Sonntag, 8. Oktober 2017

Autor: Susanne Rowley

Modellprojekte zaubern Eckiges ins Runde - Rekruten der Familienpolitik

Und ihre Be-schaffer!

"Ich kann Dir gleich welche schicken.." "Also da sind die uns wirklich nur so zugeflogen". "Ich halte einen Mix für ein optimales Zusammenspiel. Man braucht verlässliche Arbeitnehmer, auf die man Zugriff hat und freie Selbständige, die man da zwischendurch einschieben kann"

Woher stammen diese Sätze liebe Wigwam-Freunde?

Sie kommen von alleine nicht drauf.

Das sind Zitate aus einem uns als erfolgreich verkauften Modellprojekt zur Deckung von Randzeiten in der Kinderbetreuung.

Und bevor Sie weiterlesen, gebe ich Ihnen ganz persönlich als 25 Jahre agierende "Vermittlerin in ständigem progress" Brief und Siegel:

Das ist richtiger Mist

Wer kennt sie nicht:

Die Modellprojekte, die von Zeit zu Zeit alten Ideen, die schon gestern nicht funktionierten, verzweifeltes neues Leben einhauchen sollen.

Das Ende solcher Modellprojekte gipfelt meist in einem Festakt, an dem sich die Beteiligten selbst feiern, und den Gästen der Erfolg mittels selbstbeweihräuchernder Evaluation nahegebracht werden soll. Ich nehme an solchen Veranstaltungen lange schon nicht mehr teil, um meinen Blutdruck im Zaum zu halten.

Ein solches Modellprojekt endete vor ein paar Wochen und sollte uns weismachen:

Ergänzende Kinderbetreuung holt Alleinerziehende aus Armut!

Und weiter heißt es, dass die vorliegende Evaluation bestätige:

Flexible und ergänzende Kinderbetreuung erhöht die Erwerbschancen und kann zur Steigerung des Erwerbseinkommens bis hin zur Unabhängigkeit von sozialen Transferleistungen führen.

Mal ehrlich:

Schon das Wort „kann“ an entscheidener Stelle platziert, erinnert an  Werbeversprechungen bezüglich der Reduktion der Faltentiefe durch Faltencremes ;-). Drum benutze ich keine!

Trotzdem machte mich die erfolgsbesudelte Zusammenfassung der Evaluation richtig neugierig."Außerordentlich seien die Ergebnisse".

Hammer – dachte ich – die müssen zaubern können und haben doch tatsächlich das Eckige ins Runde verfrachtet.

Schaut man jedoch in die Abhandlung hinein müsste man die hehre Überschrift sofort ergänzen mit einer zweiten dergestalt:

Und treibt jene in die die Armut, die den Quatsch ausführen sollten. 

Wir haben die Evaluation komplett gelesen; immer auf der Suche nach der alles entscheidenden Erwähnung jener, die den Zauber, die Randzeiten zu decken, erbracht haben.

„Die Rekruten“

Diese findet man an späten Stellen, an denen die meisten Leser sicher eingeschlafen sind, die bittere Wahrheit aber eben doch auf den Prüfstand muss:

„flexible Anforderungen erschweren es, Betreuungspersonen zu finden“.

Ist ja nicht wahr. Ich wusste schon ganz ohne Modellprojekt, dass Menschen nicht flächendeckend springen, wenn von oben gepfiffen wird.

Schon der Erfindungsreichtum

immer neuer fantastischer Begrifflichkeiten im Meer der nie enden wollenden „Erfolgsfaktoren“ mit denen uns die familien- und arbeitsmarktpolitisch Verantwortlichen täglich fluten, lassen mich beim Lesen schier taumeln.

"Kinderfeen" (statt studentische Springer) sollen darüber hinwegtäuschen, dass das Negieren von schweren Systemfehlern ein Leben lang fürs Scheitern verantwortlich sein wird. Ach ja die gute Fee. Ist das nicht die, die im Schlaf erscheint und alles irgendwie richtet?

