Wigwam Blog

Mittwoch, 18. September 2013

Autor: Susanne Rowley

Warteliste Platz 14 - wenn manipulatives TV an Beleidigung grenzt

Guten Morgen Fr. Rowley, haben sie gestern zufällig die Reportage im ZDF über den Kita-Notstand gesehen; wie dort die Tagesmutter dargestellt wurde, hat in mir das kalte Grausen ausgelöst 

reportage.zdf.de/ZDF/zdfportal/programdata/956e72d9-1522-3cdf-ad9c-095bf16ee516/20202331

Das war heute Morgen eine von zahlreichen Emails,

die mich von zutiefst empörten Betreuungsfamilien und Kinderstübchen-Leiterinnen erreicht haben.

Ich habe diese Reportage selbstverständlich gesehen,

und werde diese negative Darstellung des Berufsstandes nicht nur kommentieren, sondern gemeinsam mit den Wigwam-Pädagogen ein saftiges Feedback zu diesem Film verfassen und den Machern zukommen lassen.

Hier ist ein wertvoller Berufsstand schändlich benutzt worden, um einen Notstand ganz anderer Art filmisch zu untermauern. Wenn Sie liebe Leserinnen und Leser wissen wollten, was Sie in diesem Film über den Berufsstand Kindertagespflege erwartet, genügt es, meine wenigen Sätze hier unten zu lesen.

Beachten Sie dabei, dass Sie mitgenommen werden in eine Anlogie-Falle

eine Manipulationstechnik, in der sie quasi hautnah mitfühlen dürfen, welch grauenhafter Gang zu einer noch grauenhafteren Tagesmutter sie erwartet, wenn sie auch keinen Kitaplatz finden.

Schon der Weg einer bedrängten Betreuungsplatz suchenden Mutter, die kurz vor der Arbeitsaufnahme steht, zur neu gefundenen Tagesmutter wird filmisch vom Anblick „gelber Müllsäcke“ im Hintergrund eingerahmt, und vom Kommentator mit den Worten hinterlegt: „die besorgte Mutter hatte keine große Auswahl“.

Wir erfahren sofort danach, die gezeigte Frau ist neu im „Tagesmutter-GESCHÄFT“.

Begleitender Kommentar:

„Auf diese Frau muss sich die Mutter jetzt bedingungslos verlassen“.

Dieses grauenhafte Szenario beginnt also mit Müll

und endet nach einer endlosen Odyssee einer ständig besorgten Mutter glimpflich, denn sie hat gottlob doch noch einen „richtigen" Betreuungsplatz gefunden, und auch der Zuschauer ist erleichtert darüber, die arme Mutter von dieser „Übergangsfrau“ befreit zu sehen. Die Tagesmutter im Film ist eine stark übergewichtige Person, von der Frau/Man(n) per se als Zuseher erahnen soll, wie sie sich wohl selbst ernährt. Dieser Ersteindruck wird untermauert mit Fütterungsszenen der Allerkleinsten, die der Kommentator passend untermalt.

Während sie auf einem Wohnzimmersessel (einen ordentlichen Essplatz hat sie also nicht) dem Kleinkind Maultaschen in den Mund stopft, erfahren wir vom Sprecher, dass die Maultaschen aus der PACKUNG sind (kochen kann sie also auch nicht), und während die Kamera auf die wieder ausgespuckten Teile der Maultaschen drauf hält, fügt er im ironischen Tonfall an, dass dieses Kleinkind keine Zähne hat, was dem Zuseher suggeriert, dass hier eine völlig unfähige Frau am Werk ist, die keinen blassen Schimmer davon zu haben scheint, was kindgerechte Nahrung bedeutet.

Wir erfahren weiterhin,

dass sie eigentlich Tupper-Abende veranstaltet, schon mal zur Verkäuferin umgeschult hat, und da das alles offensichtlich nicht zu laufen scheint, wurde sie "halt" Tagesmutter. Natürlich hat die Frau im Film auch keinerlei Nähe/Distanz-Empfinden, von Feingefühl ganz zu schweigen. So duzt sie die Mutter scheinbar beim ersten Treffen, grabscht und fingert schon nach wenigen Minuten ungefragt nach dem Kind; behält es dann scheinbar auch noch ohne weitere Eingewöhnung gleich bei sich.

