies zu erkennen: Wenn Kinder sich in diesem frühen Alter aggressiv verhalten, ist das normal. Leider wird das in Kitas aber bisweilen verwechselt, und die Kinder mit dem aggressiven Verhalten wie Beißen und Kratzen werden rasch sanktioniert. Oft sogar mit dem zeitweiligen Ausschluss vom Gruppengeschehen oder dem Entzug von Beziehungen. Das ist aber grundfalsch. Kinder wollen sich in die Gruppe einklinken, sind damit aber gerade am Anfang oft überfordert. Das Kind wird dann als ein „böses“ Kind behandelt, dabei sind 99 Prozent des kindlichen Aggressionsverhaltens „unsoziale Kontaktaufnahmen“, die vom Kind aus gedacht nicht „böse“ gemeint sind. Das Thema Aggression müsste deshalb viel stärker in der Erzieherinnen-Ausbildung verankert werden. Denn der Ausschluss von Beziehungen erreicht genau das Gegenteil, gerade aggressive Kinder brauchen ja einen sichernden Kontext. <<

Gute Frage: Inwiefern sehen Sie den Staat in der Pflicht?

>> Er müsste die Kitas und Krippen ausrüsten und konzeptionelle Prioritäten auch in den Orientierungsplänen setzen. Wichtig wäre auch ein Personal-Mindestschlüssel. Zudem gibt es spezielle Programme wie Roots of Empathy, die in Kitas und Schulen Empathie fördernd wirken. Grundlegend aber finde ich eine Änderung unserer Denke wichtig: Der Fokus in den Kitas hat sich immer mehr auf die kognitiven Kompetenzen verschoben, das halte ich für grundfalsch. Man kann Kindern Selbstkontrolle, innere Stärke und soziale Kompetenz nicht nach einem didaktischen Modell beibringen. Dazu müssen Kinder mit anderen Kindern umgehen, und zwar in freier, spielerischer Gestaltung. Das ist keine Zeitverschwendung, sondern Kinderrecht. <<

Ich kann es nur immer wieder betonen - die Kindertagespflege ist nicht die Alternative für Kleinstkinder, sondern die richtige Betreuungsform für das Fühlen (lernen möchte ich hier gar nicht mehr schreiben) von Bindung.

Lesen Sie bei Interesse weiter im obigen Artikel.

herzliche Grüße Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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