Dienstag, 5. Juli 2016

Autor: Susanne Rowley

Im Zweifel für das Kind!

Wenn aus Kindeswohlgefährdung Kindeswohlverletzung wird.


So oder ähnlich sollte eine Entscheidung bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung wohl lauten. 

Aber die Zeiten von Verdächtigungen und Gefährdungen sind vorbei. Jetzt reden wir über nachgewiesene Kindeswohlverletzung. Als in Deutschland der Bildungsnotstand ausgerufen wurde, gerieten die Kitas in den Fokus: Dort werde zu viel gekuschelt und zu wenig gelernt.

Jetzt haben wir Kitas mit Bildungsauftrag, in denen weder gebildet noch gekuschelt, sondern gequält und vernachlässigt wird. BRAVO

http://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2016-06/kita-qualitaet-mitarbeiter-fehlverhalten-umfrage/komplettansicht

Was Zeit Online hier an Ergebnissen einer Befragung

von etwa 2000 Eltern, 260 Kita-Mitarbeitern öffentlich macht, höre ich seit vielen Jahren wöchentlich. Musste ich in früheren Zeiten dennoch Überzeugungsarbeit für die Kindertagespflege leisten, obwohl die Anrufe von Eltern schon damals unguten Gefühlen gegenüber überfüllten und schlecht geführten Einrichtungen geschuldet waren, bemerke ich seit Einführung des Rechtsanspruches ab dem 1. Lebensjahr, dass Eltern den einst begehrten Kitaplatz sogar verlassen.

Das war gestern!

Heute wissen viele Eltern längst, dass der Ausbauwahnsinn seine Spuren bei ihrem Kind hinterlässt; sie reden nur zu wenig darüber. Aktuell führe ich fast täglich Gespräche mit Eltern, die den Versprechungen der Einrichtungen keinen Glauben mehr schenken oder bereits bei der Erstbesichtigung auf dem Absatz kehrt gemacht haben. Sie fragen gezielt nach einer Tagesmutter, weil sie echte „Betreuung“ für ihr Kind nicht missen möchten. Und dennoch muss ich anmerken, dass diese elterlichen Erfahrungen nichts gegen jene Wahrheiten sind, die mir von aussteigenden Erziehern und Praktikanten berichtet werden. Diese Berichte decken sich mit dem, was Sie im Zeit Online Bericht an schwerwiegender Kindesvernachlässigung lesen müssen. 

Ein Desaster dieser Größenordnung war abzusehen,

aufgrund des Zusammentreffens dreier Komponenten: 1. Einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz bereits für 1-Jährige einzuführen, die um ihren ersten Geburtstag herum gerade erst ein Erinnerungsvermögen ausbilden, ist bereits eine Kindeswohlverletzung. 2. Der sich abzeichnende Fachkräftemangel im Erzieherbereich ist seit Jahren kein Geheimnis, und die schlechten Rahmenbedingungen, in denen sich die gesamte betreuende Zunft  zu bewegen hat, sind nicht dazu geeignet, dem Mangel zu begegnen. Und 3. Ist das gesamte Finanzierungssystem Bund, Länder und Kommunen darauf ausgelegt, dem schwächsten Glied in der Kette alle Lasten aufzubürden. Man muss noch nicht einmal rechnen können, um zu wissen, diese Gleichung kann nicht aufgehen.

Von daher wundert es keine Sekunde, dass nun ein Sitzungsprotokoll von ganz oben aus dem Jahr 2014 offenlegt,

dass die Akte „Kindeswohl“ in geheimer Mission schon früh geschlossen wurde.

>> Angela Merkel und die Bundesländerchefs sind sich bereits seit 2014 einig, dass die Qualität der Kitas nicht einheitlich anzuheben ist. << Was Journalisten auftaten, ist nun auch im O-Ton nachzulesen: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-06/kita-qualitaet-merkel-bundeslaender-sitzung-protokoll

Neben dem üblichen Pseydo-Qualitäts-Gelalle

von frühen Chancen und wortgewaltigen Bildungsoffensiven, einigte man sich auf „Arbeitsgruppen“, die „Eckpunkte“ im Auge behalten, „Prozesse“ begleiten, um dann erneut darüber zu berichten. Himmel - das ist ja noch dünner als der sonst so gerne posaunte „Schritt in die richtige Richtung“.

