Sonntag, 1. Januar 2006

Autor: Susanne Rowley

Leserbriefe zu den Themen: Kleine Tyrannen

TAG & KICK 


Liebe Wigwam-Freunde,

Ich hoffe, liebe Eltern und Tagesfamilien, Sie haben die Feiertage gut überstanden und sind sanft ins Jahr 2006 hinübergerutscht.

Seit heute bin auch ich wieder aus der Winterpause zurück und möchte mich gleich mit dem fehlenden Januar-Brief an Sie wenden. Unser Thema des letzten Info-Briefes wurde wieder von zahlreichen Eltern kommentiert. Diese Kommentare möchte ich Ihnen zu Beginn des Briefes zugänglich machen und mich gleichzeitig für die vielen auch mündlich erfolgten Reaktionen und Erfahrungen bedanken. Als 2. Thema möchte ich heute doch nochmal auf unser Gesetz zur "qualifizierten Kinderbetreuung" zurückkommen, denn ein Tagesvater von Wigwam hat sich ausgiebig zu diesem Thema geäußert, und seinen Brief möchte ich Ihnen ungekürzt zugänglich machen.

Leserbrief zum Dezember-Thema "kleine Tyrannen" 

Ein Brief einer Wigwam-Tagesmutter >> 

Nur soviel, Sie haben mir aus der Seele gesprochen: es ist erschreckend wie viele, auch gerade in der Pubertät, mit den eigenen Kids nicht mehr zurechtkommen und die Kids dann freiwillig in Pflegefamilien gehen... Da denkt man das läge vielleicht an der mangelnden Intelligenz der Eltern, oder dem hohen Alter der Eltern. Nein, das sind meist sogar Akademiker, selber noch relativ jung. Wir haben selber hier nie die Hand erheben müssen. Sicher, der Ton wird manchmal von mir schon etwas schärfer, lauter, wenn etwas nicht gleich nach Aufforderung von mir erledigt wird. ;-) Aber der nötige Respekt ist einfach da. Auch von uns unseren Kindern gegenüber. Meine Freundin (Pflegemama) erzählte mir letztens am Telefon was ihre pubertierende Tochter sie alles so tituliert: Alte S.., dumme Kuh waren da noch die harmlosen Ausdrücke. Und dies alles vor all den weiteren Kindern. :-( Hier bei uns sind solche Worte noch nie gefallen, das würden sich unsere Kids wohl auch nicht trauen. Respekt, Liebe, Ehrlichkeit und Vertrauen, das sind die wichtigsten Punkte in unserer Erziehung. All die von Ihnen angesprochenen "kleinen Monsterattacken" habe ich im Bekanntenkreis auch. Auch schon mit 3-jährigen. Ja was machen die dann erst mit ihren Eltern, wenn sie ihnen körperlich gleich oder sogar überlegen sind. :-( Mir tun dabei immer diese armen Kinder leid, die ja nur so werden können durch ihre Eltern... Meine Kinder, die älteste wird nun bald 18, machen mich einfach nur stolz, sie sind selbstbewußte, hilfsbereite, offene Menschen geworden. Sie verabscheuen Diskriminierungen und Ungerechtigkeit. Was kann einen da stolzer machen! Dieses Band wird auch mit dem Erwachsenwerden nie reißen! Denn ich möchte, das meine Kinder später einmal, wenn sie ihre eigenen Familien haben, gerne und freiwillig zu uns kommen. Grüße von einer Wigwam-Tagesmama << 

