Sonntag, 12. Mai 2019

Autor: Susanne Rowley

Dürfen wir dem Staat die Deutungshoheit über Kindeswohl überlassen?

Kommt die Kita Pflicht?


Liebe Eltern, 

Ein Artikel, der – Stand heute – 37.000 Mal geteilt und 12.108 Kommentare und 23.190 Likes von Eltern und Erziehern hervorgebracht hat, verdient es, nicht nur gelesen, verinnerlicht und kommentiert zu werden, nein er sollte als Mahnmal Frau #Giffey an die Bürotür genagelt werden:

Wenn die Kita zur Notaufnahme wird. 

Es geht um eine Initiative, die seit geraumer Zeit die negativen Aspekte des Kita Innenlebens offen legt, die wir dem Rechtsanspruch zu verdanken haben, und dessen mangelhafte Rahmenbedingungen Opfer und Täter gleichermaßen hervorgebracht hat.

In diesem und anderen Artikeln der Initiative ist die Rede von

zerstrittenen Teams, die einander beleidigen, sich hintergehen, verleumden, gegeneinander ausspielen, bekämpfen, ausgrenzen, mobben bis zum Feierabend. Es wird erzählt von drohenden und erlittenen Burnout Erkrankungen, von Angst vor dem Aufbegehren gegenüber Leitung, Fachberatung und dem Träger. Es wird berichtet von Eltern die widerstandslos ihre kranken Kinder bringen, von Betreuung um jeden Preis, von Verletzung der Aufsichtspflicht, von gewaltvoll agierenden Betreuern, von chaotischen Dienstplänen, von Willkür in Bildungsdokumentationen, von Kindeswohlgefährdung u.v.m.

Seit geraumer Zeit verfolge ich das Engagement 

und fühle mich stellenweise an meine Gründerjahre vor 26 Jahren erinnert. Erzieher, so das Ansinnen der Helden, sollen eine Chance sehen, innerhalb miesester Rahmenbedingungen wieder eine „eigene Haltung“ zu entwickeln, um dann eine Strategie, mit der Folge einer Druck Umkehr „von unten nach oben“ zurück zum Verursacher der Misere zurück zu verfolgen. Die Idee ist spannend, denn von Anbeginn des Rechtsanspruches folgen politisch Verantwortliche dem Mantra:

„Mit Druck von oben nach unten“  wird die Sache schon irgendwie laufen. Die Initiative beweist einmal mehr das Gegenteil: 

Stimmen die Rahmenbedingungen nicht, ist das Ergebnis viel eher, dass Menschen an der Basis sich vor aller Kinderaugen zerfleischen.

Sollte noch irgendjemand den Satz von Friedrich Fröbel in Erinnerung haben, dass

 „Erziehung Beispiel und Liebe ist – sonst nichts“, 

muss erkennen, dass wir es zugelassen haben, dass unbeschwerte Kindheit eingetauscht wurde gegen ein zum Bersten angespanntes Umfeld, der wir ein Qualitätssiegel angeheftet haben, das es nicht verdient.

Von Bindung mag ich schon lange nicht mehr reden. Ich wüsste nicht zu wem.

Gelänge der Weg zurück von unten nach oben, würde eine Fraktion schwerst betroffen sein. 

Die Eltern. 

Und sie wären gut beraten, nicht mehr lange zu zögern, die eigene Stimme zu erheben. Denn sie sind es, die einer vermehrt aufstehenden Betreuerklasse mit gleichen Druckverhältnissen gegenüberstehen. Und dann stellt sich recht schnell die Frage, auf welcher Seite möchten sie sich wieder finden.

Ich wüsste wohin ich ginge, denn bald liebe Eltern droht schärferes Ungemach.

Die Kita Pflicht!

Statt aus Fehler zu lernen, werden wir erleben, wie politisch Verantwortliche den Druck von oben nach unten erhöhen. Der erste starke Befürworter der Kita Pflicht steht bereits mit dem Fuß auf dem wirtschaftlich attraktiven Gaspedal, was den letzten Rest von elterlicher Wahlfreiheit aus einer offenen Betreuungslandschaft heraus quetschen wird.

