Wigwam Blog

Freitag, 3. April 2015

Autor: Susanne Rowley

Kindertagespflege als Brandbeschleuniger in einer unehrlich geführten Qualitätsdebatte

Kindertagespflege wird verheizt, damit es anderswo schneller warm wird.

Liebe Wigwam-Freunde,

http://www.svz.de/mv-uebersicht/mv-politik/viele-sind-keine-erzieher-id9270291.html

Eine solch rückwärts "gerollte" Berichterstattung in Sachen Kindertagespflege wie im obigen Zeitungsartikel bei zeitgleich so gerne öffentlich zur Schau getragenen "Vorwärtsrolle" in Sachen Vereinbarkeit von Beruf & Familie, muss man erst mal durchgängig so hinkriegen. 

Oder aber,

die Rückwärtsrolle selbst hat Methode.

Dass auch eine herabwürdigende Form von Berichterstattung im Gesamtkontext der Qualitätsdiskussion durchaus einen politisch gewollten Zweck erfüllen kann, das habe ich erst spät bemerkt.

Spät vor allem deswegen, weil alle von dieser schlechten Berichterstattung betroffenen damit beschäftigt sind und waren, sich gegen sie zur Wehr zu setzen. Dabei sind die Rollen ggf. längst verteilt.

Kindertagespflege wird verheizt, damit es anderswo schneller warm wird.

Wie ich das meine?

Ein kleiner Rückblick auf die Kindertagespflege sei mir an dieser Stelle erlaubt.

Wir erinnern uns, wie es vor Jahren war: 

Wer braucht schon Tagesmütter & Tagesväter. Niemand. Sie kamen in der medialen Landschaft schlicht und ergreifend nicht vor. Man wusste zwar, irgendwo in diesem Land existieren sie, aber was die da so machten und wozu überhaupt - wenn interessierte das schon.

Eine zu vernachlässigende betreuende Größe also, die man jedoch zu Beginn des Ausbaus der Kindertagesbetreuung nicht mehr ganz unerwähnt lassen konnte/wollte. Eine Begrifflichkeit für dieses undefinierbare Etwas "Tagesmutter" war bald gefunden: 

Die Alternative.

Das Wort Alternative bedeutet im Kern eigentlich nichts weiter, als die Wahl zwischen 2 gleichwertigen Optionen zu haben.

Entweder oder - und nicht - sowohl als auch. 

Im Falle der Kindertagespflege-Berichterstattung erhielt das Wort jedoch sehr schnell einen negativen Beigeschmack; dafür sorgte wenig schmückendes journalistisches Beiwerk ebenso, wie die eine oder andere unrühmliche Reportage, die auch dem letzten Elternpaar klar machte:

Das erwartet Euch, liebe Eltern, wenn familienpolitisch Verantwortliche nicht ganz schnell die "richtige Option" Kita ausbauen. 

Flankiert wird das ganze von einer durchgängigen Unterlassung durch familienpolitisch Verantwortliche. Kindertagespflege wird ignoriert; ja nicht mal dementiert, denn um das zutun, müsste sie laut benannt werden. Sie existiert einfach nicht.

Rückblickend bin ich mir heute sicher:

Kindertagespflege wurde und wird instrumentalisiert.

Instrumentalisiert, um den öffentlichen Druck auf die politisch Verantwortlichen in Sachen Ausbau der Kindertagesbetreuung ganz schnell zu erhöhen.

Wo ein Wunschkandidat erkoren ist, macht sich der Buhmann daneben auch nicht schlecht, denn nur er führt uns vor Augen: Was wäre wenn..

Ich hoffe, Sie kennen den Buhmann noch.

Das ist der Bi Ba Butzemann

- ein Schreckgespenst für Kinder, ein Sündenbock für die Großen.

Ich erinnere an dieser Stelle an eine ZDF-Reportage "Warteliste Platz 14", aus dem Jahr 2013, die mittlerweile aus den Mediatheken verschwunden ist. Ein Aufschrei ging durch die Kindertagespflege-Landschaft aufgrund der schändlichen Darstellung des Berufsstandes. Denn in dieser Reportage wurde auch dem letzten TV-Zuschauer deutlich, was uns blühen kann, wenn ein undurchsichtiges Betreuungsvolk statt Kita zu Werke geht, und was einem armen Kind so alles blüht, wenn die Tür hinter ihm ins Schloss fällt.