Leserbrief eines Wigwam-Tagespapas 

>> Nett. Und nicht provozierender als die Wirklichkeit. Mein Verdacht: Die Eltern sind nicht "schlechter" als früher, die "Fehler" treten nur offener zutage, weil das Bewußtsein, auch durch 1000 Erziehungsleitfäden, geschärft ist. Dabei sind (natürlich nur in meinen Augen) die Grundlagen der Kindererziehung völlig simpel: 1. Ein Zusammenleben von Menschen klappt nur dann, wenn jeder seine Wünsche berücksichtigt sieht. Also auch, aber nicht nur, die Eltern. 2. Es gibt Grenzen. Die sind aber dann besonders glaubwürdig, wenn es sie auch wirklich gibt. Das heißt, wenn sie erklärbar sind und nicht willkürlich. Und dann werden sie auch eingehalten. Denn wenn die Kinder im Winter einmal das suuuperkuschelige Spaghetti-Hemdchen angezogen haben und merken, daß sie tatsächlich frieren, lassen sie das das nächste mal sein. 3. Last not least die Grundlage von allem: Kinder ernst nehmen. Babygebabbel ist ja kein Lifestyle, sondern der noch nicht so tolle Versuch, wie die Großen zu sprechen. Es gibt also keinen Sinn, auch zu brabbeln. Ich kann auch so mit dem Kind sprechen, daß es auch bald richtig sprechen kann. Und alle anderen Angelegenheiten des täglichen Zusammenlebens kann ich auch auf normale Weise besprechen. Erstaunlich, was Kinder alles ohne kindliche Erklärungsversuche verstehen. 

Das Problem der Erziehungsratgeber 

ist ja das, daß jeder aus diesen Sumpfblüten den Nektar saugt, der ihm paßt. Eine drollige Begebenheit: Wir waren mit anderen Familien auf einem Campingplatz. Eine Mutter kam mit ihren beiden Söhnen (8 und 9) nicht zurande, weil sie ihr gar nicht mehr zuhörten und Ermahnungen einfach nicht beachteten. Deshalb hatte sie einen Erziehungsratgeber dabei und wollte den mit den anderen Eltern diskutieren.

Hauptpunkt des Ratgebers war

"Kinder als Menschen ernst nehmen". Diese Mutter war der festen Überzeugung, daß sie alles genauso macht wie in dem Ratgeber empfohlen. Die Wirklichkeit sah so aus, daß sie ihren Söhnen ins Wort fiel, wenn diese von einem besonders tollen Schmetterling erzählen wollten, den sie gesehen hatten, um sie zu fragen, ob sie schon das Geschirr abgewaschen hätten. Daß sie ihre Söhne wegen kleinster Dinge ohne Notwendigkeit ständig ermahnte ("lauft vorsichtig"), nicht nachvollziehbare Regeln aufstellte und Anweisungen erteilte ("seid nicht so wild"), ohne aber auf deren Einhaltung zu achten. Kamen sie z.B. auf Zurufe nicht zum Zelt, blieben sie halt weg. Dafür wollte sie aber von uns anderen bedauert werden ("die hören einfach nicht"). 

Fazit: Jeder noch so tolle Ratgeber ist nur so gut wie die Person, die ihn liest. << Gruß aus Mainz Andreas Gruschkus

Sehr lesenswerte Statements für die ich mich herzlich bedanken möchte.

Leserbrief zum "Gesetz zur Qualifizierung der Tagespflege" TAG und KICK

>> Da ist sie nun also, die qualifizierte Kinderbetreuung. Die haben wir uns schon so lange gewünscht. Immer wieder haben wir darauf hingewiesen, dass die berufstätige Mutter, die wir ja, bis auf altbackene katholische Menschen, alle wollen, ihren Nachwuchs auch gut betreut wissen möchte. Und dass das ja nicht nur ein Wunsch unterm Weihnachtsbaum ist, sondern geradezu die Voraussetzung für die Berufstätigkeit. Und nun ist sie, rechtzeitig zum Fest, endlich da. Nun kann jeder, der das braucht, sein Kind qualifiziert betreuen lassen. Oder doch nicht? 

Was ist denn da eigentlich wirklich drin im Päckchen?

