Wir bloggen für Sie - quer durch die familienpolitische Landschaft

Dienstag, 1. Oktober 2013

Autor: Susanne Rowley

Es gibt keine Kostenstelle Zuwendung

Expertenrunden ohne Experten.

www.ardmediathek.de/das-erste/reportage-dokumentation/die-story-im-ersten-du-schaffst-das

"Erfahrung kann man nicht Studieren“ „Unser Leben ein Schwimmbecken ohne Rand“

Entschuldigt liebe Wigwam-Freunde,

es war mir angesichts des Themas, über das ich hier heute berichten möchte, und der mich gerade heimsuchenden Gedankenflut nicht möglich, mich für eine Überschrift zu entscheiden.

Ganz ehrlich – ich bin in 20 Jahren meiner Arbeit

schon wesentlich ruhiger geworden, aber angesichts der vorliegenden Reportage, kommen gerade meine hitzigen Anteile zum Vorschein .

Diese absolut traumhafte „Story“, ausgestrahlt gestern Abend in der ARD hat mich sehr tief bewegt, denn ich kann mich nicht erinnern, Vergleichbares bislang gesehen zu haben. Von daher lege ich Sie Ihnen ans Herz.

Bewegt hat mich aber nicht allein die Tatsache,

dass jungen Menschen aus sozial schwachen Schichten ein guter Start ermöglicht wurde, sondern die im Grunde so SIMPLE Herangehensweise, die dahinterliegende Idee also, die eine Saat auf wundersame Weise aufgehen lässt. Diese Idee wäre auf so viele Problembereiche unserer Gesellschaft leicht übertragbar und würde somit mannigfaltige Folgeprobleme vollkommen vermeiden.

Schauen Sie bitte genau hin, mit WELCHEN Mitteln diese Jugendlichen „erreicht“ werden, malen Sie sich die positiven Konsequenzen weitreichend aus, und stellen Sie sich dann im Vergleich dazu vor, wie das weitere Leben dieser jungen Menschen langfristig verlaufen würde, wenn diese kleine Schraube in Form des vorgestellten Scouts im Getriebe fehlte.

Dann sind Sie in meiner gedanklichen Heimat angekommen

bei einer Denke, die mich ausmacht, für die ich seit 20 Jahren gelobt aber ebenso stark angefeindet werde, weil angeblich im großen Stil nicht umsetzbar, und verbunden mit dem wohlgemeinten Rat, ich solle doch auf meiner selbstgeschaffenen Wigwam-Insel glücklich werden und nicht meinen, diese Insel sei in Festland zu verwandeln.

Ich behaupte, doch das wäre sie

und zwar dann, wenn: - Andere Werte in ökonomisches Denken nachhaltig einfließen - Expertenrunden nicht mehr ohne Experten stattfänden - Erfahrung als Ressource wiederentdeckt würde - Problemstellungen auf Ursachen untersucht würden.

Bei sensibler Betrachtung dieses Films wird deutlich, es geht um so unendlich viel mehr als nur um ein wohlwollendes Tätscheln auf junge geknickte Schultern. Es geht vielmehr um ein traumhaft positives Beispiel, das dazu geeignet ist, mit einer winzigen Stellschraube, krankhafte, verkrustete Strukturen unter denen unsere gesamte Gesellschaft multipliziert über Generationen hinweg leidet, etwas entscheidend Neues entgegenzusetzen und völlig andere Prozesse einzuleiten. Dieser Bericht bietet eine umfassende Aussicht darauf, was alles möglich wäre und welche Problemfelder wir gar nicht erst bekommen würden, würden wir uns am Beginn des Problems individuell mit demselben befassen, statt es den Massenstrukturen, die wir selbst geschaffen haben, haltlos zu über-lassen.

Was sehen wir in diesem Film, was aus meiner Sicht übertragbar wäre?

Sie sehen in diesem Film einen engagierten „Talent-Scout“, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Talente am BEGINN des Weges aufzuspüren, die ohne Unterstützung weiter geschlummert hätten, oder gar ganz absterben würden. Seine Tätigkeit zeigt deutlich auf, wie wenig es braucht, um am Ende große Wirkung zu erzielen. Mit ein bisschen Fantasie kann sich der Zuseher ausmalen, was mit den dargestellten Jugendlichen womöglich geschehen wäre, wäre der Talent-Scout nicht in ihr Leben getreten.

