Wir bloggen für Sie - quer durch die familienpolitische Landschaft

Montag, 25. Mai 2015

Autor: Susanne Rowley

In unserer modernen Welt steht immer zuviel auf dem Spiel

Warum Familie Halt braucht

Wenn es mal nicht die psychische und physische Gesundheit ist, so doch zumindest der Glaube daran. Das reicht schon.

Liebe Wigwam-Freunde,

Ein kurzes Interview mit Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis, Präsident des Didacta-Verbandes, lässt mich aufhorchen

>>  Wenn er Familienminister wäre, würde er dafür Sorge tragen, dass „Familie“ zum wichtigsten Bildungsort überhaupt werde.  <<

https://www.youtube.com/watch?v=L6yFNZ4JAcY&feature=em-subs_digest

Und er fordert so etwas wie "Unsicherheitskompetenzen".

Das könnte man auch ganz banal "Halt" nennen.

Das hat bei mir gesessen!

Am Beginn dieses Videos spricht er davon, dass Kinder heutzutage in einer Welt aufwachsen, die sich massiv und schnell verändert. Diese Welt mute Kindern eine Menge von Verlusten, Diskontinuitäten und Brüchen zu. Und es sei eine Welt, die sich in ihrem Verlauf nicht mehr prognostizieren ließe. Daraus schließt er, dass es neue Bildungskonzepte geben müsse, die Kinder auf die offenen, nicht vorhersehbaren Situationen angemessen vorbereite, und fordert u.a. eine Ausbildung der Fachkräfte, die sich nicht nur auf Wissensvermittlung beschränke, sondern auch darauf konzentriere, selbst Kernkompetenzen entwickeln zu können, die es ihnen ermögliche, Kinder später genau in diesen Kompetenzen zu stärken. Das hält er nur für möglich, wenn die Ausbildung der Fachkräfte, über alle Stufen hinweg, grundlegend reformiert würde.

Am interessantesten jedoch ist jene Interviewstelle, als er auf die Frage antwortet, was er denn tun würde, wäre er Bildungsminister. Neben seiner dann klar formulieren Haltung, den Bildungsbereich keinesfalls mehr so chronisch unterfinanziert zu lassen, formuliert er den Zusatz: Wenn er Familienminister wäre, würde er dafür Sorge tragen, dass „Familie“ zum wichtigsten Bildungsort überhaupt werde.

Ich muss gestehen, dass ich einige Fragen zu diesen Aussagen hätte,

denn es kommt mir so vor, als ob jene Kompetenzen, die er im Interview zwar nicht konkret definiert, von denen ich aber glaube, sie verstanden zu haben, gerade nicht Gegenstand jener Bildungsansätze sind, die jetzt Einzug in unsere frühkindlichen Bildungseinrichtungen halten. Also überlege ich, welche Konzepte es denn sein müssten, die auf ein unsicheres Leben vorbereiten.

Wer meine Blogbeiträge liest, weiß, dass ich ein großer Befürworter von Bindungsqualitäten innerhalb einer Betreuung bin. Ein Thema, das aus meiner Sicht in der öffentlichen Diskussion immer noch keinen Hafen gefunden hat, obwohl es allerhöchste Zeit dafür wäre. Im Gegenteil. Plädiert man in der aktuell aufgeheizten Bildungshysterie für ein vermehrt natürliches Zusammenspiel von Menschen, die sich in unserer globalisierten Welt familienähnlich näher kommen sollten, weil sie dadurch grundlegende Kompetenzen erwerben, findet man sich ganz schnell in der „unqualifizierten“ Ecke wieder.

Ich gehe aber sicher davon aus, dass auch die modernste Welt es nicht schaffen wird, familienähnliche Betreuungsstrukturen zu verdrängen, weil inneres Empfinden, das evolutionsbiologisch entstanden ist, eine überlebensnotwendige Sache ist und war, um den Widrigkeiten des Lebens zu trotzen. Und jeder Historiker würde Ihnen bestätigen, dass insbesondere unsichere Zeiten es erfordern, Nachwuchs zu bekommen, um zu verhindern, dass die Spezies Mensch zu stark dezimiert wird. So gesehen, bleibt aus urnatürlichem Denken heraus, und vor dem Hintergrund, dass trotz unser aller „Wissen“ die Geburten zurück gehen, ja noch Hoffnung auf einen Schwenk in Richtung natürlicherer Betreuungsformen - außerhalb der kontroll-fröhlichen Institution.

