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Dienstag, 11. November 2014

Autor: Susanne Rowley

Ein "Memorandum" gießt Öl ins Feuer der frühkindlichen Betreuung

Memorandum - memoria ist das Andenken - ein Gedächtnis


an wen - an das Kind?

www.welt.de/wissenschaft/article1494482/Fruehe-Fremdbetreuung-ist-fuer-Kinder-schaedlich.html

Ganz ehrlich, Liebe Wigwam-Freunde, 

ich bin sie leid - die vielen Artikel, Pseydo-Diskussionen und Experten, die Gut und Schlecht entlarven müssen, denn sie dienen nicht dem Kind, sondern nur dazu, dass Gegner sich positionieren.

Ein "Memorandum"

der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) gießt erneut Öl ins Feuer der Debatte über frühkindliche Fremdbetreuung. In den ersten drei Lebensjahren seien Kinder "ganz besonders auf eine schützende und stabile Umgebung angewiesen". Die Analytiker berufen sich auf "Tiefenwirkungen und Langzeitfolgen von kindlichen Entwicklungsbedingungen", denen sie in Forschung und Praxis begegnen. Argumentiert wird u.a. mit chaotischen Betreuungsverhältnissen im Krieg, Trennungserfahrungen in Krippen, sowie schlechten Tagesmutterverhältnissen, die besonders von Krisen geschüttelt seien.

Es ist wirklich schade, denn ich sitze in der Tat in so gut wie jeder frühkindlichen Debatte zwischen allen Stühlen,

weil die Diskussionen nicht "kindgerecht" geführt werden, sondern meist nur einseitige Perspektiven ins Feld führen.

Mein Eindruck ist,

dass aus fortschreitender Hilflosigkeit gepaart mit Tatenlosigkeit heraus das WAS infrage gestellt werden muss, weil wir uns um das WIE nicht scheren. Und so ist fast jeder Artikel, der mir täglich um die Ohren fliegt, nicht dazu geeignet Eltern und andere Beteiligte an der richtigen Stelle, nämlich ihrer Verantwortung für Kinder zu packen, sondern diese Mediendebatte führt einzig dazu, dass sich die Lager spalten, Schuldgefühle der Eltern sich anhäufen und Politiker fortgesetzt einen Grund sehen, auf ihre hausgemachte Bremse zu treten.

Eltern sind in erster Linie verantwortlich für ihr Kind

- sie sind am nächsten dran, sie sind gefordert, Missstände direkt am eigenen Kind zu erkennen; auch dann, wenn es bedeutet, morgens mal in den Spiegel zu sehen. Diese Debatten führen dazu, dass sie nicht mehr wissen, was gut und richtig für sie selbst, geschweige denn für ihr Kind ist. Und sie ziehen Kinder groß, die ebenfalls Schuldgefühle haben – der Kreislauf ist eröffnet.

Dass in den Kriegswirren Kinder vernachlässigt wurden, kann sich sicher jeder vorstellen. Auch von den Kitas hören wir landauf landab, dass Betreuungsschlüssel so schlecht sind, dass Erzieher noch vor den verantwortlichen Eltern aus den Einrichtungen fliehen. Wenn Tagesmuttervermittlungen durch das Jugendamt vorrangig daraus bestehen, dass eine Nummer weiter gereicht, maximal noch Ort und Zeit, sowie freie Platzkapazitäten abgeglichen werden, dann ist das keine Arbeit "am Menschen" und man muss sich über die Ergebnisse nicht wundern.

>> Plötzliche oder zu lange Trennungen von den Eltern bedeuten in der frühen Kindheit einen "bedrohlichen Verlust der Lebenssicherheit, auch weil Sprach- und Zeitverständnis des Kindes noch nicht weit genug entwickelt sind, um Verwirrung oder Angst mit Erklärungen zu mildern". <<

Hier kann ich auf jeden Fall folgen.

