Freitag, 10. Juli 2020

Autor: Susanne Rowley

Die Lenor Frau aus den Siebzigern ist nicht weg

Sie hat sich nur umgezogen. 

Die Lenor Frau

Es ist immer nur eine Frage der Zeit, wann eine neue Müttergeneration auf den Plan tritt, die es zu belächeln, kritisch zu beäugen, zu betiteln und zu bewerten gilt.

Ich kommentiere heute diesen Artikel

„Die Jammermamas“.

Dieser Artikel hat sich der neuen Sorte Mütter, den „Jammerfrauen“ verschrieben. Der Attachment Parenting Bewegung muss im neuen Jahrtausend dringend auf den Seelengrund gegangen werden; Müttern also, die sich bis zur Selbstaufgabe das Kind Tag und Nacht an die Brust nageln und mit einem Dreijährigen an der Gemüsetheke diskutieren, ob er lieber Brokkoli oder Kürbis in seinem Mittagsauflauf haben möchte.

Ansatzweise stimme ich dem Verlauf des Artikels zu. 

Denn Ratgeber gab es zu allen Zeiten. Sie dien(t)en dazu, Eltern, die ihrer Intuition nicht trau(t)en, Orientierung zu verschaffen. Und im besten Falle taten und tun sie dies nur solange, bis sich Stimmigkeit im eigenen Handeln fürs Kind eingestellt hat. Und es ist auch per se nichts Schlechtes daran, Eltern eine Grundlage dafür zu vermitteln, wie bindungsorientierte und gewaltfreie psychische und körperliche Erziehung aussehen kann. Richtig ist sicher auch, dass wir in einer modernen Welt leben, die zum Preis von Mobilität und Flexibilität im Gegenzug wenig Halt bietet, und in der ein Kind zu bekommen eine willkommene Konstante sein kann.

Doch damit endet meine Zustimmung zum diesem Artikel, 

denn er kratzt nur an der Oberfläche des eigentlichen Problems, verirrt sich dabei in halbfertigen Analysen, und lässt den Versuch einer Antwort auf die dringlichste Frage überhaupt vermissen:  

Warum liefern sich Frauen und Mütter in Deutschland über alle Generationen hinweg einen Zickenkrieg der Ideale, 

und schaffen es nicht, jene am anderen Ufer leben zu lassen. Wir erinnern uns. Solche Artikel gab es zu allen Zeiten. Die einen sezierten die „Rabenmütter“, die anderen befassten sich mit der Daseinsberechtigung der „Karriere Geilen“. Nun haben wir die „Jammerfrauen“ auf dem Schirm.

Wer eine schnelle Antwort möchte, schaut sich den Einspieler „Die Lenor Frau“ aus den Siebzigern an. Solche Filme, aus Deutschen Landen - frisch auf den Werbe Tisch, sind nicht aus dem „Nichts“ entstanden, sondern haben tiefe Wurzeln.  

Neben einer nicht vorhandenen deutschen Fehlerkultur, die zum Menschsein eigentlich dazu gehört, 

bleibt uns ein Blick in die Geschichte der „geistigen Mutterschaft“ in Deutschland bei ernsthafter Betrachtung nicht erspart.

Es heißt, es fehle den Deutschen an einer Kultur der Vereinbarkeit. In diesem Falle ist nicht nur jene Vereinbarkeit von Familie und Beruf gemeint, sondern vielmehr eine Vielfalt im Lebensentwurf von Müttern „vereint“ zu tolerieren.

Ich sehe beim Blick in die Lenor Werbung und die Geschichte vorrangig die „gehorsame Mutter“. 

Ist sie es nicht, hat sie die Norm verletzt, und das „schlechte Gewissen“ folgt auf dem Fuße. Dieses kann ich persönlich motiviert hinterfragen, oder ihm mit Abwehr begegnen. Letzteres ist schnell gemacht. Abwehren lässt es sich am besten, mit dem Abwerten der vermeintlich un-normalen Gegenposition. Dann bin ich raus aus der Nummer.

Im Grunde ist zum Thema Vereinbarkeit im klassischen Sinne alles gesagt und geschrieben worden. Auch der vielgeübte Blick in die Skandinavischen Länder, in denen es ganz selbstverständlich ist, Erziehungszeiten zwischen Vater & Mutter paritätisch aufzuteilen, und in denen es geradezu verpönt ist, am frühen Abend Sitzungstermine anzuberaumen, hat deutsche Familien im Grundgefühl nicht weitergebracht. Ebenso wissen Mütter hierzulande längst, dass ein hoch perfektionierter Ansatz, sowohl Beruf, als auch Haus- und Familienarbeit gleichermaßen gut zu bewältigen, nicht funktionieren kann. Man sollte annehmen, dass aufgeklärte Familien in der Lage sind, ihre eigenen Prioritäten zu setzen, Aufgaben zu delegieren, Rechte und Pflichten in ihrer persönlichen Gewichtigkeit zu definieren. 

