Dienstag, 23. Februar 2016

Autor: Susanne Rowley

Kein Wort mehr! Wenn Kinder ihre Eltern verlassen

kann es für immer sein!


F A M I L I E

Es gibt aus meiner subjektiven Sicht kaum eine Gemeinschaft, die mehr Liebe und Hass hervorbringen kann, als die kleinste Zelle unserer Gesellschaft – die Familie. Darum ist sie ein Feld, das in allen Facetten seiner Möglichkeiten die volle Aufmerksamkeit verdient, denn nirgends erleben wir wohl mehr Schmerzen, die uns prägen, und nirgends haben wir mehr Chancen auf Entwicklungspotential zur Gestaltung unseres Lebens! Letzteres ist eine ziemlich kühne Behauptung, wenn die Kindheit als nicht gelungen erlebt wurde - gebe ich zu; andererseits wissen viele Menschen aus Erfahrung: Entwicklung entsteht vor allem durch Krisen, die man hoffentlich überstehen durfte.

http://www.ardmediathek.de/tv/Menschen-hautnah/Kein-Wort-mehr-wenn-Kinder-ihre-Eltern/WDR-Fernsehen/Video?documentId=33479110&bcastId=7535538

Während meiner täglichen Arbeit

habe ich vorrangig mit Müttern und Vätern zu tun, die gerade überglücklich und selig, ihr kleines Bündel nach der Geburt nach Hause getragen haben. Ihnen muss es völlig fremd vorkommen, sich damit zu beschäftigen, dass ihr "Ein und Alles" einmal die Tür nicht mehr öffnen könnte, wenn sie klingeln. Das müssen sie auch nicht - sie sind in einem anderen Lebensstadium und geben aktuell beim Heranwachsen ihrer Kinder "ihr Bestes". Besonders stark empfinde ich dies bei der jetzigen Elterngeneration. Sie lesen Ratgeber über Ratgeber, möchten alles richtig machen und fühlen täglich den Spagat zwischen dem Wunsch, alles für ihre Kinder zu tun, und zeitgleich ein Fenster für ihre eigenen Bedürfnisse offen zu lassen. Dieses gute Ansinnen kann und darf einfach nicht in "die Hose gehen"..

Und doch geschieht es täglich in Deutschland:

Am "Ergebnis" im Erwachsenenalter werden sie sich messen müssen. Kein Elternpaar kann sich den Bruch von Morgen heute vorstellen. Kinder verweigern den Kontakt, „strafen“ die Eltern scheinbar mit völliger Sprachlosigkeit; lassen sie zuweilen ohne Erklärung für das Geschehene und/oder Unterlassene alleine zurück. Warum, fragen sich Eltern, kam nicht an, was ich transportieren wollte. Warum transportierte ich nicht, was ich die Kinder brauchten. Ein knallharter oft unvermeidlicher Schritt, den meist die Kinder vollziehen – seltener die Eltern - um Distanz auf Zeit, oder aber für immer zu schaffen.

Ein Thema, das mich außerordentlich bewegt,

weil es mit einem Makel behaftet ist, wie viele andere Tabuthemen auch - über die zu Schweigen, die Umstände noch niemals verbessern konnte. Ein Thema, das zudem eng verknüpft ist mit Gefühlen von "Scham" und „Schuld & Sühne“, die wir alle nur mit unseren eigenen Ressourcen bewerten können.

Der vorliegende Film, den ich allen wärmstens ans Herz legen möchte, zeigt von außen betrachtet:

Zugrunde liegen Verletzungen jeglicher Art - auf beiden Seiten. Auf Elternseite solche, die ggf. aus ihrer Kindheit nicht verarbeitet und weiter getragen wurden. Auf Kinderseite solche, die im Kontext einer gewünschten "schönen Kindheit" nicht erfüllt werden konnten und u.U. lebenslange Folgen haben. Wie damit umgehen, ist die Frage, die hinter solchen Brüchen immer steht, denn es ist eben nicht so, dass es dem Verlassenden besser gehen muss, als dem Verlassenen. Oft geht der Krieg bei beiden im Innern weiter - nur der Schauplatz hat sich verlagert. Rat-schläge wie Schwamm drüber, weil ich mir die Familie nicht aussuchen konnte, und weil Blut schon lange nicht mehr dicker als Wasser ist, kann nicht die einzige Antwort sein. Egal wie - ein Befassen damit lohnt für sich und das Gegenüber, ganz unabhängig vom Ergebnis. Der Bruch selbst ist aus Verletzungen heraus geschehen und erzeugt zeitgleich neue. Er kostet Kraft, verbraucht Raum für Verdrängung um aufrecht erhalten zu werden. Vieles bleibt unverarbeitet und ungesagt stehen - aber ruht es deswegen auch? Der Bruch kann auch ebenso Erlösung sein. Erlösung vom krampfhaften Versuch etwas herzustellen, was nicht ist und vielleicht niemals war.