Marcel #Fratzscher, seines Zeichens Ökonom und Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung weiß wie‘s noch ne Spur härter geht. Er beschäftigt sich in diesem Artikel mit der Frage:

Braucht Deutschland eine Kita Pflicht? 

Die Antwort hat er schnell gefunden. Er stellt kurzerhand fest: Kinder profitieren. Und Zack ist für ihn die Folgefrage: Wie kann man allen Kindern den Kita Besuch ermöglichen. Dann noch ein kurzer Ritt über die gern bemühte gesellschaftliche Teilhabe und die unverzichtbaren Chancen am Arbeitsmarkt, und schwups soll dem Leser klar sein, dass es kaum Alternativen gibt.

Mentalität und Werte von Eltern finden wenig Beachtung, darum streift er sie nur kurz in der Erwähnung, dass ein Großteil der Deutschen zwar mal der Ansicht war, dass ein Kind leidet, wenn die Mutter berufstätig ist, oder propagierte, dass Familienmitglieder eher die Betreuung übernehmen sollten. Restbeständen solcher Verweigerer Eltern bescheinigt er sodann: „Viele haben ein falsches Verständnis davon, was einem Kind der Besuch einer Kita bringt.“

Also liebe Eltern.

Euch blüht demnächst Aufklärung, Aufklärung Aufklärung. Und wenn das nicht reicht, muss man Euch zu Eurem Glück leider zwingen. Sollte das Untergraben des letzten Hauches von Wahlfreiheit dann die Kritiker auf den Plan rufen, wäre da noch die Moralkeule nebst parallel einhergehender Neudefinition von „Kindeswohl“ zu schwingen.

„Sollte aber das Wohl der Kinder, denen ohne Kitabesuch Chancen verwehrt werden, nicht das höchste Gut sein, höher noch als die Freiheiten der Eltern?“

Das funzt im schuldbehafteten deutschen Elternkopf sofort.

Das perfide an dieser Lage ist, 

dass Gesetze, die all das befördern, stets als ein „Anspruch für“ – und als ein „Recht auf“ daherkommen. Und wer möchte nicht gerne als Eltern seine Ansprüche durchsetzen und sein Recht wahrnehmen. In Wahrheit stricken Eltern seit geraumer Zeit unaufhörlich mit am Strang, der ihnen die Luft zur freien Wahl vollends nimmt.

Aus meiner Sicht haben wir den Punkt, an dem Familie und Umfeld zum Spielball von Wirtschaft und politischen Interessen verkommen sind, lange schon überschritten. 

Längst müsste sich die Diskussion darum drehen, ob wir dem Staat die Deutungshoheit über "Kindeswohl" überlassen. 

Ich sage NEIN!

Damit Kritiker nicht zu laut werden, gestalten politisch Verantwortliche den Weg zur Institutionalisierung der Kindheit schleichend. Erst verschwand das „Ob“ (Kinder untergebracht werden). Jetzt verabschieden sich Eltern gerade vom „Wie“ ihre Kinder umsorgt werden, und in aller Kürze winken alle Eltern zum Abschied dem „Wo“ hinterher.

Das Kindeswohl hat bereits viel früher sein Ende gefunden.

Schon als Eltern aus arbeitsmarktpolitischen Gründen nicht mehr frei darüber entscheiden konnten, wie sie selbst leben und arbeiten möchten, war ihnen die Hoheitsentscheidung für die Definition des Wohles des eigenen Kindes längst genommen. Die Kleinfamilie von heute schwebt losgelöst im Wirtschaftsraum, in dem sie nur noch eine Aufgabe hat:

Ihr kleines stressiges Leben an selbige anzupassen. 

Die Geburt nebst Hebammen Suche ihres später im Betreuungsschlüssel untergehenden rechnerisch halben Kindes ist noch Privatsache, ab dann darf „Vater Staat“ sich des Restes eines Kinderlebens ungehindert bemächtigen.