Hier folge ich per se aber nicht mehr:

>>Scheerer sieht ein weiteres Problem in der Betreuung durch Tagesmütter oder Kinderfrauen: die täglichen Wechsel zwischen der einen und der anderen "Mutter": "Die frühe Aufspaltung des Bemutterungsangebots kann zu einer bleibenden Aufspaltung des inneren Beziehungserlebens führen." << Welcher Gutmensch hat sich denn diesen Käse auf die Fahnen geschrieben? Ein Wechsel findet täglich statt - zwischen Vater und Mutter – zwischen Oma und Mutter - zwischen Schwippschwapptante und Mutter und gerne auch der Nachbarin. Und das soll auch so sein. Das nennt man soziales Leben. Es ist und bleibt die Qualität einer Bindung, eines Bezuges zum Kind, die das Wohl eines Kindes ausmacht! Aber darum kümmert sich niemand, weil nicht der Mensch und die Situation zählt, in der er lebt, sondern Schubladen, die wir massenweise auf- und zugemacht haben. Es ist noch kein Kind in diesem Lande erkrankt, nur weil sich der Kreis seiner engen Bezugspersonen erweitert hat. Es müssen eben enge Bezüge zum Kind gewährleistet sein, dann ist es sogar das Gegenteil - ein Gewinn - und manchmal sogar die Rettung!

Wie nötig es heutzutage ist, viel eher die Kernfamilie im Auge zu behalten, zu beraten, zu begleiten, ihr zu helfen, zeigt eines von tausenden von Beispielen aus meiner nun 21-jähringen Praxis. Ich stelle nicht oft solche Beispiele vor - heute tue ich es.

Ein Paar mit 2 Kindern bittet um Aufnahme und einen Betreuungsplatz für ihr Jüngstes. Ich lehne schlussendlich die Betreuungsplatzvermittlung und damit die Aufnahme ab. Warum, schildere ich hier in kurzen Zügen. Ich entschied das, weil weil die Mutter es ist, die das Leben, was hinter und vor ihr liegt, nicht leben kann und nicht möchte. Und von daher kann es auch das Kind, um das es geht, niemals schaffen. Was während der Betreuungsplatzvermittlung wie ein kleines „Eingewöhnungsproblemchen“ daher kam, stellte sich als eine sich zuspitzende Beziehungskatastrophe im Hintergrund heraus. Vordergründig war folgendes zu sehen (und mehr hätte die Fachberatung beim Jugendamt auch nicht mitbekommen):

Ein Patchwork-Paar mit 2 Kindern sucht mich zu einem persönlichen Termin auf; beide reisen aus unterschiedlichen Richtungen an, denn sie führen bis dato eine Fernbeziehung und möchten das mit einem Zusammenzug in Rheinland-Pfalz ändern. Die Mutter hat einen 10-jährigen Sohn aus erster Ehe und eine kleine Tochter aus der neuen Verbindung und lebt mit beiden Kindern in den neuen Bundesländern. Der neue Partner wohnt weit im Norden von Rheinland-Pfalz und führt ein großes Gewerbe, das nicht umsiedelbar ist. Bereits beim ersten Zusammentreffen in meinem Büro überfällt mich ein ungutes Gefühl, denn sie zeigt sehr viele Emotionen, hat Angst vor dem örtlichen Umbruch, dem Verlust der eigenen Familie, der Freunde des Umfeldes. Zudem sitzt sie in Sachen Beruf nicht wirklich im Sattel. Das Hauptproblem aber sei die kleine Tochter, die sich bereits in der Vergangenheit nirgends eingewöhnen ließ. Das lässt mich aufhorchen.

Während sie ihre Ängste schildert, sitzt er regungslos daneben, sitzt ihr Weinen teilnahmslos aus. Die kleine Tochter weint viel, woraufhin mir die Mutter erklärt, sie hätte ein distanziertes Gefühl zu der Tochter, was ihr Schuldgefühle bereite – aber all‘ das liege nur an den aufregenden Zeiten und am Kind selbst. Man schildert mir, dass Tatsachen geschaffen sind. Das Haus in RLP ist gekauft, die Küche bestellt, die Freunde verabschiedet, der Umzug steht vor der Tür. Die ersten Kontakte zu Wigwam-Pädagoginnen laufen an; begleitende einfühlsame Gespräche helfen nicht, dass die Mutter und somit auch das Kind sich in irgendeiner Form entspannen können. In einem zweiten gemeinsamen Termin mutmaßen beide, es könne sein, das mit der Tochter etwas nicht stimme, und man würde einen Arzt aufsuchen. Nach Rücksprache mit allen Pädagogen, die Kontakt mit der Familie hatten, breche ich die Vermittlung ab und bitte die Mutter um ein Abendtelefonat - alleine. In diesem Telefonat, erfahre ich einen ungeheuerlichen "Film", der im Hintergrund läuft, und dem ich mit der Vermittlung einer Tagesmutter eine noch ungeheuerlichere Krone aufsetzen soll. Im Vorfeld ist jene Mutter bereits monatelang weit über ihre persönlichen Grenzen gegangen. Sie schildert: sie wollte diese Beziehung nicht, sie wollte diese Heirat nicht, sie wollte dieses Kind nicht, und sie will den Neuanfang nicht.

