Donnerstag, 1. Mrz 2007

Autor: Susanne Rowley

Die richtige Tagesmutter & ein gelingendes Betreuungsverhältnis

"Das Wesentliche im Umgang miteinander ist nicht der Gleichklang, sondern der Zusammenklang" 

* Enst Ferstl

Hallo liebe Wigwam-Freunde, 

nachdem wir im letzten Brief sehr viel über die Kommunikation zwischen Eltern und Tagesfamilien gesprochen haben, möchte ich heute, eine der am häufigsten gestellten Fragen näher beleuchten:

Unser Thema heute:

Wie finde ich die richtige Tagesmutter für mein Kind?

Wie baue ich ein gutes Betreuungsverhältnis auf?

In den Beratungsgesprächen

mit Eltern stelle ich immer wieder fest, dass diese zu Beginn der Suche nach der "richtigen Tagesmutter"  nicht recht wissen, woran Sie ihre Wünsche und Vorstellungen fest machen sollen. Der Grundansatz ist natürlich immer der gleiche; jede Mutter und jeder Vater möchte für sein Kind nur "das Beste". Die Eltern möchten zu recht, dass es dem Kind gut geht, es liebevoll betreut und gefördert wird, soziale Kontakte zu anderen Kindern bekommt und vieles mehr.

Aber worauf achtet man bei der Suche

nach der "richtigen Tagesmutter". Auf pädagogische Grundsätze, die sie gelernt hat ? Auf den Förderansatz im Erziehungskonzept?  Auf die Vorerfahrung der Tagesmutter ? Auf die Gruppengröße von Kindern, die sie betreut ? Auf Altersstrukturen der Tageskinder, die eine Tagesmutter bereits hat ?  Auf das Wohnumfeld ? oder auf alles?

Mal abgesehen von der Tatsache,

welchen Auftrag eine Tagesmutter innerhalb der Tagespflege hat, und welche Kompetenzen sie grundsätzlich mitbringen sollte, richtet sich die Aufmerksamkeit in erster Linie auf die Frage, wie geht es dem Kind bei der Tagesmutter. Von daher tendieren einige Eltern dahin, die Wahl der Tagesmutter vorrangig am Verhalten des Kindes bei Besuchen bzw. bei der fortgeschrittenen Eingewöhnung festzumachen. Aber was tun, wenn das Kind noch sehr klein ist, man es nicht wirklich fragen kann, es sich vielleicht momentan ohnehin in der Fremdelphase befindet und hin und wieder weint?

Aus dem Blickwinkel des Kindes

müsste die Frage eher lauten: Wie geht es den Erwachsenen miteinander?

Besonders kleine Kinder orientieren sich an den sichtbaren und unterbewussten Botschaften die Eltern und Tagesmutter miteinander aussenden. Ein entspanntes Verhältnis zwischen beiden signalisiert dem Kind: hier ist die Welt in Ordnung - hier kann auch ich mich entspannen. Die Qualität der Erwachsenenbeziehung ist somit die wesentlichste Voraussetzung für den Aufbau und das spätere Gelingen eines Betreuungsverhältnisses - neben dem Anspruch zur Bildung, Erziehung und Betreuung eines Kindes. Dieser Anspruch ist richtig - soll heute aber nicht unser Thema sein.

Also kann man als Antwort ganz klar festhalten.

Wenn Eltern das Beste für Ihr Kind suchen und umsetzen möchten, so ist die gute Anfangschemie zwischen den Erwachsenen das 1. Qualitätsmerkmal, das anzusetzen ist.

Das Betreuungsverhältnis ist eine Form der Partnerschaft

aus der nur dann letztendlich ein gutes Betreuungsverhältnis wird, wenn beide Seiten offen sind in den Entwicklungsprozess einzusteigen. Hilfreich ist dabei selbstverständlich, wenn die Tagesmutter sich ihrer Rolle bewusst ist, ihre Kompetenzen tatkräftig einbringt und somit den Beziehungsprozess moderiert. Denn meistens sind es die abgebenden Eltern, die unsicher dem neuen Verhältnis und den sinnvollen Regeln und Abläufen gegenüberstehen.

Das gute Betreuungsverhältnis ist ein Balanceakt, der seinen Anfang bei der guten Chemie findet, die ausreichen muss, um alle anderen wichtigen Voraussetzungen, die in der Tagespflege von Belang sind, auf- und auszubauen. 