Ein Gesetz, das eine bereits vorhandene Praxis neu regelt. Warum denn das? War die denn nicht gut? Na ja, manchmal war sie gut, manchmal wohl auch weniger. Wir hätten uns ein Gütesiegel vorstellen können, das Tagesmüttern bescheinigt, gewisse Grundlagen zu haben. Aber mit den richtigen Hilfestellungen oder Vermittlern haben wir schon die weniger qualifizierten Tagesmütter von den qualifizierten unterscheiden können. Und welche Tagesmutter zu welcher Familie passt, war ja wohl auch immer ein bisschen Ansichtssache. Für unseren Wunsch nach Krippen- oder Hortplätzen war aber immer auch der Preis entscheidend.

Gerade allein Erziehende,

die nicht zu Hause bleiben können, weil ein Partner verdient, aber durch ihre Berufstätigkeit außerhalb des oberen Managements keine Reichtümer aufhäufen können, werden es sich nicht leisten können, große Teile ihres Arbeitslohns für eine Tagespflege auszugeben. Da hat sich aber nichts getan. Genau wie bei den subventionierten Kindergartenplätzen, die inzwischen glücklicherweise verpflichtend angeboten werden müssen, haben wir uns auch eine Betreuung außerhalb der "Dreimeilenzone" (3-6 Jahre) gewünscht. Denn eine Familienplanung hört ja außerhalb der katholischen Kirche ja nicht auf, wenn ein Kind erst einmal geboren ist. Sie fängt dann, im Gegenteil, ja gerade erst an. Und bei dieser Planung macht man sich ja schon so seine Gedanken. In den ersten beiden Jahren gibt’s ja, wenn auch knapp, Erziehungsgeld. Das dritte Jahr wird schwierig. Da gibt es nichts. Dann kommt der Kindergarten. Gut. Dann die Grundschule mit festen Betreuungszeiten. Auch gut, oder jedenfalls fast. Denn eine Teilzeitbeschäftigung inklusive An- und Abfahrt zwischen 8 und 12 Uhr ist so verbreitet wie Kinder, die keine Spaghetti mögen.

Dann geht’s los.

Die weiterführende Schule hat ja immer wieder, dank Lehrermangel und Unterrichtsausfall, große Lücken. Aber zum Glück werden die Zwerge ja auch älter und können so allmählich alleine zu Hause sein. Insgesamt aber ist dieser Flickenteppich der Betreuungs(un)möglichkeiten keine große Motivation für diejenigen, die nicht sowieso und freudigen Herzens "Ja" zu Kindern sagen. Denn dieser Lebensentwurf mit Kindern heißt allzu oft Sozialhilfe oder auf Neudeutsch "Harzt IV". 

Nun gut,

es gibt ja aber auch noch Familien mit zwei Eltern und auch Familien mit einem Einkommen, das seinen Namen verdient. Die können sich ja auf dem freien Kinderbetreuungsmarkt bedienen. Konnten. Denn der wird zur Zeit gründlich durchgeschüttelt. Schauen wir doch noch einmal in unser Weihnachtspäckchen. Das Gesetz will die Qualität der Tagespflege her- und sicherstellen. Das wäre eine gute Idee gewesen, hätte das so ausgesehen, dass qualifizierte Kinderbetreuung staatlich zu attraktiven Preisen angeboten worden wäre. Dummerweise gibt es das Geld nicht, das das kosten würde. Also Plan B. Wenn ich selbst keine qualifizierten Angebote machen kann, muss ich eben Andere dazu kriegen, qualifizierte Angebote zu machen, und schon bin ich aus dem Schneider. Es gibt sie zwar, diese anderen Angebote, aber sie sind in ihrer Qualität zu unterschiedlich. Ich muss also dafür sorgen, dass sie einen Standard bekommen, damit ich zurecht auf ein umfassendes Betreuungsangebot mit hohem Qualitätsstandard verweisen kann, was mich der Verpflichtung zu eigenen Angeboten enthebt. Wie praktisch, wenn ich in diesem Fall gesetzgeberische Macht habe. Und was kommt denn nun wirklich dabei rum? 

