Wigwam Blog

Dienstag, 10. Juni 2014

Autor: Susanne Rowley

Hinter vorgehaltener Hand spricht und betreut es sich schlechter

Vorsicht heißes Eisen!


Liebe Wigwam-Freunde,

wer unser Wigwam näher kennt, weiß, dass wir uns neben dem Aufbau von hochwertigen Kinderbetreuungsplätzen umfassend der Familienberatung verschrieben haben.

Es lohnt, die in 20 Jahren gesammelten Erfahrungswerte an junge Eltern weiterzugeben, ihnen von dem Weg zu erzählen, auf dem andere Eltern bereits gegangen sind. Und es ist ebenso schön, wenn unsere „altgedienten“ PädagogInnen unsere NeueinsteigerInnen an die Hand nehmen, ihnen zeigen, was sie in all den Jahren geschaffen und erlebt haben.

Berater haben immer gut reden – oft benötigen sie selbst einen – ja warum nicht. Ich hab mir sagen lassen, die besten seien die, auf deren Weg auch schon Steine lagen. Und gerade deswegen können sie Wegweiser sein, wenn Menschen die Brücke nicht finden.

Und das ist ein Grund, warum wir uns im Wigwam nicht scheuen, auch

„Tabu-Themen und sehr heiße Eisen“

anzufassen. Denn wie sonst sollte Vertrauen auf beiden Seiten enstehen und schlussendlich seine Berechtigung erfahren. Und sie sind nunmal da die Ängste, Vorurteile und Tabu-Themen –

man kann sie in den Beratungsgesprächen förmlich mit Händen greifen.

Also warum davor weglaufen - darauf zugehen ist immer der bessere Weg.

Das Thema Missbrauch von Kindern – eines der heißesten Eisen in der Kinderbetreuung überhaupt.

Verständlich, wenn man bedenkt, dass Eltern ihre Kinder in zunächst noch „fremde“ Hände geben, und erwarten, dass sie liebevolle Fürsorge finden. Wir nehmen es sehr ernst dieses Thema, sind uns aber bewusst, dass eine Lösung dieser empfundenen Ängste nicht darin bestehen kann, dass wir vollmundig „garantieren“, dass es so etwas niemals geben könnte. Neben umfangreichen Vorsichts-, Prüfungs- und immer wiederkehrenden Kontrollmaßnahmen, die wir und die Jugendämter vornehmen, ist die wichtigste Vorbeugung das gute Gefühl, die Kommunikation und Information, denn der Aufbau von Vertrauen ist, wie im „richtigen Leben“ auch, nun mal nur über positive Erfahrungen möglich.

Durch unseren offenen Umgang stellte sich im Laufe der Jahre heraus, dass die Ängste der Eltern bei diesem Thema aber noch viel weiter gehen:

Sie empfinden Unbehagen bei dem Gedanken, Kontakt zu haben mit hochqualifizierten PädagogInnen, die ihrerseits Missbrauch in der Kindheit erfahren haben.

Das hat uns zunächst sehr überrascht,

weil dies ja die ehemaligen Kinder sind, die eben keinen Schutz erfahren haben; also die Opfer. Und wir fragten uns, warum ist das so? Würden Eltern ggf. erwarten, dass unter unseren Tagesmüttern und –vätern keine ehemaligen Opfer sein dürften? Würden sie ihnen ihre Genesung, ihre Fähigkeit, wertvolle Erfahrungen an Kinder weiterzugeben, ja sogar ihre pädagogische Ausbildung absprechen wollen – aus Angst?

Würde das Vorurteil also lauten:

Ehemals Betroffene können keine pädagogischen Qualitäten erlernen, oder andersherum Pädagogen könnten niemals zeitgleich auch Betroffene sein?

Welche Berufe müssten wir dann noch hinterfragen?

