Samstag, 13. Februar 2016

Autor: Susanne Rowley

Oma hat keinen Bock mehr / Vom "Verlustgeschäft" für Jung und Alt

Wieviel wertvolle Gratisarbeit der älteren Generation wie selbstverständlich auch heute noch abgenötigt wird, 

in Zeiten, in denen vorrangig der Rubel zu rollen hat, hält mich gerade dazu an, den Argumenten, warum unsere Oma von heute so "unlustig" geworden zu sein scheint, und wer sie eigentlich aktuell ersetzen soll, noch ein paar vergangene und zukünftige Gedankengänge beizusteuern.

Während viele Sparten des sozialen und gesellschaftlichen Lebens einem permanenten Wandel unterworfen sind, gibt es Bereiche im Leben, die Viele am liebsten festhalten möchten. Ich kenne sie noch die Engelsgeduld, mit der mir meine Großmutter am offenen Feuer das Schuhebinden beigebracht hat. Und ich bin dankbar dafür, dass ich diese Ressource aus meiner frühen Kindheit mitnehmen durfte! 

http://dok.sonntagszeitung.ch/2016/oma/

Einfach nur zu sagen, Oma hat keinen Bock mehr, ist mir zu kurz gegriffen. Denn wir vergessen dabei jene Omas, die noch Bock hätten, denen man aber den Teppich unter den erfahrenen Füßen weggezogen hat. 

Wer Wigwam und seinen Werdegang verfolgt hat,

weiß, was mein persönliches Anliegen in der Förderung der Kindertagespflege schon immer war. Ich sehe in ihr schon seit 23 Jahren die einzige Möglichkeit, jungen Familien, die Beruf und Familie vereinbaren möchten, eine sinngebende Form der erweiterten Großfamilie an die Seite zu stellen, um in einer modernen Welt noch annähernd zu erhalten, was Institution bei „aller Liebe“ niemals wird leisten können.

Dass dieses Grundbedürfnis

nach der Ganzheit und dem wertvollen Erfahrungsschatz einer Familie und seinen Generationen vorhanden ist, sehen und spüren wir in einer zunehmend bindungslosen Gesellschaft. Wir sind durchorganisiert bis in die Haarspitzen und fühlen uns doch inmitten unserer perfekten stressigen Welt oft haltlos. Es fehlt uns ganz viel, was wir locker geopfert haben, ohne zu wissen, dass und vor allem WAS wir so niemals mehr werden ersetzen können.  

Denjenigen, die glauben, die hippen Omas von heute wären alle einfach nur „mit der Zeit“ gegangen, der irrt gewaltig. Es ist viel eher so, dass wir sie auf weiten Strecken ihrer Rolle und Funktion enthoben und sie dafür nicht einmal entschädigt haben. Und noch mehr haben wir getan. Beim Kampf darum in Sachen Vereinbarkeit von Beruf und Familie etwas Neues zu schaffen, haben wir jegliche Sensibilität bei der Zerstörung von familiärem Gefüge vermissen lassen. Und wir haben bis heute keinen blassen Schimmer davon, was die Folgen dieses ganz speziellen Qualitätsverlustes für die kommenden Generationen nach sich ziehen wird, weil die moderne Welt für Begriffe wie "Geborgenheit" und "Zugehörigkeit" keinen Maßstab mehr kennt.

Und mit jenen, die an die Stelle des Generationenvertrages getreten sind - den Tagesmüttern und -väter - geht Familienpolitik aktuell genau so um.

Leisten wir uns einen kurzen Blick zurück.

Der Angriff auf filigranes Familiengefüge begann, als die Jungen in der Familie sich aufmachten, der Arbeit hinterher zu ziehen. In den Zeiten davor, als die Arbeit noch dort war, wo Familie lebte, war es hingegen ganz selbstverständlich, dass Großmütter und Tanten sich um den Nachwuchs kümmerten, wenn die Mutter auf dem Feld half, die Ernte einzuholen. Es handelte sich hierbei um einen echten Rollentausch, in der die eine übernahm, was die andere nicht mehr konnte. Aber nicht nur im Augenblick war der Bedürfnisausgleich perfekt, es war auch Sicherheit für die Zukunft auf beiden Seiten damit verbunden.

Und noch etwas war vorhanden, worum man heute stets mühsam ringen muss: Wertschätzung.

Heutzutage hat Wertschätzung nur noch dann einen Gegenspieler, wenn es in der Kasse klingelt.

Natürliche Wertschätzung und Fürsorge ergab sich ganz einfach durch die Hände, die im Wechsel nahmen und gaben. Und jetzt? Ein solcher Ausgleich aus der Ferne? Unmöglich. Während sich auf der Seite der Jungen eine Art Ersatz – die Nachbarschaftshilfe – herausbildete, blieb die Oma auf der Strecke! Die weitere Entwicklung auf Oma-Seite, kennen Sie alle. Die Institution hat die "Sorge" übernommen. Oma muss ins Altersheim. Das Altersheim aber kostet. Parallele Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, die ich hier nicht näher ausführen muss, sorgen zusätzlich dafür, dass Oma zweilen von ihrer Rente nicht leben, geschweige denn die Institution bezahlen kann. Oma arbeitet bis zum Umfallen, und/oder die Jungen werden geschröpft, die Institution zu unterhalten.

