Wigwam Blog

Freitag, 14. Februar 2014

Autor: Susanne Rowley

Guter Rat ist billig - woman in chains

Für Dich hab' ich meine Ziele aufgegeben..


Liebe Wigwam-Freunde,

Da kommunizieren in den letzten Wochen 2 Frauen –

www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/beruf-und-familie-man-muss-wahnsinnig-sein-heute-ein-kind-zu-kriegen-12737513-p2.html

Die eine ist junge Journalistin, Antonia Baum, Jahrgang 1985, kinderlos, mitten im Job, und sie schaut sich um bei den mega-erschöpften Frauen, die das Kunststück Familie und Beruf zu vereinbaren, gewagt haben.

Sie schaut die Flure der Büros hinauf und hinunter und sieht überall latent erschöpfte Zombies, die sich gerade noch so bis Arbeitsschluss auf den Beinen halten können und kommt zu dem Schluss:

>>Man muss wahnsinnig sein, heute ein Kind zu kriegen <<

Geht man ihren Artikel so durch, muss man zugeben, sie hat sich alles Schriftmaterial reingezogen, was man an Contra-Produktivem so auftreiben kann.

Sie liest über Eltern, die keinen Bereich mehr kennen, in dem sie nicht ein Gefühl des Scheiterns in sich manifestieren könnten; das geht beim vernachlässigten Haushalt los, und hört bei Blümchen betrachten wollenden Kindern auf, die man aufgrund von Zeitmangel aus ihrem Traumland wegzerren muss, weil der Morgenkreis der Kita ruft.

Den Gipfel des Unerträglichen fand sie dann wohl im Artikel

>>Diktatur des Glücks<<,

der im Magazin „The Germans“ von einer feministischen Autorin, Stefanie Lohaus verfasst wurde, die da offen hinausbrüllt:

"Ich liebe mein Kind. Ich hasse mein Leben“

– eine Frau also, die todunglücklich zu sein scheint in dem Hamsterrad, in das sie sich hinein manövriert hat, und dem sie sich tagaus tagein ohnmächtig ausgeliefert fühlt.

Zugedröhnt mit diesem Lesestoff

gleicht sie nun ihr eigenes Dasein mit der vor-gestellten Wirklichkeit ab, ein Kind zu haben und stellt fest, dass es jetzt schon so anstrengend sei, dass sie sich eine Zusatzverantwortung in keinem Fall mehr vorstellen könne. Interessant ist jedoch, dass sie sogleich nach dieser Feststellung eine andere Überlegung anstellt, nämlich: aus ihrer Sicht sei ein wichtiges Merkmal der modernen Kinderfrage:

>>Wenn man ein Kind bekommt, ist man gewissermaßen selbst schuld. Man kann sich heute dafür oder dagegen entscheiden. Man hat zumindest offiziell die Wahl. <<

Fein, soviel Freiheit sieht sie dann noch.

Allerdings ist genau dieser Satz bezeichnend für den gesamten Artikel, denn überall da, wo sie Freiräume erkennt, sieht sie nicht wirklich einen Gestaltungsspielraum, sondern nur neuen Druck, der aus ihrer Sicht genau durch jene Freiheit erst entsteht. Denn dann sieht sie sich in der Pflicht, sich für ein mögliches Misslingen ihrer Entscheidung rechtfertigen zu müssen.

Jammern ist also nicht,

weil man ist ja selbst schuld. Darauf muss man erst mal kommen . Ich fasse das also mal in der Konsequenz zu Ende gedacht so zusammen:

Jeder, der eine Entscheidung für sich und sein Leben getroffen hat, hat das Recht auf Scheitern irgendwie verwirkt. Und damit hätten wir dann den Gesamttenor des Artikels schon ausgemacht. Es ist also bei möglicher Überforderung weder legitim, zu jammern, noch um Hilfe zu bitten, denn schließlich hat man sich das Kind ja selbst „eingebrockt“.