Man könnte durchaus so weit gehen,

anzunehmen, dass sie in Berufen gelandet wären, die ihnen keine Freude bringen, sie sogar seelisch abgestürzt wären, denn es werden im Film eindeutig Traumata angedeutet, in Hartz 4 gelandet wären, wie bereits ihre Eltern zuvor. Sie hätten vielleicht die Kette des Misserfolges und der Hilfsbedürftigkeit langfristig fortgesetzt, weil der kleine Impuls, dass es auch anders gehen kann, zur rechten Zeit nicht greifbar war.

Der Film zeigt, wie gewinnbringend

es sein kann, an einer ganz bestimmten Schraube zu drehen, die Umwälzendes mit sich bringt im Umgang mit Menschen und der individuellen Vita, die sie zwangsläufig mitbringen. In starren Strukturen der üblichen Massenabfertigung wären diese Jugendlichen untergegangen. Der Film zeigt einfühlsam, dass es oft nur scheinbarer „Kleinigkeiten“ bedarf, um einem ganzen Leben eine neue Richtung zu geben. Ein bisschen Zuwendung zur richtigen Zeit weckt diese Talente und bringt sie auf den Weg.

Der Job dieses Scout’s ist sich „Zeit zu nehmen“;

Zeit um heraus zu finden, welcher Stein konkret es ist, der einem bestimmten jungen Menschen hier und jetzt im Weg liegt, um zu verhindern, dass er die falsche Abzweigung nimmt; einen Irrweg geht, den er ggf. sein ganzes Leben lang nicht mehr korrigieren kann, und ihn dann auch noch weitertragen wird.

Und er tut gar nicht wirklich viel dieser Scout; er gibt glaubhafte Zuwendung, er hört ihnen zu, schreibt Emails und SMS, bleibt Anlaufstelle in einer kritischen Phase, er glaubt einfach spürbar an diese jungen Menschen. Man sieht im Film, wie sich die jungen Menschen geradezu schlagartig öffnen, einen anderen Blick auf sich selbst bekommen und dann tatsächlich losgehen.

Wenn Sie jetzt noch gedanklich in Relation setzen,

welch vergleichbar kleiner Einsatz hier mit absolut umwerfender Wirkung nötig ist, dann sind Sie ganz bei mir und dem, was ich vertrete. Eigentlich genügt es schon, den Film nur bis zu der Stelle anzusehen, an dem Sie Einblick erhalten in den Lebensweg den der Scout selbst von sich preisgibt. Er selbst ist nämlich der lebende Beweis für das, was er an Thesen aufstellt, denn seine eigene Motivation den Jugendlichen zu helfen, erwuchs genau aus derselben Quelle, die in seiner Art den Beruf auszuüben quasi weitersprudelt. Auch er hatte einen Mentor, einen Unterstützer, der ihm die richtigen Worte zur rechten Zeit mit auf den Weg gab – und schauen wir hin, was er heute multipliziert weiter trägt – einfach traumhaft.

Und das zeigt uns unter anderem etwas ganz Entscheidendes:

gelebte Erfahrung kann man nicht Studieren!

Sie ist es aber, die so nachhaltig wirkt, weil authentisch vorgetragen. Nur er erkennt, dass es immer ein Mix aus Umständen ist, die konsequent ignoriert, den Durchbruch hin zum Positiven verhindert. Manchmal ist es auch nur 1 Komponente, die fehlt und der Weg wäre frei. Wenn man sich diese Herangehensweise nun multipliziert vorstellt, ahnen Sie, welches Gewinnpotential für alle Beteiligten und für die gesamte Gesellschaft darin stecken könnte.

Man stelle sich also vor,

jede Hochschule hätte einen solch engagierten Scout – wie viele Jugendliche könnten dann für das spätere Gemeinwohl gewonnen werden. Und was wenn nicht; wenn wir diese kleinen Hilfen fortgesetzt unterlassen?