Wenn Kinder die Gründe für einen Bruch vortragen,

spielt der Boden auf den die Worte fallen eine große Rolle. Ist dieser nicht bereitet, kann es beidseits zu neuen tieferen Verletzungen führen. Einmal auf Kinderseite, weil vielleicht erschwerend und bitter erfahren werden muss, dass neuerlich nichts verstanden wurde, aber auch auf Elternseite, wenn das "Beste fürs Kind" so gar keine Anerkennung findet.

Nimmt man sich die Zeit für diese berührende Reportage, spürt man, was am Nötigsten ist: Zeit und Gelegenheit. Versuch und Scheitern. Luft lassen für ein Vielleicht ohne ein Muss. Für die Gefühle der Töchter im Beitrag, die gar schriftlich an die Mutter adressieren, wie geborgenheits- und schutzlos sie ihre Kindheit dereinst empfunden haben, muss ebenso Raum sein wie für die Verletzungen der Mutter, die mit diesen Vorwürfen konfrontiert nicht nur ad hoc leben muss, sondern die auch gleich eine 2. Baustelle offen hat: den Bruch ihrer Kinder vor sich und der Gesellschaft, die nur Platz bietet für „gute Mütter“ zu rechtfertigen. Da kommt ex- und interne tiefe Scham ins Spiel, die den „ehrlichen“ Wunsch nach echter Aufarbeitung extrem einfärben und damit für eine ganze Weile trüben kann. Und wohin, fragt sich der Zuseher, soll eine Mutter mit den eigenen Gefühlen, wenn sie sich den Vorwürfen zu stellen hat. Denn sie hört ja nicht nur, warum man sich von ihr getrennt hat, sie hört auch, dass ihre mütterlichen Leistungen ein vernichtendes Urteil erfahren. Aus ihrer subjektiven Sicht hat sie die Kinder ggf. unter widrigsten Umständen noch irgendwie „durchgebracht“, trotz schmutziger Ehescheidung, trotz Vollzeitbelastung im Beruf. Aber da ist kein Danke – es kann keines kommen!

Meine persönliche Erfahrung ist:

Zeit! Zeit ohne Muss / ohne Soll / ohne Darf - maximal mit einem Kann.. Es braucht Unmengen von Zeit, um Sichtweisen eine Chance zum Reifen zu geben - ggf. tun sie es nie. Beides ist legitim.

Seit vielen Jahren befasse ich mich mit dem Thema „Verzeihen“ – und was es im Kern bedeutet kann. Bedeutet es, wir reden mal drüber? Ich erkläre Dir alles? Du stellst mir 1000 Fragen, und danach ist alles wieder gut? Hierzu fällt mir schlagartig ein Beispiel ein, das ich bei einer hervorragenden Traumatherapeutin hörte: Stellen Sie sich einen Autofahrer vor, der im betrunkenen Zustand einen Menschen angefahren und in den Rollstuhl gebracht hat. Und stellen Sie sich weiter vor, dieser Autofahrer würde nun zu seinem Opfer gehen, sich inständig entschuldigen, aber danach betrunken weiter fahren. Ein No Go sonders gleichen, das die Entschuldigung im Augenblick neutralisiert.

Verzeihung, so lernte ich, ist eng verknüpft mit wahrhaftig spürbarem Einsehen von Fehlverhalten in der Vergangenheit. Ein sorry reicht da nicht. Aber es braucht noch mehr. Das Verhalten des "Täters" in der Gegenwart muss nachhaltig verändert, gegen-wärtig greifbar darauf aufbauen! Und auch dann heißt ein Verzeihen nicht: Vergeben und Vergessen oder gar ein Ungeschehen machen. Und schon gar nicht ein Weiter so. Es heißt allenfalls ein Integrieren der Vergangenheit in die Gegenwart - egal wie das praktisch aussieht.

Sich zunächst alleine darüber Gedanken zu machen, ist die Brücke für beide - ob sie je beschritten wird oder nicht. Sie ist da, wenn die Bereitschaft aufgebracht werden kann, sich mit sich selbst und dem Leben des Anderen zu befassen. Sich mit dem Leben des anderen zu befassen, ist dabei vielleicht der hilfreichste Anker - wie war es für die Mutter mit 5 Jahren im 2. Weltkrieg im Bombenkeller zu sitzen...was hat sie empfunden, als Hunger ihren Kinderalltag bestimmte. Diese Überlegungen sollen nicht ein Leid gegen das andere aufwiegen, aber es hilft, zu verstehen, warum der andere so wurde, wie er ist..