Worin besteht nun eigentlich ihr Dilemma, fragt man sich von Zeile zu Zeile,

wenn sie keines möchte, dann soll sie doch dazu stehen und es einfach sein lassen.

Dieses Geheimnis

lüftet sie schon bald, denn sie findet, dass man sich dem Kinderkriegen per se in dieser Gesellschaft nicht verweigern kann. Es gehöre quasi dazu, wolle man eine vollständige Frau sein *schluck.

Die Öffentlichkeit, so findet sie, regiere quasi ins Privatleben hinein. Und andersherum hätten die Mütter, die zu Hause bleiben, eine Schraube locker.

Frage von mir:

Aber waren das nicht die fremdbetreuten Kinder, die später ganz sicher eine Schraube locker haben?

Jetzt kommen wir langsam durcheinander oder doch nicht? Weiteren Ansprüchen sieht sie sich unwillkürlich ausgesetzt:

>>Kinder müssen schon als Babys zum Chinesisch-Unterricht<<

Damit die Romantik nicht flöten geht, zieht sie sich Ratgeber rein: So halten Sie Ihre Beziehung frisch!

Heidi Klum zeigt, wie man auch nach dem 4. Kind kein Bauchröllchen sieht (After-Baby-Body nennt man das).

Sie fragt zudem, wozu das alles, wenn sie ein Kind hernach doch wegorganisieren muss. Vom Kreissaal weg in die Kita, zack Schule, Ganztagsschule und dazwischen zerbröselt die Mutter, die mal eine schöne Frau war…......

>>Ich verstehe dieses Selbstausbeutungskonzept nicht<<

schreibt oder schreit sie, welches natürlich schon vor den Kindern anfängt - perfekte Arbeit, perfekte Beziehung, perfekter Körper, perfekte Bildung und perfekte Einrichtung - und sich nach den Kindern, nur unter verschärften Bedingungen, fortsetzt, denn da möchte man natürlich weiterhin alles haben und perfekte Kinder obendrauf.

Und dann kommt da der 2. Artikel, verfasst von einer 42 jährigen Autorin, Mutter zweier Kinder, Larissa Boehning

www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/kinder-kriegen-wir-brauchen-einen-familismus-12780410.html

>>Wir brauchen einen Familismus!<<

Sie kontert:

>>Man muss wahnsinnig sein, heute ein Kind zu kriegen? Nein, aber zahlreiche Ängste halten Frauen davon ab. Wir brauchen einen neuen Feminismus. Besser noch: einen Familismus.<<

Eine sehr schöne Antwort liefert uns diese Autorin, auch wenn sie nicht wirklich ein Resumee zieht, wirft sie die richtigen Fragen auf.

Sie hat Verständnis für die Besorgnisse dieser jungen Autorin, und sie gibt sogar zu, selbst einmal ein solcher Zombie gewesen zu sein. Aber sie stellt im Artikel auch die richtigen Fragen – nämlich die nach der wahren Emanzipation. Während Frauenrechtlerinnen in früheren Jahren damit befasst waren, Frauen verschlossene Wege zu ebnen, ahnt auch sie, dass wir uns die freien Wege heute größtenteils selbst zu betoniert haben. Und damit liegt sie meiner Meinung nach völlig richtig.

Der Antwort-Artikel hat wunderbar herausgearbeitet,

was eigentlich hinter dieser unglaublichen Panik steckt.

Viele Frauen wollen perfekt sein, einfach keine Fehler machen – und schon gar nicht beim Kinderkriegen, denn, zugegeben, der lässt sich bekanntlich nicht korrigieren. Aber was bedeutet es denn, sich immer nur auf der scheinbar sicheren und kontrollierbaren Seite des Lebens zu bewegen? Haben wir damit nur vermieden, was wir uns nicht antun wollen. Oder ist es nicht auch wahr, dass wir uns zeitgleich von einem Meer von wichtigen Lebenserfahrungen abgeschnitten haben? Und noch ein wichtiger Entwicklungsschritt im Leben muss vermieden werden;

der Schritt in die nächste Generation.