Müssten wir aufgrund der Vorkommnissse in der katholischen Kirche nicht sicherheitshalber alle Geistlichen nach ihrer Vorgeschichte befragen, oder besser noch unter Generalverdacht stellen? All‘ diese Fragen beschäftigen uns sehr, und wir beschlossen, in kleinen Schritten, die Kluft zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen immer da ein Stück abbauen zu helfen, wo es nötig ist und für alle Beteiligten Sinn macht.

Die Lösung heißt: Information!

Wenn man sich Nicht-Betroffenen Menschen mit der Geschichte oder nur der Tatsache des Missbrauchs eines erwachsenen Betroffenen nähert, erntet man eine Reaktion; meistens besteht diese aus einer sofort folgenden gedanklichen Präparation – eine Vorstellung genährt aus der Hilflosigkeit und dem Wunsch nach maximaler Distanz zum Thema.

Auch verständlich,

aber wie will man verstehen, wenn man nicht wirklich etwas weiß. Die meisten Menschen zeigen sich also betroffen, sie versuchen sich zeitweilig sogar hinein zu versetzen, müssen dann aber einsehen, dass dies nicht wirklich möglich ist. Sie stellen sich vor, dass sie solches Leid niemals hätten aushalten können und ggf. stellen sie sich auch vor, welche Folgen es für sie selbst gehabt haben könnte.

Und dann kommt sie oft, die Frage aller Fragen:

>>kannst Du dann überhaupt noch ein normales partnerschaftliches Leben führen, einen Beruf ausüben?<<

Wir spüren schon in der Fragestellung, dass die passende Antwort als Erwartung darin verborgen liegt.

Man erwartet also die Antwort: Nein natürlich nicht!

Ich verurteile niemanden für eine solche Frage; sie ist absolut legitim, nachvollziehbar und signalisiert auch glaubhaftes Interesse am Geschehen und seinen Folgen. Ich spüre aber nicht nur die Erwartung der vollkommenen Verneinung von Fähigkeiten im heute, ich spüre auch die Verantwortung auf den Schultern ehemals Betroffener, einerseits in der Antwort darauf mit der eigenen empfundenen alten Scham umzugehen und sich für seinen Genesungsweg irgendwie erklären zu müssen. Und was, wenn ein Betroffener/eine Betroffene im gegenwärtigen Leben eine gesunde Partnerschaft pflegt; dann steht bereits die nächste Rückfrage im Raum: wie kann das sein…

Und darin schwingt er, der tief versteckte Vorwurf;

dann kann es in der Kindheit nicht so schlimm gewesen sein…?! Und dann sind wir ganz schnell da, wo die Gesellschaft ein Opfer gerne sehen möchte!

Im Opferland!

Und im Opferland krümmt man sich, hat keine tolle Partnerschaft, und übt auch keinen selbstverantwortlichen Beruf aus. Aber nicht, weil Außenstehende ihnen Schlechtes wünschen, sondern nur weil sich deren Folgeleid der Vorstellungswelt der Nicht-Betroffenen entzieht.

Die Lösung heißt wert-freier Respekt und Achtung vor der Erlebniswelt und dem Werdegang des Gegenübers – und nicht die überfordernde Aufgabe für Nicht-Betroffene helfen oder gar Wiedergutmachung im Dialog leisten zu müssen; verbunden mit ehrlich empfundenem Interesse und der Fähigkeit, eines Außenstehenden Unabänderliches auszuhalten. Nicht aktuelles Mitleid im Heute ist gefordert sondern Beileidsbekundung im Hinblick auf Vergangenes!

Ein großer Unterschied.

Dann aber auch die Akzeptanz des Menschen, der gerade jetzt und hier vor einem steht.

