Wir bloggen für Sie - quer durch die familienpolitische Landschaft

Donnerstag, 20. Februar 2014

Autor: Susanne Rowley

Du bist nicht mehr meine Mutter - nicht das Tabu ist ein Problem, sondern das Schweigen

Von Müttern, die beim Missbrauch ihrer Kinder wegsehen!


www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/gott-und-die-welt/sendung/swr/2012/du-bist-nicht-mehr-meine-mutter-102.html

Liebe Wigwam-Freunde,

manch eine Leserin oder Leser würde vielleicht sagen, dass ein solches Thema nicht auf diese Seite gehört. Ich bin der Ansicht: Doch es gehört gerade auf diese Seite.

Denn Kinderbetreuung ist eine Sache des Vertrauens.

Und wenn wir über Vertrauen tiefergehend nachdenken, müssen wir auch die Ängste von Eltern wahrnehmen, was dieses sensible Thema anbelangt.

Dieses Thema kann leider niemals nicht aktuell sein, wenn man mit Familien in Beratungen konfrontiert ist. Und es gibt nichts Hilfreicheres, um Vertrauen zu erlangen, wenn man nicht wegsieht, wo alle insgeheim hinschauen. 

Nicht das Tabu ist das Problem, sondern das Verschweigen des selben!

Irene Klünder ist ein einfühlsamer Film gelungen, der respektvoll mit den Protagonisten umgeht. Die Autorin, die mit dem Caritas Journalistenpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet wurde, hört den Betroffenen zu, lässt sie ihre Geschichten erzählen und gibt ihnen Raum, ihren Schmerz, ihre Ohnmacht und ihre Wut zu schildern.

Man spürt die Ruhe und Geduld mit der sie sich diesen Menschen nähert. Es gibt wahrlich nicht viele Filmemacher, die es schaffen, sich einem so heiklen Tabu zu näheren, ohne in eine Art von Voyeurismus abzugleiten. Mein Kommentar zum Film bezieht sich insbesondere auf den dargestellten Missbrauchsfall der gezeigten Joyce Shintani!

Sie hat den Kontakt zu ihrer Mutter abgebrochen,

und seitdem geht es ihr besser. Ihre Mutter hatte nicht eingegriffen, als ihr Vater sie missbrauchte. Doch dies ist – für Außenstehende oft unverständlich – eben gerade nicht der Hauptvorwurf von Joyce, der den endgültigen Bruch bedingte, sondern die Tatsache, dass ihre Mutter sich bis zum Bruch ihrer Schuld nicht stellte und jede Verantwortung verdrängt. Daher meine Bitte - hören Sie Joyce in diesem Film besonders zu! Wie ist so etwas möglich?

Alle, die selbst Kinder haben

und nicht betroffen sind, können sich im wahrsten Sinnde des Worte "bei-Leibe" nicht ausmalen, dass eine Mutter ihr Kind in solchen Situationen nicht schützt. Und doch ist genau dieser Umstand, dass die Mütter schweigen, verdrängen, wegsehen die Regel und nicht die Ausnahme. Zu rechtfertigen ist ein solches Verhalten sicher niemals, aber ein Versuch der Erklärung wird von vielen Experten unternommen. So geht Max Stiller, Gutachter in Missbrauchsfällen am Institut für Forensische Psychiatrie der Berliner Charité fest davon aus, dass viele dieser Mütter fürchten, den Versorger zu verlieren, weil sie sich alleine nicht als lebensfähig betrachten; oft seien noch andere Geschwister da, um die man sich sorgen müsse. Puh - schwer hinnehmbar, so ein Ausspruch! Hingegen der Göttinger Psychoanalytiker Ulrich Sachse eine viel tiefergehende These aufstellt, die Mütter davon abhält, sich der Wahrheit zu stellen:

„Sobald die Mutter Missbrauch wahrnimmt, ist sie in Handlungszwang“

Sie muss sich also der berechtigten Frage stellen: welche Rolle sie dabei einnimmt, und schon stellt sich die Folge-Frage, nämlich die der Mitschuld, die sie im Nachgang abtragen müsste.

Und damit sind wir aus meiner Sicht am springenden Punkt,

welcher erklärt, warum ein solch „kranken Systems“ aus sich selbst heraus am Leben erhalten wird:

Der Missbrauch bedingt das Schweigen – und das Schweigen macht Missbrauch erst möglich.

Würde sich also gesellschaftlich in den Köpfen ein Denken durchsetzen, das klar macht: wer nicht handelt, handelt in Wahrheit auch wäre eher eine Unterbrechung des Teufelskreises möglich. Denn auf die Frage, die sich aus dieser Haltung ergibt:

Würden Sie als Mutter so etwas „zulassen“? Erhalten wir ganz sicher immer die Antwort: Nein!