Da legte eine Tagesmutter Hand an, die kaum der deutschen Sprache mächtig war. Gerade mal so dem Jobcenter von der Schippe gesprungen, versucht sie sich am Kind. Stopft ihm sodann Halbgares und Sperriges in den Mund, obwohl das Kind keine Zähne hat. Angezoomt wurde in dem Beitrag nur, was kein Elternpaar sehen möchte, wenn es um Betreuung geht: Gelbe Müllsäcke. Dass der Ehemann der Tagesmutter "auch" keiner Arbeit nachging, muss hier nicht mehr ewähnt werden, und dass beide übergewichtig waren, ließ jedes Elternpaar weit über Halbgares hinaus fantasieren. 

Infolge dieser und anderer negativen Berichterstattungen wurde aus der schlechten Alternative noch schlechteres:

Der Begriff.

Notnagel ward geboren.

Ein Notnagel kommt nur zum Einsatz, wenn alle Ausbaustricke reißen. Oder sehen Sie das anders?

Zur bis dahin längst vorherrschende Definition von "Qualität", die hierzulande einzig in Bildung & Förderung vermutet wird, auch dann wenn ein Kleinkind noch nicht einmal einen Schnuller selbsttätig im Mund behalten kann, kann ein Notnagel in Sachen Ausbildung nichts beitragen - es lohnt sich also nicht, ihn danach zu fragen. Klar war aber auch, dass der Notnagel ganz ohne Qualifizierung nicht als geduldeter Untermieter ins Land der Betreuenden einziehen kann, denn schließlich war & ist nicht zu vermeiden, dass er mit Kindern in Berührung kommt. 

Und parallel konnte es auch nicht schaden, dem Betreuungslotterleben, das die Familien bis dato führten, wie z.B. Nachbarschaftshilfe, nachschulische "Oma"-Betreuung, die sich völlig der Qualitätskontrolle entzieht, einen messbaren Riegel vorzuschieben.

Doch langsam wendete sich das Blatt,

denn der rasante Ausbau sorgte nicht dafür, dass strukturellen Problemen von Einrichtungen angemessen begegnet werden konnte. 

Im Gegenteil. Der Notnagel wurde plötzlich gebraucht, als offen kundig ins Bewusstsein drängte, dass es Menschen gibt, die nicht von 8-16 Uhr arbeiten.

Potzbliltz - die Randzeiten.

Auch der o.g. Artikel startet mit dieser sich jetzt manifestierenden Rollen"unter"besetzung von Kindertagespflege: 

Zitat:

>> Arbeits- und Wegezeiten, die sich nicht mit der Öffnung von Kindertagesstätten in Einklang bringen lassen, sind für Eltern der Hauptgrund, ihre Kinder Tagesmüttern oder -vätern anzuvertrauen. <<

Ich gehe mal davon aus, diese Journalistin hat das richtig fundierten Umfrageergebnissen entnommen ;-).

Aber das liest sich wirklich ungut - finden Sie nicht? Denn wie die schreibende Zunft richtig bemerkt: wem man Kinder "anvertraut", der sollte schon was auf dem Kasten haben, um als vertrauenswürdig eingestuft zu werden.

Da liegt es doch auf der Hand, jetzt mal nach der Qualifzierung zu fragen.

>> Derzeit müssen Tagesmütter und -väter ein 160-stündiges Curriculum des deutschen Jugendinstituts durchlaufen, um sich für ihre Arbeit mit den Kindern zu qualifizieren <<

bemerkt die Linken-Politikerin Bernhard. Und das sei nicht genug, denn schießlich dauere die Erzieherausbildung 4 Jahre.

Und weiter lesen wir:

>> Gerade kleine Kinder sollten von möglichst gut ausgebildeten Fachkräften betreut werden, denn „gerade im Krippenalter werden die Weichen für eine gute Bildung gestellt“, betont Bernhardt. <<

Sind Sie jetzt nicht auch etwas verwirrt liebe Wigwam-Freunde?