Zurück zum Modellprojekt.

Es lebte von Rekruten und jenen, die sie verzweifelt flottmachen mussten! Und selbstverständlich hatten jene Projektteilnehmer vermeintlich größeren "Erfolg", die Qualität in der Kinderbetreuung gänzlich außer Acht ließen. 

Bemüht man Wikipedia zum Begriff „Rekrutieren“ sieht man schwarz auf weiß, woher das ungute Gefühl, das sich schlagartig einstellt, stammt.

Dem Rekrutieren von Personal liegt immer der Gedanke zugrunde, dass man eine Seite zum Wohle der anderen „beschaffen“ und dann „schicken“ könne.

Ganz Deutsch: Personal-Beschaffung.

Der Mensch die Ressource. Immer wenn’s nicht zu nah kommen darf, wird’s sächlich. Also ich persönlich „beschaffe“ mir Dinge, und keine Menschen. Und so verwundert auch der Fund im Kern des Wortes nicht, der uns verdeutlicht, welch Geistes Kind er ursprünglich entstammt. Kriegs- und Krisenzeiten waren es dereinst die zur Versachlichung / Versächlichung des menschlichen Werkes in allen nur denkbaren Sparten führten.

Die Rede ist von Zwangsrekrutierung, Einziehung, Aushebung, Auslese, in den Dienst stellen führten.

Die Geschichte beschreibt lange schon, was es ist:

Zwang. Hausgemachte Schieflage zwischen Sender und Empfänger.

Ein paar Auszüge aus den maßgeblichen Punkten – genannt:

„Personalqualität und -quantität (insbesondere bzgl. Kosten)“

möchte ich Ihnen keinesfalls vorenthalten. Es wechseln die Darstellung schier unlösbarer Problemstellungen mit Auszügen persönlicher Zitate der Projektleiterinnen über das HEER der Rekruten, die aufschlussreicher kaum sein könnten.

Wer damit durch ist, weiß:

Es ist nicht zu machen, sie sind nicht willens, dafür Geld in die Hand zu nehmen, es fühlt sich keiner zuständig, und schon gar nicht ist es zielführend oder gar flächendeckend koordinierbar im Wirr Warr von Amtsstrukturen und deren trennender Aufgabenstellung.

Und: Es ist niemandem zuzumuten!

Nicht den Eltern. Nicht den Rekruten. Nicht dem Kind.

Und ganz nebenbei führen sie alle Rahmenbedingungen und gesetzlichen Vorgaben ad absurdum, die zuvor zur Qualtitätssicherung in der Kinderbetreuung auf den Weg gebracht wurden!

Und doch wird am Ende empfohlen, es auszuweiten, zu verstetigen.

Wahllose Auszüge - bitteschön: 

>>Für Randzeiten sehr früh am Morgen (ab 4 Uhr) und über Nacht war es für alle Projekte schwierig, Personen zu finden, die diese Arbeitszeiten anbieten mochten:

Zitat: „[…] aber alles, was vor 6 Uhr ist, ist ein Problem […] da finden wir niemanden. Diese Arbeit macht keiner in Mainz […]“<<

Berlin sei da wesentlich schlauer – Sie erinnern sich an den Hype mit Moki? Also die „sogenannte“ Mobile Kita (Fantastischer Begriff suggeriert Qualität, die nicht vorhanden ist).

>> Abgesehen davon, war z.B. in Berlin die Suche nach Betreuungspersonen zunächst unkompliziert:

Zitat: „Also da sind die uns wirklich zugeflogen.“ In Berlin und NRW wurde im Vorfeld der Organisation der ergänzenden Kinderbetreuung entschieden, für die Betreuung zu Randzeiten auf einen Bildungsanspruch zu verzichten. Demzufolge mussten die zu findenden Betreuungspersonen dafür keine Qualifizierung als Erzieher/-innen oder Pädagog/-innen mitbringen und auch nicht entsprechend entlohnt werden. 

