Samstag, 10. Dezember 2016

Autor: Susanne Rowley

Groß geworden sind wir alle - irgendwie

Die letzte Bastion elterlicher Mitsprache fällt.

Heutzutage setzen sogenannte Fachleute die Maßstäbe, wie das Aufwachsen vonstatten zu gehen hat. Die Familie von einst, konnte, wenn sie wollte, wie sie wollte, sie musste aber nicht.

Aktuell fällt die letzte Bastion:

Das elterliche Mitspracherecht beim Kindeswohl über: Das Wie!

Ich möchte heute meinen Wigwam-Freunden, Eltern und Betreuern diese Fachdiskussion unter einem anderen – mehr übergeordneten - Aspekt ans Herz legen. Als jemand, der Familie seit nunmehr 24 Jahren in ihren individuellen Betreuungsbedürfnissen begleitet, und deren veränderte Lebenswirklichkeit und zunehmende Vereinzelung im Spiegel der Zeit beobachten kann, erlaube ich mir, neben allen sachlichen / fachlichen Themen, die in dieser Sendung angesprochen werden, die Bemerkung:

Achten Sie mal darauf, wie selbstverständlich in dieser Diskussion über Familie und Kinder als reine Ressource gesprochen wird, die mit „Standards“ eingefangen und zu ihrem staatlich definierten „Wohl“ geführt werden soll.

http://www.mdr.de/mediathek/fernsehen/a-z/sendung686204_ipgctx-false_zc-ba8902b5_zs-73445a6d.html

Manchmal muss man in seiner Arbeit einen Gang runterschalten, mal Abstand gewinnen, möchte man das große Ganze im Blick behalten und erkennen können, wo man selbst im Hinblick auf gesellschaftliche Diskussionen und Herangehensweisen steht.

Und so habe ich mir in den letzten Wochen einmal die Zeit genommen,

nachzusehen, welche Themen Wigwam in den Anfangsjahren mit Eltern diskutiert hat. In den 90ern gab es noch keine Blogbeiträge, und so tauschte ich mich mit Eltern per Rundschreiben und Leserbriefen aus. Gefunden habe ich vorrangig einen Austausch, der sich im Kern darum drehte, wie individuelle persönliche, berufliche Wünsche von Eltern mithilfe von guter Betreuung ihrer Kleinen zur Umsetzung kommen könnten, wie Gesellschaft per se zur Betreuung außerhalb der eigenen 4 Wände steht, und wie man sich als Eltern dort wiederfinden kann. Diese Diskussion war noch nicht so ideologisch aufgeheizt wie in späteren Jahren, aber sehr wohl schon davon geprägt, dass Eltern den Kampf mit einer Flut von Ratgebern aufnehmen mussten, die hier und da der elterlichen Intuition entgegenwirkten. Soll man. Darf man. Und was macht es mit meinem Kind. Als ich diesen vergangenen Austausch mit dem Blick auf unser „Heute“ so auf mich wirken ließ, wurde mir klarer, was in der Zwischenzeit schleichend und auch ganz offen mit Familie geschehen ist.

Wir sind nicht mehr alleine.

Der lange Arm der Fachwelt ist zwischen elterlichem Schlafzimmer und Kreissaal angekommen. Und niemand fragt mehr, was er da eigentlich zu suchen hat.

Die Grundlage der Diskussionen, die wir in den 90ern führten, war vom individuellen Selbstbestimmungsrecht von Eltern und der Suche nach ihrer Art, wie sie Familie und Beruf zusammenbringen wollen und was sie unter Kindeswohl verstehen, geprägt. Kontrovers ging es zu, wenn sie ihre Lebensmodelle untereinander abglichen, ihre Bedürfnisse und die ihres Kindes ausloteten. Dürfen sie, was sie gerne wollen. Und wie geht es ihrem Kind dabei. Es war ein Ringen um das selbstbestimmte Maß. Es war eine Wertediskussion im Gange, die die freie Wahl, sich weiterhin auf althergebrachte Strukturen zu verlassen oder aber sie neu für sich zu definieren, im Rücken hatte. Die Familie von einst, konnte, wenn sie wollte, wie sie wollte, sie musste aber nicht.

Schwenk: Was ist geschehen.