Womit wir im nächsten Schritt bei der Betrachtung von Schuld wären.

Wir fühlen alle, es gibt wohl Dinge im Leben, die sind nicht zu verzeihen, weil es einfach nicht wieder gut werden kann; ggf. auch, weil sie das ganze Leben in eine unwiederbringlich andere Richtung gelenkt hat. Wir haben alle nur dieses eine Leben - ist es stark beeinflusst oder massiv beschränkt – wie sollte man da verzeihen. Und dennoch interessiert mich die Schuld, und so pauschal kann man sie nicht abhandeln. Wann sind wir schuldig? Sind wir schuldig, wenn wir etwas taten, obwohl wir es besser wussten? Sind wir auch schuldig, wenn wir etwas nicht besser konnten, als wir es taten? Und spielt es eine Rolle, warum wir es nicht besser konnten? Sind Eltern in gewisser Weise frei von Schuld, wenn sie selbst schwere Verletzungen aus der Kindheit in ihr Mutterdasein getragen haben? Und wer gesteht uns das zu? Kann die Mutter im Film Verständnis erwarten - oder darf sie es nur erhoffen.

Fragen über Fragen, die der Gedanke an eine Art "Generationenvertrag" vielleicht annähernd zu beantworten vermag - gepaart mit dem, was ein "Opfer" und ein vermeintlicher "Täter" noch bereit und in der Lage sind, an Kraft für die ganz eigene oder auch für eine gemeinsame Entwicklung aufzuwenden..

Ein Kind - so viel steht fest -

kann keine Verantwortung für einen Erwachsenen und seine Defizite übernehmen. Es kann maximal im Erwachsenenalter Verständnis dafür aufbringen.

Egal welchen Weg beide Seite wählen, er kann und sollte nicht die gesunden Grenzen abermals sprengen. Damit wir dessen aber sicher sein können, sollten wir uns Zeit nehmen. Zeit für uns selbst. Und dann vielleicht für das Gegenüber. Und sei es "nur" in Gedanken. Die Lösung darf sein, dass es ein lebenslanges Akzeptieren bedeutet von Geschehnissen und Umständen, die aus beiden Parteien machten, was sie heute sind. Und das kann bedeuten, dass der gemeinsame zukünftige Weg versperrt bleibt, weil die Situationen eine Gefühlslage schafften, die auf natürlichem Wege eine Trennung zur Folge hat. Das wäre ein gesundes Loslassen des Menschen und allem, was aus einem Verhältnis mit ihm folgte..

Wann wäre ein Annähern möglich?

Wiederum nur durch Zeit mit Distanz im Gepäck ist ein Gedanke an den Anderen möglich. Und vielleicht kommt sie ja dann, die Zeit, die reif dafür ist, tiefes Verstehen zu nehmen und zu geben mit dem Wissen, dass nichts mehr daran zu ändern ist. Vielleicht gibt es ja die Chance eines Tages von der Mutter nichts mehr erwarten zu müssen, weil man gut für sich selbst sorgen kann. Und vielleicht schaffen es auch jene Mütter zuzulassen, dass ihr Kind ihnen sagt, was sie nicht hören möchten und nehmen es als Gelegenheit das eigene Kind in sich noch einmal sehen zu können.

So stelle ich mir die Brücke vor...

Diese Gedankengänge machen Dinge niemals ungeschehen, bringen Menschen real in der Gegenwart vielleicht auch nicht mehr zusammen. Aber es kann im besten Falle ein Weg von innerem Frieden für sich selbst oder beide sein - glaube ich verstanden zu haben. Wie auch immer man sich entscheidet, ist es sicher gut, diese Überlegungen für sich anzustellen, ggf. ab und an auf den Prüfstand zu stellen, denn es kommt der Tag, an dem die verlassenden Kinder mit einer wichtigen Frage konfrontiert sein werden: Kann ich über den Tod der Eltern hinaus zu meiner Haltung stehen. Und dann ist es gut, sich Klarheit über den eigenen inneren Frieden verschafft zu haben. Die Gesellschaft und ihre moralisch verpflichtende zwiespältige Meinung dazu, darf hierbei gerne außen vor bleiben, denn: Niemandem ist gedient, wenn einer tut, was er nur muss, und auch dem Empfangenden kann es niemals eine Hilfe sein, was nicht von Herzen kommt. Keiner ist je im Schuh des anderen gegangen und muss auch nicht weitergehen - mit denselben.

Es ist ein Lebensthema - und vielleicht sogar noch ein bisschen mehr. Ein Generationen übergreifendes Familiensystem, dem man für sich selbst und auch für seine Kinder begegnen kann.

Mit diesen Gedanken grüßt herzlich

Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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