Sie lebt ein Leben, das sie nicht leben will.

Ein Beziehungsdrama spielt sich ab, das mit dem kleinen Kind nichts zu tun hat, sich aber massiv auf selbiges auswirkt. Dieses Kind ist aus einer emotionalen Erpressung entstanden, die von der einen Seite ausgeübt, und von der anderen Seite zugelassen wurde! Die gnadenlose Abhängigkeit, in der sich diese Mutter befindet, wird zusätzlich befeuert durch ein Elternhaus, in dem sie, nach eigenen Angaben, keine Wärme erfahren hat. Der neue Partner und das Kind sollen dazu dienen, sich daraus zu lösen.

Das ist es nun. 2 therapeutisch schwerst behandlungsbedürftige Elternteile, die sich beide im Opferland eingerichtet haben, sich gegenseitig die Hölle auf Erden bereiten, suchen eine Tagesmutter für ihr kleines unschuldiges Kind, dass sie bereits zum Opfer gemacht haben.

Warum ich ihnen das erzähle?

Weil ich den Teufel tun werde - ich werde keine Tagesmutter als Statist in diesen kranken Film laden. Und - weil es Zeit wird, dass die Mühe um das angebliche Wohl unserer Kinder nicht so elend einseitig geführt wird. Was Kleinkinder brauchen, das wissen wir alle. Aber machen wir doch endlich mal die Augen auf. Es ist nicht immer die Kernfamilie, in der ein Kind findet, was es braucht.

Betreuung kann schlecht sein, Eltern können schlecht sein, Lebensumstände können schlecht sein, Situationen können schlecht sein. Die Frage ist, interessiert uns das?

Ja, mich interessiert das.

Ein Kind ist hilflos, es hat ein Leben, in das es hinein geboren wird. Und wenn es uns wichtig ist, ihm einen guten Start zu ermöglichen, müssen wir uns verdammt nochmal dafür interessieren, in welchem Konstrukt es sich befindet. Dann müssen wir investieren in einen guten Weg, den sein Leben nehmen kann.

Aber dafür ist kein Geld da! Keine Zeit da!

Und kein ehrliches Interesse da! Ich brauche keine Statistiken mehr, um zu erkennen, dass wir es längst mit Teufelskreisen zutun haben, in denen Eltern selbst keine Bindung und Liebe erfahren haben, und insofern auch nicht in der Lage sind, sie an ihre Kinder weiter zu reichen. Und das ist es, was uns in der Zukunft vermehrt erwarten wird. Und so sitzt bald wieder ein neues Paar vor mir, das wieder Nachwuchs in diese Welt setzt, ihn instrumentalisiert weil es mit seinem eigenen Leben nicht zurecht kommt. Jene Mutter wird sich nun selbst Hilfe suchen. Wenn sie das getan hat, wird sie sicher zunächst alleinerziehend sein und sich neuen Schwierigkeiten gegenüber sehen. Aber dann kann der richtige Zeitpunkt gekommen sein, in dem eine reife und erfahrene Pädagogin und liebevolle Tagesmutter ein Gewinn für sie und ihr kleines Kind ist; zu dem sie dann hoffentlich keine Distanz mehr empfinden muss, denn diese Ablehnung galt eigentlich dem Erzeuger und ihrem Unvermögen Nein zu sagen.

Memorandum - memoria ist das Andenken - ein Gedächtnis.

Das ist wahrlich zu dick aufgetragen - gemessen am Ergebnis für unsere Kinder.

herzliche Abendgrüße

Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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