Blog Archiv

Mittwoch, 1. Januar 2014

Autor: Susanne Rowley

Die Kindertagespflege Wigwam & Ich - ziemlich beste Freunde :-)

Jubiläumsblog


Im Zuge meines

Jubiläums mit Wigwam 1994

sprach mich kürzlich ein Bekannter an und fragte: Wie können Sie nur so viele Jahre an immer dem selben Thema dran bleiben – ich könnte das nicht. 20 Jahre lang die gleichen Leute, das gleiche Thema, die ewig selben Kriegsschauplätze, womöglich noch der gleiche Schreibtisch.

Am selben Tag bekam ich einen Anruf

von einer Neuanwärterin für die Kindertagespflege; eine Dame im reiferen Alter. Nachdem wir uns einige Zeit am Telefon unterhalten hatten, war ich entschlossen, sie einzuladen, weil mir ihre Begründung, warum sie sich für das Thema Kinder und Betreuung interessiert, sehr gefallen hat.

Daraufhin fragte sie zurück: Bin ich denn nicht schon zu alt für ihre Organisation? Und wenn ich heute über beide Aussagen näher nachdenke, weiß ich auf beides „meine“ Antwort. Dass eine Arbeit einen Menschen erfüllen sollte, ist glaube ich kein Geheimnis, und dass soll auch nicht die Quintessenz dessen sein, was ich heute erzählen möchte.

Des Öfteren habe ich an anderer Stelle auf dieser Seite erwähnt, dass „Erfahrung“ ein sehr hohes Gut ist, dessen Wert aus meiner Sicht in unserer Gesellschaft in vielen Bereichen sträflichst vernachlässigt wird, und damit uns und unseren Kindern etwas Wichtiges verloren geht.

Und an beiden obigen Aussagen lässt sich festmachen, warum das so ist. Zur ersteren Aussage, warum ich an diesem Thema so viele Jahre dran geblieben bin, und dran bleiben werde, ohne dass mir ein überdrüssiger grauer Bart wächst ist das unglaublich große Potential, was diese Kinderbetreuungsform in sich trägt.

Sie ist eine Betreuungsform, die im Fluss bleibt, Wandel unterworfen ist. Eine Form, die durch Menschen, die sich „in ihr“ engagieren erst zum Leben erweckt und durch deren Erfahrung und Sein Gestaltung erfährt – und das auf eine so lebendige Art und Weise, dass sie „das Leben selbst“ in seiner ganzen Vielfalt widerspiegelt.

Frei von jeglicher Institutionalisierung ermöglicht sie Kindern während der Betreuungszeit echte Interaktion mit echten Familien, mit echten Situationen, mit echten Erfahrungen, die sie ihrerseits verarbeiten, für sich bewerten können; die es Kindern also ermöglicht, ihre entstehende Innenwelt mit der Außenwelt abzugleichen.

Die Kindertagespflege ist also „nicht nur“

wichtig für das Bindungsgefühl unserer Allerkleinsten, sondern sie stellt aus meiner Sicht auch ein enorm wichtiges Bindeglied dar zwischen der frühen Lebenszeit in der eigenen Familie, in der die immer gleichen Systeme und Strukturen vorgelebt und damit erfahren werden, und der Schule, in der es dann schon bald ans Formen samt dem Durchziehen von Bildungsplänen geht. Und mehr und mehr werden nun auch unsere Kitas und Kindergärten zu klassischen „Schulen“, in denen nach Bildungsplänen agiert, statt das echte Leben gelebt und mit Förderung verbunden wird.

Die einzige Betreuungsform, die diese lebenswerten Werte also noch hochhält und bewahren könnte, ist die Kindertagespflege. Und für Ihren Erhalt lohnt sich jeder Einsatz.

Nun zu der reifen Dame,

die sich zu einer Vorstellungsrunde im Wigwam angemeldet hat. Wir trafen uns natürlich persönlich, und sie brachte u.a. ihren geschriebenen Lebenslauf mit. Dieser war voll von ihrer Suche nach sich, nach der richtigen Aufgabe – ein Spiegel von Versuchen und auch manchmal von Scheitern. Er war auch voll von Pausen, gefüllt mit Veränderungen, Wandel, Lebensbrüchen, die sie erlebt, durchlebt und damit erfahren hat. Pragmatisch gesehen könnte man es auch so werten, die Frau wusste nie, wo sie „ihr Ei“ hinlegen sollte, und in einem Wirtschaftsunternehmen würde sie ggf. trotz der guten Ausbildung, die sie aufzuweisen hat, aktuell das entsprechend negative Feedback erhalten – vielleicht so: zu unstet, zu viele Berufsfelder nur gestreift, zu viele Pausen drin usw. Nun sitzt sie aber vor mir und erfüllt ihren „toten Lebenslauf auf Papier“ mit Leben. Und ich kann sofort erkennen und spüren, ihre Suche nach einer beruflichen Aufgabe war stets geprägt davon, dass sie etwas bestimmtes suchte, es aber jeweils in dem von ihr gewählten Berufsfeld nicht finden konnte. Was sie will und was sie in Wahrheit antreibt, dafür fehlte ihr stets der Nährboden, eine bleibende Entwicklung für sich daraus zu machen.