Der Großteil der Beratungsgespräche, die ich heute führe, fußt zu Beginn vornehmlich auf einem Müssen, statt auf einem Wollen; zu groß sind die äußerlichen Zwänge, denen Familie heutzutage ohn-mächtig ausgesetzt ist. Somit sind elementare Teile einer freien Grundsatzentscheidung für oder gegen eine Betreuung einem Großteil der Eltern genommen. Die Kleinfamilie von heute trifft also Entscheidungen für ihr Kind aufgrund von Umständen, auf die sie keinerlei Einfluss mehr hat.

Die Fachwelt übernimmt das Kommando

Man könnte meinen, dann habe sie im 2. Schritt noch ein Mitspracherecht – beim Wie. Weit gefehlt – hier übernimmt gerade die Fachwelt das Kommando. Infolge dessen sprechen wir in Sachen Kinderbetreuung nicht mehr über Vor- und Nachteile, nicht mehr über Für und Wider, und schon gar nicht über Ja oder Nein, sondern nur noch über eine Art von Schadensbegrenzung für das eigene Kind im staatlich gesetzten Rahmen, weil Mutter und Vater nicht nur müssen, um sich zu ernähren, sondern auch, weil die Vielfalt auf das heruntergestutzt wurde, was der Fachmann empfiehlt.

So gesehen fällt aktuell die letzte elterliche Bastion,

in sie über den Weg ihres Kindes und die Art des Wohls, das ihm dabei widerfährt, mitbestimmen konnten. Das Wie!

Das perfide an dieser Lage ist,

dass die Gesetze dazu als ein „Anspruch für“ – und als ein „Recht auf“ daherkommen. Und wer möchte nicht gerne seine Ansprüche durchsetzen und sein Recht wahrnehmen. Unsere Eltern stricken also quasi mit am Strang, der ihnen schlussendlich die Luft zum Atmen nimmt. Ähnlich sieht es im Grunde mit meiner Rolle aus.

War ich in den Jahren vor 2004 noch aktive Begleiterin, die Eltern half, ihren eigenen Weg in der Betreuungslandschaft zu finden, verkommt meine Arbeit zunehmend zu einer Art Scheinbewegung in einem Rahmen, der kaum noch Bewegung zulässt.

Aus meiner subjektiven Sicht sind wir gesellschaftlich an einem Punkt angekommen, in der Kleinfamilie und Betreuer zum Spielball von Wirtschaft und politischen Interessen verkommen sind. Vom „Wohl“ einer Familie und damit auch von „Kindeswohl“ kann an so gut wie keiner Stelle mehr die Rede sein. Das „Ob“ hat sich zuerst verabschiedet. Dann verschwand das „Wo“. Jetzt winken wir bald dem „Wie“ hinterher. Das wirkliche Wohl von Familien hat bereits an dem Punkt sein Ende gefunden, an dem sie nicht mehr frei darüber entscheiden konnten, wo und wie sie leben und arbeiten möchten. Die Kleinfamilie von heute schwebt losgelöst von individuell stützenden Strukturen im freien Wirtschaftsraum und sieht sich an so gut wie allen Stellen des alltäglichen Lebens der übermächtigen Institution gegenüber, an die sie ihr kleines stressiges Leben anpassen muss. In diesem engen Kokon wird ihr rechnerisch halbes Einzelkind hineingeboren, dessen sich der Staat jetzt bereits vor dem 1. Lebensjahr bemächtigen darf.

Die Bildungs- und Förderdiskussion

mit ihrem mittlerweile undurchschaubaren Dickicht von Auflagen für alle Beteiligten, wird offiziell geführt als „Qualitätsdiskussion“. Und das obwohl wir von Qualität nie weiter entfernt waren als heute. Denn sie wird nicht mehr hinterfragt die Qualität, nicht mehr definiert, fragt nicht nach individuellen Bedürfnissen, sondern sie schickt sich an "standardisiert" zu werden.

Ein Gesetz, dass Qualität garantiert, die sie allein definiert, hat sich sowohl von der Lebenswirklichkeit als auch von der Begrifflichkeit verabschiedet.