(...) In RLP wird das anders eingeschätzt. Die Projektleiterin dort fordert eine ergänzende Kinderbetreuung mit qualifiziertem Tagespflegepersonal. <<

>>Die Umsetzung der Beschäftigung der Betreuungspersonen und der notwendigen Betreuungsstunden war für die Projekte eine schwierige Aufgabe. (…) Zu bedenken geben die Projektleiterinnen, dass eine existenzsichernde Anzahl von Arbeitsstunden für die Betreuungspersonen praktisch schwer umsetzbar war. Sie konnte z.B. nicht zu den Randzeiten in mehreren Familien gleichzeitig arbeiten (ggf. eine Stunde am Tag ab 17 Uhr pro Familie). 

Zitat: „Das Problem ist, in dem Moment, wo die Arbeitszeiten frühmorgens liegen, spät abends, an den Wochenenden, also die typischen Zeiten, ist es natürlich schwer, jemanden richtig anzustellen. Wie soll ich jemanden finden, der selbst bei einer Halbtagsstelle total verteilte Arbeitszeiten hat, also es ist auch ein logistisches und organisatorisches Problem. Das haben wir noch nicht gelöst, da müssen wir gucken, auch wie teuer wäre das dann. Dann kommt man nicht mehr mit 11€ pro Stunde rum.“ <<

Bei der Frage nach einer Lösung dieses Problems berichtet die Projektleiterin aus NRW folgendes:

Zitat: „Ich halte einen Mix für ein optimales Zusammenspiel. Man braucht verlässliche Arbeitnehmer/-innen, die man einplanen kann, aber man braucht auch die Flexibilität von freien und Selbstständigen, die man zwischendurch da einschieben kann. Das sind die Erfahrungen, die wir gemacht haben. Man braucht diese Flexibilität, aber man braucht auch, also es ist nicht schlecht, wenn man auf gewisse Arbeitnehmer/- innen Zugriff hat, wo man sagen kann, das ist dein Plan, so musst du arbeiten und nicht, kannst du so arbeiten. Das ist immer ein Unterschied. Das würde uns die Sache so ein bisschen vereinfachen. Also ich halte so einen Mix für gut.“ <<

In RLP und in NRW konnte auf Betreuungspersonen für die ergänzende Kinderbetreuung zugegangen werden, die bereits für dortige beim VAMV angesiedelte Betreuungsangebote tätig waren.

Zitat: „Und da gibt es Schnittmengen zu den Kinderfeen. Das ist nicht 1:1 übertragbar, aber es gibt Schnittmengen. D.h. wir haben da einige Menschen, auf die wir zurückgreifen konnten. Das war auch sehr gut, weil wir, was ich eingangs schilderte, eben sehr schnell handeln mussten oder wollten. […] Weil es Erfahrungen gab, konnten wir das. Würde ein anderer Träger neu anfangen, würde das in der Form nicht gehen.“<<

>>Aufwand entstand besonders in Berlin dadurch, dass neue und mehr Betreuungspersonen gesucht werden mussten, als vermutet, da der Bedarf der Alleinerziehenden in den gleichen Zeiträumen (Nachmittagsstunden in der Regel inklusive Abholen von der Schule oder Kita) lag. Für jede neue Familie musste praktisch eine neue Betreuerin organisiert werden, was der Projektleiterin in Berlin relativ viel administrative Arbeit abverlangte. <<

>> Wie in NRW waren es in Berlin Personen, die nicht (mehr) berufstätig waren und sich etwas Geld dazu verdienen wollten. Es waren häufig z.B. Rentner/-innen oder Student/-innen. In allen Projekten waren die Betreuungspersonen zu Beginn ausschließlich sowohl weiblich als auch ohne eigene jüngere Kinder, die sie betreuten.

