Friday, 15. April 2022

Autor: Susanne Rowley

"Kirch"-Blüten, die der Fachkraftmangel austreibt.

KiTa Betreuung nur für kirchensteuerzahlende Mitglieder?

Hier geht's zum Interview.

Liebe Freunde der Wigwam Kindertagespflege, 

Vor Jahren schrieb ich, aufgrund des Rechtsanspruches, der die Rechnung in 2013 ohne eine Fachkraftfürsorge an der Basis aufmachte: 

>> Erst röchelt der betreuende Berufstand, dann wird die Qualität zu Grabe getragen. <<

Zur damaligen Zeit hatte ich jedoch noch keine Vorstellung davon, welche „Blüten“ ein Fachkraftmangel noch so treiben kann, lässt man ihn untätig weiterwuchern.    

Aber der Reihe nach:

Nach Einführung des Rechtsanspruches konnten wir an der Basis absehbare Entwicklungen beobachten:

Er drängte nicht nur jene aus der Gleichung, die ihn erfüllen sollten - das betreuende Fachpersonal - sondern ließ zunehmend auch Fachkräfte und Eltern zu gefühlten Gegnern in der Betreuungslandschaft werden. 

Bitter rächte es sich an der Basis, vollmundig Eltern eine Ernte erfüllter Betreuungsansprüche anzukündigen, ohne das betreuende Feld zuvor bestellt zu haben. Das konnte nur zum Teilausfall der Ernte führen. 

Danach mussten die Richter ran, weil die gesetzlich beauftragten Verantwortlichen für Vereinbarkeit von Familie und Beruf leider nur einen Leistungsberechtigten im Blick hatten: Die Eltern. Mithilfe wendiger/windiger Advokaten klagten sie ihren Anspruch "zu Recht" auch ein.  

Es kam, wie es kommen musste. 

Die Fachkräfte, deren Betreuungsboden mitnichten bestellt wurde, flohen und fliehen aufgrund von Überlastung aus den Kita Einrichtungen, warfen reihenweise das Handtuch. Und nun? Woher nehmen, wenn nicht stehlen. 

Die Versuchung, ein Bundesqualitätsgesetz nach gleicher Manier noch hinterher zu schieben, war groß und ist immer noch in aller Munde. Qualität von oben herab einfach anzuordnen, ohne für garantierte Standards an der Basis im Vorfeld umfassend Sorge zu tragen, um wiederzuerlangen, was an frühkindlicher Betreuungsqualität aufgrund des Rechtsanspruchs bereits als vermisst gemeldet wurde, würde den Druck an der Basis zwar weiter erhöhen, aber sicher das gleiche negative Ergebnis hervorbringen. 

Aber auch hier findet sich im Vorfeld ein passendes Schlupfloch. Sie ahnen es:     

Der Begriff „Qualität“ muss zunächst eine gewisse Neudefinition durchlaufen.

Die Zugangsvoraussetzungen zum erziehenden Berufsstand werden schrittweise abgesenkt. Quereinsteiger rekrutieren ist aktuell das Credo. Da waren vor Jahren zunächst die „Schlecker Frauen“ in aller Munde, später die duale Ausbildung. Unter dem Deckmantel, im dualen System lerne man an der Basis effektiver, wurde in Wahrheit auch die Möglichkeit implementiert, auch NeuansteigerInnen schon die Kitaleitung mal eben übertragen zu können. Im Nachgang wurde unter dem Motto der "Vielfalt in der frühkindlichen Bildung" sodann auch völlig fachfremden Berufssparten der Einzug in die frühkindliche Bildung ermöglicht. Warum auch nicht den Hausmeister der Erzieherin zur Seite stellen. Welches Kind fände es nicht spannend zu sehen, wie der Hof gekehrt oder die Glühbirne den Weg in ihre Fassung findet. Ironie aus.   

In den letzten beiden Jahren war zunächst Erfreuliches zusätzlich zu beobachten: 

Die Fachkräfte gehen auf die Barrikaden! 

Die Basis steht flächendeckend auf. Man hätte hoffen können, dass diese wehrhaften Bewegungen deutliche Signale in die Bundes- und Landespolitik senden würden.  

Sicher, die Signale wurden gesendet; sind auch angekommen. 

Es muss wohl ein Problem beim Decodieren geben ;-). 

Wenn Fachpersonal nicht mehr zu überzeugen und zu halten ist, und auch sonstige Helferlein die Lücken nicht mehr füllen können, geht man den Weg wohin?

Zurück auf Los. 

Wir steuern tatsächlich aktuell in Zeiten vor dem Rechtsanspruch. Die Zielsetzung bei Einführung des Rechtsanspruches führt sich mangels Fürsorge quasi selbst ad absurdum. 

Die Betreuungszeiten werden eingeschränkt. Die Kita schließt kurzerhand am frühen Nachmittag. Öffnet eben nur noch dann, wenn sich ausreichend Fachpersonal in der Kita einfindet. Dem Kindeswohl ist endlich wieder Genüge getan. 

Vereinbarkeit von Familie und Beruf? War das nicht mal Teil des großen Plans? 

Können Sie sich liebe Leserinnen und Leser angesichts dieser Abwärtsspirale noch eine Steigerung vorstellen?

Ich konnte es bis dato nicht.   

Ich konnte es solange nicht, bis ich jenes Video eines Dekans der evangelischen Kirche Mannheims fand.

Da geht tatsächlich noch was. Richtung „unten“.

