Samstag, 12. August 2017

Autor: Susanne Rowley

"Herzblut" muss fließen, sonst ist soziales Engagement nichts wert

Da krieg ich Puls, liebe Wigwam-Freunde, und ich muss da mal was loswerden.

Vorab:

Vor geraumer Zeit wurde ein "Schild" in den Sozialen Netzwerken hundertfach geteilt, auf dem die sinnige Frage stand:

Warum bezahlen wir jenen, die unser Geld bewachen mehr, als jenen, die unsere Kinder hüten?

Na, um Antworten darauf zu finden, muss man in diesen Tagen nicht lange suchen.

Und darum gehts:

Dr. Alexandra Widmer - Stark und alleinerziehend, und Phoenix-Frauen - Rona Duwe haben das Handtuch geworfen, und ihr persönliches Wohl vor das des sozialen Engagements gesetzt.

"Preis gewonnen und dann verschwinden"

Ich lege allen Wigwam-Freunden das Interview von Alexandra Widmer ans Herz (klicken Sie hierzu auf das Foto), in dem sie die Gründe für ihren Ausstieg erläutert. Daraus sollte die Gesellschaft lernen.

Ende Juni hat Dr. Widmer einen Award in der Kategorie „Soziale Werte“ angenommen, und einen Monat später macht sie Schluss. Tja wie kann sie nur. Gibt es da einen Zusammenhang? Und ob es den gibt.

Kritiker werfen dieser Frau u.a. vor,

ihr zurückliegendes Engagement sei nicht mehr authentisch. Ich empfinde genau das Gegenteil. Fr. Widmer lebt just gerade das, wofür sie immer stand. Sie übernimmt Verantwortung für sich und ihr Leben. Sie steht dazu, dass es zu allererst ihr gut gehen muss, damit es auch anderen gut gehen kann.

Ihre Hauptgründe für den Ausstieg tönen zwar persönlich, spiegeln aber in Wahrheit ein gesellschaftliches Problem.

„Herzblut“ für Umme wurde von ihr erwartet, damit sie glaubwürdig bleibt.

Entschuldigen Sie, dass ich davon leben möchte!

Ja, bluten muss es, damit Engagement in diesem Land etwas wert ist. Nur der Samariter, der zutiefst Berufene, der schlussendlich am eigenen Projekt ausbrennt, seine Gesundheit sichtlich opfert, dem setzt die Gesellschaft ein Denkmal. Nur leider ist er im Anschluss nicht mehr da!

1000ende von Arbeitsstunden hat sie in Wordpress, Podcasten und Facebook & Co. gesteckt. Zurück kam wenig bis nichts; aber ganz sicher jede Menge Menschen, die mit persönlichen Anliegen ihren privaten Email-Account sprengten, und in Kommentaren sogar konstatieren, mit ihrer Stimme im Ohr allabendlich besser einschlafen zu können, und die natürlich gerne hätten, dass all das immer so weitergeht.

Sofort ist sie da, die hässliche Fratze jener Kritiker,

die das soziale Engagement nachträglich infrage stellen, ihren Ausstieg als inakzeptabel und verantwortungslos bezeichnen und glauben, endlich das fiese Deckmäntelchen ihres verwerflichen Ansinnens entlarvt zu haben.

Zitat einer solch klassischen Kritikerin:

>> Einerseits hat sie das Projekt gemacht um Alleinerziehenden Gehör zu verschaffen, betont, dass sie das nicht als Job sieht hört aber auf, weil ihr die gebotenen Summen für Auftritte etc. zu wenig sind, kreidet an das unentgeltlich angefragt wird. Dass sie den Job reduziert hat war ja ihre Entscheidung und logisch das man da dann weniger verdient das war doch vorher klar. (…) es hat für mich einen sehr negativen Beigeschmack da es ihr nur um die Kohle zu gehen scheint <<

Und die Dame geht noch einen Schritt weiter, und unterstellt gar:

Zitat: >> Ich finde es verwerflich daraus Profit schlagen zu wollen. (…) Ich sorge natürlich für meine Familie tue dies aber nicht unter dem Deckmäntelchen der sozialen Kämpferin für Alleinerziehende. <<

Halten wir mal fest:

Fr. Widmer hat Wert gestiftet mit ihrem Projekt, aber sie darf keinen Gegenwert erwarten, damit der Wert in den Augen der Gesellschaft erhalten bleibt. Ziemlich schräg. Finden Sie nicht? 