Aber was, frage ich mich,

macht es den Außenstehenden zusätzlich so schwer, auszuhalten, dass ein Opfer seinen Weg aus dem Opferland heraus gesucht und womöglich gefunden hat. Steht ihnen dann die Schlussfolgerung zu, dass das Leid als Kind dann nicht so dramatisch gewesen sein kann? Wünscht sich die Gesellschaft nicht, dass ein Opfer genesen darf? Ist es nicht eine unglaubliche Zumutung für Betroffene, sich fürs Gesundwerden rechtfertigen zu müssen? Und was ist mit dem Beruf des ehemaligen Opfers in der Gegenwart?

Können die Genesungserfahrungen nicht wertvoll sein? Warum sollte man ehemals Betroffene von Kindern fernhalten? Ist Ihnen per se zu unterstellen, dass sie selbst zum Täter würden? Und wäre diese globale Annahme des Klischees oder die Befürchtung nicht eine Bestrafung im doppelten Sinne – einmal für die geschädigte Kindheit und dann noch einmal im Hier und Heute?

Es gibt so viele Beispiele dafür, die wir alle kennen. Die trauernde Witwe, die „immer noch weint“ oder aber „schon wieder lacht“. Sie kann es niemandem Recht machen. Das sollte sie auch nicht, denn sie hat alles Recht der Welt, „ihren Weg“ zu gehen.

Betroffene berichten gerne von ihrem Weg - sie rechtfertigen sich aber nicht dafür. Betroffene freuen sich, wenn ehrliches Interesse besteht am Weg heraus aus dem Opferland.

Die weniger grenzverletzende Frage wäre also:

Was also sind "Deine Folgen" von sexuellem Missbrauch in der Kindheit? Die Folgen von Missbrauch sind vielfältig und beschränken sich bei weitem nicht auf gedachte Klischees wie späteren körperlichen Rückzug oder partnerschaftliche Probleme oder gar gemutmaßte berufliche Unfähigkeit. Sie liegen viel mehr in einem tief verwurzelten Verlust an Vertrauen in die eigene Intuition! Ist es richtig was ich fühle? Darf ich das fühlen? Fühle ich es überhaupt oder bilde ich es mir ein? Woran merke ich, dass ich eine Intuition habe, oder spricht hier mein Verstand?

Alle missbrauchten Menschen haben feinste Antennen in ihrer Kindheit entwickelt – sie nehmen bereits leichte Schwingungen auf – können ungute Situationen, wenn sie einen Raum betreten, erfühlen, auch dann, wenn kein Mensch im Raum ein Wort gesprochen hat. Fähigkeiten die einmalig sind und das Leben dereinst zu sichern hatten. Sie haben diese Intuition – manchmal trauen sie ihr nicht über den Weg. Und das kommt daher weil sie als Kinder mit Worten konfrontiert wurden, die niemals zu den dann folgenden Taten passten. Ihnen wurde Schutz versprochen und Gewalt angetan. Sie mussten sich an Täter wenden, um Schutz zu suchen, weil ihnen sonst keiner half. Sie konnten dem natürlichen Gefühl von richtig und falsch niemals trauen, weil schon in der nächsten Sekunde versprochenes Wort gebrochen und damit ihre Einschätzung der Situation über den Haufen geworfen wurde. Sie versuchten sich richtig zu verhalten, damit ihnen kein Leid angetan werden konnte – denn scheinbar Harmloses wurde schwer bestraft – und als größer empfundene kindliche Vergehen blieben wundersam ohne Folgen. Saßen sie unbedarft an ihren Hausaufgaben und ahnten von nichts, konnte dies zu einem Übergriff führen. Hatten sie etwas ausgefressen und sich innerlich auf eine harte Strafe eingestellt, geschah einfach nichts…

Die Folge war, sie passten einfach immer auf – es gab keinen Moment mehr in der Kindheit, in der sie ihre feinen Antennen einmal nicht gebrauchen mussten. Psycho-Terror ist einer der Hauptbegleiter vom sexuellem Missbrauch. Nichts war stimmig – und nichts war berechenbar. Und so kommt es, dass auch die Gegenwart davon geprägt sein kann, richtig und falsch mit dem Intellekt definieren statt mit der Intuition erfühlen zu wollen.