Jede Frau ist auch Tochter, und kinderlos wird sie das immer bleiben. Und so stellt die Autorin eine ganz spannende Frage – nämlich die nach dem Erwachsen werden.

Sicher, wir werden groß, wir werden auch älter – aber Erwachsen werden wir nur, wenn wir uns aufmachen, eigene Erfahrungen zu sammeln. Wir verändern uns durch Beziehungen zu unseren Kindern, weil wir uns erleben dürfen in einer neuen Rolle, die wir als Tochter niemals hatten. Und wir können zurückblicken; zurück auf unsere Mutter – wir bewerten unsere Erziehung im neuen Licht, erkennen Muster, die nicht mehr die eigenen sind, müssen und wollen korrigieren, sind gezwungen uns mit der Zukunft in der Form auseinander zu setzen, was wir unseren Kindern mit auf den Weg geben wollen. Erwachsene treffen Entscheidungen, und sie sind auch in der Lage, die Konsequenzen daraus zu nehmen.

Und der Artikel der jungen Frau sagt eins ganz deutlich:

Sie trifft keine Entscheidungen, wenn die Folgen nicht absehbar sind.

Natürlich vergessen beide zu Recht nicht die Rahmenbedingungen, unter denen die beiden Leben offen beleuchtet werden. Da sind die Erwartungen der Gesellschaft, die Familienpolitik, die Kultur oder Nicht-Kultur in Unternehmen in Sachen Familie. Und da sind neue Unsicherheiten in der Planbarkeit einer lebenswerten Zukunft an sich.

Wir torkeln von Zeitarbeitsvertrag zu Zeitarbeitsvertrag

und keiner weiß, was morgen ist. An anderer Stelle, in anderen Kommentaren, betone ich aber immer wieder – und so auch hier – die kleinste Zelle der Gesellschaft, die Familie ist unweigerlich Spiegel dessen, was sich auf der großen Bühne abspielt. Die Beschwerde darüber, dass also auch bis ins Privatleben hineinregiert wird, ist zwar richtig; richtig ist aber auch, dass wir uns bis ins Privatleben hinein regieren lassen. Schlimmer noch – wir sind nicht mal mehr in der Lage, aufzubegehren an Stellen, an denen uns das zu weit geht; und schon gar nicht sind wir in der Lage, aufzuzeigen, wie wir gerne leben möchten.

Statt dessen schreien wir dann noch lauter nach Regularien von oben,

wenn wir den eigenen überhöhten Ansprüchen nicht genügen. Es muss also schon eine gewisse Schizophrenie bemerkt werden, wenn eine junge Frau einerseits mokiert, dass sie:

>> nicht so ein effizienter Funktions-Arsch<<

werden möchte, und andererseits nicht nur der Arsch vom und im Dienst ist, sondern auch noch erkennt, dass sie längst Sklave ihres eigenen Ichs geworden ist. Und damit hat sie die Lösung bereits parat.

Im Grunde ist der gesamte Artikel nämlich die Beschwerde darüber, bereits zum Optimierungsarsch geworden zu sein, denn sie macht keine Fehler. Die Schuld dafür sucht sie ausnahmslos im Außen. Denn sogleich fordert sie die Gesellschaft dazu auf, sie sowohl als Hausfrau, und/oder als berufstätige zu respektieren.

Also ich hab mal gelernt, dass man nur respektiert werden kann, wenn man das zuerst mal selbst tut.

Hier aber sollen immer die anderen erst mal machen, damit sie schuldfrei machen kann.