Wenn ich mit Eltern, die noch keine Betreuungserfahrung haben und deren Kind noch sehr klein ist, über diese Startgedanken spreche, höre ich sehr oft, Unsicherheiten zu diesem Thema heraus. Viele Mütter/Väter sind der Meinung, dass die Chemie zweitrangig sei; die Tagesmutter solle das Kind pädagogisch fördern, sich an Absprachen halten, flexibel sein, ganz einfach ihren Job verstehen und die Kompetenz in der Tagespflege mitbringen - dann hätten sie Vertrauen zu ihr. Das Tagesmütter all diese Fähigkeiten nur dann "gewinnbringend" an die Eltern bringen können, wenn die Bereitschaft zur Zusammenarbeit da ist, weil die Chemie stimmt, realisieren die meisten Eltern erst, wenn sie mitten drin stecken.

Das Betreuungsverhältnis steht und fällt mit der Grundakzeptanz und dem gegenseitigen Vertrauen.

Jede Partnerschaft bringt Konfliktpotential zu tage - wird durch Reibungen und gelebte Lösungen erst gut. Beide Seiten brauchen also zum Start die Grundbereitschaft, dieses rechtzeitig zu erkennen und gemeinsam auszuräumen. Nur so findet man die Balance zwischen Nähe und Distanz, Eifersucht und Konkurrenzverhalten, kann Erwartungen und Enttäuschungen offen formulieren, tragfähige Lösungen erarbeiten, Misstrauen in Vertrauen umwandeln.

Sehr erfahrene Tagesmütter, mit denen wir seit Jahren zusammenarbeiten, beschreiben, die kritischen Themen in der Praxis in etwas so:

zum Thema Akzeptanz:

In der Tagespflege

treffen 2 Frauen (und auch Väter) bzw. Familien aufeinander deren Lebensentwürfe im Grundsatz bereits verschieden sind. Eine Tagesmutter hat sich entschieden bei den eigenen Kinder zu Hause zu bleiben, und die berufstätige Mutter spiegelt ihr den gegenteiligen Lebensentwurf wider. Allein dieser Umstand kann im Alltag zu erheblichen Spannungen, zu Konkurrenzverhalten und im schlimmsten Falle zu einem Wettbewerb führen, wer die bessere Mutter für das Kind ist. Diese Tatsache kann man nicht auslöschen, man muss sich dessen bewusst sein und damit umgehen lernen.

Zum Thema Vertrauen:

Anders als in einer Kita

gehen Eltern tagtäglich im privaten Haushalt einer Tagesmutter ein und aus. In einer öffentlichen Einrichtung ist der Ablauf programmatischer festgelegt und Eltern wissen darum, dass sie sich hier mehr in vorgefertigte Abläufe fügen. Bei einer Tagesmutter hilft da nur der regelmäßige Austausch über den wahren Erziehungsalltag - also ist der Weg zum Vertrauen die tägliche Kommunikation und das aktive Miteinbeziehen von Eltern. Eltern sind und bleiben für eine gute Tagesmutter immer noch der kompetenteste Partner für ihr Kind und doch führt die Tagesmutter im Alltag Regie. Diesen Balanceakt kann die Tagesmutter schaffen, wenn sie den Informationsfluss nie versiegen lässt und Eltern stets Raum gibt, Unsicherheiten aussprechen zu können. Hierbei ist eine wertfreie Haltung hilfreich, denn aller Anfang ist schwer. Eltern dürfen unsicher sein, ob ihr Kind schon in einer Gruppe zurechtkommt, ob es nicht zu früh ist, es überhaupt betreuen zu lassen. Hier werden die Eltern bei einer guten Tagesmutter "aufgefangen", die Bedürfnisse werden ernst genommen, Erfahrungswerte erzählt, Lösungswege aufgezeigt und erfahrbar gemacht. Sobald die Eltern Vertrauen gefasst haben, schaffen es nämlich auch die Kinder.

