Wigwam Blog

Sonntag, 11. Mai 2014

Autor: Susanne Rowley

Vom Deppen der Kinderbetreuungsnation

Die Kindertagespflege. 


Liebe Wigwam-Freunde,

es geht immer noch ein bisschen oller, auch wenn's schon doll war.

Schrieb ich vor Monaten noch in Sachen Kindertagespflege:

Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen,

läuft der Hase längst schon wieder andersrum – oder besser gesagt zick zack läuft er eben, weil er nicht weiß, wo er in Wahrheit eigentlich hin soll. So langsam mutiert die Geschichte der Kindertagespflege mehr und mehr zum Trauerspiel, und man kann nur allen Beteiligten raten, es nicht im Fiasko münden zu lassen.

Das Zitat stammt in leicht abgewandelter Form aus Schillers Trauerspiel

"Die Verschwörung des Fiesko zu Genua", und der Doge tritt mit diesen Worten von der Bühne ab. Die Kindertagespflege hat den Status des Mohrs, der gehen kann, aber noch lange nicht tritt sie deswegen von der Bühne ab, sondern ihr werden permanent seltsame neue Rollen zugewiesen. Also möchte ich mit Theodor Fontane zuspitzen, der den zweiten Teil des Zitats in seinem Gedicht "Die Alten und die Jungen" verwendet. Hier heißt es am Schluss: "Der Mohr kann gehn, neu Spiel hebt an - Sie beherrschen die Szene, sie sind dran!". Es gibt durchaus auch scherzhafte Varianten dieses Spruchs, die da lauten:

"Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann kaum noch gehen".

Das trifft es momentan wohl am ehesten, es sei denn man mag es noch deutlicher sagen, dann wählte ich denn Begriff des „Deppen der Nation“, der in der Betreuungslandschaft hin- und hergejagd wird. Was haben wir in der Kindertagespflege seit Jahren über uns ergehen lassen müssen, seit politisch Verantwortliche die Kinderbetreuungslandschaft als Spielfeld für sich entdeckt haben.

Da war in 2005 zunächst von einer dringend erforderlichen Professionalisierung der Kindertagespflege die Rede – die herzensgute Oma von nebenan, die das ein oder andere Schulkind am Nachmittag gerne abgeholt und verköstigt hat, sollte es von nun an ebenso nicht mehr geben, wie die Tagesmutter, die ein Baby in liebevolle Obhut übernahm. Von Gleichstellung der Kindertagespflege zu Einrichtungen war gar die Rede, und sie wurde sogar gesetzlich verankert. Eine höhere Qualifizierung in der Kindertagespflege sollte fortan sicherstellen, dass eine gewachsene altbekannte, familiäre Betreuungsform einen Namen erhält, um zukünftig eine pädagogische Rolle in der Betreuungslandschaft einzunehmen.

Kurz gesagt, alle Weichen in ein neues modernes Zeitalter der Kindertagespflege wurden gestellt, aber bislang ist der Zug bis zum heutigen Tag auf gelegter Spur nicht losgefahren. Denn eines ist ihr bis heute versagt geblieben: die Anerkennung! Eine Zeitlang sah es so aus, als ob die Vorzüge, die dieser Betreuungsform unbestritten eigen sind, nämlich eine große Bindungsmöglichkeit für die Allerkleinsten, und ihre hohe Flexibilität und Anpassungsfähigkeit erkannt worden wären, und sie nun gepaart mit einem hohen Qualifizierungsstandard endlich auf die Startbahn rollen dürfte. Mitnichten kam sie bis heute auch nur in die Nähe des Rollfeldes, ganz zu schweigen von einer Starterlaubnis.

Stattdessen geschieht etwas ganz Ungeheuerliches.

Der Kindertagespflege wird zunehmend „ihr Gesicht“ genommen.

