Wigwam Blog

Mittwoch, 23. Juli 2014

Autor: Susanne Rowley

Ich kenne meine Pappenheimer/I know my Pappenheimers/Je connais mes Pappenheimer

Vorsicht: heiß und fettig.

Liebe Wigwam-Freunde,

Man sollte sie schon gut kennen „seine Pappenheimer“ – sprich seine Tagesmütter?

Keine Sorge liebe Leserinnen und Leser: In unserem Wigwam kennen wir sie gut unsere...................!

Es gibt eigentlich ziemlich wenig, was mich im Außenbild von Kindertagespflege in der Kinderbetreuungslandschaft noch schockieren kann. War das Jahr 2013 noch davon geprägt, dass dem „Notnagel“ Kindertagespflege in vielen Bundesländern die Zuzahlungserlaubnis gestrichen wurde, haben wir im Jahr 2014 in Bezug auf die dringend notwendige Qualitätsdiskussion, jetzt ein neues Unwort gehört. Da sind also "Pappenheimer", die nicht ausreichend kontrolliert werden.

Aber der Reihe nach: Die Rede ist von diesem Radiobeitrag:

Gut betreut – oder nur geparkt?

Ein Jahr Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz" des Wirtschaftsmagazins "Geld, Markt, Meinung" von SWR 1 vom 26.07.2014

http://mp3-download.swr.de/swr2/geld_markt_meinung_podcast/20140726-1240.12844s.mp3

Zitat:

>> Manche Kommunen kontrollieren sehr lasch, und kennen „ihre Pappenheimer“ gar nicht.<< 

Um ein bisschen Dampf abzulassen,

sei mir am Rande ein kleiner geschichtlicher Abstecher in die Welt der Pappenheimer erlaubt, denn das waren einst die Müllmänner des Mittelalters. Genauer gesagt, sie waren Knechte, die Dreck und Fäkalien von den Gassen kehrten; dementsprechend verachtete man sie, weil sie rochen, und man ging auf Abstand. So gesehen, gar nicht so weit hergeholt.

Es ist schon kurios. Da freut man sich zunächst, dass zum bevorstehenden Jahrestag des Inkrafttretens des Rechtsanspruches auf einen Kinderbetreuungsplatz, die Medien sich einer genaueren Qualitätsnachlese des Ausbaus annehmen, und muss feststellen, dass in diesem, wie auch in anderen Beiträgen, die Kindertagespflege zwar erwähnt wird, jedoch weitestgehend nicht um ihrer selbst Willen, und schon gar nicht als eine Betreuungsform, die eine Daseinsberechtigung hat, sondern instrumentalisiert wird, um das Versagen von Verantwortlichen ordentlich zu untermauern.

Von daher bedanke ich mich zunächst bei Prof. Dr. Stefan Sell, der wieder einmal eine freundliche Ausnahme bildet, und im Beitrag dringend davor warnt, Tagesmütter und –väter als eine „Verschiebemasse“ zu betrachten.

Aber hören wir doch mal näher hin,

welchen Gesamteindruck wir aus dem Beitrag in Bezug auf mein Thema Kindertagespflege mitnehmen können, trotzdem sich alle Beteiligten „red-lich“ bemüht haben. Im Beitrag hören wir u.a. eine zuständige Sachbearbeiterin eines Jugendamtes, die schildert, dass die Qualifizierung mit anschließender Werbeoffensive für die Tagespflege in ihrer Region zwar erfolgt sei, aber die Nachfrage von Eltern sei ausgelieben.

Fragt sich der Hörer warum das so ist, muss er nicht lange warten.

Denn sogleich kommt eine erfahrene Tagesmutter zu Wort, die sich zu Recht skeptisch darüber äußert, dass sich Jugendhilfeträger in Sachen Qualifizierung zwar absichern, im Nachgang aber keine Prüfung der Betreuungsleistung/Begleitung der Tagesmütter /Väter erfolge. Das ist selbstverständlich zu bemängeln, JEDOCH ist dies aus meiner Sicht ein Hinweis auf ein Versäumnis des verantwortlichen Jugendhilfeträgers und nicht ein Hinweis auf einen Qualitätsmangel im Hinblick auf die Betreuungsleistung der Tagesmütter und -väter.

Die Moderatorin lässt die Kirche aber nicht im Dorf und wirft statt dessen ein: >> dass die Kommune also „íhre PAPPENHEIMER“ offensichtlich nicht kennt. << Diese Randbemerkung im Interview ist gelinde ausgedrückt eine Frechheit und hat ihre Wirkung im Hörerkreis der Eltern garantiert nicht verfehlt!

