Wigwam Blog

Donnerstag, 1. Februar 2007

Autor: Susanne Rowley

Schlüsselrolle Tagesmutter in der Erziehungspartnerschaft

"Alles, was Du willst, dass Deine Kinder werden sollen, sei Du Ihnen."

 * Heinrich Lhotzky 

Hallo liebe Wigwam-Freunde,

nachdem wir uns nun in den letzten Info-Briefen ausgiebig gesetzlichen Neuerungen gewidmet haben, möchte ich diesen Brief mal wieder dem Kernpunkt unserer Arbeit widmen - dem Betreuungsverhältnis zwischen Tagesfamilie und Eltern. Nach fast 14-jähriger Wigwam-Arbeit gibt es viele Erfahrungswerte zu diesem Thema, die berichtenswert sind und sicher dem ein oder anderen neuen Betreuungsverhältnis auf die Füße helfen. Heute sind unsere Themen:

  • Der Start eines Betreuungsverhältnisses
  • Die Schlüsselrolle der Tagesmutter darin
  • Stolperfallen im Gespräch zwischen Eltern und Tagesmutter

1. Der Beginn eines Betreuungsverhältnisses

Viele Eltern und auch neu startende Tagesmütter sind unsicher, wie der Aufbau und der spätere Erhalt eines Betreuungsverhältnisses vonstatten gehen soll/kann. Hier kann man aus der Erfahrung heraus von 4 Phasen sprechen. Die 1. Phase - also das 1. Treffen dient dem reinen "Informationsaustausch". Eltern und Tagesmutter treffen sich zu Hause bei der Tagesmutter - beschnuppern einander recht unverbindlich und erörtern gegebenenfalls die groben Rahmenbedingungen eines möglichen Betreuungsverhältnisses und die Erwartungen, die man gegenseitig an die Betreuung und Pflege an sich hat.Meist beläuft sich dieses 1. Kennen lernen auf ca. 1 Stunde Die 2. Phase - könnte man als "Kennen lernen" bezeichnen Man signalisiert sich allein schon durch das Stattfinden des 2. Treffens ernsthaftes Grundsatzinteresse an einem Betreuungsverhältnis. Erste individuelle Bedürfnisse von Eltern und Kind werden ausgetauscht. Die Tagesmutter berichtet über Abläufe innerhalb ihres Pflegealltages. Dieses Gespräch soll auch dazu genutzt werden, um unterschiedliche Ansichten in der Erziehung abzugleichen um mögliche spätere Krisen-Punkte herauszufiltern.Dieses Gespräch dauert oft schon 2 bis 3 Stunden - weitere Treffen werden im positiven Verlauf vereinbart. Die 3. Phase - ist dann schon als Start für die spätere "Eingewöhnung" des Kindes zu sehen Eltern und Tagesmutter vereinbaren die Abläufe einer sanften Eingewöhnung für das Kind. Hier soll auf spezielle Bedürfnisse von Mutter/Vater und Kind Rücksicht genommen werden. Mögliche Schuldgefühle beim Abgeben des Kindes oder Trennungsängste und wie darauf reagiert werden soll, müssen besprochen werden. Auch der Rhythmus, die Dauer der Eingewöhnungszeit, das 1. Fortgehen der Eltern ect. werden besprochen. Die 4. Phase - ist der Start der Betreuung selbst - u.a. dokumentiert durch einen verbindlichen Vertragsabschluss Hier wird nun das Betreuungsverhältnis "besiegelt" - idealer weise sollte bis dato die Eingewöhnung des Kindes erfolgreich abgeschlossen sein. Der Vertrag regelt alle rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen und natürlich die finanziellen Leistungen. Jetzt beginnt die regelmäßige Betreuungszeit, die Tagesmutter und Eltern gut vorbereitet haben. In all diesen Phasen ist es für beide Seiten sehr hilfreich, wenn sich beide Seiten bewusst sind, dass hier eine Beziehung/Kooperation entstehen soll, die Zeit braucht, um zu wachsen. Dies muss und kann nicht immer einfach sein - wie im "richtigen Leben" eben auch. Aber diese Art von Verhältnis birgt eine Besonderheit: Zum einen handelt es sich um eine Art Geschäfts- bzw. Dienstleistungsbeziehung, die andererseits stark geprägt ist durch sehr persönliche und private Aspekte. Von daher ist es eine Kunst, hier die richtige Balance herzustellen. 2. Die Schlüsselrolle hat die Tagesmutter