Ich hab da mal ein paar Gegenfragen.

Woher kommt eigentlich diese stumme Anspruchshaltung an diese Frauen? Wer hat diesen schrägen Maßstab in die Welt gesetzt? Leben wir noch in Zeiten des Tauschhandels oder leben wir in einer Gesellschaft, die sich dem Mammon selbst tagtäglich unterwirft? Und was sagt wohl die Kassiererin an der Aldi-Kasse, wenn Fr. Widmer sie mit moralischen Werten bezahlen möchte.

Fr. Widmer wurde offensichtlich zu Vorträgen eingeladen, zu denen sie noch Geld mitbringen musste, um sie halten zu dürfen.

Man legte also Wert auf ihr Gedankengut, mochte sie aber nicht angemessen ver-güten.

Und warum frage ich, finden Kritiker es gut, dass schnöde Sender wie RTL, die bereit sind, Millionen in ihr sinnfreies Dschungelcamp für „Z-Promis“ zu pumpen, bei ihr für Umme nachfragen dürfen, ob sie ein Interview geben möchte? Erschließt sich mir nicht.

Ich habe mit Wigwam in 25 Jahren ähnliche Erfahrungen sammeln müssen, und grenze mich lange schon vehement davon ab. Das ging schon 1994 los, als mir die ersten empörten Anrufer die Frage stellten: Sind Sie vom Amt? Wieso kostet das was? Und dürfen Sie das? Es wurde ganz selbstverständlich erwartet, dass meine Zeit, meine Kraft, meine Mittel und mein soziales Engagement für Umme über den Tresen gehen.

Und so ging es stellenweise selbst mit staatlichen Institutionen weiter, die ihr Gehalt bequem aus Steuermitteln ziehen. Schnell hat sich herumgesprochen, dass Wigwam sich aus solidarisch gestaffelten Beiträgen finanziert. Was das Arbeitsamt doch tatsächlich einmal dazu veranlasste, arbeitslose Mütter in der untersten Solidarkategorie von Wigwam unterbringen zu wollen. Ich kann gar nicht mehr zählen, in wie viele überaus verblüffte Vorstandsgesichter ich blicken musste, als ich ihnen klarmachte: Der Solidarpakt innerhalb von Wigwam gilt ganz sicher nicht für Sie und Ihren Großkonzern! Und auch heute noch muss ich mir den ein oder anderen abfälligen Kommentar gefallen lassen, der darauf abzielt, mein persönliches Engagement infrage zu stellen, weil ich mir erlaube, davon leben zu können.

Ich glaube wir täten alle gut daran, die Dinge nicht nur differenzierter zu betrachten, sondern ab und an mal ein bisschen länger in den morgendlichen Spiegel zu schauen.

Wie gehen wir insgesamt in der Gesellschaft mit Menschen um, die uns so viel ihrer Zeit „geschenkt“ haben?

Welchen Gegenwert sind wir bereit zu geben, für Werte, die uns angeblich so viel bedeuten?

Erfahrung ist so ein Wert, der angeblich unbezahlbar ist.

Unbezahlbar? Scheint zu stimmen, denn faktisch haben Menschen ab 55 kaum noch eine Chance in den ersten Arbeitsmarkt zu kommen. Wir verleihen Preise, um investigatives Engagement zu würdigen, drehen uns anschließend um und geben diesen Menschen keine Anstellung mehr, weil sie im Alltag unbequem  werden könnten.