Wenn immer mehr vom wenig Vorhandenen nachgefragt wird, kann eben nicht mehr jederman (n)/-frau alles beanspruchen, was in der weiten Betreuungslandschaft vom ein oder anderen Träger geboten wird. Und schon gar nicht, wenn er oder sie nicht (mehr) zum erlesenem, weil finanzierenden Kreise einer tragenden Gesellschaftssäule gehört, sondern sich aus guten Gründen kritisch zeigt und sichtbare Konsequenzen zieht. 

Vielerorts findet man bereits Begriffe und Vorgehensweisen dessen, was aktuell an Mangelverwaltung in der Betreuungslandschaft flächendeckend zu beobachten ist: 

Die einen nennen es städtisches Vergabesystem, um wenigstens die drängendsten Vereinbarkeitsbereiche in einer Art von "Vorrang-Recht" noch abzudecken und zu regeln. 

Nach Genuss des obigen Interviews ist mir allerdings eine schwer verschärfte Definition von Vergabe durch Kirchenverantwortliche in den Sinn gekommen:

Die Selektion.

Was jener Dekan der evangelischen Kirche beschreibt, hat nichts mehr mit einer Vorrangregelung oder gar einem Vergabesystem zutun. Vielmehr geht es hier um eine grundsätzliche Zugangsberechtigung. Und diese ist nach meinem Dafürhalten mit einem Zusatz-Geschmäckle ganz anderer Art behaftet. 

Zugang zu kirchlich getragenen Kitaeinrichtungen gibt's nur noch für kirchensteuerzahlende Mitglieder. Was sagt man dazu. 

Ups. 

Warum auch, "um"schreibt der Dekan ganz sachte, sollte sich Kirche fortgesetzt in gesellschaftlicher Daseinsvorsorge engagieren, wenn die Mitglieder zu Hauf aus Gründen „stiften“ gehen. 

O-Ton - inhaltlich im Kern grob zusammengefasst: 

(..) wir waren mal eine staatsanaloge Institution; jeder Bürger, jede Bürgerin war mal evangelisch oder katholisch, das ist noch in unseren Köpfen. Es ist auch noch in unseren Köpfen, es als selbstverständlich zu betrachten, (..) was da so geboten wird, und das ist es nicht..(..) es ist ein Punkt gekommen, an dem uns selbst bewusst wird, welche Aufgaben können wir finanzieren (..) und wo müssen wir schauen, was wir unseren Mitgliedern, die unsere Kirche halten und auch tragen für eine Botschaft mit auf den Weg geben (..) es ist schön, dass Ihr uns Euer Geld gebt, aber ansonsten ist es uns Wurst..(..) Ja, es ist eine Entwicklung, die nimmt jetzt auch Fahrt auf, sicher ist sie neu, wir ziehen jetzt mal an einem kleinen Punkt eine Konsequenz, und machen das auch sichtbar, und unser Weg in die Zukunft wird sein, dass wir das an mehreren Stellen sichtbar machen werden (..) Wir werden uns mehr profilieren. Wir wollen weiter für alle offen bleiben, aber (..)...

Absolut hörenswert und interessant ist das Interview auch deshalb, weil es von einem Journalisten geführt wird, der sich selbst im Interview als betreuungssuchender Vater zu erkennen gibt. Und er stellt im Verlauf des Gespräches folgerichtig fest: 

Kirche erwartet in Zukunft von Bürgern, die von gesellschaftlichen Gaben profitieren wollen, sich zu bekennen. 

Nonverbal erreichte mich bei genauerem Hinhören eine unausgesprochene Botschaft von unguter Verquickung mit der Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt gegen Kinder innerhalb der Kirchen, die zu massiven Austrittszahlen von Mitgliedern geführt hat und noch führen wird. 

Ein Schelm, der hier eine Folgewirkung - oder gar einen Zusammenhang erkennt. 

Ich sehe eine Haltung von: 

Wenn eine Gesellschaft dafür sorgt, dass der Kirchensäckel sich zu leeren beginnt, dann sind wir eben nur noch für jene da, die trotz aller Missstände unseren Säckel weiter zu füllen bereit sind. 

Ob das Schule macht? 

Wenn ja, sind wir endgültig in einer ganz neuen Art von klassifizierter Betreuungslandschaft angekommen. Das hat irgendwie etwas von Zahn um Zahn.. 

Auf diesem Irr-Weg, der seit 2013 unbeirrt beschritten wird,  

sehe ich als Verantwortliche an der Basis jetzt im Jahr 2022 keine vernünftige Abzweigung mehr. Da hilft nur ein Neustart.

Ein Neustart, der zuallererst jene in den Blick nehmen muss, von denen wir die Erfüllung des Rechtsanspruches von Anbeginn erwarteten. 

Unser erziehendes und betreuendes Fachpersonal.

Vielleicht sollte man Physiker zum Grundreinemachen 

ins Familienministerium schicken.

Die wären vielleicht in der Lage, familienpolitisch Verantwortliche aus der krankmachenden, immer wiederkehrenden Denkfalle zu befreien, dass Druck von oben alleine die Probleme an der Basis zu lösen imstande wäre.

Blanker Druck von oben nach unten führt zu Verdrängung von Masse nach allen Seiten. Nun betrifft sie erstmals nicht nur das Fachpersonal sondern auch 

unsere "beanspruchenden" Eltern.  

Es grüßt

Susanne Rowley

Wigwam 1994
Anerkannte Bildungseinrichtung
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