Diese grauenhafte Vorstellung wird verstärkt

durch den sofortigen Wechsel der Szenerie hin zur überaus besorgten Mutter, die völlig allein gelassen auf einer verlassenen Parkbank kauert und um ihr Kind bangt.

Die Begehung der Wohnung dieser Tagesmutter gibt einem dann den Rest.

Sie hat ein „halbes Wohn-Esszimmer“ in das sie in einer freie Ecke ein Bällebad gequetscht hat: Zudem plant sie doch das Kleinkind in ein randloses Bett zu verfrachten, aus dem es sofort herausfallen würde. Auf besorgte Nachfrage der Mutter, antwortet die Tupper-Frau, sie sei ja dabei – was beim Zuseher verständlicherweise eine Riesen-Skepsis hinterlässt.

Bevor die Szene endet, erfahren wir dann noch schnell, dass die Tupper-Frau das Kind wohl nehmen wird (hat sie beim kurzen Rundgang bereits entschieden), weil: „es ist ja kein Schreikind“ – will sagen, sie hat schon lieber ihre Ruhe, statt zu betreuen.

Im persönlichen Interview mit der Tagesmutter erfahren wir dann, dass sie Geld verdienen MUSS, weil ihr Mann halt arbeitslos ist !!

Klare Botschaft an den Zuseher: Tagesmütter kommen aus dem "Hartz 4" Milleu";

indem ja ohnehin keiner was schaffen will. Der abgebenden Mutter geht es bei dieser Tagesmutter offensichtlich in jeder Hinsicht schlecht, denn in diesem Beitrag ist zudem plötzlich die Kita die zeitlich flexiblere Variante, trotz Öffnungszeiten, denn bei der Tupper-Frau muss sie dauernd um Verständnis betteln, wenn‘s mal später wird.

Dieses Horrorszenarium wird durch ein Interview mit der Mutter vertieft, die während ihrer stressigen Fahrt zur Arbeit laut darüber nachdenkt, was denn mit ihrem Job sei, wenn diese Frau, die sie ohnehin nie wollte, auch noch langfristig erkrankt. Völlig fertig von dieser Darstellung nimmt der Zuschauer dann kaum noch wahr, das am Ende der Reportage kurz O-Töne von Eltern eingefangen werden, die entnervt in einem Vorraum einer Kita stehen, um sich in eine Warteliste einzutragen und dabei konstatieren, dass ein plötzliches Freiwerden von Kitaplätzen offensichtlich durch erhöhte Betreuungsschlüssel und Hinzunahme ungelernter Quereinsteiger erreicht wurde

– diese Form der Quantität wurde selbstverständlich nicht mehr bildlich dargestellt.

Diesen unseren Eindruck haben wir dem Redaktionsleiter mitgeteilt.

Die Antwort, die ich vom zuständigen Redaktionsleiter, Herrn Harald Lüders, erhalten habe - und natürlich auch meine Antwort darauf - möchte ich Euch nicht vorenthalten. Wie erwartet, bedauert auch er die große Empörung, die diese Reportage deutschlandweit ausgelöst hat, geht aber ebenso wenig wie die Produktionsfirma auch, nicht auf meine Kritik der abwertenden Stilmittel ein.

