Wigwam Blog

Donnerstag, 1. Dezember 2005

Autor: Susanne Rowley

Kleine Tyrannen / Starke Kinder, starke Eltern

Tripple-P & KESS


Hallo liebe Wigwam-Freunde,

Nachdem ich die letzten Info-Briefe fast ausschließlich gesetzlichen Neuerungen in der Tagespflege gewidmet habe, möchte ich heute mal wieder zu einem menschlicheren Thema zurückfinden: 

  Kindererziehung -  Die kleinen Tyrannen 

Überforderte Mütter, völligst genervte Väter,

Erziehungsratgeber auf dem Nachtkästchen und überfüllte Beratungsstellen. Nie zuvor sollen Eltern der heutigen Generation größere Probleme mit der Erziehung ihrer Kinder gehabt haben als heute. Wir schauen Sendungen wie die "Super-Nanny", die als rettender Engel in chaotische Familien Einzug hält und dort wundersame Dinge vollbringt. Wir alle haben wohl diese Sendungen ein oder mehrmals angeschaut. Darum erspare ich Ihnen die Beschreibung von 2-jährigen, die ihrer Mutter den Joghurt-Becher an den Kopf werfen, Vaters Terminkalender im Clo versenken, um sich schlagende kleine Monster, die scheinbar die Herrschaft zu Hause übernommen haben. Kinder, die ihr Brot nur verzehren, wenn rechts außen ein Ketchup-Kleks in Herzform angebracht wird. Eltern, die sich nicht trauen, ihren Liebsten die zuckersüße Nuckelflasche zur Nacht wegzunehmen, weil das bedeuten würde, die Nacht im Kinderzimmer mit einem schreienden Etwas zu verbringen. "Elternland ist abgebrannt" hab ich kürzlich als Überschrift in einer Zeitung gelesen. 

Aber schauen wir uns zunächst einmal Zahlen an,

die ich für Sie ausgegraben habe. In den 10 Jahren zwischen 1993 und 2003 ist die Zahl der Beratungen in Sachen Erziehung in Deutschland von knapp 200.000 auf über 300.000 gestiegen. Am kostenlosen "Elterntelefon" einer Einrichtung, die vom Bundesfamilienministerium gefördert wird, hat sich die Zahl der Gespräche von 2001 bis 2003 fast verdreifacht. Auch die Zahl der bewilligten Familienhelfer steigt von Jahr zu Jahr; ebenso die Heimunterbringungen von Kindern. Ebenso ist eine massive Steigerung bei der Heimunterbringung von Jugendlichen zu beobachten. 1995 wurden noch ca. 7000 Kinder von Jugendämtern aus den Familien genommen und zu Pflegeeltern oder in Heimen untergebracht; nach einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes waren dies in 2003 bereits über 10.000. Wieso fragt man sich,

sind immer mehr Eltern in Erziehungsnot, obwohl gerade noch 1,4 Kinder in West- und 1,2 Kinder in Ostdeutschland geboren werden. Nur 12 % aller Familien haben somit mehr als 2 Kinder. Obwohl Eltern noch nie soviel Zeit für Haus- und Familienarbeit hatten wie heute, haben sie Schwierigkeiten wie nie zuvor. Ein Sozial- und Gesundheitswissenschaftler, namens Klaus Hurrelmann von der Uni Bielefeld sagt: " Ein Drittel der Eltern heute ist überfordert - ein weiteres Drittel kommt mal besser mal schlechter zurecht, ist aber Kandidat für gelegentliche Hilfe und Unterstützung - und nur noch ein Drittel ist bei der täglichen Erziehungsarbeit zufrieden und hat eine gute Beziehung zum Nachwuchs". 

Als Ursache wird in den verschiedensten Erziehungsratgebern

ein wiederkehrender gemeinsamer Nenner benannt. Regeln ! Regeln für den gemeinsamen Alltag aufzustellen, wirklich Grenzen zu setzen, auch mal deutlich "Nein" zu sagen und dann auch konsequent zu bleiben, schaffen die wenigsten. "Eltern kapitulieren vor der rotzfrechen Armee Fraktion" schrieb kürzlich die Süddeutsche Zeitung Magazin. Und das schlimmste stand dort zu lesen: Die meisten Eltern hätten überhaupt kein Verhältnis mehr zu ihren Kindern; Zitat: "Keine Erziehung ohne Beziehung". Hunderte von Büchern titeln heutzutage mit Abtörnern wie: "Der Erziehungsnotstand", "Die Erziehungskatastrophe". Auch das trägt dazu bei, dass Eltern sich in ihrer Aufgabe immer schlechter fühlen, immer unsicherer werden, sich täglich fragen, was richtig und falsch ist. Ich könnte diesen Artikel jetzt dazu verwenden, Ihnen 100 verschiedene wärmstens empfohlene Erziehungsmethoden zu nennen, in die ich lesenderweise hineingeschnuppert habe:

  • Starke Kinder; starke Eltern - hier wird die Kommunikation innerhalb der Familie verbessert, Eltern sollen sich klar werden, welche Werte sie vertreten, welche Ziele die Erziehung haben soll - Regeln werden gemeinsam besprochen, das Kind wird in Entscheidungen mit einbezogen.
  • Triple P liest sich auch nicht schlecht - hier geht es darum, kindliches Problemverhalten durch klare Verhaltensanweisungen zu korrigieren. Bei liebevollem Umgang soll das Kind lernen sich unterzuordnen - Maßnahmen wie "der stille Stuhl" kommen zum Einsatz.
  • Kess (kooperativ, ermutigend, sozial, situationsorientiert) - hört sich kompliziert an. Hier steht die gute Eltern-Kind-Beziehung im Vordergrund. Eltern sollen lernen die Grundbedürfnisse ihres Kindes zu erkennen. Es soll sich geliebt, geborgen fühlen, dabei sollen sie aber dem Kind zumuten, die Folgen seines Handeln zu spüren
  • Erziehungsführerschein; mehr ein Elternkurs - hier stehen Selbstreflexion und Selbsterfahrung der Eltern im Vordergrund. Eltern sollen sich ihrer Vorbildfunktion bewußt werden, eigene Kindheitserfahrungen werden mit dem aktuellen Geschehen zusammengebracht.

Ich könnte Ihnen noch viele Bsp. aufzeigen -

ich muss auch zugeben, dass ich so manches entdeckte, was mir weiterhalf, was ich schon seit Jahren unbewußt anwende, was ich noch nicht wußte, was ich gerne früher schon mal erfahren hätte, bevor meine beiden aus dem gröbsten heraus waren. Ich möchte betonen, dass ich die Not mancher Eltern schlimm finde; es ist auch nicht meine Absicht, diese Umstände zu verniedlichen oder herunter zu spielen. Aber es will mir nicht aus dem Kopf gehen, dass die Flut von Erziehungsratgebern, das Zerren von einer Erziehungsrichtung in die andere, die Tatsache, dass alles was gestern noch richtig war, heute nicht mehr gilt, auch etwas mit den Eltern tut. Es macht uns fertig, und wir verlieren unsere Intuition - unser Bauchgefühl. Die Eltern von heute haben doch eigene Werte und Ziele. Sie wissen doch, wie sie von ihren Eltern erzogen wurden; sie wissen doch, was sie weitergeben möchten und was sie ihren Sprösslingen tunlichst ersparen. Warum, frage ich, brauchen wir zunehmend eine "Gebrauchsanweisung fürs Leben". 

Ich selbst kann meinen Kindern

nichts vermitteln und weitergeben, woran ich nicht selbst glaube. Was meine Kinder zu allererst merken, sind Methoden, die nicht die meinen sind; Ansichten, die ich nur gelesen habe, Überzeugungen, die ich halbherzig trällere. Ich versuche einfach authentisch zu sein, nach meinen Überzeugungen und Erfahrungen zu erziehen, bin konsequent wann immer ich kann. Vergesse aber nie, dass meine Kinder eigenständige Wesen sind mit Genen, die sich meiner Beeinflussung auch entziehen. Und da ich 2 völligst unterschiedliche Kinder habe, sehe ich deutlich, wie ein und die selbe Methode zwei grundverschiedene Menschen heranwachsen läßt. Und - warum soll ich meinen Kindern nicht auch zumuten, dass sie mich so nehmen lernen, wie ich nunmal bin. Ich möchte gerne, dass auch meine Grenzen akzeptiert werden. Warum sollen sie mich nicht auch mal schwach und müde erleben, genauso wie sie meine Freude kennen. Das alles dürfen sie nämlich auch. Ich bin nicht nur Mutter-Maschine, sondern auch Mensch, Freundin, selber eine Tochter und Unternehmerin, habe Wünsche, Ziele und Träume. Bin mal gestresst, traurig, enttäuscht, verwöhne meine Kinder wo ich kann, und suche mir Freiraumnischen, wo ich sie brauche. 

Täglich habe ich Mütter am Telefon

die unter dem Begriff der "Rabenmutter" leiden, der ihnen von außen zugetragen wurde, weil sie es sich erlauben, sie selbst zu sein. Täglich erlebe ich Mütter, die mit knapp 40 sich den Kinderwunsch noch erfüllt haben, dann bemerken, dass ihnen der Beruf fehlt, und die sich tagein tagaus fragen, ob sie alles richtig machen, ob sie eine gute Mutter sind, ob sie ihr Kind optimal fördern, und wie sie es gleichzeitig noch schaffen, den Haushalt auf Hochglanz zu polieren. Und dann der Dauerbrenner: seelischer Schaden beim Kind. Frank Foredi, ein Soziologe nennt das den "Supergau-Ansatz". Erziehung sei zunehmend geprägt von der Eltern-Angst, schuld zu sein an seelischen Schäden oder Kleinst-Traumen. Das ginge mitunter soweit, dass die eigenen Kinder geschützt werden wie eine "bedrohte Tierart". Dann sorgen auch noch die jeweils neuesten Ergebnisse der Hirnforschung dafür, dass zusätzlicher Druck aufgebaut wird. Wer bei seinem Kleinkind die "kritischen Phasen" und Entwicklungsfenster verpasse, der mache bestimmte Lernerfahrungen unmöglich. Also wissen doch die Eltern von heute schon jetzt, dass sie an der Pisa-Studie von morgen "schuld" sind. 