An dieser Stelle hat man wieder Lust

zu Frau Boehning zurückzukehren, die noch mit einer ganz anderen spannenden Konstellation aufwartet:

>>Das Schicksal der eigenen Mutter<

Sie ahnen schon was jetzt kommt – aber Gähnen sie nicht, denn das ist wahrlich wichtig und richtig. Sie schreibt:

>>Hier kommt, meiner Meinung nach, der größte Angstverstärker ins Spiel: die tiefsitzende Angst, das Schicksal der eigenen Mutter, die Hausfrau wider Willen wurde, zu wiederholen. Als Kind hat man genau unter der unzufriedenen Mutter gelitten, die hinter ihren Talenten zurückgeblieben ist, weil sie für die Kinder – für einen selbst – zu lang zu Hause geblieben ist.<<

Noch Fragen?

Ich hab an dieser Stelle eigentlich keine mehr! „Nie wollte ich so werden wie meine Mutter“ – ganze Büchereien füllt dieses Thema doch – zu Recht, denn wo könnte man besser sehen, als hier, was Erziehung macht und vor allem, worin sie besteht.

Selbst dann, wenn man eine Mutter gehabt hätte, die gepredigt hätte, geh Deinen eigenen Weg, hat man ihr doch auf die Schürze und natürlich ins Gemüt geschaut.

Und was wohl nimmt ein junger Mensch mit, wenn er den Eindruck gewinnen musste, dass ein völlig falsches Lebenskonzept bis zum bitteren Ende wider Willen durchgehalten wurde? Und schlimmer noch, manch‘ eine Tochter muss sich in späteren Jahren sogar vorwerfen lassen, die Ursache dafür gewesen zu sein, dass das eigene Leben nicht gelebt werden konnte.

Für Dich habe ich meine Ziele aufgegeben *Schluchz.

Müsste man also nicht auch in der Lage sein, ein solches Konstrukt rückwirkend für sich richtig zu bewerten?

Sie haben bei ihren Müttern gesehen, wie man sich verbiegt, und sie verbiegen sich jetzt auch – für die Gesellschaft, für den Partner, für das Kind – und das mit oder ohne Kind…..

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, als sei nichts dran, an „realen Unsicherheiten“ vor allem auf dem Arbeitsmarkt, die sich selbstverständlich bis in unser Inneres auswirken.

Was ich aber beklage ist, dass wir Chaos und Unsicherheit im Außen mit einem ebensolchen Chaos im Innern beantworten.

Wir kennen das alle sicher auch umgekehrt. Wenn Chaos im Inneren herrscht, greifen wir schon mal zum Putzlappen, um wenigstens im Außen Ordnung zu schaffen. Das gelingt auch – aber nur bis zu einem gewissen Grad.

Ich wünsche mir mehr Mut – Mut zum Risiko – Mut zum Erleben – Mut mal was Neues zu versuchen – Mut Fehler zu machen – Mut auch mal nicht perfekt zu sein.

Mut zur Pfütze.

Ein Scheitern zu respektieren oder zu überwinden, kann soviel Kraft spenden – nur daran wachsen wir - woraus sonst sollten Erfahrungen, dies das Leben so wertvoll machen, denn bestehen. Unter den vielen Kommentaren las ich den einfachen Aufruf:

Mach!

Und auch ich würde dieser jungen Frau aus dem 1. Artikel und auch so vielen anderen jungen Frauen, die mir täglich begegnen, nicht viel mehr zurufen wollen, als:

Macht doch mal, schafft Fakten und damit ein Selbstverständnis der Frau von heute. Geht raus aus der reinen Vorstellung, wie es sein könnte, und erlebt wie es ist. Selbstverwirklichung heißt nicht, das eigene Ich auf fehlerfreien Vordermann/frau zu bringen, sondern das „Selbst“ zu verwirklichen – und das geht nicht ohne es zu kennen und es dann zu tun.

Uff jetzt habe ich aber fertig.

liebe Grüße

Susanne Rowley

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Susanne Rowley
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