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Montag, 16. Dezember 2013

Autor: Susanne Rowley

Unvereinbarkeit von Familie & Beruf - Wo sind nur die wehrhaften Eltern geblieben?

Von unterlassener Hilfeleistung auf kommunaler Seite – oder dem Glänzen durch Abwesenheit auf Elternseite. 

Liebe Wigwam-Freunde,

heute muss ich mir mal wirklich Luft machen!

Wenn man das so liest, fällt einem schnell ein Straftatbestand im gesundheitlichen Bereich ein, Bürger fahren wissentlich an einem Unfallort vorbei usw. Unter ungünstigen Umständen kann die oben beschriebene Haltung auch schon mal zum Tod eines Patienten führen. Man stelle sich zudem einmal vor, Arzt und Patient würden nicht am selben Strang ziehen, wären beide nicht daran interessiert, Krankheit zu bekämpfen bzw. gesund zu machen/zu werden bzw. akutes oder weiterführendes Leid abzuwenden. Welchen Sinn hätte dann eine Behandlung?

Unterlassungen sind aber auch anderswo ein Thema,

und auch dort schlagen Herzen auf der einen und anderen Seite, nur leben die Patienten, von denen ich heute berichten will, jeweils noch, nur eben unter ungünstigeren Umständen, als dies sein müsste. Und genau das müsste so nicht sein.

Rätsel aus.

Die Rede ist natürlich von Kommunen, die nach wie vor nicht müde werden, an der Unvereinbarkeit von Familie und Beruf zu werkeln, aber seit Neustem stelle ich fest, dass sie damit nicht mehr alleine sind, sondern Unterstützung von Patienten erhält.

Es geht um die Eltern!

Auf betreuungsanbietender Seite

also auf Seiten der Tagesmütter und –väter äußere ich seit vielen Jahren heftige Kritik bezüglich des Umgangs mit den Missständen, die sie selbst betreffen. Ich kritisiere einerseits die Missstände an sich, als auch den Umgang, den Tagesmütter selbst an den Tag legen. Sie sorgen eigens tatkräftig dafür, ihren Status und persönlichen Selbstwert unter Verschluss zu halten. Heißt: Sie erwarten eine Absolution von Amtswegen, die ihnen aus meiner Sicht nie zuteil werden wird, solange sie von ihrer Art der Betreuung scheinbar selbst nichts halten. Sie sind unzufrieden, befürworten aber öffentlich lautstark ihre eigene Minderbehandlung, messen sich da, wo es nichts zu messen gibt, und glänzen besonders gerne mit der Betonung dessen, dass es ihnen in Sachen Kleinkindbetreuung in keiner Weise um Verdienst ginge, weil sie glauben, dass ihre soziale Arbeit den Profit per se ausschließen muss, weil es ihnen sonst an den ureigenen Glaubwürdigkeitskragen vor dem Spiegel stehend geht.

Ähnliches möchte ich heute auf Elternseite feststellen.

Auch Eltern sind voller Kritik und Unmut, beklagen sich über fehlende Betreuungsplätze, schimpfen über ellenlange Wartelisten, ziehen vor Gericht gegen die, die für sie da sein sollen, um ihre Ansprüche von Gesetzes wegen durchzusetzen. Und seit neuestem klagen sie vermehrt über massiv schlechter werdende Betreuungsschlüssel, überfüllte Einrichtungen, in denen die Qualität der Betreuung längst nicht mehr ihren Ansprüchen genügt. Sie sprechen tagein tagaus mit ErzieherInnen, die ihnen vordergründig ans Herz gewachsen sind, und schauen zu, wie diese entweder den Löffel werfen, oder aufgrund von Beschwerden bei ihrem Arbeitgeber flux in eine andere Einrichtung versetzt werden. Anmerkung: Diese Versetzungspraxis ist der neueste Schrei, funktioniert rasend schnell, und ist das jüngst kreierte „Allheilmittel“ der Kommunen, um einer endgültigen Kündigung des überforderten Erzieherpersonals vorzubeugen.

Heißt für Eltern und Kinder im Klartext – neue Bindungspersonen im fliegenden Wechsel, mit dem selben Dilemma konfrontiert – und damit ein vorprogrammierter neuer Wechsel für die Allerkleinsten. „Fliegender Wechsel“ in den Kitas wird das neue Schlagwort werden und könnte auch durchaus die Namensgebung der übervollen Buden beflügeln –

„Fliegendes Klassenzimmer“ (ach nein, ist ja schon vergeben...), Fliegender Holländer ( ) es wird ihnen schon was einfallen.

Auch nach-fliegenes Erzieherpersonal wir nicht lange brauchen, um zu erkennen, in welches Überforderungs-Karrussell sie da hoffnungsvoll eingestiegen sind - dann fliegt man eben weiter. Dann stehen sie da die Eltern, und haben selbstverständlich wieder einen neuen Angriffspunkt gefunden, um sich und andere zu be-klagen.

