Wigwam Blog

Samstag, 1. Februar 2014

Autor: Susanne Rowley

Vereinbarkeit von Familie & Beruf - 2 Väter

2 Journalisten sagen, es ist die Hölle.


Hallo liebe Wigwam-Freunde, 

Unser Thema für diesen Info-Brief:

ist dieser Zeitungsartikel, der in allen sozialen Netzwerken derzeit die Runde macht. Die beiden Väter und Journalisten Marc Brost und Wefing haben sich die Mühe gemacht, das Gerede von „Vereinbarung von Familie und Beruf“ einmal näher zu beleuchten – anhand ihres eigenen Lebens.

www.zeit.de/2014/06/vereinbarkeit-vaeter-kinder-karriere-luege

Und sie kommen zu dem Schluss:

Vereinbarkeit von Familie und Beruf - Geht alles gar nicht! Dass sich Kinder und Karriere vereinbaren lassen, ist eine Lüge. Zeit für mehr Ehrlichkeit.

Sind wir gerne Väter? Ja, absolut, von ganzem Herzen. Sind wir gerne Journalisten? Ja, leidenschaftlich gerne. Und, geht beides zusammen? Die übliche Antwort lautet: Ja, klar. Manchmal hakt es ein bisschen, manchmal sind alle ein bisschen erschöpft – Vater, Mutter, Kinder. "Urlaubsreif" nennen wir das. Aber im Großen und Ganzen? Gibt es kein Problem. Wir sind ja prima organisiert, im Job und zu Hause, wir sind diszipliniert, wir wollen, dass alles klappt. Also klappt es auch, irgendwie. Die Wahrheit ist: Es ist die Hölle.<<

Vereinbarkeit von Familie + Beruf eine Lüge?

Wow dachte ich beim erstmaligen Lesen des Artikels. Da haben aber 2 Väter mächtig Leidensdruck, der endlich mal raus muss. Meinem Artikel dazu hier unten gebe ich eine völlig andere Überschrift, die sich Ihnen erschließt, wenn Sie weiterlesen mögen:

Ich will aus der Rolle fallen, damit ich aus der Falle rolle

Aber zunächst zum Artikel oben – hier lesen wir z.B.:

>>Also tüfteln wir mit unseren Partnerinnen einen Plan aus, gleichen die Terminkalender ab, die Woche im Halbstundentakt. Wer kümmert sich wann um die Kinder? Wer bringt sie zum Geburtstagsfest des Freundes? Wer fährt sie am Wochenende zum Turnier? Hier quetschen wir noch eine Stunde Sport rein, donnerstags geht sie zum Chor, da musst du um sieben da sein! Die Familie wird zur Fahrgemeinschaft, aus Paaren werden Partner in der Logistikbranche.<<

Ich finde diesen Artikel nicht schlecht,

unglaublich ehrlich, ausgewogen, und wäre dieser Text in einem Vortrag hörbar, wäre ganz sicher an manch einer Stelle ein Raunen durch den Saal gegangen. Wie wohltuend, wenn Mann und Frau endlich mal sagen können, was wirklich Sache ist, wie sich das Leben anfühlt.

Soweit so gut.

Und dennoch fehlt mir etwas ganz Entscheidendes

in diesem Artikel; etwas, was nur nebenbei so zwischen den Zeilen mitschwingt. Die Rede ist von der Erwartungshaltung an uns selbst, die ja nur dann entstehen kann, wenn wir Werte, die wir leben, mit einer bestimmten Haltung verknüpfen. Und diese wiederum hat ihre Ursachen ganz woanders. Gerne erläutere ich etwas näher, worauf ich hinaus möchte. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, die bestimmten Maßstäben folgt, über die wir uns ab und an ein bisschen beschweren, erkennen aber nicht, dass wir selbst ein Teil von ihr sind, der das Prinzip am Laufen hält. Wir schreien ab und an nach ein paar mehr Werten, die uns in der Gemeinschaft fehlen, würden wir aber etwas dafür tun müssen, dann rücken sie schnell wieder in den Hintergrund. Wir möchten etwas ändern, aber um Gottes Willen nicht der Erste sein, der damit beginnt. Und ganz ehrlich gesagt, wissen wir auch nicht so recht, was wir denn so ändern möchten, denn wer weiß schon, wo das dann hinführt.

Wenn ich mir selbst und dem anderen die Taschen voll lüge, ist es dann mit dem beherzten Beichten getan? Muss ich mich dann nicht fragen, warum die Lüge zu meinem Leben gehört. Aber vor allen Dingen müsste ich mich fragen, welchen Umstand die Lüge eigentlich verdecken soll. Und damit kommen wir der Sache schon ein wenig näher, denn wir möchten ungern bei Dingen erwischt werden, die einer „negativen Be-wertung“ unterliegen. Und darauf geht der Artikel nicht ansatzweise ein. Ok - dies war vielleicht nicht der Ansatz der Verfasser - aber darum haben die beiden auch keine Aussicht auf eine Er-lösung aus einem Zustand, den sie als Dilemma begreifen.