Schon damals in 2004 als die Vorbereitungen anliefen und Renate Schmidt das Familienministerium anführte, habe ich geahnt, dass dieses Ansinnen solange nicht funktionieren würde, wie die Gleichstellung verschiedener Betreuungsformen nur auf dem Papier existiert, und ich gab dies in einem Interview von Ländersache Rheinland-Pfalz, das ich leider in keiner Mediathek mehr heraussuchen kann, deutlich zu Protokoll. Ich befürchtete schon damals, dass die qualifizierte Tagespflege in einem in sich widersprüchlichen Lückenbüßer-Modell enden könnte, das lediglich einen sauberen Anstrich bekommen würde, sofern die Rahmenbedingungen samt Anerkennung nicht gleichauf rangieren würden – und genauso ist es gekommen.

Stellen Sie sich vor,

sie haben deutschlandweit einen Techniker-Mangel, bilden die Fachkräfte aus, und planen insgeheim sie ohnehin nur im Lager einzusetzen. Die Lagerarbeiter, die sie zuvor im Lager beschäftigt haben, waren ihnen nicht mehr gut genug, aber nicht weil die Lagerarbeiter ihren Job nicht verstanden hätten, sondern weil sie im Grunde die Lagerhaltung an sich verfluchen. Und weil das so ist, werden auch die Techniker im Lager keinen Fuß auf den Boden kriegen – nicht mal dann, wenn sie den Diplom Ingenieur noch draufsatteln. Ich glaube dieser Vergleich ist durchaus geeignet, zu verdeutlichen, was derzeit mit der Kindertagespflege passiert. Sie nutzen also keine wertvolle Ressource, deren unschätzbaren Kern sie erkannt haben und der sie mit den richtigen Maßnahmen zum Durchbruch verhelfen möchten, sondern sie benutzen sie gerade so, wie es ihnen in den Kram passt, und das auch nur so lange, bis sie ein Problem ganz anderer Art gelöst glauben.

Dazwischen stellen sie ab und an fest, dass sie den unliebsamen Untermieter, den sie nun auch noch ausgebildet haben, nicht wirklich loswerden, weil sie ohne ihn nicht klar kommen. Und so kommen sie zustande die Ge-zeiten, denen die Kindertagespflege seit Jahren ausgesetzt ist. Den Rechtsanspruch vor Augen, die Angst vor der Klagewelle im Genick wurde der Begriff „stille Reserve“ geboren, ein Kindertagespflege-Potential, dass Verantwortliche glaubten neu entdecken zu müssen, obwohl es schon solange da ist, wie es Kinder gibt.

www.zeit.de/2013/05/Kinderbetreuung-Tagesmutter-Kommunen/komplettansicht

Als die Klagewelle dann ausblieb, lag der Fokus wieder auf den Kitas, die nun ausgelastet werden mussten, nachdem man sie containerweise aus dem Boden gestampft hatte. Also mutierte die Tagesmutter flux zum Notnagel, aber immer nur da, wo gerade ein Kitaplatzmangel zu beklagen war. Nebenbei registrierte man sehr wohl, dass so manch ein Berufsbild moderner sein könnte, als die Öffnungszeiten der städtischen Kita. Kein Problem, der Notnagel kann ja sicher auch Taxifahren und Kindern eine 2 Anlaufstelle am Tag bescheren.

www.stern.de/politik/deutschland/kitas-teilzeit-tagesmuetter-von-der-leyen-will-familienfreundliche-bundeswehr-2082638.html

Das ließe sich sogar ausbauen, glaubt man unserer 2. Übermutti im Lande, die sich nun die Bundeswehr zur Brust genommen hat, und hier mal so richtig „Grund reinbringen“ möchte.