>> Entscheidend ist ein halber Satz in dem Beschluss der Ministerpräsidenten. Unter Punkt drei heißt es, es brauche keine einheitlichen Standards für die Betreuungsqualität in Kitas. <<

PUNKT! Wie gut, dass wir nun alle schriftlich nachlesen können, worauf wir nicht mehr warten müssen.

Bleiben für Eltern noch die bunten Werbeblättchen,

denen sie bisweilen entnehmen dürfen: >> „Wir nehmen jedes Kind ernst – mit seinen Wünschen, Gefühlen und Bedürfnissen". Mit diesem Versprechen wirbt das Diakonische Werk in Frankfurt für seine "Krabbelstuben". Eltern können dort sogar schon vier Monate alte Babys ganztags unterbringen, "in einer Atmosphäre, die Offenheit und Vertrauen prägt“. Was 30 Kinder bis Ende 2015 dort erlebten, beschäftigt seit einem halben Jahr allerdings das Stadtschulamt Frankfurt als Kita-Aufsichtsbehörde. <<

Nebenkriegsschauplätze tun sich ebenfalls bereits auf.

Es wird nicht gelingen, diese „bedauerlichen Einzelfälle“ „verirrtem“ Personal zuzuschreiben. Die internen Systeme werden die allseits bekannten Schutzmechanismen hochfahren; Träger werden versuchen, mit rechtlichen Schritten ihr Gesicht zu wahren. Betroffenes Personal wird Grund bekommen, sich 2 Mal zu überlegen, was wichtiger ist: Kindeswohl oder die eigene Haut.

>> Offenheit versprechen, aber die Jagd eröffnen, wenn Missstände publik werden. So läuft es immer wieder, wenn Konflikte aus Kitas nach außen dringen: Wer Mängel offenlegt, bekommt Ärger. <<

Vielleicht kommt ja bald jemand, der den Personalmangel „für beendet erklärt?

Es ist und bleibt eine umfassende Systemfrage, die keiner wirklich stellen will! Ein Kitaqualitätsgesetz, beschlossen im derzeitigen System, hätte ähnliche Konsequenzen wie der Rechtsanspruch sie bereits auslöst. Ohne ausreichend betreuende Hände, die jene Qualitätsansprüche umsetzen können, wäre es ein Mehr an Aufgaben bei gleicher Personaldichte. Qualität stellt sich nicht ein, weil sie von oben verordnet wird, und man kann nunmal nicht ernten, was nicht gesät wurde. Um Personal zu gewinnen und zu halten, müssten sämtliche miesen Rahmenbedingungen zuallererst auf den Prüfstand. Hier wiegen die Fehler der Vergangenheit schwer in die Gegenwart und in die Zukunft unserer Kinder hinein. Die betreuende Zunft muss attraktiv werden. Sie braucht gesellschaftliche Anerkennung, eine hervorragende Ausbildung und ein Einkommen, das sich sehen lassen kann. Es braucht Führungs- und Leitungskräfte, die ihren Job verstehen, Freiräume in kreativen Aufgabenbereichen und Luft, um den vielfältigen Aufgaben real statt nur per Alibi-Dokumentation im Hinterzimmer gerecht zu werden.

Die Aussage: Das System frisst seine Kinder gilt mehr denn je

Da weder Geld locker gemacht, noch Berufsbilder angehoben werden, könnte ein Qualitätsgesetz nur bedeuten, dass Standards auf ein Mindestmaß abgesenkt würden, um Quereinsteigern aller couleur den schnellen Weg zum Kind zu ebnen. Muss ich mehr sagen?