Sicher ist es richtig,

dass Lebens-Zusammenhänge sich verschoben haben, Frauen immer später Kinder bekommen, Menschen immer länger leben, und wir auf die dann folgende rushhour des Lebens noch keine Antworten gefunden haben. Und ganz sicher stecken wir in einem Entwicklungsprozess, den Folgen also von Emanzipation, in dem alte Rollenbilder zwar verabschiedet wurden, aber das neue Kleid passt noch nicht so ganz und zwickt hier und da noch ein bisschen. Aber müssten wir uns nicht bereits an früheren Stellen fragen, warum ist das so? Warum bekommen Frauen immer später Kinder? Ist es nicht so, dass auch dieser Umstand bereits dem Leistungsgedanken und damit der hohen Eigenerwartung geschuldet ist?

Sind also die von uns ausgemachten Ursachen nicht in Wahrheit die Wirkung von etwas ganz anderem?

An dieser Stelle fällt unser Blick immer gerne über die Landesgrenzen hinaus; die Dänen. Hier ist die Rede von Feierabend um 16 Uhr, Sitzungen am Abend sind per se verpönt, und wenn die Kinder krank sind, erscheint selbstverständlich kein Mensch im Büro. Aber wie kamen die Dänen zu dieser Haltung. Wurde sie von oben erlaubt und/oder verordnet? Wurden zuerst die politischen Rahmenbedingungen dafür geschaffen? Oder haben die Dänen dafür demonstriert und die Politik reagierte dann? An dieser Stelle sei auf einen sehr interessanten Artikel denmark.dk/de/wir-danen/familie-binning/ verwiesen, den eine Familie geschrieben hat, die von Australien nach Dänemark zog; sie beschreiben also, wie man sich in diesem Land fühlt, wenn man von „außen“ dazu stößt, also mit einer ganz anderen inneren Haltung die Bedingungen in diesem Land kennen gelernt hat. Interessant an diesem Artikel ist, dass nicht nur die andersartigen Bedingungen beschrieben werden, sondern eine offensichtliche Grundhaltung, die den Bedingungen zugrunde liegt.

Nämlich: >> (..) dass man in Dänemark allergrößten Wert auf die Entwicklung der sozialen Kompetenzen der Kinder legt, so dass sie reifer und lernbereiter sind, wenn sie in die Schule kommen. Diese Unterstreichung der sozialen Komponente findet sich überall im Ausbildungssystem. Ich sehe es deutlich in dem Umgang mit meinen Doktoranden. Sie sind weitaus unabhängiger und kreativer, als ich es von anderswo kenne. Ich glaube, dass die Betonung der sozialen Kompetenzen Dänemark wirklich wettbewerbsfähig macht“, sagt Philip Binning.<< Und an anderer Stelle heißt es: >>Für viele Dänen ist der Begriff „hygge“ ganz wichtig, wenn sie etwas einzigartig Dänisches beschreiben sollen. „Hygge“ bedeutet Gemütlichkeit, ein Gefühl von Gemeinschaft und Sicherheit, das die Dänen erleben können, wenn sie mit Menschen, die ihnen viel bedeuten, zusammen sind.

Das ganze noch ein bisschen auf die Spitze getrieben

zeigt dieser Artikel:

www.welt.de/debatte/kommentare/article108406368/Teutonischer-Optimierungswahn-und-laessige-Daenen.html

>>Teutonischer Optimierungswahn und lässige Dänen<<,

so titelt der Artikel und zeigt in kleinen Passagen auf, wo der Denkfehler bei den Deutschen liegen könnte, denn: >> warum Deutsche und Dänen den ökonomischen Daten nach ziemlich ähnlich sind, sich ihr Blick aufs Leben jedoch fundamental unterscheidet. Dänemark rangiert in internationalen Zufriedenheitsumfragen an der Spitze, Deutschland muffelt stabil im Mittelfeld. Für ein bisschen mehr allgemeines Wohlbefinden muss man nicht gleich Grundsatzdebatten über das Ende des Kapitalismus oder der Freiheit oder der Gerechtigkeit führen, um am Ende schlecht gelaunt nichts zu tun.<<

Kurz gesagt,

es geht nicht darum, ein anderes Land per se zu verherrlichen, es geht einzig darum, einmal zu schauen, wie „Werte“, die eine jede Gesellschaft braucht, mit „was“ verknüpft sind. Der Artikel handelt von Haltung und Handeln!

>>Während die Dänen das klassische Sozialstaatsmodell raffiniert haben, schlingern die Deutschen zwischen angelsächsischem und nordwesteuropäischem Stil. Das dänische System der "Flexicurity" – kaum Kündigungsschutz bei ordentlicher sozialer Sicherung – kommt etwas durchdachter daher.<<

Undenkbar in Deutschen Landen –

wir wollen alles unter Kontrolle haben. Gelassenheit und Lockerheit käme einer Schlamperei gleich, und eine ordentliche soziale Absicherung würde unserem Prinzip des Abstrafens fürs Nichtstun massiv zuwiderlaufen. Toleranz und Freiheitsliebe stellen wir uns zwar gerne vor, geht hierzulande aber mit der Sucht, alles under control behalten zu müssen, leider nicht zusammen. >> Wo Mut und Zusammenhalt herrschen, da scheinen gesellschaftliche Ziele leichter zu erreichen, beim Nachwuchs zum Beispiel. Während deutsche Familienpolitiker seit Jahrzehnten vergeblich die Gebärlust anzuheizen versuchen, wird in Dänemark einfach Familie wertgeschätzt.<<

Also weniger Gesetze – dafür eine klare innere Haltung!