Mit der deutschen Wortwahl geht es schon los.

In Deutschland sprechen wir von "Fremdbetreuung"; ein Wort, in dem die Botschaft der Vollkatastrophe schon mitschwingt. Und es schwebt die große Angst über Deutschen Köpfen, das Kind könnte zum emotionalen Krüppel verkommen, selbst dann, wenn man es bindungsgerecht außer Haus betreuen lässt, was so viel bedeutet, wie den Kreis der engen Bezugspersonen eines Kindes dergestalt zu erweitern, dass es erfahren darf, es gibt noch andere Welten da draußen.  

Es ist immer das WIE, das zur Disposition steht, 

weil die seelische Gesundheit des Nachwuchses unter allen Umständen garantiert werden muss. Und damit ist die Verantwortung jedes einzelnen Elternpaares gefordert, seinen Weg dorthin zu finden. Und dennoch bleiben sie im "ob überhaupt" regelmäßig stehen.

Wenn die Mühen um ein verändertes Bewusstsein nicht helfen, 

das Wälzen von Gutachten und Gegengutachten weiter verunsichert, und die eigene Intuition verstummt ist, dann muss man nach anderen Ursachen Ausschau halten.

Um annähernd zu verstehen, was in diesem Lande los ist,

warum um Familien und Frauen mit und ohne Erwerbstätigkeit, mit Stillen - ohne Stillen, im Tragetuch - oder ohne ein solches ein solcher Krieg herrscht, dazu bedarf es mehr, als der Blick zu den Mythen, die wir kennen. Es gehört vielmehr auch der Blick in die deutsche Geschichte dazu - gemeinsam mit einer Betrachtung der Gründe einer gesamtgesellschaftlich gewachsenen Anspruchshaltung, nie etwas falsch machen zu dürfen, die an uns klebt wie Kaugummi an den Schuhen.

Es ist eine verkappte weil unehrliche Wertediskussion,

die in Deutschland geführt wird. Sie geht nicht ab, ohne die vermeintliche "Gegenseite" kräftig abzuwerten.

Am besten ist dies daran zu erkennen, dass es per se nur "2 Lager" gibt. Auf der einen Seite jene, die, die kindliche Betreuung am liebsten früh und ganz unter staatlicher Fuchtel sehen möchten, und auf der anderen Seite jene, die jegliche Bezugsperson des Kindes - außer der leiblichen Mutter - verteufeln. Auf der einen Seite die, die schon für's Neugeborene das eigene Zimmer vorbereitet haben, auf der anderen Seite jene, die bis "zur Vergasung" (man beachte den geschichtlich anmutenden Sprachgebrauch, der Hierzulande verdeutlicht, das etwas nicht enden mag) ihr Kind im eigenen Bett behalten. Dazwischen gibt es in der öffentlichen Wahrnehmung. Nichts.

Woher kommt das?

Wir müssen in die Geschichte schauen, um den Versuch einer Beantwortung zu unternehmen. Und es genügt nicht, nur bis zum be-rüchtigten Mutterkreuz zurück zu gehen.

Das Mutterbild in Deutschland

wurde bereits im 18. Jahrhundert in Preußen zutiefst geprägt, nicht nur durch gelebten, sondern auch streng gelehrten Gehorsam! (Damals gegenüber dem Ehemann). Auch deutsche Dichter wie Kleist nahmen sich die Mütterlichkeit und hohe Tugenden in ihren Gedichten vor. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann in Deutschland die Frauenbewegung. Dabei gab es zwei unterschiedliche Strömungen. Die radikaler erscheinende Richtung propagierte eine Gleichheit der Geschlechter, forderte für Frauen gleiche politische Rechte und berufliche Chancen. Der scheinbar moderatere Flügel betonte eher die Unterschiedlichkeit der Geschlechter.

Was aber war daran wirklich moderater?