Da Kindertagespflege ohnehin vorrangig für Randzeiten herhalten soll, ist da diese Aufregung zu verstehen?

Um Bring- und Abholfahrten zu vollführen, danach die Jacke eines Kindes abzustreifen, noch ein schnelles Süppchen anzusetzen, die das Kind ohnehin nicht zu Ende essen wird, geschweige denn, dass es ein Spiel zu Ende bringen kann, was es gerade ausgepackt hat, wenn die Eltern klingeln..

Wozu der Vergleich mit den anständigen Betreuern: Den Erziehern.

Das scheint jene Journalistin auch nicht so genau zu wissen. Immerhin kennt aber die von ihr interviewte Linken-Politikerin Bernhard Zahlen, die sie dem Ergebnis einer kleinen Anfrage aus dem Jahr 2013 entnommen hat und gibt an: 

>> Von 1462 Tagespflegepersonen hatten 818 keine pädagogischen Abschlüsse; das reiche aber nicht, um den Bildungsanspruch auch in der Tagespflege zu verwirklichen <<

Hm - ich rechne gerade mal und komme auf 644 Tagespflegepersonen  in 2013, die aus dem pädagogischen Bereich kamen, und die ihre hochwertige Qualifikation wahrscheinlich auf dem Rücksitz vom Auto umgesetzt haben? Oder haben die etwa gute Arbeit am Kind geleistet? 

Das musss der Journalistin rein zufällig entgangen sein. Auf der sicheren Seite ist sie jedenfalls, wenn sie die Defizite der Kindertagespflege in den Vordergrund stellt.

Dann kommt auch die womöglich völlig verwirrende Frage nicht auf:

Wo soll's denn hingehen liebe Familienpolitik?

In einer Coachingstunde, die ich letzten Freitag für mich ganz alleine genoss, wurde ich noch einmal an das erinnert, was einem erfolgreichen Weg zugrunde liegt:

Nämlich:

Ein Ziel vor Augen zu haben!

Sich dann den dafür zur Verfügung stehenden Ressourcen bewusst zu werden, hernach die Strategien zur Umsetzung zu erarbeiten, um dann

loszulaufen!

Mir ist nach 22 Jahren Engagement für die Kindertagespflege sonnenklar:

Ein Ziel für und mit der Ressource Kindertagespflege war nie der Plan.

Propagiert und verfolgt wird für und mit ihr nur ein Ziel:

sie NICHT in die Betreuungslandschaft zu integrieren!

Und so komme ich für mich zu einer immer deutlicher werdenden Konsequenz: 

Eine Ressource, die nicht Teil des Zieles ist, muss sich an deren Umsetzung weder beteiligen, noch für das Ergebnis verantwortlich fühlen.

Sie sollte stattdessen das einzig richtige tun:

Sich eigene Ziele setzen, und sich dabei treu bleiben!

Da dieser überflüssige Artikel ebenso keine Zielsetzung hatte, versöhnt mich sein geschriebenes Ende mit der zuvor entstandenen Verwirrung:

Denn offensichtlich scheinen die Probleme ja auch nicht dringend zu sein, so lässt das Sozialministerium auf Anfrage verlauten:

Angesichts

anderer dringender Aufgaben

im Bereich der Kindertagesbetreuung hätte die Vorbereitung einer Verordnung, die im Jahr 2014 angekündigt wurde, und die neben Standards auch Rechtssicherheit für den Berufsstand Kindertagespflege hätte schaffen sollen, im anvisierten Zeitraum nicht realisiert werden können.

Jetzt ist meine Welt doch wieder in Ordnung :-). 

Im ersten Moment dachte ich doch glatt, Kindertagespflege würde im Zuge der Forderung nach höherer Qualifizierung eine

betreuende Rolle

in der Qualitätsdebatte zuerkannt.

Nicht doch :-).

Allen Tagesmüttern & vätern wünsche ich somit klare Gedanken zur Definition ihrer eigenen Vorwärts-Rolle und ganz viel Mut dabei, die Rolle des Steigbügelhalters zu verlassen. 

herzliche Ostergrüße

Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
Kapitän-Lorenz-Ufer 20
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