Vertrauen braucht Zeit und darf wachsen -

nichts kann im zwischenmenschlichen Bereich "hergestellt" werden. Die Grundbasis für ein berechtigtes Vertrauen ist nicht Perfektion und ein immerzu garantiertes Gelingen, sondern immer Ehrlichkeit und ein authentisches Verhalten. Eine gute Tagesmutter weiß, was Sie kann, was sie will, und wo die Grenzen ihrer Belastbarkeit erreicht sind. Sie sagt nicht JA, wo Sie "eigentlich" NEIN meint und das Wort "JEIN" kennt sie schon gar nicht. Eine Tagesmutter bietet nicht nur etwas, sie formuliert auch Erwartungen, Regeln, die sie für ihre Abläufe braucht, steht zu Visionen, die sie an ihren Berufsstand knüpft und bleibt sich selbst dabei treu. Eine erfahrene Tagesmutter weiß, dass die Erwartungen an sie zu Beginn immer sehr hoch gesteckt sind, weil die Eltern ihr nun mal das wichtigste anvertrauen, was sie haben - Ihr Kind ! Aber sie macht den Eltern auch klar, dass sie keine Übermütter ist, dass sie auch eigene Kinder hat, Freiraum für private Erledigungen braucht, gerecht entlohnt werden möchte etc.

Zum Thema " richtige Nähe und Distanz"

Da es sich in der Tagespflege um eine Mischung aus persönlichem Freundschaftsverhältnis und Geschäftsbeziehung handelt, ist dies ein besonders kritischer Punkt. Am einfachsten wäre dem zu begegnen, wenn man grundsätzlich beim "Sie" bleibt, akzeptiert, dass eine bestimmte Form von Nähe, dann nicht erreicht werden kann.

Viele erfahrene Tagesmütter berichten

aber, dass sie das auf Dauer nicht durchhalten, da man sich doch gerade aufgrund der guten Chemie sehr sympathisch ist. Das sollte jede Tagesmutter nach ihren Möglichkeiten und ihrem Wesen frei entscheiden. Wenn Sie das "Du" angeboten hat, so ist es besonders wichtig, auf die nötige Abgrenzung im alltäglichen Verlauf des Verhältnisses zu achten und einmal gezogene Grenzen nicht aufweichen zu lassen. Hier gilt "wehret den Anfängen", wenn mal  die Windeln fehlen, oder das Mitbringen des Betreuungsgeldes vergessen wurde, oder die Eltern sich verspäten. Das einmalige darüber hinwegsehen, kann schon der Grundstein für weitere Grenzüberschreitungen sein. Eine Tagesmutter spricht diese Themen immer sofort an, bevor sich negative Gefühle und mögliche Mutmaßungen bei ihr aufbauen. Die Tagesmutter macht deutlich, dass einmalige Vorkommnisse nicht schlimm sind, das Betreuungsverhältnis auf lange Sicht aber darunter leiden kann.

Ein gern angeführtes Beispiel: Thema "Unpünktlichkeit"

Die Tagesmutter sollte ganz explizit nach dem Grund des Zuspätkommens fragen. Nur so erfährt sie, ob es eine Ausnahme war, oder ob die Eltern grundsätzlich die Haltung mitbringen, dass es auf eine Viertelstunde früher oder später nicht ankommen sollte. So hat eine Tagesmutter früh die Möglichkeit, noch einmal zu reflektieren, ob sie bereits beim ersten Kennen lernen zu viel Großzügigkeit signalisiert hat und selbst zur Grenzüberschreitung beiträgt, oder ob es sich um eine Ausnahme auf Elternseite gehandelt hat. Nur dann hat eine Tagesmutter die Möglichkeit, ihre Grundsatzhaltung zum Thema Pünktlichkeit noch mal deutlich dagegen zu setzen. Gegebenenfalls kann dann der Betreuungszeitrahmen nach hinten erweitert werden, um weiteren hausgemachten "Enttäuschungen" entgegenzuwirken, oder die Eltern konnten zufriedenstellend klären, dass eine Wiederholung nicht wahrscheinlich ist.  

Und wenn gar kein Reden hilft,

so hilft nur die gemachte Erfahrung auf Elternseite. So berichtete eine Tagesmutter, dass die Eltern erst dann wirklich pünktlich waren, als sie beim Abholen eine verschlossene Tür vorgefunden haben und ihrerseits warten mussten, bis die Tagesmuter mit Tageskind vom Einkaufen wieder zurück war. 

Aber dieser Weg muss selten gegangen werden -

denn die meisten Eltern zeigen Einsicht, wenn sie verstehen, dass auch ihr Kind......wartet!

So liebe Eltern, liebe Tagesmütter, ich freue mich auf Post und Zuschriften zu diesen Themen. Schreiben Sie mir Ihre guten Tipps und Erfahrungen zum Aufbau und Erhalt eines Betreuungsverhältnisses, damit andere Neueinsteiger davon lernen können.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen sonnigen Frühlingsanfang und verbleibe 

mit herzlichen Grüßen

Ihre Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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