Wenn nun schon die „großen Kinder“ im Film deutlich artikulieren, dass neben allem faktischen Können in Form von guten Noten, ihnen aber entscheidende Dinge wie Geborgenheit, Zuwendung, Zuspruch und Lob fehlen, um die guten Anlagen auch auszuleben,

was bedeutet dies dann erst für unsere Allerkleinsten,

die mit ebensolchen guten Anlagen zur Welt kommen, aber zunehmend in Großgruppen von Einrichtungen verschwinden und faktisch nicht mehr wahrgenommen werden? Unsere Einjährigen, die noch nicht sprechen können, die uns noch nicht sagen können, wie es ihnen geht.

Was geschieht mit deren frühkindlichen Suche

nach Geborgenheit und Wärme, die nötig ist, damit Bildung auch drauf gesattelt werden kann? Was vernichten wir also tagtäglich an und in unseren Allerkleinsten, wenn wir ihnen die Chance entziehen durch individuellste Zuwendung Urvertrauen auszubilden? Man mag es nicht zu Ende denken…

Was könnte ein individueller Coach in Job-Centern bewirken, der wirklich freie Hand und Mittel hätte, auf individuelle Schicksale ernsthaft einzugehen, statt Massen von Fällen zu verwalten, weil die Mittel immer und immer wieder an den Ursachen vorbei zielen?

Was würde mit alten und dementen Menschen möglich sein, wenn sie eben nicht in Alten-Fabriken mit Neuroleptika in Massen ruhig gestellt würden, weil man keine Zeit mehr haben darf, um sich auftretenden Verhaltensweisen ursächlich zu nähern? Abgesehen von der Würde, die wir ihnen am Lebensabend einfach so nehmen, stelle ich die Frage, spart es wirklich Kosten, wenn wir sie im Minutentakt kämmen, ihnen 4 Minuten zum Verrichten der Notdurft einräumen? Ist es wirklich billiger, wenn wir sie mit Psychopharmaka vollstopfen, die körperliche Erkrankungen hervorbringen, die sie ohne dieses Zeug gar nicht bekommen hätten? Welche Kosten-Maschinerie läuft allein auf medizinischer Ebene dann an? Was wäre stattdessen mit „kleinen Wohngemeinschaften“, in denen diese alten Menschen das einbringen könnten, was ihnen noch möglich ist? Sei es selbst kochen, oder zumindest dabei helfen, ihre eigene Wäsche mitbringen und auch selbst Waschen? Würden dann nicht Pflegekräfte eingespart und zeitgleich den alten Menschen noch „ein Leben“ in Würde ermöglicht?

Wie oft habe ich in meiner Arbeit den Vorwurf gehört,

dass das was ich hier im Wigwam mache, nicht auf die Masse übertragbar wäre.

Ich bestreite das vehement,

denn wenn wir es schaffen, all die Folgeprobleme, die sich aus unmenschlicher Massenabfertigung allerorts ergeben, auch noch zu bewältigen, kann mir keiner erzählen, es wäre nicht möglich im Vorfeld mehr individuelle Hingabe zu ermöglichen, wenn hernach die Folgeprobleme gar nicht auftauchten.

In allen Bereichen stellen wir schmerzlich fest,

überall da, wo versucht wird, in Massen und mit unverrückbaren Strukturen der individuellen Probleme Herr zu werden, vervielfältigen sie sich auf grausame Weise. Der Mensch passt nicht in diese Strukturen, die er sich selbst geschaffen hat!

Zurück zur Kindertagespflege, der ich mich umfassend widme:

Wie schaffe ich es denn 100erten von Eltern und Pädagogen-Familien gerecht zu werden, ohne dass mir meine armseligen 2 Hände nach nur 1 Arbeitstag bereits abfallen. Ganz einfach: ich betrachte vor Beginn einer möglichen Zusammenarbeit den ganzen Menschen samt seiner Möglichkeiten, Wünsche und Problemstellungen.