Und das wissen die Kinderfresser offensichtlich selbst am besten: >> Doch in vielen Kindertagesstätten sind kleine Kinder nicht besonders gut aufgehoben. Das weiß auch die Bundesregierung. Sie hat schließlich selbst die Nubbek-Studie mitfinanziert, eine Qualitätsanalyse in 550 Kleinkind-Einrichtungen. Die Wissenschaftler bewerteten 2013 nur sechs Prozent aller Kinderkrippen als gut. In fast sieben Prozent der Krippen und 17 Prozent aller altersgemischten Kindergärten fanden sie die Qualität unzureichend. << Maßnahmen wie Verhaltenskodexe und Meldepflicht ändern nichts daran, dass eine gute Anzahl betreuender Menschen einfach fehlt. Auch ein Kita-TÜV ist nicht mehr wert als der Versuch, die Verantwortung zum Personal zu lenken. Es geht um Geld und Macht und nicht um unsere Kinder.

Es ist nicht nur Zeit über Berufsbilder in sozialen Bereichen und deren Finanzierung zu diskutieren,

es ist viel mehr längst überfällig, Anforderungsbereiche verschiedener Interessengruppen, die nicht voneinander zu trennen sind, zunächst zu entzaubern, um sie dann vielleicht zusammen zu führen.

Entzaubert und neu erzählt werden müsste Schwesigs Märchen,

dass Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die unsere Familienministerin so gerne mit immer neuen, sensationellen Ideen garniert, angefangen von der allzeit ergänzenden, fast durchweg geknebelten Tagesmutterarmee, über den Springerdödel, der bei Tag und Nacht parat steht, bis hin zur 24-Stundenkita auf dem Rücken eines vernachlässigten betreuenden Berufsstandes zu machen wäre.

Ich überlege gerade, wo der entscheidende Hebel sein wird.

Es werden nicht die Gewerkschaften sein! Es geht nur noch durch eine Tür! Durch die der Eltern. Sie sind die einzigen, die a) an Kindeswohl interessiert sind, b) auf die in der freien Wirtschaft niemand verzichten kann.

Die Bildungslüge muss entlarvt

und eine gesamtgesellschaftliche Diskussion muss darüber angestoßen werden, was in einer frühen Kindheit wichtig ist. Und das ist Beziehung. Nichts sonst! Und für Bildung und gegen Beziehung darf nicht länger das hinkende Argument gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten herangezogen werden. Auch Migrantenkinder brauchen Beziehung mehr, als den Experimentenkoffer.

Was eine Bildungslüge ist, lesen Sie in diesem Artikel: http://www.zeit.de/2016/28/kita-qualitaet-fabienne-becker-stoll/komplettansicht Fabienne Becker-Stoll, Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München schildert ein persönliches Erlebnis, das aussagekräftiger nicht sein könnte:

>> Becker-Stoll: Ich denke an eine private Einrichtung, die wir besucht haben (..) Es gab viel mehr Personal als normalerweise üblich, die Erzieher waren zur Hälfte englische Muttersprachler mit einem hohen Ausbildungsniveau – aber den Kindern ging es überhaupt nicht gut. Es war furchtbar: Die Kinder wehrten sich verzweifelt dagegen, sich von ihren Eltern trennen zu müssen. Sie liefen danach weinend umher, ohne dass sich jemand um sie gekümmert hätte, sie wurden angeschrien. Ich habe in sieben Stunden nicht ein Mal gesehen, dass ein Kind von einer Erzieherin angelächelt wurde. (..) Die Einrichtung wollte uns ihre naturwissenschaftliche Bildung präsentieren. Das Wochenthema war Wasser. Die Erzieherin stellte einen Topf kochendes Wasser auf den Tisch, um zu zeigen, wie es verdampft. Den Kindern wurde gesagt, sie dürften sich nicht bewegen, weil sie sich sonst verletzen könnten. Sie saßen weinend um den Tisch herum, wurden harsch gepackt, wenn sie aufstehen wollten. Die Erzieherin aber absolvierte ihr Wasserprojekt und erkannte nicht, dass das völlig an den Bedürfnissen der Kinder vorbeiging und sie unter diesen Umständen nichts lernten. <<

Ich bin wahrlich gespannt, wie lange sich politisch Verantwortliche auf dem Rücken unserer Kinder noch austoben dürfen! 

In diesem Sinne war es das von meiner Seite - für heute

herzlich

Ihre Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
Kapitän-Lorenz-Ufer 20
55583 Bad Kreuznach

Anerkannte Bildungseinrichtung

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