Die Bildungs- und Förderdiskussion mit ihrem mittlerweile undurchschaubaren Dickicht von Auflagen 

für alle Beteiligten, wird als „Qualitätsdiskussion“ geführt. Und das obwohl wir von Qualität nie weiter entfernt waren als heute. Sie wird nicht mehr hinterfragt die Qualität, nicht mehr persönlich definiert, fragt nicht nach elterlichen und kindlichen Bedürfnissen, sondern sie schickt sich an "standardisiert" und für alle gleichgeschaltet zu werden.

Wollen wir das?

Ein Gesetz, das eine Qualität garantiert, die ohne Mitbestimmung von Eltern definiert wurde, 

hat sich sowohl von der Lebenswirklichkeit als auch vom Recht auf die Begrifflichkeit als solches verabschiedet.

Auch ich bin 1994 mit meinen Wigwam Kindertagespflege Helden angetreten, das frühkindliche Feld „von hinten nach vorne“ aufzurollen. Ich trat jedoch in einer Zeit an, in der heimische Spielplätze an den Vormittagen noch mit Kinderlachen erfüllt waren, und Kinderbetreuung noch eine Sache von „freiem Willen“ und nicht „Müssen“ war. Daraus ergab sich die wertschätzende Aufgabe, Eltern auf "ihrem persönlichen Weg" ins heimische oder berufliche Glück zu begleiten. Heute, da Bund, Länder und Gemeinden ihre Gesetzes Finger aus rein wirtschaftlichen Gründen tief in die frühe Kindheit gesteckt haben, sehen sich große und kleine Verlierer täglich verzweifelt in die Augen, ist die Lunge des eigenen Handlungsspielraums erstickt.

Obwohl ich der Institution als Betreuungsform für unsere Allerkleinsten kritisch gegenüberstehe, 

halte ich den Einsatz von Akteuren an der Basis für unverzichtbar, denn dort spielt sich das wahre Leben ab, zu dem politisch Verantwortliche weitestgehend den Bezug verloren haben.

Nicht umsonst spreche und schreibe ich seit Jahren über eine „Betreuungslandschaft“, 

in der ich Eltern als mitgestaltenden Teil begreife. Eine Landschaft ist geprägt von Vielfalt und kennt nicht nur tiefe Täler und anmutige Höhen. Sie ist bunt und deswegen geeignet, auf unterschiedliche Bedürfnislagen eine Antwort zu geben. Deswegen ist es gut, wenn wir uns stets daran erinnern, wovon ein Bedürfnis geprägt ist und welche Konsequenzen es hat, wenn sicher keiner mehr um ursächliche Zusammenhänge schert.

- Vieles, was nicht zwingend etwas miteinander zu tun haben muss, findet sich heute in einem Topf wieder.

- Kinderbetreuung ist nicht Vereinbarkeit von Familie und Beruf.  

- Eine Kita ist kein Garant für Qualität und Bildung.  

- Bindungserleben kann nicht nur eine Mutter erbringen. 

- Berufstätige Eltern sind keine Gegner von System kritischen Betreuern. 

- Eltern, die sich für andere Lebensmodelle entscheiden sind nicht aus der Zeit gefallen.  

- Tagesmütter und -väter und Erzieher sind keine Dienstleister der freien Wirtschaft. 

- Soziales Engagement ist nicht nur von Herzblut opfernden Menschen gut erbracht. 

 u.v.m.

Es ist harte Überzeugungsarbeit 

politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen den Mehrwert einer menschlichen Herangehensweise an wirtschaftliche Themen zu verdeutlichen. Nicht umsonst werden Studien von Bindungsforschern hartnäckig ignoriert, hingegen die Befürworter von früher Bildung sofort eine breite Lobby vorweisen können. Solange „nur“ mit Kindeswohl allein argumentiert wird, erreicht man nicht mal mehr die Keller Assel im #Familienministerium. Obwohl die Frage ist, ob selbst die sich da noch heimisch fühlen würde.