Klagen ist also derzeit die ausgewiesene Lieblingsbeschäftigung von Eltern, die nur das „Allerbeste für ihr Kind“ wollen, aber unter heftigen verbalen Lähmungserscheinungen leiden, wenn’s daran geht, sich an einer Änderung der Umstände tatkräftig zu beteiligen. Interessant dabei ist jedoch, „wie“ die Eltern klagen.

Da sehe ich seit Monaten nur 2 Wege: Entweder tun sie dies vor Gericht – das ist der distanziertere Weg; der Anwalt wird’s schon richten - oder aber sie stellen sich in kleinen konspirativen Grüppchen nach Schließungszeit der Kita-Einrichtung vor selbige und be-klagen sich mit und bei anderen Eltern – allerdings nur leise und auf jeden Fall hinter vorgehaltener Hand. Sehr nachhaltig – aber nur im Ohr der anderen Eltern! Angesprochen von engagierten Eltern, die Mitstreiter suchen, um an den Missständen wirklich etwas zu ändern, und die Wege suchen, um über den reinen Klage-Tratsch-Status hinauszukommen, werden mit Kopfschütteln beantwortet.

Ein Zusammenschluss von Eltern, um die Klage da vorzutragen, wo der Hammer hängt, ist auch bei größtem Leidensdruck nicht zu machen. Statt dessen begnügen sie sich mit Tuscheln nach Dienstschluss vor den Kita-Pforten.

Woran liegt das fragen wir uns zunehmend.

Es gibt sie, die Eltern, die diese Missstände sehen – aber sie tun sich nicht zusammen – und sie bewegen sich auch dann nicht, wenn vor-reitende Eltern sich bereit erklären, die echte Klage – nämlich da, wo Bewegung Not tut - zu führen.

Auch Experten bemerken

diesen Umstand, dass Eltern dazu neigen, „für sich alleine zu rödeln“ und ihre Probleme wiederholt lieber der Parkuhr oder der Nachbarin zu erzählen; und Medien konstatieren schon seit geraumer Zeit über die wohl nicht vorhandene Unzufriedenheit von Eltern mangels fehlender vorzeigbarer Klagewellen.

Sowohl die Welle ab dem Zeitpunkt des Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ist ausgeblieben, als auch die Elternstimme beim Zusehen dieser miserablen Zustände – es ist nirgends wirklich etwas zu hören – und sie schnattern weiter, selbst wenn Kindeswohlgefährdung offensichtlich wird. Bei mir kommen sie an – diese klagenden Stimmen. Jedoch, sobald man eine Bündelung jener Stimmen vorschlägt, sind die Stimmen weg und Schweigen tritt ein.

Ich habe mir nun die Mühe gemacht, all‘ jene Eltern auf die Gründe für ihr heutiges und auch zukünftig geplantes Schweigen direkt anzusprechen. Die Antworten hierauf überraschen nicht wirklich, sind aber flächendeckend und zukünftig gedacht mehr als erschreckend. Die Hauptgründe für Nichtstun und Nichtreden wollen/können/dürfen, liegen in vielfältigen Ängsten. Angst, von der Kommune benachteiligt zu werden, wenn es nach der Kita-Zeit um den ersehnten Kindergartenplatz geht. Angst beim Vorstellig werden direkt bei einer Kita-Leitung, weil man Repressalien fürs eigene Kind nicht ausschließen kann, oder einfach stinkende Faulheit, weil man in einem Vierteljahr „durch“ ist mit dem System – und in der Schule sicher alles besser werde.

Diese Ausreden können einfach nicht befriedigen,

wenn man bedenkt, dass es insbesondere in unseren Reihen – also unter den Wigwam-Eltern – solche gibt, die auch „anonym“ gehaltene Sammel-Kritikschreiben bei Kita-Leitungen vorgeschlagen haben. Nimmt man diese Angst vor Repressalien ernst, gäbe es in anonymer Form nicht wirklich mehr einen Grund dafür. Die kuriosesten 2 Ausreden wurden heute in mein Ohr geblasen – man fürchte doch allen Ernstes, ein ominöser „Schlägertrupp“ aus undefinierbaren Ecken ?! könne irgendwann unversehens zuschlagen – und/oder Partner von relevanten Amtsmitarbeitern, die ggf. im weiten Umfeld eines Flughafens tätig seien, könnten das ein oder andere Päckchen mit unlauterem Inhalt irgendwo in den Reisekoffer reinstopfen.

Sorry – dazu wusste auch ich nichts mehr zu sagen.

Man könnte jetzt be-lustigt annehmen, Frauen wollen wirklich nur „darüber reden“ und streben nicht wirklich eine Lösung der Probleme an - aber wo sind dann die Väter? All' das ist mir zu dünn. Wenn ich davon ausgehe, und davon gehe ich aus, dass Eltern daran interessiert sind, dass es speziell ihrem Kind gut geht, muss man erwarten können, dass diese seltsame Form von Hörigkeit oder Angst vor der Obrigkeit aufhört, wenn gute Argumente gebündelt vorgetragen werden. Und warum, frage ich mich, sind Eltern nicht mehr bereit, eine „Schneise“ zu schlagen auch für die, die nach ihnen kommen.