Und allen sonstigen Kritikern rufe ich zu:

Sie haben den Prozess vergessen, der zwischen Start und Ende solchen Engagements stattfindet. Argumente wie, das hat sie doch alles vorher gewusst, überzeugen da keineswegs.

Sicher, am Anfang solcher Projekte seht oft die eigene Betroffenheit, gepaart mit dem Wunsch, nicht alleine mit diesem und jenem Schicksal zu bleiben. Es ist ein Kampf, persönlich motiviert begonnen, vielleicht auch Aufarbeitung und Kompensation. Aber schon die große öffentliche Resonanz in so kurzer Zeit zeigt, es handelt sich eben nicht um ein privates sondern um ein gesellschaftliches Themenfeld, das da zuvor brach lag.  

Und daher muss und wird immer der Punkt kommen, an dem persönliches Engagement für ein GESAMTgesellschaftliches Problem sich im Spiegel der Wertschätzung im Außen und Innen gegenüberstehen.

Und diese Rechnung muss aufgehen!

Und damit sind wir am letzten Punkt, zu dem ich etwas anmerken möchte.

Die Medien-Instrumente, derer sich der Engagierte bedient, bedienen sich schon bald seiner. Doch daraus entsteht nicht zwingend Gleichgewicht. Ich glaube, das Bitterste für manch einen Engagierten ist das subjektive Gefühl, irgendwie nichts bewegt zu haben, obwohl sich soviel bewegt wurde. Aus meiner persönlichen Einschätzung heraus liegt das auch daran, dass wir erst lernen müssen, wie welches Medium funktioniert. Facebook ist ein „Fenster“, das von Engagierten aktiv auf und von Konsumenten in kürzester Zeit wieder zugemacht werden kann. Und wer von Medienformaten eingeladen wird, muss wissen, viel öffentlicher Wind hat nicht automatisch bleibenden politischen Nachhall. Das heißt nicht, dass kein Interesse am Engagement vorhanden wäre, aber es heißt eben auch ggf. nur im Strom der Nachrichten mit geschwommen zu sein, der schon morgen woanders anlanden wird. Druck von unten entsteht nicht, weil Missstände in aller Munde sind, er entsteht vielmehr dann, wenn Betroffenheit vor der Haustüre der Massen angekommen ist. Und bis das geschieht, fließt erfahrungsgemäß ziemlich viel Wasser die Flüsse hinunter. 

Mein Resümee und Rat ist daher nicht, berechtigte Erwartungshaltungen aufzugeben und schon gar nicht sich selbst! Vielmehr sollte man darauf achten, die Waage an der ein oder anderen Stelle im Lot zu halten. In gewisser Weise muss das Anliegen eine Form von Unabhängigkeit von der Außenwirkung bewahren ohne der Gleichgültigkeit oder gar der Verbitterung anheim zu fallen.

Und das geht nur mit gesunden Grenzen!

Ein Urteil zu fällen, ob diese Frauen etwas erwarten durften oder nicht, finde ich demnach überaus anmaßend!

Zum Schluss komme ich noch einmal zurück zum eingangs erwähnten Schild, das so häufig geteilt wurde:

Wir selbst tragen den völlig absurden Widerspruch in uns, einerseits nach sozialen Maßstäben zu rufen, ihnen aber den einzigen Gegenwert, der in unserer Gesellschaft noch Geltung hat - das Geld - zu entziehen.

Das ist, als ob ich vehement zum Atmen auffordere, gleichzeitig aber den Sauerstoffhahn zudrehe.

Ich ziehe den Hut vor dem Prozess, den beide Frauen durchlaufen haben. So individuell, wie er wohl begonnen hat, darf er auch individuell enden.

Und deswegen sind beide authentisch! 

In diesem Sinne wünsche ich allen ein schönes Wochenende.

Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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