Wir bloggen für Sie - quer durch die familienpolitische Landschaft

Donnerstag, 3. April 2014

Autor: Susanne Rowley

Erfolgsfaktor Familie? Fehlanzeige

Vom Spießrutenlauf einer Chirurgin, 

die sowohl ein Kind bekommen - als auch ihren Job behalten möchte

Erfolgsfaktoooooor Familie? Fehlanzeige

Liebe Wigwam-Freunde,

absolut lesenwert dieser Artikel!

www.vbm-online.de/component/content/article/1647.html

SO und nicht anders fühlt sich Vereinbarkeit von Beruf und Familie an, wenn wir sie mit dem realen Leben in Abgleich bringen.

Und all dies hat nichts gemein mit statistisch untermauerten Studien-Häkchen, die Familienpolitik in Auftrag gegeben hat. Von solchen Berichten von ebenso mutigen Frauen, wünsche ich mir mehr, denn das ist Leben, das ist Alltag, das höre ich wöchentlich in meinem Büro, und all das findet in der derzeitigen Planung von Kinderbetreuungsplätzen überhaupt keine Beachtung.

Nehmen Sie sich bitte diese 10 Minuten Zeit und lesen Sie, was diese erst werdende/Mutter und Chirurgin zu berichten weiß. Der Bericht ist lang, liest sich flüssig, weil zutiefst authentisch verfasst - ein Gesamtpaket von „Frau in Deutschland“, ist es, was sie uns hier abliefert.

Ihr Hürdenlauf beginnt bereits,

bevor sie überhaupt ein Kind bekommen hat. Ein gnadenlos ehrliches Statement über die vielen kleinen versteckten und offenen Steine, die in ihrem privaten und beruflichen Weg mal so eben herumliegen - und nur, weil sie sich dazu entschlossen hat Mutter zu werden und weiterhin operieren zu wollen.

„Guten Tag – ich operiere sie heute“ – zieht beim Patienten ein verzweifelt fragendes Gesicht hin zum männlichen Pfleger nach sich.

Aber was tun, wenn Frau weder körperlich füllig, noch graue Schläfen aufzuweisen hat. All das steckte sie locker weg, bis sie Mutter werden wollte. Schwanger als Chirurgin? Bedeutet ein komplettes Outing ab Befruchtung vor versammelter Klinik-Mannschaft, die ab sofort beobachten darf, ob auch nichts in die Hose geht. Privatsphäre – Fehlanzeige. Denn sie darf ab Schwangerschaftsbeginn nicht mehr operieren; Umwege über leichtere Tätigkeiten im OP – ebenfalls Fehlanzeige. Die Schwangerschaft endet mit einer Totgeburt in der 24. SSW. Eine Trauerphase liegt vor ihr. 16 Wochen Mutterschutz stehen ihr zu – sie möchte recht bald wieder einsteigen, ohne Kind im Arm nicht zu Hause bleiben – ein Klinikwechsel wird unausweichlich. Wer stellt eine Chirurgin ein, die so lange pausiert hat, und die aufgrund der Vorgeschichte potentiell wieder schwanger werden könnte? Das bekommt sie nur mit einer fingierten Bewerbungsmappe hin, die weder auf den Trauerfall noch auf die alte Klinik hinweist.

Neue Klinik - sie wird Mutter. Arbeitsbedingungen: knappe Personaldecke, wenig planbares Arbeitsumfeld, das jederzeit mit Notfällen rechnen muss, sehr unstete Arbeitszeiten. Qualität in Patientenversorgung, persönliche Weiterbildung nur über ein persönliches Engagement weit über den Einsatz eines normalen Arbeitnehmers hinaus. Zur Besetzung der Nacht- und Wochenenddienste Leihärzte im Einsatz. Hohe Fluktuation der Ärzte, hoher Krankenstand beim Pflegepersonal wegen chronischer Dauerüberlastung. Trotz oder gerade deswegen wird eine Task Force mit leitenden Krankenhausmitarbeitern gebildet, um den Klinikbetrieb nachts und am Wochenende auch ohne Mehrkosten durch Leiharbeitskräfte mit den verbliebenen Assistenzärzten durchzusetzen.

Es war das erklärte Ziel, die unwillige Assistenzärzteschaft zügig wieder auf Kurs zu bringen. Damit sollte bald Schluss sein.

Audit in der neuen Klinik - "Erfolgsfaktooooooooooooor" - Hoffnungsschimmer - wer kennt es nicht.

Verheißungsvoll prangt dieses Un-Wort inzwischen auf vielen Stellenanzeigen. Ihre Klinik bewarb sich um dieses Label und hat es auch bekommen - nur wofür? Denn besagte Führungsriege in der Klinik war nur bemüht, Vorschläge, die Mehrausgaben für Vereinbarkeit von Familie und Beruf bedeuten, sofort abzubügeln. Irgendein Familienservice steht jetzt auf der Fahne - der die Plätze anbietet, die auch das Jugendamt bereit hält - nine to five oder eben gar kein Platz - Schublade auf - Schublade zu.

Haben wir was - kriegste was / haben wir nix - kriegste nix. Parallel dazu: einen U3 Kindergartenplatz hat sie mit ihren Arbeitszeiten nie bekommen, trotz Bewerbung in vielen Kindergärten. Privatkindergarten - Kinderfrau - bedeuteten, mal eben das gesamte Eigengehalt rüberschieben. Aber wer kann eine Vollzeit Berufstätigkeit zwischen den üblichen Öffnungszeiten ausüben. Wer hat schon solche Arbeitszeiten, nie einen Baustelle auf dem Arbeitsweg und nie mal etwas länger zu tun?

Das Resumee dieser überaus bewundernswerten Frau

im o.g. Artikel:

>> In der Fortpflanzung bin ich nicht sehr effizient. Vier Schwangerschaften und, hoffentlich, zwei gesunde Kinder. Na ja. Als Mitarbeiter bin ich wohl auch eher 2. Wahl, nicht engagiert und nicht flexibel genug. Und als Mutter? Mit einer hohen Zahl an Fremdbetreuungsstunden wohl auch eine Katastrophe. Und um so schlecht zu sein, habe ich kaum geschlafen, mich geplagt wie ein Esel, mit wenig Zeit für mich selbst immer kurz vorm Untergewicht. Der Nettolohn nach Abzug aller Kosten zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist auch nicht wirklich motivierend. Jetzt aber mal ganz unpointiert und, um nicht nur zu maulen: Ich darf ein erfülltes Leben mit einer liebenden Familie und Freunden und vielen großartigen Kollegen führen. Auch mein Mann tut alles für ein partnerschaftliches Miteinander und schläft noch weniger als ich. Die meisten Kollegen und auch Patienten sind keine Sexisten und bösartige, schlechte Menschen, sondern agieren aus ihrem Erfahrungshorizont heraus. Dennoch: Der Weg zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie und zur Gleichberechtigung ist noch sehr, sehr weit. Wir sind noch nicht einmal die halbe Strecke gegangen. Und es erfordert leider weiter einen steten Kampf. Ich hab jetzt erst mal Pause, und bin gespannt, wie und wann ich ins Geschehen wieder eingreifen werde. <<

Ich hoffe doch, sie greift wieder ein, und ich lese recht bald wieder etwas von ihr. Bis dahin werde ich diesen Bericht an alle Wigwam-Eltern in Pflege- und Arztberufen weiterleiten, denn viele werden sich darin sofort wiederfinden.

Eure Susanne Rowley

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