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Samstag, 25. April 2015

Autor: Susanne Rowley

Vom Regen in die Traufe. Endlich drin in der Kita, dann unzufrieden

Friss' oder Stirb'. Bei solchen Perspektiven kann man sich schon mal für's Sterben entscheiden.


Liebe Wigwam-Freunde,

http://www.berliner-zeitung.de/familie/kinderbetreuung-das-kita-dilemma---endlich-drin--aber-unzufrieden,27871856,30394940.html

Eine Autorin hat sich Gedanken gemacht, und lässt die Leser daran teilhaben, was sie sich so denkt zu den Qualitätsmängeln in Einrichtungen.

Erstaunliches kann man hier lesen, z.B. das:

>> Unser Sohn wird zuhause so gefördert, dass ihm eine mittelmäßige Kita nicht schadet. <<

Kennen Sie das?

Sie sehen sich einem Problem gegenüber und stellen fest, Sie können nicht wirklich etwas daran ändern, weil Ihnen die Möglichkeiten der Einflussnahme komplett fehlen.

Was tun Sie dann?

Da gäbe es zum einen die Möglichkeit, zu rebellieren, oder sich den als schlecht empfundenen Rahmenbedingungen zu entziehen,

oder aber

Sie dimmen das Problem soweit herunter, bis es am Ende keines mehr zu sein scheint.

Perspektiven Wechsel nennt man das.

  • Die Ansprüche stutzen.
  • Die Wünsche ein bisschen kahl rasieren.
  • Andere machen’s doch auch - vor sich hin sagen, und/oder sich vor Augen führen: Es gibt Schlimmeres.

Ja stimmt - schlimmer geht immer.

Aber sind das wirklich nennenswerte Argumente? Ich persönlich fühle mich immer unwohl, wenn ich diesen Zug an mir selbst feststelle.

In den letzten 22 Jahren, in denen ich mich dem Thema Vereinbarkeit von Beruf & Familie intensiv widmete, stellte ich bei Eltern immer wieder solche Schwingungen & Tendenzen fest, und oftmals bleibt mir nur, diesen Trend zu beschreiben, denn wirklich verstehen kann ich es nicht.

Warum gehen Eltern mit himmelschreienden Qualitätsmängeln in den Einrichtungen so um?

Die Eltern lesen landauf landab von stellenweise katastrophalen Betreuungsschlüsseln in den Kitas, sie sehen mit eigenen Augen, wie voll es ist. Sie erleben hautnah, dass die Eingewöhnung ihres Kindes nicht wirklich gelingen will. Sie bekommen gar von Kita-Leitungen persönlich gesagt, wie sehr in manchen Einrichtungen am Limit betreut wird, und dennoch bringen sie ihr 15 Monate altes Kind dort hin.

>> Wie hoch ist denn Euer Betreuungsschlüssel so? <<

fragt man dann mal bei der Nachbarin nach, um zu erfahren, dass er woanders viel besser ist. Woanders kümmern sich 2 Erzieher um 10 Kinder – woanders, aber nicht bei mir.

>> In unserer Berliner Kita (..) kümmern sich zwei Erzieherinnen mit Teilzeitstellen um zehn Kinder. Meistens ist von beiden nur eine Erzieherin da. Momentan ist eine krank und die andere im Urlaub. Dann wird die Gruppe auf die Etage verteilt und es kümmern sich andere Erzieher um unsere Krippenkinder. <<

Oder hier:

>> Also habe ich mir eine städtische Kita mit gutem Ruf um die Ecke angeschaut. Die Leiterin hat die interessierte Elterngruppe durch das Gebäude geführt und das neue Konzept der „offenen Gruppen“ erklärt. Doch dann fiel ein Satz, der alle Begeisterung verpuffen ließ. „Ich rede ganz offen mit Ihnen. Wir haben bei den über Dreijährigen fünfzehn Kinder in einer Gruppe. Meistens werden sie von einem Erzieher betreut. Anders geht das nicht. Wenn ein Erzieher krank ist, rufe ich bei der Zeitarbeit an. Da kriegt man aber nicht unbedingt pädagogisch geschultes Personal.“ Enttäuschung machte sich breit, denn der Betreuungsschlüssel ist ja noch schlechter als bei uns. <<

Es sickert also deutlich ins Bewusstsein der Eltern ein:

Die viel beschworene hochqualifizierte Bildung und Förderung besteht maximal aus Wickeln, Füttern und Aufpassen. Aufpassen, Wickeln und Füttern konnte meine Oma auch.

Von der Unmöglichkeit einer engen Bindung zwischen Kind und Erzieher fange ich gar nicht erst an – versprochen.

Und sie erfahren noch mehr diese Eltern:

>> Als im Februar „unsere“ Erzieherin, die letzte, die seit der Eingewöhnung übrig geblieben war, kündigte, weinten einige Eltern auf dem Elternabend. Zum dritten Mal innerhalb von anderthalb Jahren kamen neue Erzieher. Unmut machte sich breit. Fest entschlossen wollten einige Eltern die Kita wechseln, auch die Autorin, ich. Doch wohin? <<

Eine unaufhaltsame Spirale der Unterversorgung

kommt aus der Überforderung der dagebliebenen Erzieherinnen und Erzieher heraus in Gang. Wo die Betreuungsdecke dünn wird, müssen Wenige stemmen, was vorher auch schon nicht ging. 

Auch das entgeht den Eltern nicht.

Und trotzdem halten Viele klaglos an den betroffenen Einrichtungen fest. 