Was erfahren wir denn noch so wert-volles über die Tagespflege:

>> Die Form ist günstig – die Form ist flexibel << >> Bei dieser Form können sich Eltern den Pappenheimer bequem aussuchen << >> Kommunen können den schwankenden Bedarf mal eben ein bisschen steuern << Stimmt ja alles - einen Leibeigenen Neger ohne Rechte konnte man früher auch zu all dem gut ge-brauchen. Bedeutet nichts anderes als das fortgesetzte Gutheißen des Notnagelprinzips. Reichen die wirklich "guten Plätze“, und das sind ohne Frage die Kita-Plätze, nicht aus, zaubern wir uns "die Alternative" aus dem Hut. Und ein guter Zauberer beamt sie auch wieder ganz schnell dahin zurück. Mein Gott, wenn nichts anderes da ist, dann nehmen wir das halt…

Gleiches gilt für die dringend notwendige Qualitätsdiskussion, die stellenweise in Bezug auf die Kindertagespfelge im Beitrag ebenfalls nur hinkend daher kommt. Nicht die Bindungsbedürfnisse von sehr kleinen Kindern und wie man deren notwendige Befriedigung sicher stellen kann, kommen hier als klares Qualitätsmerkmal zur Sprache, sondern die Fragestellung, ob ein 160 Stunden Curriculum überhaupt dazu geeignet sei, eine pädagogische Fachkraft zu ersetzen.

Danke auch hier an die Macher: Durch die Fragestellung erübrigt sich die Antwort, die sich jeder Hörer und jede Hörerin selbst beantworten kann. Nein natürlich nicht.

Selbstverständlich darf auch das altbekannte Klischee nicht fehlen, in Gestalt einer Jungspunt-Tagesmutter, die fetzenartig aus dem Zusammenhang gerissen noch schnell einwerfen darf: >> Es gehört ganz viel Idealismus dazu; um Geld zu verdienen sei dieser Job nicht geeignet. << Ist das nicht schön, da sind sie also wieder die gutmütigen Samariter, deren einzig Lohn "das Lächeln eines Kindes" ist. Schwärm.

Tagesmütter und –väter also das Feigenblatt der Kommunen, weil sie den „richtigen Ausbau“ – also den mit den Kitas nicht hinbekommen haben. Nachdem man die Hörerinnen und Hörer akustisch mit diesem Käse geimpft hat, nützt es leider nichts mehr, dass im Beitrag noch schnell erwähnt wird, dass Tagesmütter vor der Qualitätsoffensive auch schon degradiert wurden, denn da waren ja nur Frauen unterwegs, die sich mal eben was dazu verdienen wollten. Schwamm drüber, denn aktuell haben wir ja die qualifizierten Samariterinnen. Ich bin erleichtert.

Und selbstverständlich muss der Berufsstand im Resumee des Beitrages nochmal für politisches Gesamt-Versagen von Verantwortlichen herhalten, die sich mit dem "Ausweichmodell“ Kindertagespflege nicht aus der Verantwortung ziehen sollte, gute Kitas mit gutem Personalschlüssel zu schaffen.

Gut heißen

möchte ich dennoch den am Schluss zu Wort kommenden Berliner Korrespondenten, der an den richtigen Stellen kein Blatt vor den Betreuungsmund nimmt, und feststellt, dass uns ideologische Debatten nicht weiterbringen. Nur leider hat dieser Beitrag sie in Sachen KTP befeuert. Denn welche verantwortungslosen Eltern sollten nun noch ihre Kinder irgendwelchen unkontrollierbaren Pappenheimern überlassen.

Im Ernst liebe Wigwam-Freunde. Das Land braucht ganz sicher eine Qualitätsdiskussion. Die macht aber NUR Sinn, wenn sie endlich ehrlich geführt wird, und dazu gehört, das Wort Qualität zunächst vollumfänglich zu definieren. Qualität definiert sich am zu Recht kritisierten Personalschlüssel. Qualität definiert sich aber auch am Bedürfnis der Kinder. Und das Bedürfnis insbesondere sehr kleiner Kinder ist zu allererst Bindung!

Und wenn wir weiterhin nicht bereit sind,

das Thema "Bindung"

innerhalb der außerhäusigen Betreuung ernsthaft auf die Agenda zu setzen, dann wäre die logische Konsequenz wohl irgendwann, dass wir nicht nur Tagesmüttern und –vätern die Fähigkeit zu betreuen absprechen, sondern auch den Eltern selbst? Und wir füttern zudem das Lager jener, die nur zu gerne verbreiten, dass nur eine Mutter in den ersten 3 Lebensjahren an der Seite ihres Kindes sein sollte.

Ich jedenfalls werde mich nach 20 Jahren Einsatz für die Kindertagespflege ganz sicher nicht mehr aufs einsame „Ausbildungs-Glatteis“ führen lassen, um den Stellenwert der Kindertagespflege zu rechtfertigen, denn dann müsste sich manch* Verantwortlicher erst recht warm anziehen, denn ein Großteil dieses Berufsstandes setzt sich längst aus Erziehern und Sozialpädagogen aller coulheur zusammen, die das Curriculum zusätzlich noch draufgesattelt haben. Und sie wandten sich der KTP zu, weil sie hier noch eine Möglichkeit sahen, ihre "Aufgabe am Kind" zu erfüllen, statt es beim Untergang in Massenbetrieben verkümmern zu lassen.

Im Gegenteil. Ich werde nun vermehrt Gegenfragen stellen. Definiere Qualität. Definiere Grundbedürfnisse sehr kleiner Kinder. Und damit schließe ich meinen Kommentar und stimme mit ein in einen der letzten Sätze aus dem arm-seeligen Beitrag.

Der Rechtsanspruch beendet offensichtlich jede sinnvolle Debatte. Stimmt soweit. Einen schönen Tag wünscht

Eure Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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