Aber wovon spricht er genau?

Übersetzt fordert er eine Art von Unsicherheitskompetenz.

Der Mathematiker würde jetzt antworten, es gäbe einen Unterschied zwischen Unsicherheit und einem echten Risiko. Wenn alle Alternativen, Konsequenzen und Wahrscheinlichkeiten bekannt sind, kann man das irgendwie noch berechnen. Das Problem bei diesem Ansatz ist, dass dieses Vorgehen bereits Sicherheit suggeriert, wenn man die Zutaten für seine Vermeidung nur ordentlich in Schach hält. In Wahrheit wird nichts anderes getan, als Nutzen und Schaden einer Sache gegeneinander abzuwägen.

Und wer möchte beim Kind schon von Abwägen sprechen.

Wahr ist viel eher,

dass Menschen lernen müssten, mit Unsicherheiten und offenen Ausgängen zu leben. Sie müssten merken, dass schon das Kontrollverhalten selbst mit dafür verantwortlich sein kann, vom Weg abzukommen. Es ist eine Illusion, die durch Wissen beherrschbar gemacht werden soll. Und das erzeugt für mein Empfinden großen Mangel in Sachen Lebensqualität. Sicherheit ist für mich nichts, was hergestellt werden kann, sondern etwas, was mir vorgelebt werden muss; ein Gefühl von Stärke eben, eigenverantwortlich auch mit kommenden Unsicherheiten weiterleben zu können.

Ich würde sogar so weit gehen zu sagen,

moderne Lebensverhältnisse sind per se unsicher. Unsere aktuellen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen sind tiefgreifende Erschütterungen von Selbstverständlichkeiten. Und es erfasst immer mehr Lebensbereiche. Es begegnen mir heute fünf Mal so viele Eltern in meinem Büro, die mir nicht mehr sagen können, ob ihr befristeter Job verlängert wird. Ich lerne drei Mal so viele Familien kennen, die aus Krankheitsgründen Betreuung benötigen, und mir bezüglich eines geplanten Krankenhausaufenthaltes nicht sagen können, wann sie aus dem Bette fliegen.

Ich erlebe täglich, dass es in der modernen Welt zu viele Parameter gibt, die sich dem Wissensmarkt entziehen. Und ich beklage genau deswegen, dass die Auswirkungen, die ein als so unsicher erlebtes Leben hat, im Wissensmarkt nicht zur Debatte stehen!

Vielleicht haben wir ja Glück,

und es kommt bei Verantwortlichen irgendwann an, dass Unsicherheit höchst demotivierend ist. Wer sich abstrampelt ohne zu wissen, wann, wie – und schlimmer noch – ob er überhaupt je ankommen wird, hat bald keine Lust mehr.

Die Psychologie nennt das

einen negativen Stimulus, bei dem eine Vermeidungsreaktion logischerweise ausgelöst wird. Es kann also zu einer ganzheitlichen Negativ-Konditionierung gegenüber einer Sache kommen. Dies rufe ich jetzt mal nicht nur den Bildungspolitikern, sondern auch der eingefahrenen Sorte unserer Arbeitsmarktexperten zu. Ein Mensch, der sich ausgeliefert fühlt und keine Alternativen für sich sieht, dem fehlt irgendwann nicht nur der Bewegungsspielraum, sondern auch die Lust sich zu bewegen!

Mein Eindruck ist immer noch,

dass in der modernen Bildungspolitik schwerpunktmäßig das „Nicht-Wissen“ als Faktor von Unsicherheit begriffen wird. Habe ich Zugang zu Bildung bin ich safe. Es gibt aber viele Formen von Unsicherheiten, die aufeinander einwirken. Und wenn es das ist, was Prof. Dr. Fthenakis in obigem Video angesprochen hat, wäre meine Erleichterung gerade groß.

Familien werden immer bestrebt sein,

für sich und ihre Kinder Unsicherheiten zu vermeiden, verlorene Sicherheit wieder zu erlangen oder zumindest versuchen sie zu reduzieren.