Ich nehme mir also vorne enorm viel Zeit,

damit ich hinten keine verschwenden muss – so einfach ist das. Es wäre z.B. ein leichtes in Jugendämtern eine Strukturveränderung vorzunehmen in Sachen Vermittlung Eltern/Tagesmütter –väter, um mal bei meinem Arbeitsfeld zu bleiben. Auf Seiten der Tagesmütter: Statt sie in Massen durch die Schulung zu lotsen, um sie und ihr Betreuungsangebot dann nach Prüfung sich selbst zu überlassen, wäre es gewinnbringend, deren Vita, deren Motivation, deren Kreativität, deren Träume vom Glücklich sein, deren finanziellen Bedürfnisse, mit dem abzugleichen, was Eltern auch brauchen; also auf betreuungsanbietender Seite Anreize und Ideen zu säen, die eine vollkommene Ausschöpfung und den Erhalt des wertvollen Potentials auch möglich machen.

Auf Seiten der Eltern Finden wir das gleiche Dilemma vor. Eltern werden alleine gelassen mit der Lösung von wirklicher Vereinbarkeit von Familie und Beruf; stattdessen lässt man sie Teilaspekte ihres familiären Alltags vortragen, Lösungen selbst andenken, die maximal dazu geeignet sind, eben genau diesen Teilaspekt abzudecken, aber auch nur solange, bis neue Probleme auftauchen, die man bei richtiger Hilfestellung zuvor hätte bereits langfristig abfangen können.

Wenn Firmen sich bei mir melden, um sich Rat zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu holen, treffe ich fast immer auf „Nicht-Experten“, die sich bereits im Vorfeld knietief in straffe Strukturen gestürzt und darin verloren haben, um scheinbar „Ordnung“ zu schaffen; eine Ordnung, die in Wahrheit Chaos verursacht, denen keiner mehr Herr wird; deren Aufbau und Erhalt mehr Probleme schaffen, als das sie zu deren Lösung geeignet wären.

Ein praktisches Beispiel

hierzu bot mir vor Jahren eine sehr große Firma, die sich um das Flugpersonal und deren Kinder kümmern wollte. Ich wurde dort mit bereits bestehenden Strukturen konfrontiert, mit denen ich arbeiten sollte, aber nicht konnte, weil auf deren Grundlage keine „Lösung“ zu erreichen war. Es wurde innerhalb des Betriebes eine strikte Trennung vorgenommen zwischen Betreuungsformen, die gar keiner Trennung bedürfen.

Ich war konfrontiert mit Säulen wie: Tag-, Nacht-, Dauer-, Kurzzeit- und Notfallbetreuung, die eine betroffene Familie des Flugpersonals aber nur „einzeln“ besetzen durften. Darauf angesprochen, dass ich mit diesen Säulen nichts anfangen könne, weil eine einzige Stewardess, die Langstrecke fliegt, alle Problemfelder gleichzeitig belegen könne, erntete ich nur Kopfschütteln. Das ist ungefähr so, als wenn ich von Ihnen das Fliegen verlange, aber nicht bereit bin, die Flügel dafür wachsen zu lassen.

Für einen solchen Stumpfsinn bringe ich kein Verständnis mehr auf!

Ich konnte mit meiner „Erfahrung“ also nicht punkten, dass bei guter Planung alle Trennsäulen in einer zu vereinigen wären; denn bei individueller Betrachtung jeder einzelnen Familie entstehen gar keine Notfälle, die es nötig machten Aufnahmelager für Kleinkinder zu schaffen, in die sie dann morgens überfallartig hineingeschoben werden, weil ich im Vorfeld eine Gesamtlösung für diese Familie geschaffen hätte. Statt dessen wäre ich für eine überaus kostenintensive Einzelfall-Vermittlung bezahlt worden, die nicht nur teuer, sondern auch puren Dauer-Stress für alle Beteiligten; insbesondere für die Kinder bedeutet hätte.

Da ist meinem Wigwam eine ganz schön stolze Summe durch die Lappen gegangen.

Das Thema wäre wahrlich bis ins Unendliche auszuweiten. Es ist einfach nur schade, dass Verantwortliche nicht bereit sind, Erfahrungen zu nutzen und zur Abwechslung kleiner statt groß zu denken.

Natürlich müsste alldem eins voran gestellt werden:

Der ehrliche Wille dazu.

Ob der in Wahrheit gar nicht vorhanden ist, lasse ich jetzt mal dahin gestellt...

liebe Grüße

Eure Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
Kapitän-Lorenz-Ufer 20
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