Nun sitzt sie in meinem Wigwam

und reflektiert selbstredend über diese langeZeit, ihren Weg und ihren Werdegang. Es gefällt mir, dass sie „eine Schuld“ für ihr „nicht Ankommen“ nicht im Außen sucht, sondern gar keine Schuld sieht. Sie begreift und bezeichnet es hingegen als ihren Weg, der fast vorgezeichnet war, und den sie erst gehen musste, betrachtet sie ihre Wurzeln und ihre eigene Familie und Herkunft. Sie stammt aus „gutem Hause“, Armut musst sie selbst nie erleben; es wurde von ihr erwartet, dass „ihr Haus“ das gleiche "Niveau" mit gut gefülltem Geldbeutel aufweisen sollte.

Sie hat es nie als selbstverständlich empfunden, erzählt sie, dass sie in die monetäre "Sonnenseite" des Lebens hinein geboren wurde; im Gegenteil, sie habe immer zu denen rüber geschielt, die sich ihr Leben von "unten nach oben" erarbeitet hatten. Und sie glaubte in jenen Menschen immer "etwas" zu erkennen, was ihr fehlte - aber was das genau war, konnte sie lange Zeit nicht entdecken. Sie hat sich in der freien Wirtschaft engagiert, konnte sich aber mit dem Produkt nicht identifizieren und es folglich auch nicht an „den Mann bringen“. Sie erzählt von einem Studium, das ihr Vater ihr abnötigte, weil er selbst in diesem Felde tätig war, sie gerne in seinen Fußstapfen gesehen hätte; und ihm wollte sie gerne den Gefallen tun. Sie hat sich nach ihrem Studium in „oberen Gefilden“ der Karriere-Leiter bewegt, in feinen Kostümen die Welt bereist, und saß abends mental hungrig oder auch innerlich leer im Hotel. Sie hat 3 Kinder großgezogen, denn Einzelkinder, wie sie selbst, sollte keines von ihnen werden.

Aus allen, so schildert sie, sei „etwas geworden“, aber was jeweils völlig unterschiedliches, und das erfreue sie besonders, denn es zeige ihr, wie es möglich sein kann, dass die gleichen Eltern mit gleichen Erziehungsvorstellungen etwas jeweils völlig anderes an Werten hervorbringen könnten.

Sie habe ihren Schwerpunkt in der Erziehung ihrer Kinder

immer darauf gelegt, „den eigenen Weg“ zu finden, und die Suche danach, hat sie quasi vorgelebt. Es ist also nichts Unstetes bei ihren Kindern angekommen, sondern genau das Gegenteil: ihre Kinder erlebten, dass ihre Mutter nicht aufgab, das berufliche Feld zu finden, in dem sie sich zu Hause fühlen würde; ihre Kinder erlebten, dass sie sich eben nicht ergab in einem beruflichen Feld, dass sie unglücklich machte. Und so kam es, dass alle ihre 3 Kinder dieses berufliche Feld sofort gefunden haben, denn alle 3 seien bereits glücklich, in dem womit sie ihr Geld verdienten.

Ist das nicht lustig, sagt sie

in dem Moment zu mir – das, was ich selbst nicht konnte, hab ich nicht weiter geben, mit genommen haben die Kinder den Umstand, nicht aufzugeben, am Ball und damit bei sich zu bleiben - sie lacht immer noch, und ich lache mit. Was sie nicht geschafft hat, erzählt sie weiter, ist, die Familie zusammen zu halten, sie lebt alleine.

Sie reflektiert sich, ihr Familienbild, ihre Beziehungsmuster, ihre Kindheit – all das fließt in ihre Suche nach beruflicher Erfüllung mit ein. Sie hat sich für alte und behinderte Menschen ebenso engagiert, wie für tote Produkte, aber auch da konnte sie nicht bleiben, weil sie dies nur in eng gesteckten Grenzen einer Institution tun durfte, in der sie im Minutentakt alte Menschen zu waschen und zu pflegen hatte; ein Umstand, den sie glaubhaft nicht mehr aushielt. In der Zeit als ihre Kinder noch klein waren, hat sie beides erlebt, sie hat Familie und Beruf vereinbart so gut sie konnte, und sie hat Pausen eingelegt, in denen sie nur für Ihre Kinder da war. Sie hat eine schwere Erkrankung durchlebt, die sie überlebt und aus der sie gestärkt hervor gegangen ist, und die ihr noch deutlicher aufzeigte, den Kern ihrer eigentlichen Suche endlich heraus zu arbeiten. In ihrem privaten Leben hat sie in Form von Hobbys hingegen „Bleibendes“ geschaffen – ist seit vielen Jahren der Kunst verschrieben – und, sie hat sich ein eigenes Nest gebaut, in das sie ihre verdienten Gelder hineingesteckt hat, und in dem sie ihre Kunst auf vielfältige Weise täglich ausleben kann.