Zitat: „Also die meisten haben dann eben entweder schon große Kinder, oder gar keine, insofern passt das jetzt für die meisten, ansonsten würde das, glaube ich, nicht so gut gehen.“ <<

Spannend auch dieser Punkt, der aufzeigt, wie krank das System an den unvermeidlichen Schnittstellen Arbeitsmarkt- und -Familienpolitik aufgestellt ist. Von gemeinsamer Zielsetzung in einem übergreifenden Modellprojekt, keine Spur.

>> Kooperation mit dem Jobcenter Bei den Jobcentern, so berichteten die Interviewpartnerinnen, bestand von vornherein ein ausgeprägtes Problembewusstsein, eine Erhöhung dessen war insofern kaum möglich.

Zitat: „Also wenn ich mit der Beauftragten für Chancengleichheit vom Jobcenter rede, dann sagt die mir, ich kann Ihnen gleich zehn Leute schicken, auf Anhieb.“ Gleichwohl mündet dies nicht in eigenen Bemühungen in Richtung Vermittlung in Kinderbetreuung oder gar Finanzierung ergänzender Kinderbetreuung (und sei es als Überbrückung). <<

>> Das Modellprojekt in RLP hatte mit der Lotsenfunktion einen spezifischen Zuschnitt. Da es vor Projektbeginn einen Kooperationsvertrag mit dem Jobcenter abgeschlossen hatte, wurde in der ersten und zweiten Welle der Interviews insbesondere in RLP näher auf das Agieren der Jobcenter bzw. der dort tätigen Vermittler/-innen eingegangen. Die Erfahrung der Projektleiterin zeigt, dass in den Jobcentern wenig Beratung und Unterstützung zur Schließung von Betreuungslücken angeboten wird, auch wenn es bei einigen Vermittler/innen nicht an der Motivation fehle. Vielmehr scheint es an der Bereitstellung von personellen Ressourcen sowie Mitteln für ein Angebot zu mangeln. Daneben scheitere eine bessere Beratung Alleinerziehender an einem „Zuständigkeitsgerangel“ zwischen Jobcenter und Jugendamt. Letzteres ist im Allgemeinen für die öffentliche Kinderbetreuung zuständig, nicht aber für die (besondere) Beratung und Vermittlung arbeitsloser Alleinerziehender. <<

>> Die Jobcenter, so die Projektleiterin aus RLP, müssten diese Beratung und Vermittlung einer bedarfsgerechten Betreuung eigentlich selbst leisten, doch sie stellte fest, dass

Zitat: „das Jobcenter einfach strukturell darauf ausgelegt ist, in Arbeit zu bringen und nicht einfach den, die Gesellschaft so zu verändern, dass die Frauen auch Arbeit finden könnten. Das heißt, es wird kurzfristig vermittelt, damit die Zahlen stimmen, ja.“ <<

Tja und am Schluss erfahren wir noch, dass sich die Zielpersonen das alles gar nicht leisten konnten.

>>In RLP wurden den Alleinerziehenden selten seitens des Projektes Kinderbetreuung bereit gestellt, da das Coaching und die Beratung das zentrale Angebot darstellten. Wurden Kinderbetreuungsstunden über das ebenfalls beim VAMV Landesverband RLP angesiedelte Kinderschirmprojekt angeboten, mussten sich die Eltern mit ca. sechs Euro pro Stunde beteiligen. Gegebenenfalls wurde mit Geldern aus dem Projektbudget ein Zuschuss gewährt. Das Jobcenter, welches die Alleinerziehenden an das Modellprojekt vermittelte, beteiligte sich zum Bedauern der Projektleiterin nicht an den Kosten.

Insofern, so die Projektleiterin, sei es für diese Alleinerziehenden sehr schwierig bis unmöglich gewesen diese ergänzende Kinderbetreuung zu finanzieren. <<

Schwamm drüber?! pfffffffffffffff

Ihnen einen schönen Restsonntag

Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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