Die Frage wäre also z.B.: Wie definieren wir Freiheit. Freiheit wäre, wenn wir rund um die Uhr alles Tun könnten, was wir wollen. Wir brächten unsere Kinder in eine 24-Stunden-Kita ohne Öffnungszeiten – in Wahrheit wäre dies eine Art von Grenzenlosigkeit. Der Däne sieht dies lt. Artikel ganz anders. Freiheit wäre für ihn eher etwas „sein zu lassen“, statt alles zu tun. Wann lohnt sich etwas für die Deutschen. Ganz klar: Wenn wir bei der Neueröffnung eines Media-Marktes schon eine Stunde vorher da waren, das beste Gerät abgegriffen haben, und es nur die Hälfte kosten würde. Im Museum hätten wir dann gerne unser Eintrittsgeld hälftig zurück, wenn wir es nicht geschafft haben, vor Schließung der Pforten gar alles zu sehen, obwohl die Kinder nach 3 Stunden Guck-Marathon ohnehin nicht mehr konnten.

Wie stehen wir denn da in Deutschen Landen,

wenn unser Kind nicht mindestens 1 Instrument lernt oder sonst 2 Hobbys hat? Mein Kind kann noch nicht sitzen! Mein Kind trägt mit 3 Jahren noch eine Windel. Ab wann hat ein Kind üblicherweise zu Laufen? Was, wenn mit einem Lebensjahr noch immer nur „Da Da“ und ein verunglücktes „Mampa“ aus dem Mund des Kindes kommt? Ja, dann greift sie sofort die „Sprachförderung“. Und wenn der Hans im Unterricht zappelt, sind wir ganz schnell beim Psychiater mit dem Jung.

Ich erlebe sie oft die Eltern,

die bereits vorgeburtlich mit mir absprechen möchten, wie es danach zu laufen hat. Gelassenheit ist also nicht nur ein schwieriges Fremdwort, sondern wird verknüpft mit Haltlosigkeit. Und was, wenn alle Planungen nicht funktioniert haben, ach Gott, dann müssten wir auch wieder Zeit aufwenden, um den Schuldigen auszumachen.

Wir sind immer nur die armen Opfer dieser Gesellschaft, und brauchen eine Erlaubnis – von oben – gehen und sein lassen zu dürfen!

Statt dessen die übliche Antwort im o.g. Artikel:

>>Ja, klar. Manchmal hakt es ein bisschen, manchmal sind alle ein bisschen erschöpft – Vater, Mutter, Kinder. "Urlaubsreif" nennen wir das. Aber im Großen und Ganzen? Gibt es kein Problem. Wir sind ja prima organisiert, im Job und zu Hause, wir sind diszipliniert, wir wollen, dass alles klappt. Also klappt es auch, irgendwie. Die Wahrheit ist: Es ist die Hölle.<<

Allein die Tatsache, dass es schon einer Beichte oder einem outing gleichkommt, einen solchen Artikel zu verfassen, zeigt, worum es eigentlich geht. Wir schwimmen lieber mit dem Strom, ganz unauffällig, damit man uns nicht der Nachlässigkeit, der Faulheit, der Disziplinlosigkeit bezichtigt. Würden wir sagen was wir wahrlich denken, hätten wir das Stigma der schlechten Mutter/Vater sofort auf der Stirn kleben.

Wie gehen wir also um mit denjenigen, die das alles nicht auf die Reihe kriegen.

Alleinerziehende, die sich dem Doppeldiktat nicht unterziehen, wenn die Kraftreserven dazu nicht reichen. Das sind dann leider Versager, und an diesem Ufer möchte keiner gesehen werden. Wir tun also so, als ob und hoffen dabei nicht erwischt zu werden. Weil der andere aber auch nur so tut, als ob, wir dessen aber nicht ganz sicher sein können, tun wir weiterhin so als ob, dann sind wir auf der scheinbar sicheren Seite.

Also sind in Wahrheit nicht nur die Kinder Opfer dieser Nursotualsob-Gesellschaft, sondern auch die, die ihr längst entwachsen sein müssten, und die auch in der Lage wären, die Zusammenhänge endlich zu hinterfragen.

An anderer Stelle las ich heute einen wunderbaren Satz, den ein "echtes Opfer" verfasst hat:

>>Ich will aus der Rolle fallen, damit ich aus der Falle rolle.<<

Diesen möchte ich gerne unkommentiert so stehen lassen.

Herzlich Ihre Susanne Rowley

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Susanne Rowley
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