Eine absolute Schlüsselrolle kommt hier der Professionalität und der Kommunikationsbereitschaft der Tagesmutter zu. Der Anfang einer solchen Beziehung, der Verlauf, und die weiterführende Gestaltung bedürfen eines fortlaufenden Verständigungsprozesses, den die Tagesmutter moderieren muss. Ihre Gesprächskompetenz und ihre kooperativen Fähigkeiten tragen maßgeblich zum Gelingen oder Scheitern eines solchen Verhältnisses bei. Warum komme ich zu dieser Auffassung? Naturgemäß sammeln die Eltern, die eine Tagesmutter suchen nicht die gleiche Menge an Erfahrungswerten, wie eine professionell arbeitende Tagesmutter das im Verlauf ihrer Tätigkeit kann. Eltern haben verständlicherweise erst mal nur eines im Blick: "Das Wohl ihres Kindes". Sie möchten, dass es ihrem Kind gut geht, dass es gesund ist und sich weiterhin in der Obhut gut entwickelt. Sie wollen sich guten Gewissens zum Arbeitsplatz begeben und hoffen auf Verlässlichkeit und unkomplizierte Abläufe. Was sie selbst als Eltern zur Erfüllung dieser Wünsche beitragen können und sollen, ist den meisten Eltern gar nicht bewusst. Im Hinterkopf ahnen sie zwar, dass es sich um ein "Verhältnis" handelt, zu dem sie etwas beitragen können, denken aber nicht an die Grenzen, hinsichtlich Leistung und Vereinbarkeit, die jedes noch so flexible Betreuungssystem mit sich bringt. So wissen die meisten Eltern beispielsweise gar nicht, woran sie "ablesen" können, ob es ihrem Kind in der Tagesbetreuung gut geht. Dies versuchen sie oft einzig am Verhalten ihres Kindes von Tag zu Tag neu festzumachen. Es ist nun Aufgabe der Tagesmutter, den Eltern einen neuen Blickwinkel aufzuzeigen. Aus der Sicht des Kindes wäre das ständige Beobachten des kindlichen Verhaltens nämliche eine Überforderung. Besonders kleine Kinder sind darauf angewiesen, positive Botschaften ihrer Bezugspersonen wahrzunehmen. Wenn also der Rahmen zwischen der Beziehung Eltern/Tagesmutter stimmt, signalisiert man einem kleinen Kind automatisch: die Welt ist in Ordnung, Du musst Dir keine Sorgen machen! Die Qualität der Erwachsenenbeziehung ist es also, die eine Grundvoraussetzung darstellt. Die Tagesmutter lenkt also bestenfalls frühzeitig den Blick auf das Erwachsenenverhältnis - zum Wohle des Kindes. Wie kann eine Tagesmutter (vater) diese Schlüsselrolle übernehmen?