Was bleibt hängen, wenn in Mädchenschulen die Mutterschaft als höchste Erfüllung der Weiblichkeit gepriesen und gelehrt wurde, die Mutter-Kind-Beziehung als wichtigste Liebesbeziehung im ganzen Leben galt? Was bewirkt es, wenn solches Gedankengut nicht nur Haushaltsfachschulen hervorbringt, sondern als Voraussetzung angesehen wird, überhaupt eine Familie führen zu können und zu dürfen?

Es ist eine Art „geistige Mutterschaft“,

die in den Köpfen unserer Mütter und Großmütter eingestanzt wurde, und die sich im praktischen Leben immer widerspiegelt, und die auch nicht einfach so abzustreifen ist wie ein alter Schuh. Die Installation dieser geistigen Mutterschaft ist u.a. deswegen so gut gelungen, weil sie gleichermaßen eine empfundene Lücke in der Gesellschaft füllte (die auch heute noch auf anderen Ebenen empfunden wird) nämlich einen Gegenpol zur gefühlt so kalten Welt – damals war das die Welt der Männer.

Schauen wir doch hin:

Noch heute ist es üblich, dass die Frau des Präsidenten sich vorrangig um wohl- und mildtätige Zwecke kümmert. Wen wundert‘s da, wenn die rosarote und minderbezahlte Welt sich stets um’ s Helfen rankt – damals in Form von Hilfswerken für Mütter, für Waisenkinder usw. Es gründete niemand eine Vereinigung für hart arbeitende Frauen, Frauen traten immer nur dann auf den Plan, wenn uns die Männer durch Kriege "aus-gegangen" waren.

Den Gipfel erreichte die Naziherrschaft, denn nun war das Muttersein nichts Privates mehr, sondern ein Gedankengut, dass sich in politischen Frauenverbänden zu professionalisieren hatte. Wollte man einen SS Mann heiraten, musste zuvor nachgewiesen werden, dass man an einem Mütterschulungslehrgang teilgenommen hatte. Eine Heiratsgenehmigung wurde vom Rassen- und Siedlungshauptamt erstellt. Den Gegenstand solcher Schulungen können wir uns lebhaft ausmalen, neben Dingen, wie Kochen und Nähen, gab es Fächer wie Haushaltsführung, deren Inhalte sich neben praktischen Vorgaben auch wieder vergeistigten in Form von Benimm-Regeln bis zur althergebrachten Schlüsselgewalt.

Warum soll dieses noch bis heute nachwirken fragen Sie sich?

Gab es das nicht auch in anderen Ländern? Gewiss – aber nur in Deutschland ist geschichtlich betrachtet so deutlich die latente Unart zu erkennen, das Gegenteil von Gehorsam als entartet und krank – auf jeden Fall aber als nicht ohne Widerspruch akzeptabel zu verurteilen; und davon erholt sich eine Gesellschaft nicht so schnell, wie man das gerne annehmen würde. Und das ist deswegen so, weil zu einer tiefgreifenden Veränderung die reine Erkenntnis des Verstandes nicht ausreicht. Der Geist lebt weiter von Generation zu Generation – entweder in Form von Erziehung durch Erlebtes – oder aber für die Pragmatiker unter Ihnen durchaus auch durch Vererbung.

Forscher können nachweisen, dass z.B. Gewalterfahrungen massive Veränderungen im Gehirn nach sich ziehen, die bis zum Lebensende unumkehrbar sind. Und so folgte Jahrzehnte später zunächst einmal die äußerliche Befreiung von alten Haltungen - begleitet von einem bleibenden permanent schlechten Gewissen, dass es immer noch nötig hat, sich nach links und rechts umzuschauen, um sicher zu stellen, mit der eigenen Verwirklichung keine Norm verletzt zu haben.

Das heißt

in den 50igern und 60igern rückte zwar das Mutterdasein wieder in den Privatbereich, aber auch hier ging sofort eine Idealisierung mit einher – nämlich die Hervorhebung der Essenz der Weiblichkeit als solches. Mütter hatten jetzt plötzlich den unausgesprochenen Auftrag aus der Mutterschaft eine tiefe seelische Befriedigung zu ziehen – und schon standen jene welche wieder in der Büßerecke, die gleiches nicht empfinden konnten.

Das Übrige

verrichtete dann die klassische Psychoanalyse, die nicht etwa darauf ausgerichtet war, zu erforschen, was Frauen unterschiedlicher Herkunft so antreiben könnte, sondern sie zielte darauf ab, neu geschaffene Lebensgrundsätze zu untermauern, indem sie die Abweichung von der Norm zu ergründen suchte. Und schon hatten wir unsere Außenseiter erkoren – wer nicht die liebevolle Kleinstfamilie mit Lenor und Omo Waschmittel leben wollte, waren berufstätige Rabenmütter, alleinerziehende Bindungsunfähige, Stieffamilien, an der die Schande haftete; wobei man immerhin so gnädig war, und vornehmlich hinter vorgehaltener Hand darüber sprach.