1. Für den Sozialstaat:

Ich halte mir quasi zum Nulltarif Forderungen nach einer Kinderbetreuung außerhalb des Kindergartens vom Hals. Denn die gibt es ja jetzt. 

2. Für die Tagesmütter:

Wer gerne illegal arbeitet, hat Glück. Für den ändert sich nichts. Na gut, der Preis für illegale Arbeit ist weltweit geringer als der für legale Arbeit, aber das bestimmen ja Angebot und Nachfrage. Wer nicht zu diesem Personenkreis gehört, steht vor der Wahl, entweder die Kinderbetreuung einzustellen oder sich zu qualifizieren. Das bedeutet, dass man einen Kurs mitmacht, bei dem man 160 Stunden lang für eine handvoll Euros Sachen lernt, die wohl nicht alle neu, aber sicher sehr interessant sind. Für diese Zeit kann man seine Kinder ja von einer Tagesmutter betreuen lassen, falls man eine findet. Dann bekommt man eine befristete Genehmigung. 

Ganz besonders lecker ist es,

wenn ich vom Fach bin, also zum Beispiel Sozialpädagoge. Da lerne ich von Sozialpädagogen im Kurs alles das noch einmal, was ich im Studium schon mal gelernt habe, um anschließend von Sozialpädagogen des Jugendamts die Bescheinigung zu bekommen, dass ich das jetzt alles weiß. Dabei könnte ich ohne Kurs und Zusatzprüfung in einer Kindereinrichtung arbeiten oder sie sogar leiten. Tagesmütter wollen im Rahmen ihrer Möglichkeiten arbeiten und am Bruttosozialprodukt mitbasteln. Und diese Möglichkeiten sind z.B. als allein Erziehende mit Kindern nicht unbegrenzt. Also tun sie folgerichtig das, was sie so halbwegs können nach der Erziehung eigener Kinder: Kinder betreuen. Ist nun aber illegal, also geht’s zum Sozialamt.Ganz nebenbei ist es aber auch ein bisschen empörend, wenn mir nach jahrelanger,erfolgreicher Erziehung der eigenen Kinder Unfähigkeit unterstellt wird, das auch bei anderen Kindern hinzubekommen. Oder die implizite Unterstellung, Betreuung Suchende könnten nicht selbst beurteilen, wem sie ihre Kinder anvertrauen können. Aber in diesen Zeiten darf man nicht so empfindlich sein. 

3. Für die Betreuung Suchenden:

Mache ich mich eigentlich strafbar, wenn ich eine Illegale beschäftige? Denn andere machen es ja nun nicht mehr. War früher auch besser, wie so vieles. Andreas Gruschkus, Mainz " Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich für diesen offenen Brief bedanken, der uns allen zu denken geben sollte - auch den verantwortlichen Stellen. Kommentieren möchte ich persönlich den letzten Punkt 3. Eine Verbesserung und Qualifizierung für den Berufsstand der Tagesmutter haben wir uns alle gewünscht - schon seit vielen Jahren schreiben wir zu diesem Thema und kämpfen um mehr Anerkennung. Genauer gesagt: wer den Berufsnamen "Tagesmutter" tragen möchte, sollte eine Ausbildung und Qualifizierung vorweisen können, oder sich auf einen erzieherischen/sozialen Beruf stützen können. Aber was erzählen Sie denn jetzt Ihrer Nachbarin von nebenan, die bislang vielleicht auf Ihr Kind gut und gerne aufgepaßt hat ? Soll und muss es nicht in der Entscheidung jedes einzelnen Elternpaares liegen, wem sie die Betreuung ihres Kindes anvertrauen möchten - der familiennahen Freundin - oder der qualifizierten Tagesmutter? Vielleicht haben Sie liebe Leser auch schon an diesen Punkt gedacht?

Mich erreichen mehr und mehr Briefe von Eltern, die mich fragen, ob Sie jetzt ihre privat organisierte Betreuung fallen lassen müssen.

herzliche Grüße
Ihre Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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