Eine Tagesmutter hat die sensible Aufgabe, den Eltern Möglichkeiten und Grenzen sinnvoll darzulegen, und wenn nötig, bei jedem neuen Elternpaar mit Kind aufs neue zu definieren. Es wäre dabei sehr hilfreich, wenn eine Tagesmutter realistischerweise akzeptieren würde, dass all diese Verhältnisse von grund auf störanfälliger sein können, als andere Beziehungen. Grundsätzlich soll eine Tagesmutter darauf achten, dass sie jederzeit im Gespräch ruhig, echt und authentisch rüberkommt. Zurückhaltende Eltern können durch offenes Nachfragen ermutigt werden, eigene Wünsche zu äußern. Es ist hilfreich für alle Eltern, wenn die Tagesmutter freundlich ihre eigenen Erwartungen und Wünsche formuliert - sie lebt quasi vor, was den Eltern gleiches Recht signalisiert. Die Tagesmutter soll täglich kurz über die Abläufe des Tages unterrichten und langfristig den Eltern ein klares Bild malen. Eine erfahrene Tagesmutter weiß genau, dass sich die Balance zwischen Vertrauen und Misstrauen nur dann in die richtige Richtung entwickelt, wenn Eltern Gelegenheit zum direkten Beobachten des Tagesablaufes erhalten - also weniger das gesprochene Wort schafft das ersehnte Vertrauen, sondern die direkte Sicht vor Ort. Dies könnte man durch eine Einladung hin und wieder bewerkstelligen. Bei unterschiedlichen Auffassungen in der Erziehung oder kleinen Krisen ist es hilfreich, wenn die Tagesmutter nicht still abwartet, sondern am Ball bleibt mit Lösungsvorschlägen, neuen Absprachen und Zeit gibt, um über Veränderungsvorschläge nachzudenken. Vermutungen, die im Raume stehen, soll eine Tagesmutter nicht schwelen lassen, sondern den richtigen Zeitpunkt finden,  Dinge anzusprechen. Viel Einfühlungsvermögen wird von einer Tagesmutter erwartet - dies kann sie sehr gut leisten, wenn sie sich stets über ihre eigenen Grenzen und Kompetenzen im klaren ist, diese vielleicht auch hin und wieder einer ehrlichen Innenschau unterzieht. Man könnte die Tagesmutter auch als einen Lotsen bezeichnen, die durch das gesamte Betreuungsverhältnis führt. 3. Stolper-Fallen im Gespräch zwischen Eltern und Tagesmutter

Sicher kennen Sie das alle. Sie stehen als Mutter auf der Autobahn im Stau - im Büro hatten Sie gerade noch Stress mit Ihrem Vorgesetzten -  und stellen sich vor, wie ihre Tagesmutter mit der Stop-Uhr an der Tür steht und auf Sie wartet. Im Geiste malen Sie sich bereits aus, wie Sie ihr und ihrem Kind Ihr Zuspätkommen (schon das 2. mal diese Woche) erklären. Merken Sie was ? Sie haben sich schon disponiert. Vielleicht ist dem gar nicht so, und weder die Tagesmutter noch Ihr Kind sitzen wutschnaubend am Tisch und warten. Sie kommen bei Ihrer Tagesmutter an und finden Ihr Kind in Tränen aufgelöst. Natürlich möchten Sie sofort wissen, was es hat. Ihre Tagesmutter sagt in ruhigem Ton: "er ist müde und hat auf Sie gewartet". Sie schlucken - überlegen kurz eine Rechtfertigung, entscheiden sich dann aber zum schnellen Abschied, weil Sie heute Abend noch Gäste zu Hause erwarten. Auf der gesamten Heimfahrt überlegen, Sie nun, wie sie dem "Vorwurf" Ihrer Tagesmutter morgen begegnen können. Was ist eigentlich passiert? Hat Ihre Tagesmutter Ihnen wirklich einen Vorwurf gemacht? Oder hat Sie Ihnen ungewollt "einen Spiegel" vorgehalten ? Im Alltag kommt es immer wieder vor, das 2 Gesprächspartner völlig aneinander vorbeireden oder -fühlen, weil sie aus unterschiedlichsten Situationen aufeinanderprallen und von verschiedenen Ansätzen ausgehen. Fachleute nennen das: das "Vier-Ohren-Modell". Dieses Modell ist schnell erklärt. Nehmen Sie den Satz der Tagesmutter. Sie hat nur gesagt: Ihr Sohn ist müde und hat auf Sie gewartet. Dieser Satz lässt sich aus verschiedenen Perspektiven verstehen und auffassen. 1. Sicht Eine sachliche Angelegenheit. Die Tagesmutter hat lediglich den Ist-Zustand erläutert, ohne eine Wertung vorzunehmen. Das Kind ist eben jetzt müde. 2. Sicht Die Beziehung Tagesmutter /Mutter "Vorwürfe". Wenn man sich als Mutter nun gehetzt und darüber hinaus noch schuldig fühlt, kann der Satz in etwas so ankommen: Wenn Sie eine gute Mutter sein wollen, sollten Sie Ihr Kind nicht so lange warten lassen. 3. Sicht Die Wertung. Die Tagesmutter könnte mit dem Satz auch ihre persönliche Meinung kundgetan haben. Also: Ich, als Tagesmutter, erkenne sofort, welche Gefühle Ihr Kind gerade hat, und ich sage Ihnen - es ist müde ! 4. Sicht Die Mahnung/der Appell. Die Tagesmutter könnte auch durch die Blume gesagt haben: Sorgen Sie gefälligst in Zukunft dafür, dass Sie pünktlicher sind. Die Frage ist nun - was hat denn die Tagesmutter nun gesagt ? Das kann ich Ihnen hier auch nicht beantworten *lächel. Fragen Sie sie doch ! Das kleine Beispiel zeigt auf jeden Fall deutlich auf, wie viel Konfliktpotential im Verhältnis liegen kann, wenn man die Fallen nicht kennt. Sicher wäre ein Großteil der Tagesmütter völlig ahnungslos und überrascht von so viel Interpretationsmöglichkeiten. Vermeiden kann man dies, wenn sich Eltern Ihrer eigentlichen Befindlichkeiten bewusst sind und in jedem Fall Chancen lassen, Missverständnisse auszuräumen. Hilfreich hierbei - die Ich-Sätze statt Du-Sätze oder Man-Sätze Stellen Sie sich irgendein Konfliktgespräch aus dem Alltag vor, das bereits im Gange ist. Im Verlauf dieses Gespräches fallen Sätze wie:

  • Kann man sich denn gar nicht vernünftig mit Dir (Du -Satz)  unterhalten? Besser wäre es, Sie sagen: Ich möchte gerne mit Dir darüber sprechen
  • Man wird doch wohl mal ein paar Minuten zu spät kommen dürfen (Man-Satz). Besser wäre: Ich bin zu spät gekommen, durch den Stau konnte ich es heute nicht vermeiden
  • Muss man denn hier alles selber machen (Man-Satz). Besser wäre: Ich möchte, dass Du mir bei der Arbeit hilfst
  • Du wirst einfach nur laut, anstatt zu sagen, was Du von mir willst (Du-Satz). Besser wäre: Ich bin mir nicht klar, was du von mir willst.

Zusammengefasst:

Du-Sätze sind nicht sehr hilfreich in klärenden Gespräch, weil immer ein leichter Vorwurf oder eine negative Wertung mitschwingt, die beim Gesprächspartner unnötige Abwehr erzeugt. Ich-Sätze haben den entscheidenden Vorteil, dass Gefühle und Wünsche offen zum Ausdruck kommen, ohne den Angesprochenen mit ein zu beziehen oder zu kränken. Man-Sätze signalisieren dem Gegenüber, dass man sich um die ehrliche Aussage herumdrücken will - quasi ein sprachliches Versteckspiel, in dem man sich in Verallgemeinerungen flüchtet. Verallgemeinerungen signalisieren aber dem Gegenüber zusätzlich "andere Leute sind auch der Meinung, die ich gerade vertrete" - was wieder zu Abwehrreaktionen beim Gegenüber führt. Missverständnisse

lassen sich also gut vermeiden, wenn man a) die Situation bedenkt, in der man gerade steckte, die der Gesprächpartner aber nicht immer nachvollziehen kann (Stress im Büro). Und b), wenn man im Gespräch "bei sich" bleibt. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir liebe Tagesmütter und Eltern Ihre Lösungsvorschläge für Alltagskonflikte schreiben. Sicher haben auch Sie schon positive und negative Erfahrungen in Gesprächsverläufen gemacht. Durch Ihre Erfahrungen können neue Tageseltern und auch Eltern, die ihr Kind erstmalig in Tagespflege geben, lernen. Wie immer freue ich mich auf Briefe mit Ideen, Anregungen und gerne auch Kritik und verbleibe mit freundlichen Grüßen Ihre Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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