Den Jungen in der Ferne musste ebenfalls geholfen werden.

Und so war es Schweden, das als erstes den neuen Beruf der „Dagmama“ in den 70iger Jahren ins Gespräch brachte. Dieser Vorstoß erhitzte die Gemüter und brachte die Forscher auf den Plan, denn dieser Vorstoß traf auf einen Zeitgeist "in Kinderschuhen", in dem ich es längst noch nicht üblich war, Kinder „in fremde Hände“ zu geben – es sei denn, man hatte einen wirklich triftigen Grund dafür. Diese Zwischenzeiten des jähen Wegblendens von längst offensichtlichen Realitäten kostet in Umbruchzeiten die meiste Kraft. 

Jeder der in der Kindertagespflege kundig ist,

weiß, dass es in den 90igern dann dazu kam, dass die Kindertagespflege im damaligen Kinder- und Jugendhilfegesetz verankert wurde. 1996 hatten wir es erstmals mit einem Rechtsanspruch auf Bildung im Kindergarten für Kinder ab dem 3. Geburtstag zutun, womit zeitgleich auch die Einführung einer Pflegeerlaubnis für die Betreuung durch Tagesmütter/-väter ab dem 3. Kind einherging. 2005 nahm das Ganze dann richtig Fahrt auf, und wir bekamen die Erlaubnisregelungen durch das KICK. All diese vergangenen und zukünftig noch kommenden Entwicklungen, sollen mithilfe der Kindertagespflege das einst verlustig gegangene flexible familiäre Gefüge durch ein staatlich kontrolliertes Betreuungskorsett mit fixen Standards und vorgefertigten Bildungsplänen ersetzen.

Schauen wir noch genauer hin,

sind wir sogar auf dem Weg, diese einzigartige Betreuungsform, die noch einen Rest von Familie im Portfolio hat, in die alles einsaugende, erstickende weil gleichmachenden Form der Institution zu überführen. Und wir ahnen es alle - einmal angefangen aufzudröseln, was „natürlich“ gewachsen ist, ist die Weiterentwicklung hin zu noch mehr staatlich kontrolliertem durch-institutionalisiertem Leben, das unserer ganzen organisatiorischen Aufmerksamkeit bedarf, nicht mehr umzukehren, denn jedes Defizit, hat die Eigenschaft weitere Defizite nach sich zu ziehen, und jedes schreit nach einer perfekten Lösung.

Wie sieht das aus, wenn wir damit fertig sind? Diese Frage lasse ich zu Ihrer persönlichen Beantwortung einfach mal offen.

Ganz ehrlich? Ich bin ganz bei den Oma-Revoluzzern aus dem Artikel, die sich zu Recht von den Restfesseln eines ohnehin nicht mehr existierenden Systems frei machen möchten. Wozu auch sollten Sie weiterhin einen einseitigen Handel eingehen, bei dem für sie nichts mehr rausspringt. Die Weigerung ist für mich ein natürliches Ergebnis, das immer dann eintritt, wenn künstlich erzeugt werden soll, was Menschen sonst freiwillig geben und nehmen.

Wertschätzung.

Und ihre Nachfolger, die Kindertagespflegepersonen rufen ebenfalls vergebens nach ihr. 

So bitter das auch klingen mag:

Einer Sache können wir uns von staatlicher Seite immer sicher sein.

Niemals übernimmt er so ganz!

Das ist natürlich gut so, aber die Lücken, die er in überbordender Kontrollwut hinterlässt, die klaffen nicht nur - die Luft zum Atmen beim Versuch, sie wieder eigen-händig zu füllen, wird gleichsam immer dünner. Wie schon so oft äußere ich nach dem Lesen dieses Artikels den in mir immer wachen Wunsch, der Staat möge Strukturen erhalten und flankierend begleiten, statt sie vollends zu zerstören und ersetzen zu wollen, was ihm niemals gelingen kann.

Abschließend ergänze ich die Überschrift von der "Oma, die keinen Bock mehr hat", mit der "Oma, die nicht mehr kann, auch wenn sie wollte", weil andere Hände für sie nicht mehr in Bewegung kommen, wenn ihre Hände ruhen. Weil niemand sie mehr pflegt, wenn sie gepflegt hat. Oder ganz einfach, weil sie keine Hand mehr frei hat, in Zeiten, in denen ihre gebraucht würden. 

Also seien wir doch bitte ehrlich und sehen, dass das "Verlust-Geschäft" auf beiden Seiten voll durchgeschlagen hat!

Wir haben sie alle heimatlos gemacht – die Jungen und die Alten. 

Ein schönes Wochenende wünscht.

Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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