Ist es wirklich so, dass Eltern und andere Einwohner in Deutschland am liebsten auf dem Sofa demonstrieren? Der Ausspruch kommt plakativ rüber, verfestigt sich leider aber immer mehr, angesichts der massiven sozialpolitischen Probleme, die wir hierzulande zu be-klagen haben; erst recht, wenn man zeitgleich mit einem Auge einen Blick über unsere Landesgrenzen hinaus riskiert.

Ich gebe zu, mich stimmt nicht nur diese ausgewiesene Dauerträgheit traurig, nicht mehr für das einzustehen zu wollen, was einem lautstark, aber hinter vorgehaltener Hand so wichtig erscheint, sondern auch zunehmend die Seite, die glaubt, die Macht für sich gepachtet zu haben. Eine Macht bei der ich mich oft frage, welchen Zweck erfüllt sie, was bringt sie, und wem dient sie. Mitarbeiter von Kommunen an relevanten Schaltstellen, in permanenter Abwehrhaltung verharrend, den Feind Eltern/Tagesmutter noch im Schlaf vor Augen; Kommunen also, die nur noch diesen Weg einschlagen, um mit ihren Problemen, die sie zum Teil auch nicht selbst zu verantworten haben, umzugehen, statt sich offen mit denen, die unter diesen Problemen zu leiden haben auszutauschen.

Meine Diagnose

leider immer die gleiche: Wenn 2 sich streiten, freut sich auf jeden Fall der 3.

Diese vielen kleinen wehr-haften Fronten, die Eltern / Tagesmütter / Kita-Leitungen und auch ErzieherInnen mit- und untereinander aufgebaut haben, dienen vielleicht dazu, den kleinen privaten Frieden noch eine Weile aufrecht zu erhalten, in Wahrheit ist diese umfassende Lethargie vor allem dazu geeignet, den eigentlich Verantwortlichen Sicherheit zu geben, so weiter machen zu können, wie bisher.

Und selbst wenn wir unterstellen würden, dass politisch Verantwortliche nicht mehr die Nähe und den Zugang dazu hätten, wie die Realität in der Betreuungslandschaft wirklich ist, so hätten sowohl die Eltern als auch die Betreuungsanbietenden in allen Sparten die Pflicht, ihnen eine Rückmeldung zu geben, wie gesetzliche Verordnungen, mit realer Ausführung vor Ort zusammen gehen.

Es ist nicht so, dass ich selbst an allen Fronten stünde, und es ist auch nicht so, dass ich diese Ängste und auch die mangelnde Lust mich einzubringen nicht selbst kennen würde. Auch ich bin sehr oft überfordert von all den Missständen und Ungerechtigkeiten, die tagein tagaus sowohl schriftlich als auch visuell und akkustisch aus den Medien auf mich einprasseln. Ich muss nicht mit der Machete überall mal eben „durchgehen“, aber dann wenn ich beschließe nicht mehr zu wollen und nicht mehr zu können, dann hört es auch auf mein ewiges Klagen hinter vorgehaltener oder offener Hand; dann finde ich mich ab mit dem, was ich glaube nicht bewältigen und nicht ändern zu können.

Wer weiß, vielleicht kommt mir die Kindertagespflege auch bald aus den Ohren raus, weil meine Kinder groß sind, studieren und neue Themen auf mich zukommen. Aber dann, sag ich rechtzeitig Bescheid. ;-)

Ich hab es aber noch,

das Feuer im Hintern oder sonst wo – und ich kann und will es noch nicht glauben, dass Kindertagespflegepersonen, ErzieherInnen und Eltern, deren Position im Kern und gebündelt so machtvoll sein könnte, immerfort bereit sind, für ein klebriges Bonbon oder auch zwei, Politik und Wirtschaft den Freischein auszustellen, sich nicht ernsthaft an Vereinbarung von Familie und Beruf beteiligen zu müssen.

Sie lassen sich allesamt mieseste Betreuungsumstände gefallen, um einer real oder eingebildeten „Vernichtung“ vorzubeugen. Ein perfektes System aus Angst und Gehorsam – auf Langzeit und vor allem auf Haltbarkeit hin geschmiedet.

Ich muss mir mal was einfallen lassen,

denn wenn ich mein Konto überzogen habe, funktioniert das mit der Machtumkehrung von meiner Seite nicht so recht .

Ich entschuldige mich gleich im vorhinein für den letzten Ausspruch meines mich stark entlastenden Textes: Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, so sehr ich mich auch bemühe, dass speziell die deutsche Mentalität sich nicht damit anfreunden kann, dass ein Amt „für den Bürger“ im Dienst zu sein hat, und dass die Bevölkerung nicht nur Städte und Dörfer „be-völkert“, sondern das Land und damit „den Staat“ darstellt. Unsere politisch Verantwortlichen sind nur „Volksvertreter“ – also warum lassen wir uns von ihnen treten, statt sie permanent daran zu erinnen, dass sie uns zu vertreten haben.

Geht nicht in meinen an-gedeutschten Schädel.

liebe Grüße

Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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