Einer Mutter wird per se die Schutzfunktion zugeschrieben, und ginge es allein darum, dass sie das auch bitteschön tut, hätten wir das Problem nicht (davon abgesehen, dass es auch krankhafte Züge einer Persönlichkeitsstruktur geben kann – die sind hier aber nicht im speziellen angesprochen). Es geht darum, dass wir weiter schauen müssen, wenn unser Verständnis nunmal da endet, wo eine solche Mutter diese Schutzfunktion verdammt nochmal nicht wahrnimmt, und das auch noch gerade da, wo es um Leben und Tod gehen kann.

Was ist es also dann?

Es ist aus meiner Sicht die Form von Schuld, die nicht abgetragen werden kann!

Aus diesem Bewusstsein heraus gedacht, ergibt sich das Gleichnis:

Eingeständnis von Schuld = Vernichtung der Mutter!

So besehen, könnte man den Versuch des Verständnisses irgendwie unternehmen, denn es geht dann darum zu entscheiden, vernichte ich die Mutter oder vernichte ich das Kind!? Diese Frage soll hier unbeantwortet stehen bleiben.

Folge ist auf jeden Fall das, was wir kennen: die absolute Verdrängung. Und weil das so ist, ist es legitim, was besagte betroffene Tochter im Film tut. Sie bricht mit ihrer Mutter und zwar end-gültig. Diesen Bruch wiederum verstehen andere Menschen wiederum als unmenschlich. Es herrscht der Mythos vom Verzeihen können, also auch Verzeihen müssen.

Aber was heißt Verzeihen in diesem Zusammenhang eigentlich?

Vergeben und vergessen? Wiedergutmachung eines Verbrechens, welches lebenslang nachwirkt? Und was wäre das Gegenteil davon? Rache? Auch das kann es nicht sein, denn wie sagte Seneca schon so treffend:

„Die Boshaftigkeit trinkt die Hälfte ihres Giftes selbst“

Treffender könnte man es auch in der heutigen Zeit nicht formulieren. Es ist einem Opfer also nicht geholfen, wenn seine Gegenwart von der Vergangenheit fortgesetzt vergiftet würde.

Wenn nun beides nicht geht, sehe auch ich als gesündesten Weg für beide Seiten an: einander loszulassen!

Loszulassen in dem Wissen, dass es zwischen Eltern und Kindern immer 2 Wahrheiten geben wird. Die Brücke dazwischen wäre einander zu zuhören und zu erkennen, dass beide Seiten im Grunde das gleiche suchen, aber anerkennen, dass es „miteinander“ nicht zu finden ist.

Das andauernde Bemühen

einen alten Konflikt lösen zu wollen, ohne das Werkzeug dazu in die Hände nehmen zu wollen, kann auch krank machen, denn der eigentliche nicht ausgetragene Ur-Konflikt wird immer dazu geeignet sein, sich Nebenkriegsschauplätze zu suchen.

Ein "Verzeihen" im üblichen Sinne

ist aus meiner Sicht unmöglich, wenn der respektvolle "Umgang in der Gegenwart" mit der Vergangenheit fehlt.

Dann ist es glaube ich Zeit, für immer zu gehen. I

Ich schreibe das, weil ich über die Jahre ein Verfechter des Loslassens krankmachender Familien-Systeme geworden bin

und immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert werde, das "Verzeihen" der einzig gangbare Weg sei.

Unsere "christliche" Gesellschaft

ist in meinen Augen voll von verdrängenden Menschen, die ihr einziges Heil darin sehen, die Dinge der Vergangenheit als ungeschehen darstellen zu wollen - und das umso mehr der Mantel der Zeit darüber gegangen ist; und die Menschen, die das schlussendlich "aus dem Stand" nicht können, sehen sich dauerhaft mit dem Vorwurf konfrontiert ein unverzeihliches, ja herzloses Leben zu fristen.

Verzeihen, besser gesagt, das Verschulden eines "Mit-leides“ einzugestehen", macht nur dann wirklich Sinn, wenn es den "Schuldigen" eben nicht davon entbindet, eine Konsequenz in der Gegenwart auch sichtbar zu leben. Das hat nichts damit zu tun, dass er das "Büßerhemd“ niemals ablegen darf, sondern ehrliche Versöhnung bedeutet in meinen Augen kein bloß "dahin gesprochener Akt", damit zur Tagesordnung endlich übergegangen werden kann, sondern eine dann praktisch zu lebende neue Wahrheit für beide.

Das ist aber nur möglich,

wenn auf den Konflikt "zugegangen" und sich nicht davon "abgewendet" wird.

Wenn jemand, der das hier liest, auch in dieser Situation ist, hoffe ich sehr, der Beitrag kann helfen.

Herzliche Grüße Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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