Sie wittert gar ein Ausbaumodell für Tagesmütter, direkt in den Kasernen, in denen sie sie entweder als Lückenbüßer für Bundeswehr-Kitas einsetzen oder gleich fest angestellen möchte. So tönt sie dieser Tage >> "Karriere bei der Bundeswehr darf im Regelfall nicht bedeuten: immer im Dienst und alle paar Jahre ein Umzug." Da die Lebenspartner der Soldaten häufig selbst berufstätig seien, trügen Versetzungen große Spannungen in die Familien. "Ich werde mir das System der nahezu automatischen Versetzungen alle zwei bis drei Jahre genau ansehen. Wenn jemand eine steile Karriere macht, dann geht das auch in großen Wirtschaftskonzernen nicht ohne häufige Positions- und Ortswechsel. Aber die Frage ist, ob dies für die große Mehrheit der Soldatinnen und Soldaten immer sinnvoll ist." <<

Und weiter weiß sie dazu:

"Wir brauchen ein flexibles System der Kinderbetreuung rund um die Bundeswehr", wir sollten gerade für die Betreuung in Randzeiten sehr viel stärker mit Tagesmüttern arbeiten. Denn das ist eine besonders flexible Form der Kinderbetreuung und wir haben den großen Vorteil, dass es in vielen Kasernen den Platz dafür gibt." <<

Dazu fällt mir spontan ein: Was sie den Soldatinnen und den Soldaten der Bundeswehr zukünftig ersparen und an Zufriedenheit bescheren möchte, mutet sie dann eben schnell den Tagesmüttern und –vätern zu. Mittlerweile sind wir aber noch einen Schritt weiter in der Entfremdung und dem verlogenen Umgang mit der Kindertagespflege – jetzt heißt es Landauf Landab

„Tagesmütter in Not“ 

www.fnp.de/lokales/frankfurt/Tagesmuetter-in-Not;art675,725890.

Gebetsmühlenartig hört man hier und da mahnende Worte von scheinbar engagierten Bildungsdezernenten, die urplötzlich glauben, für die Kindertagespflege in die Presche springen zu müssen. So hört man von Sarah Sorge von den Grünen in Hessen:

>>Wir haben die Zahl der Kita-Plätze in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt. Das hat keine andere Stadt geschafft.“ Es wurde gebaut und gebaut. Viel Geld investiert. Die Angst vor einer Klagewelle der Eltern war groß. Deshalb wurde auch die Qualifizierung des Tagespflegepersonals forciert. Die Stadt wollte gewappnet sein. Doch die Klagen blieben aus. Alle Kinder kamen in Krippen unter. Kein Wunder, haben die Eltern ihre Kinder doch panisch in bis zu zehn Kitas angemeldet. Zu leiden haben darunter nun die Tagesmütter. Oft sitzen sie in leeren Wohnungen, finden keine Kinder, die noch zu betreuen wären. Das kann so nicht sein. Die Stadt ist in der Pflicht, die Tagesmütter zu unterstützen. (…) Denn die Stadt kann die Tagesmütter und -väter nicht länger allein im Regen stehen, in ihren leeren Wohnungen sitzen lassen.<<

Himmel aber auch –

wie konnte das geschehen? Der Artikel zeigt uns schnell, was konkret schiefgelaufen ist. Rahmenbedingungen, die zur richtigen Platzfindung für Eltern und Kinder dringend notwendig gewesen wären, wie eine funktionierender Beratungs- und Vermittlungsnavigation fehlen bis heute.

Das hatte zur Folge, was es immer zur Folge, hat: Eltern melden ihre Kinder panisch in 10 Kitas gleichzeitig an – freie Plätze in der Tagespflege kommen weder in den Köpfen noch in Angeboten vor. Sehr bezeichnend für den nicht vollzogenen Fortschritt in den Köpfen, mangels Anerkennung durch politisch Verantwortliche ist ein Eltern-Kommentar der just unter diesem Artikel zu lesen steht.