Ich male mir aus, dass Eltern Konsequenzen daraus ziehen, auf die Barrikaden gehen, einfordern, was ihnen vollmundig versprochen wurde. Ich wünsche mir, dass sie sich abwenden von dem, was ihrem Kind nicht gut tut. Ich stelle mir vor, dass alle betroffenen Eltern nach guten Alternativen suchen.

Aber nein, das tun sie nicht. Im Gegenteil.

Sie hegen vielmehr völlig widersinnige Gedankengänge. Verharmlosen, wo es aufzubegehren gilt. Nehmen hin, was sie nicht hinnehmen müssten. Lassen zu, was zu recht zu kritisieren ist. 

Ich denke schon lange nicht mehr,

dass diese Haltung allein mit einem möglichen Platzmangel zu erklären ist. Vielmehr sehe ich darin längst ein sich Ergeben in eine einseitige Familienpolitik.

Friss oder stirb. Da kann man sich schon mal für's Sterben entscheiden.

Worin eine solche Haltung gipfeln kann, sehen Sie am deutlichen Perspektivenwechsel der Autorin im Artikel:

>> Nach diesem Besuch setzte bei uns zuhause ein Umdenken ein. Wir schauten auf unser Kind. Klar, die frühen Betreuerwechsel mit zwei Jahren waren schlimm. Aber jetzt ist unser Sohn drei Jahre alt und geht so gern in die Kita, wie ein Kind eben gern in die Kita geht. Meistens will er nicht hin, am Nachmittag will er aber auch nicht weg. Wir sind zum Schluss gekommen, dass wir als Eltern unzufriedener mit der ganzen Situation sind als unser Sohn selbst. Deshalb haben wir angefangen, Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwägen. Zwar werden bei uns keine Ausflüge, weder in den nahen Park noch ins Puppentheater angeboten, es gibt kein Bio-Essen und ich bin mir nicht einmal sicher, ob schon jemals eine Erzieherin etwas in das obligatorische Sprachlerntagebuch eingetragen hat, dafür aber geht er seit mittlerweile anderthalb Jahren in diese Einrichtung, kennt den Weg, das Gebäude und die Kinder seiner Gruppe. Er wird zu Geburtstagen eingeladen, wir Eltern entlasten uns gegenseitig, indem wir abwechselnd die Kinder abholen. Wir bleiben also in der stinknormalen Kita.<<

Und dann setzt die Autorin noch diesen drauf:

>> Es ist keine Entscheidung die von Herzen kommt. Ich hätte mir eine bessere Betreuung in den ersten drei Jahren gewünscht und wünsche sie mir auch für die Zeit bis zur Einschulung. Allerdings hat unser Sohn Glück. Einen Tag in der Woche verbringt er bei seiner Oma. Wir gehen mit ihm ins Puppentheater, lesen viel vor und haben ein Wochenendgrundstück. <<

Die gute alte Oma! War das nicht die, die so gar keine Qualifizierung mitbringt? Und jetzt ist sie doch die, die fehlende Qualitäten ganz anderer Art ausgleichen muss.

Und abschließend schließt sich der Argumentationskreis jener Autorin folgendermaßen:

>> Familie wichtiger als Kita. Untersuchungen bestätigen, dass der familiäre Hintergrund nach wie vor einen größeren Einfluss auf die Entwicklung der Kinder hat als die Kita. Unser Sohn wird zuhause so gefördert, dass ihm eine mittelmäßige Kita nicht schadet. << 

Aber zackig räumt sie noch ein:

>> Problematisch ist es allerdings für Kinder, die nicht so viel Förderung von zuhause mitbekommen. Diese Kinder könnten in ihrer Entwicklung richtig von einer guten Kita profitieren. Und darum ist es wichtig, dass für alle Kinder die Qualität der Kitas verbessert wird. <<

Finden Sie das nicht auch bemerkenswert liebe Wigwam-Freunde? Da gibt es eine Betreuungsform, die trotz aller öffentlicher Kritik über selbige irgendwie erhaben bleibt.

Die Kindertagespflege hingegen,

die mit ihren Vorzügen in Sachen Bindung an eine Bezugsperson, Gruppengröße, Flexibilität und echter Erziehungspartnerschaft klar das Rennen machen müsste, bleibt nach wie vor hartnäckig das Schlusslicht.

Die Brücke,

die diese Betreuungsform hin zu den betreuungssuchenden Familien mit ihren vielfältigen Bedürfnissen schlagen könnte, weil eine hochwertige Konzeption auf unschlagbar gute Rahmenbedingungen trifft, wird einfach nicht beschritten.

Gestern erreichte mich Post von einer lieben Leserin meiner Artikel. Sie übersandte mir ein Plakat, auf dem ein Baum zu sehen ist, der in unzähligen Verzweigungen Bildungs- und Förderziele bildlich darstellt. Und doch war deutlich zu sehen, dass dieser Baum, so groß er auch übererdig aus dem Boden ragte, zu 80 Prozent seine Kraft aus dem Wurzelwerk bezieht.

Die Wurzeln der Bindung.

Bilder sagen wirklich mehr als Worte!

Für dieses Geschenk möchte ich mich an dieser Stelle noch einmal herzlich bedanken. Ich werde das Plakat rahmen lassen und in mein neues Büro hängen, dass ich dieses Jahr hoffentlich noch beziehen darf.

Der obige Artikel hat mich nicht sprachlos zurück gelassen, wie Sie lesen können, aber über Ihre persönliche Einschätzung, liebe Wigwam-Freunde, woran das oben beschriebene Problem aus Ihrer Sicht liegen könnte, würde ich mich freuen. 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein erholsames, sonniges Wochenende.

Ihre Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
Kapitän-Lorenz-Ufer 20
55583 Bad Kreuznach

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E-Mail: info_at_wigwam.de

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