Und nun?

Was soll nun solches für eine pädagogische Arbeit mit Kindern bringen?

Oder ist es sogar per se schädlich? Sehr viel, denn Betroffene, die den langen Weg in ein wirklich lebenswertes Leben gegangen sind, haben auch die Fähigkeit, ihre Schwächen zu erkennen, sie zu akzeptieren und mit ihnen adäquat umzugehen. Sie erziehen ihre eigenen Kinder lebenserhaltend und befürwortend, weil sie wissen, wie kostbar es ist. Sie sind auch in der Lage, ab und an den notwendigen Schritt „auf die Seite“ zu machen und zu unterscheiden, wann kindliche und unangemessene Bedürfnisse sie in "einer Beziehung" zu anderen Menschen befallen und wann der Erwachsene wieder seine Verantwortung übernimmt. Sie stehen jeden Morgen auf, um sich auf ihren persönlichen Weg zu begeben und vermitteln durch ihr Nochdasein und ihr Tun anderen Mut, Gleiches zu tun. Dies alles sind Eigenschaften, die in langen Prozessen entwickelt wurden und von denen ein Kind durchaus profitieren kann.

Diese Werte sind es wert, an Kinder weitergegeben zu werden.

Und warum sollten Kinder, die wir aufs reale Leben vorbereiten, nicht auch erfahren dürfen, dass es Menschen unter uns gibt, denen es dereinst einmal nicht so gut ging.

Unsere Kinder brauchen realen Schutz

ihrer Person aber keine Scheuklappen der realen Welt gegenüber; stattdessen nützen ihnen ehrliche Vorbilder, die den Blick nach vorne richten und sie fit machen für das Leben, was vor ihnen liegt.

Von daher wird die Frage nach möglichem Missbrauch

in der eigenen Kindheit niemals eine Frage in einem Vorstellungsgespräch bei uns sein - sehr wohl ist es aber ein wiederkehrendes Schulungsthema!

Und der aktuelle Umgang mit einer belasteten Kindheit ist ein wichtiges Zusatzkriterium wie reif und selbstreflektiert ein Mensch die Betreuung von kleinen Kindern beginnen möchte; und ob er dies schlussendlich erbringen kann, sieht man ganz sicher nicht ausschließlich an einem Abschluss eines Studiums - zuviele Menschen ziehen sich beruflich einen Schuh an, in dem sie leider nie wirklich laufen lernen, sich aber lebenslang weigern, ihn wieder auszuziehen.

Viel wertvoller ist es also,

wenn ein Mensch seine Berufung irgendwann findet und damit ein lebendes Vorbild für Kinder sein kann, selbst bei zukünftigen Herausforderungen, die das Leben an sie stellen wird, an ihre eigenen Kräfte zu glauben.

Und ich wünsche allen betroffenen und nichtbetroffenen Eltern und betroffenen und nichtbetroffenen PädagogInnen, dass sie zunehmend Ängste durch mutiges gegenseitiges Erfragen und den richtigen Austausch von Informationen Lebenserfahrungen bewerten und ggf. schätzen lernen und das Bauen einer Brücke auf jeweils ihrer Seite beginnen möchten.

Und vergessen wir auch bitte nicht, bei den horrenden Missbrauchzahlen, die uns allen sehr wohl bekannt sind: all diese Kinder werden einmal groß, möchten ihrem Leben eine gute Wende geben und sehen sich dann neben der Bewältigung eines Traumas tagtäglich diesem unsäglichen Tabu gegenüber, dass wir alle durch unser Schweigen und unseren Umgang damit verkörpern und das Betroffene wiederum zum Schweigen verdonnert! h

herzliche Grüße

und ein Dankeschön für Ihre Aufmerksamkeit

Susanne Rowley

WIGWAM 1994
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