Wenn ihnen diese Möglichkeiten weiter entzogen werden, wird die Lust darauf eine Familie zu sein, analog schwinden.

Es gilt also emotionale und kognitive Sicherheiten wieder herzustellen. Das sind in meinen Augen die fundamentalen Zutaten, von denen das Wissenshaus lebt. Um gut zu leben, braucht es Orientierung, die den Ausblick gibt, Kinder und Familie schützen und bewahren zu können. Es sind Grundbedürfnisse, die für ein kleines Kind "gestillt" sein müssen, damit es sich der oben beschriebenen unsicheren Welt, sicher öffnet.

In unserer modernen Welt steht immer zu viel auf dem Spiel.

Wenn es mal nicht die psychische und physische Gesundheit ist, so doch zumindest der Glaube daran. Das reicht schon.

Um Kinder stark zu machen,

muss auch das Leben von Eltern und Betreuern ein gewisses Maß an Überschaubarkeit, Vorhersehbarkeit und Stabilität aufweisen, denn das sind ihre Vorbilder. Um sich sicher zu fühlen, muss man wissen, mit welcher Situation man es zu tun hat, was als Nächstes zu erwarten ist, was man tun könnte und mit welchen Konsequenzen dieser Handlungen zu rechnen ist. Wenn diese Form von Halt und Orientierung fehlt, kann Bildung nichts ausrichten. Und auch hier sehe ich seit vielen Jahren eine Umkehrsituation. Eltern setzen kaum den Rahmen für ihre Kinder, sondern erwarten Signale vom Kind, wann es ihm gut geht.

Wer nicht ganz sicher ist, worauf ich hinaus will,

der möge jenen Artikel aus dem April diesen Jahres mal aufschlagen:

http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/brennpunkte_nt/article140095644/70-Prozent-finden-Welt-der-Kinder-unsicherer-als-frueher.html

>> 70 Prozent finden die Welt der Kinder unsicherer als früher <<

Für die deutliche Mehrheit der Bundesbürger leben Kinder heute in einer gefährlicheren Welt als sie selbst in ihrer eigenen Kindheit.

Woran liegt das?

Liegt es daran, dass wir einer großen Informationsflut ausgeliefert sind, der wir uns kaum noch entziehen können? Erfahren wir einfach nur mehr über eine unsichere Welt, die früher auch nicht besser war? Sind wir alle zu Kontrollfreaks geworden, damit der Nachbar nicht mit dem Finger auf uns zeigt? Glauben wir zunehmend nur noch an den „Gott des Wissens“, um haben den anderen Rest, den ein Leben ausmachen kann, verhungern lassen? Fragen über Fragen. Mit denen ich Sie an dieser Stelle alleine lassen muss.

Angst fressen Seele auf – fällt mir zum Schluss noch ein. Denn schaut man sich jene Umfragewerte aus dem Artikel an, dürfen viele Kinder heute kaum mehr als safe und flach überm Schulbuch atmen.

Die Welt war ganz sicher immer unsicher.

Und der Grund dafür, warum der moderne Homo Sapiens Millionen von Jahren überlebt hat, war welcher nochmal? Unsichere Zeiten erfordern mehr Einsatz & Fingerspitzengefühl bei der frühkindlichen Betreuung, weil wir nicht vorhandene Familienverbände zu ersetzen haben.

Durch den Einsatz von Institutionen und Einrichtungen werden wir keinen Ersatz schaffen, weil Familie etwas ist, dass Schutz braucht. Das ist der Grund, warum in der Betreuungsdiskussion Kindertagespflege als „Familie“, als Betreuungsform keinesfalls fehlen darf, denn nur sie hat das natürliche Zusammenspiel im Repertoire.

Wann immer man versucht ist, Familien in Bildungsideologien hineinzuzwängen, wird es wichtige Komponenten geben, die wir ausgesperrt haben.

Ich wünschen Ihnen allen schöne Pfingsten, und ich hoffe Sie bleiben treue LeserInnen auf meiner Seite, wenn ich ein kleines Denk-Päuschen bis nächste Woche einlege.

Herzliche Grüße

Ihre Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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