Antwort Herr Lüders:

>>Sehr geehrte Frau Rowley, unsere Zuschauerredaktion hat Ihre Mail an mich weitergeleitet, ich bin der zuständige Redaktionsleiter der zdf.reportage. Ich bedaure sehr, dass unsere Reportage von Ihnen als beleidigend empfunden wurde. Ihre Einschätzung, der Film sei manipulierend gemacht, muss ich aber zurückweisen. Eine Reportage ist keine Dokumentation, die allgemeingültige Aussagen trifft. In unserem Film wurden nicht generell Tagesmütter und Kitas miteinander verglichen, sondern wir haben die Erlebnisse konkreter Eltern geschildert. Wäre Familie Hebrock bei der Tagesmutter geblieben, so wäre diese auch Entwicklung im Film abgebildet worden. Eine einzelne Reportage kann nie alle Facetten der Wirklichkeit abbilden. Wir haben genau die Situation geschildert, die wir vorgefunden haben. Schon mehrfach war die Situation der Kinderbetreuung Gegenstand unserer Berichterstattung. Es gab genügend Filme in denen Tagesmütter und ihre wichtige Arbeit mehr in Ihrem Sinn gezeigt wurden. Diese Reportage aber folgte jungen Eltern bei der Suche nach Betreuung rund um den Stichtag 1.8. Ihre Erlebnisse bestimmten den Film, sonst nichts. Das auch in den Kitas zum 1.8. hin Mitarbeiter in Schnellkursen ausgebildet wurden, war im letzten O- Ton der Kitaleiterin klar zu hören. Ich bedaure nochmals den Eindruck, den dieser Film bei Ihnen hinterlassen hat. Wir werden das Thema bestimmt wieder aufgreifen, ich werde dann gerne auf Sie zukommen. Hochachtungsvoll, Harald Lüders

Meine Antwort hierauf:

>> Sehr geehrter Herr Lüders, herzlichen Dank, dass Sie sich meiner Kritik persönlich angenommen haben. Ihre Antwort darauf überzeugt mich nicht. Meine Kritik speziell an dieser Reportage ist unabhängig davon zu sehen, dass die Situation für diese abgebende Mutter offensichtlich unbefriedigend war. Jeder Familie in Deutschland ist bei der Betreuungsplatzsuche zu wünschen, dass sie die für sie „richtige Wahl“ der Betreuungsform trifft und auch findet. Es geht ausnahmslos um die Außenwirkung die entstanden ist, durch die Art und Weise, wie sie die Informationen verarbeitet haben; durch entsprechend untermalende Kommentare, gewählte Gesprächsausschnitte etc.- fehlte nur noch, dass sie die Tagesmutter beim Zigaretten-Päuschen gefilmt hätten. Auch dann könnten Sie durchaus anführen, dass nur das gefilmt worden ist, was Sie "vorgefunden" haben. Und welchen Grund, außer der Abwertung, soll es haben, dass ein Sprecher explizit betonen muss, dass Maultaschen aus der Packung kommen, und das Kind keine Zähne hat; denn diese Hinweise dienen in keiner Weise dem von Ihnen dargestellten Ziel, Wartelisten in Kitas zu dokumentieren.

Sie tragen aus meiner Sicht eine große Verantwortung für die Wirkung einer Reportage, die deutschlandweit ausgestrahlt wurde. Und Sie haben nun dafür gesorgt, dass jungen Eltern erneut das kalte Grausen aufsteigt, beim Anblick solch schlechter Alternativen zur Kita. Nun ist es wieder an uns, diese fürchterlichen Vorurteile aus den Köpfen junger Eltern heraus zu "beraten". Es gibt überhaupt keinen Grund einen Berufsstand, der eine völlig andere Aufgabe innerhalb der Kinderbetreuungslandschaft erfüllt, und der von 1000en von Frauen, Männern und Paaren hochqualifiziert ausgeübt wird, herabzuwürdigen, um Missstände in einer anderen Betreuungsform aufzuzeigen. Es wird Zeit, dass sich die Medien dieser Betreuungsform endlich aus einer anderen Sicht nähern, denn sie ist die einzige, die den Allerkleinsten noch die so wichtige Bindung zur Bezugsperson ermöglichen kann (ohne Bindung – keine Bildung!) und auch die, die uns angesichts der immer flexibler werdenden Arbeitswelt vor den 24-Stunden-Taubenschlag-Kitas bewahrt.

Mit freundlichen Grüßen

Susanne Rowley <<

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