Und weiter geht’s. Ich sehe es kommen:

Wenn diese Diskussion einst abgeschlossen ist, kommt sie:

Die Pflicht. Die Pflicht, staatlich definierte Qualität nutzen zu müssen. Schon heute diskutieren sogenannte Fachleute über die Betreuungspflicht und damit die endgültige Auslagerung der Für-sorge der Familie für ihr Kind an die staatliche Institution. Es werden also Fachleute sein, die definieren, was Familie braucht. Es werden Fachleute sein, die Kinderleben vorzeichnen. Und es werden Fachleute sein, die Abweichler dann reglementieren.

Selbstverständlich bleiben sie nicht aus, die Parallelentwicklungen,

die sich dieser massiven Beschneidung und Bemächtigung von Familie auf natürliche Weise entgegenstellen. Geburtenrückgang. Der Wunsch nach maximal einem Kind. Der Eindruck einer neuen Single-Gesellschaft, einer Generation „beziehungsunfähig“ mit dem Versuch an anderer Stelle und mit neuen Wegen individuelles Dasein zurückzuerobern oder ganz aus einem erstickenden System auszubrechen. Im Zuge der Digitalisierung und der damit einhergehenden nie abreißenden Flut von Informationen, die Menschen den Einblick in das Leben der anderen jetzt täglich ermöglicht, wird er deutlich: Der Hohn, der in der gleichgeschaltet wirkenden Diskussion um Kindes- und Familienwohl steckt.

Ich kann im Süden lesen, wenn irgendwo im Norden keine Hebamme mehr zu finden ist. Ich erfahre im Osten, wenn irgendwo im Westen Kleinkinder in einer Kita an den Stuhl gefesselt wurden. Und ich kann im Live-Chat unserer Familienministerin direkt ins Stammbuch schreiben, was ich von der Verankerung der Kinderrechte im Grundgesetz halte, wenn dafür im Gegenzug gar kein realer Spielraum mehr bleibt.

Unsere Familienpolitik hat den Blick für Familie verloren.

Sie kann Zusammenhänge und Wechselwirkungen nicht mehr sehen. Und sie unterschätzt massiv, dass es familiäre Bedürfnisse zwischen Himmel und Erde gibt, die sich staatlicher Regel Wut entziehen. Es sind nicht Standards, die Familie erblühen lassen und Kindeswohl ausmachen, sondern Rahmenbedingungen, die ihre individuelle Entfaltung möglich machen. Nichts weiter wäre zu tun. Von daher glaube ich, dass Politik sich in seinen Strukturen und ihre Antworten auf die moderne Welt völlig erneuern muss, möchte sie Zusammenhänge wiederherstellen. Mit der Gesellschaft, die sie gerne regieren möchte, und der Lebensrealität zwischen Aufgang und Untergang der Sonne an jedem einzelnen Tag, hat sie schon jetzt kaum Berührungspunkte mehr.

Ich hoffe, nein ich glaube, dass der Tag kommen muss,

an dem Familie sich wieder wehren wird gegen das Diktat ihrer individuellen Bedürfniswelt. Anfangen könnten wir mit der Auffassung, dass Haltung und Wertschätzung mit Kindeswohl zutun haben und nicht die Normierung einer Kita-Steckdose. Und enden könnten wir beim Befreiungsschlag gegen Betreuungsnormen mit der Grundsatzfrage: Was wünschen wir uns für die Zukunft unserer Kinder? Ein individuell erfülltes Leben, dass neben genormter Sicherheit und vorgefertigten Werten noch spielend Luft nach oben hat, oder wollen wir unsere Kinder auf eine staatliche Rutschbahn schicken, die nur einen Weg, den des scheinbar unendlichen wirtschaftlichen Wachstums kennt.

Entscheiden Sie selbst liebe Eltern, liebe Betreuer, liebe Wigwam-Freunde, ob sie wirklich allein „Fachleuten“ und deren ebenso genormten Studieninhalten und der rein kapitalorientierten freien Wirtschaft, die ihr Kind schon heute für das Morgen vereinnahmen möchten, das Wohl und Weh ihres aktuellen Familienlebens und das Wohl Ihres Kindes fortgesetzt überlassen möchten.

Mehr als nur eine Überlegung wert!

In diesem Sinne wünscht eine schöne Adventszeit

Ihre Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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