Die Frage, die sich Front Akteure also früh stellen müssen, ist: 

Wo soll es hingehen? Wen will ich mit im Boot haben? Und welche Sprache sprechen jene, die taub geworden sind.

Auch ich musste von 1994 bis heute lernen, dass der gute Wille, die frühkindliche Lebenswelt mit dem Feuer, das man ehrlich in sich trägt, anzünden zu wollen, nicht immer jene erreicht, die das Ruder in Händen halten. Zu viele Widersacher mit völlig konträren Anliegen, und noch weniger Fachwissen stehen einem da im Weg. Man muss sich früh bewusstmachen, dass der Keim nur dann aufgehen kann, wenn der gute Vorsatz gelebt wird. Nur hier ist der Raum, um Kräfte zu bündeln, Vorzeige Modelle zu erschaffen, die jene, die noch im kranken System dümpeln, oder glauben davon profitieren zu können, alt aussehen lässt. Die Anderen muss man „lassen“, auch und gerade um der guten Sache willen!

Vor dem traurigen Hintergrund, dass familienpolitisch Verantwortliche Kindeswohl und Wirtschaft nicht zusammenbringen, 

muss man zu allererst diese Tatsache anerkennen und furchtlos beim Namen nennen. Sodann heißt es Strategien zu entwickeln, deren Sprache verstanden wird, ohne das eigene Anliegen zu verraten.

Dieser Spagat hat es in westlichen Systemen in sich.

Es ist nicht nur „die Wertschätzung“, die für die Arbeit am Menschen in unserem Gesellschaftssystem fehlt, es fehlt komplett die Definition dazu, was das heißen und vor allem was das bringen soll! Ich rate daher aus Erfahrung allen Erziehern und Tagesfamilien: Verabschiedet Euch endlich von der Herzblut Schiene der „Berufung für Umme“. Wer Wertschätzung einfordert, muss sich des Wertesystems der Gesellschaft bewusst werden, in dem er sich bewegt. Wer das nicht will, dem bleibt, es in Gänze infrage zu stellen. Keine Richtungsentscheidung zu fällen, kann bedeuten, an dicken Mauern abzuprallen, Befürworter gegen sich aufzubringen, oder schlimmer noch in persona Teil der Aufrechthaltung von Missständen und damit im Opferland ver-haftet zu bleiben.

Um den messbaren Mehr-Wert einer funktionierenden Betreuungslandschaft zu ermitteln, 

muss man kein Ökonom sein. Man stelle sich einfach nur vor, es gäbe sie morgen nicht mehr. Wer gerne stets positiv denkt, der male sich ein Bild von Resort übergreifenden Systemen, in der Familien ihr Leben langfristig beruflich planen könnten, ein bezahlbares Dach über dem Kopf hätten, und Kinder auf dem Nachbarspielplatz willkommen wären.

Die freie Wirtschaft, die heute unter dem Fachkräftemangel so leidet, 

hat sich rückwirkend betrachtet, selbst ins Knie geschossen, mit der Annahme, ihr scheinbar wohlgesonnene Politiker würden den Mangel schon richten. Und so sehr ich mich auch bemühe, es will kein Mit-Leid in mir aufkommen. Denn wer in einer modernen Geschäftswelt noch immer nicht begriffen hat, dass der Fisch eines Unternehmens vom Kopf her stinkt, dem ist nicht zu helfen.

Ich wünsche abschließend der Front Aktion Kita Helden,

dass es gelingt, das ein oder andere dysfunktionale Team an der Basis ganzheitlich durch Coaching zu erreichen. Die gute Sache sollte nicht in der Breite verpuffen, weil vereinzelt Erleuchtete zurück kehren in ihr kranken Team, um dort vor die Leitungswand zu laufen. Und ich wünsche Euch zugewandte Eltern, die den tiefen Kern der Sache für sich und ihr Kind einzuordnen wissen, und Euch nicht als Unruhe stiftende Rebellen wahrnehmen.

So Keep on rolling all together.

Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
Kapitän-Lorenz-Ufer 20
55583 Bad Kreuznach

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E-Mail: info_at_wigwam.de

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