Wann fragen Sie sich wurde es besser? Eigentlich nie!

Denn das Grundproblem zeigte sich in allen Jahrzehnten ähnlich, nur immer im neuen Gewand. Natürlich konnte man beobachten, dass in den 70iger und 80igern scheinbar gesündere Bewegungen auf den Plan traten, weil man erstmals das Wort Kompromiss kürte zwischen dem traditionellen Mutterbild und dem Wunsch vieler Frauen nach Berufstätigkeit.

Und warum ging der Zickenkrieg dann weiter?

Weil es nicht dabei geblieben ist! Es dauerte stets nur wenige Wochen oder Monate, dann wurde eine Wertedifferenzierung in der Lebensart vorgenommen. Es trat die Frage auf den Plan: WANN sollte eine „gute Mutter“ denn nun arbeiten. Nur vor dem Kinderkriegen versteht sich. Heißt: Gute Schul- und Berufsausbildung ja – aber, wenn das 1. Kind geboren ist, sollte sie bitte wieder verzichten, bis es aus „dem Gröbsten“ raus ist.

Und raten Sie mal, welche Diskussion dann angestrengt wurde?

Wann ist denn das Gröbste vorbei?

Und Schwups waren die „Schlüsselkinder“ geboren, die die berufstätigen Frauen wieder zu dem machten, was sie immer schon waren. Schlechte deutsche Mütter.

Und was kommt jetzt?

Irgendwann müsste doch Ruhe herrschen, denn viele Lebensformen existieren längst nebeneinander und haben sich einen Weg durch Deutsches Wertegestrüpp gebahnt. Da haben wir die Supermütter, die Karriere und Familie spielend vereinbaren können, wir haben Alleinerziehende, die zwar immer noch ein vorrangig schlechter gestelltes Rollenmodell in der Gesellschaft leben, aber auch hier gibt es längst Ausnahmen, weil Frauen besser gebildet sind, schon mal in die Führungsetage hochrutschen und ihren Kindern etwas bieten können. Und wir haben die urbane Mittelklasse-Mama, die arbeiten könnte, aber nicht möchte, weil sie eine bewusste Entscheidung getroffen hat. Wir reden laut davon, dass wir uns heutzutage „ausleben“ – wir leben scheinbar das, was wir gerne möchten.

Begleitet werden deutsche Mütter von der Politik, die sie mit Steuerungselementen, wie Elterngeld Plus Plus Plus Plus überhäuft, in der die vordergründige Botschaft steckt, Du darfst wählen, wie Du leben willst.

Aber verdammt - Die Frauen liegen immer noch im Krieg!

Die schöne Vorstellung: stell Dir vor es ist Krieg und keiner geht hin, wird es an dieser Front nicht geben, zumindest in der mir verbleibenden Lebenszeit nicht mehr. Weil das schlechte Gewissen uns immerfort begleitet – in allen Medien – in allen Forschungsergebnissen – in allem was konsumierbar ist - in allen Strömungen und Gegenströmungen – in allem Fortschritt, den wir bislang in Sachen Emanzipation bis hin zur beruflichen Gleichstellung erreicht haben.

Und was ist ein schlechtes Gewissen?

Naturgemäß kann es nur entstehen, wenn man

„eine Norm“

verletzt – entweder eine gesetzliche, eine gesellschaftliche, oder eine persönliche gesetzte. Das heißt, die Messlatte der deutschen Frau liegt immer zu hoch, so dass ihr nichts Anderes übrig bleibt, als sie durch all die Jahrhunderte weg „zu reißen“, um dann jener Fraktion zu begegnen, die diesen radikalen Akt einmal näher beleuchten und sodann kritisieren möchte. 

Autobahnen von Glaubensgrundsätzen haben sich in die Gehirne deutscher Mütter gefräst; da ist es schwer, eine neue Verknüpfung entstehen zu lassen.

Ich empfehle daher allen Müttern nur noch, 

den eigenen Trampelpfad zu suchen, der sich beim leidvollen Betrachten der genormten Mütter Autobahnen hoffentlich jeder Frau unter ihren Füßen irgendwann einmal auftun wird.  

Es grüßt Sie

Susanne Rowley

 

 

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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