Dann die demokratische Abstimmung

zu Hause bei Tische. Hab ich alles auch versucht. Wir stimmen ab über alles : Klamottenwahl, Schlafenszeiten, Zähneputzen, Fernsehprogramm und und und. Das geht u. Umständen stundenlang und führt zu keinem Ergebnis, weil klare Regeln und Strukturen fehlen. Kinder wollen wissen, wo ihre Grenzen sind. Sie sind nicht mit einem fertigen Rahmen auf die Welt gekommen - also suchen sie zu recht ein Vorbild - und das sind wir! Und wenn sie das nicht finden, das Vorbild, dann wird solange gereizt, bis die Mauer endlich steht. Wer endlich mal richtig und ehrlich erzieht, wird überrascht sein, was konsequent sein wirklich bewirken kann. 

Konsequent sein

beim Zähneputzen, kann mit der Zeit 100 andere Kleinstbaustellen gleich mit beseitigen, weil die Eltern glaubwürdig sind. Kürzlich telefonierte ich mit einer Mutter, da schrie die 3-jährige im Hintergrund: "Mama leg jetzt endlich auf" ! Klasse dachte ich - telefonieren verboten. Und Sie werden es nicht glauben, die Mutter hat das Gespräch mit mir recht schnell beendet. Wow - dachte ich - vielleicht "darf" sie ja heute noch mal bei mir zurückrufen :-). Solche Dinge und mehr erzählen mir viele Eltern; wie sie ihrem 12-jährigen Sohn, der den ganzen Mittag vor dem Fernseher herumgelungert hat, nach einem 10-Stunden-Arbeitstag im Büro während den Tagesthemen noch schnell seinen Lieblingspulli in die Maschine stopfen, weil er sonst platzt, wenn er den morgen früh nicht anziehen kann. So sind auch schon ganz kleine Mädchen richtige Klamottenzicken geworden, erzählte mir kürzlich eine andere Mutter. Sie zieht nicht an, was nicht von "Miss-Sixty" ist, aber wir müssen ja nicht so sehr auf die Preise achten, also mach ich ihr die Freude. 

In die schönste Erziehungsfalle

tappen dann die Eltern, die in ihrem Kind schon den echten Super-Kumpel gefunden haben. Sie essen auch Kinderschnitte (schmeckt ja auch :-)), trainieren im selben Fitnessstudio-, wie die Tochter, gehen in die gleiche Disco und reden einfach "von Frau zu Frau" über alles - und das auch schon mit ihrer 8-jährigen.??!! In vielen Familien, so hab ich gelesen, gäbe es keine wirklichen Erwachsenen mehr, sondern es wird ständig Gleichwertigkeit suggeriert; alles ist hip und cool. "Meine Mutter ist peinlich" las ich in einem Artikel - "sie ist 50 und fährt mit geflochtenen Zöpfen inlinernd durch München :-)." Dem Mächen muss ich leider recht geben. 

Tja, was tut man nun.

Ich höre gerne auf meinen Bauch, und sammle gemeinsam mit meinen Kindern Erfahrungen. Ich hab Ziele, die ich umsetzen möchte und probiere derzeit aus, wie wir hier die Pubertät überleben. Nein, ich hab keinen Kurs belegt, möchte auch nicht mit der Gebrauchsanweisung auf den Knien zu meinen Kindern sprechen. Dies ist nur meine Meinung. Ich bin aber auch der Ansicht, dass verschiedene Familien, in denen z.B. Gewalt herrscht, schreien zum normalen Ton gehört, Spucken in ist, Druck mit Erziehung verwechselt wird, Drohungen an der Tagesordnung sind, einen Kurs belegen sollten. Elternkurse werden inzwischen Deutschlandweit angeboten. Nach allem was ich jetzt gelesen habe, gibt es den optimalen Kurs nicht. Weil Eltern nun mal unterschiedliche Mentalitäten, Bildungshintergründe, Lebensstile haben, und natürlich auch jedes Kind ganz anders ist, passt mal das eine oder andere Konzept besser. 

Mein Rat wäre trotzdem:

Wir sind nicht nur Eltern, sondern auch Mensch. Wir dürfen glücklich sein, und uns auch mal um uns selbst bemühen. Schauen Sie täglich danach, dass es Ihnen auch gut geht, dann lernen ihre Kinder dies nachzuahmen.

Mit diesem zugegeben etwas provozierenden Brief und vielen guten Wünschen schick ich Sie ins Weihnachtsfest - hoffe, dass Sie sanft ins 2006 hinübergleiten. Wie immer würde ich mich über zahlreiche Post zu meinem Brief hier freuen - Kritik nehme ich ebenso gerne an - wie mich auch ihre Meinung und Erfahrungen interessieren.

Es grüßt herzlich
Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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