Der Kommentartor beklagt zum einen, dass >> wer in FFM-Bornheim wohnt, keine Kita in FFM-Nied braucht. Und wenn die Option Tagesmutter eben nicht die Präferenz ist, muss man das akzeptieren, anstatt noch mehr Geld für die Werbung auszugeben. Für viele Eltern ist das ein psychologisches Thema, weil letztlich die Qualität kaum kontrolliert werden kann.<<

Und jetzt kommt das Hammer-Argument schlechthin,

damit wir auch alle wissen, wo die Kindertagespflege eigentlich hingehört: >> Der Heizer auf der E-Lok musste sich irgendwann auch einen neuen Job suchen. Es gibt auch keinen Grund, warum der Staat dieses Modell privilegieren sollte. Kindertageseinrichtungen suchen händeringend qualifiziertes Personal. Tagesmütter sollten die besten Voraussetzungen dafür mitbringen. Oder will Frau Lorenz, dass die neu gebauten Kitas leerstehen??? <<

Was will uns dieses Statement sagen? Es sagt uns, was nun als neuester Streich angesagt ist: Um die einzig gesellschaftlich rundum akzeptierte Betreuungsform Kita trotz massiver Krankheitssymptome alleinig auf der Rennstrecke zu halten, statt sie um ihrer eigenen Qualität willen durch die Kindertagespflege auf Augenhöhe flankieren zu lassen, wird nun der Mohr nochmal neu und anders aktiviert. Die Tagesmütter sollen also jetzt in die Kitas rein, weil Erzieher allerorten fehlen. Was vorher aus Qualitätsgründen undenkbar schien, selbst dann, wenn es sich bei den Tagesmüttern um qualifizierte Erzieher und Sozialpädagogen handelte, die dennoch keinesfalls in einem Atemzug genannt werden durften; also die, die zu angeheizten Diskussionen in der Vergütungsstruktur Anlass gaben, werden jetzt gebeten auszuhelfen.

Es geht also weiter im Irrenhaus der U3-Betreuung, in der der eine darf, was er nicht hinkriegt, und der andere soll, wozu er gar nicht angetreten ist. Massive Qualitätsmängel, Personalmangel an allen Ecken und Enden und in der Folge Kindeswohlgefährdung spielen ebenso wenig eine Rolle, wie die offensichtliche Konzeptlosigkeit der politisch Verantwortlichen, die komplett den Bezug zu Eltern und damit zur Vereinbarung von Beruf und Familie verloren haben.

Manch einer mag annehmen, dass diese Unfähigkeit für immer ein ungelöstes Rätsel bleiben wird. Das Rätsel ist längst gelöst, nur möchte niemand die Konsequenzen daraus tragen. Betreuungsangebote müssen so bunt sein, wie die Welt für die sie eingesetzt werden sollen. Und: Angebote wollen gepflegt und anerkannt sein, und Nachfrage will entsprechend koordiniert werden. Wenn ich dann / nur am Rande bemerkt / beispielsweise in Konzeptionspapieren und -vorschlägen zu Vertretungsreglungen und Vernetzung von Tagesmüttern aus verschiedenen Ländern und Kommunen lese, dass eine der größten Hürden, so etwas umzusetzen, die Tatsache ist, dass es einem Behördenmitarbeiter nicht zuzumuten sei, nach 17 Uhr noch kontaktiert zu werden, weil er dann schon längst ins häusliche Beamtensofa pupst, na dann weiß ich auch nicht weiter.

Ich gebe zu, dass es mich an manchen Tagen mehr als traurig stimmt, ja sogar sprachlos zurück lässt, wenn ich nach 20 Jahren Einsatz für die Kindertagespflege eine solche Entwicklung miterleben muss.

Aber liebe Wigwam-Freunde, ich bleibe natürlich am Ball, auch wenn ich mittlerweile zu der Erkenntnis gekommen bin, dass ein Fingerzeig hier und da uns nicht mehr weiterhelfen wird.

Will sagen: Es wird in der Tat Zeit, andere Geschütze aufzufahren.

Eure Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
Kapitän-Lorenz-Ufer 20
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