Fröhlich erzählt sie, sie habe geliebt, gelacht und getrauert,

und möchte keine der gelebten Erfahrungen im Rückblick wirklich missen. Denn all‘ das hätte sie immer ein Stück freier werden lassen von Lob und Beifall zu ihrer Person, und hätte sie statt dessen ihren „Eigenwert“, ihre Kraft und ihre Möglichkeiten er-leben lassen. Sie zieht insgesamt ein positives Resumee, ist sich sicher, dass keiner ihrer Wege hätte kürzer sein dürfen, weil ein Ankommen „vor der Zeit“ gar nicht möglich gewesen wäre. Und - sie hegt keinerlei Groll auf ihre Eltern, deren Korsett, entstanden in Kriegszeiten, sie ebenfalls genauer betrachte hat.

Eine reife, erfahrene Frau!

Ich erlebe also gerade einen Menschen, der sich nicht mehr in Frage stellt, der sich mag, wie er geworden ist, aber zeitgleich sich das Fragen und damit seine Neugier auf das Leben mit all seinen Widrigkeiten und sich immerzu bietenden Möglichkeiten bejaht und damit bewahrt hat.

Sie ist „gewachsene“ 68 Jahre alt,

strotzt vor Gesundheit und Tatendrang; vor authentischem Aufbruchswillen noch mal etwas ganz Eigenes zu beginnen; eine Tätigkeit, so formuliert sie,

die sie nicht mit „dem Ende des Lebens“ konfrontiert, sondern sie an den „Anfang des selben“ stellt – an die Seite von Kindern.

Sie möchte nicht auf Teufel komm raus ankommen, sondern nochmal unterwegs sein, und ihre Werte, die sie über die Jahre entwickelt hat, anbieten und weitertragen.

Sie hat etwas zu geben, zu erzählen

und möchte sehen und säen, und hautnah dabei sein, sollte eine Saat aufgehen. Sie möchte einer Arbeit nachgehen, die beides schafft – Bereicherung für andere aber auch für sie selbst.

Das Risiko zu Scheitern „nimmt sie“ und ist bereit, sich erneut auf den Weg zu machen.

Diese Dame und ich beschließen

nach dem Gespräch uns ganz sicher, ganz bald, wieder zu sehen; dann wollen wir uns gegenseitig erzählen, welche Ideen und Möglichkeiten sich beim jeweils anderen gedanklich aufgetan haben - und ich darf Ihnen an dieser Stelle verraten, wir sind nach wenigen Wochen zusammen losgegangen….

Und mit dieser kleinen Geschichte wäre ich wieder am Ausgangspunkt angelangt, nämlich bei der Frage,

warum auch mich diese Arbeit so erfüllt.

Sie finden sich die Erfahrungen, die sich lohnen gebündelt und weiter gegeben zu werden - meine Erfahrungen und die Erfahrungen dieser Frauen und Männer. Diese Menschen in der Lebensmitte, die einen langen Weg bereits gegangen sind, Stolpersteine aus dem Weg geräumt haben und schlussendlich daraus das tiefe Wissen zogen, dass immer „der Weg das Ziel“ bleiben wird.

Was kann es Schöneres geben,

als eine Arbeit zu tun mit erfahrenen Menschen für kleine Menschen, die noch ganz am Anfang stehen. Und deswegen bin ich mir so sicher, dass dies auch mein Weg ist und bleiben wird. Die Veränderungen, die ich selbst beim Gehen stets erlebe und somit ebenfalls weitertrage, möchte auch ich nicht mehr missen. Eine Erfahrung davon ist z.B., dass man im Leben nie wirklich „die falschen“ trifft, sondern immer die Menschen, die gerade dazu geeignet sind, aufzuzeigen, wo man steht und damit die Chance auf Weiterentwicklung bieten.

Und so spiegeln all jene erfahrene Menschen, die sich zum Mitmachen im Wigwam entschließen mehr und mehr auch meine Entwicklung wider.

Und deswegen trage ich diese erfahrenen Menschen gerne weiter, weil auch sie mich unaufhörlich weiter tragen.

Und ich stelle fest,

seit die Wahl der Tagesmütter, mit denen ich arbeite, zunehmend auf die erfahreneren Menschen fällt, umso länger bleiben diese Tagesfamilien mir erhalten; und sie bleiben alle nicht stehen, sondern entwickeln sich; sie beleben Wigwam mit ihren gelebten Erfahrungen und den daraus immer neu entstehenden Ideen und Konzepten, die unsere Kindertagespflege so bunt und bereichernd werden lässt. Ein Zeichen dafür, dass die Arbeit für alle „Früchte“ trägt.

Und gemeinsam ziehen wir sie an, die abgebenden Familien,

die sich im Lebensstadium der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ befinden – eine Lebensphase, die sehr oft geprägt ist, von der Suche nach Entlastung, bei gleichzeitig nicht enden wollenden Stress-Faktoren in ihrem Leben. Vielen Aufgaben müssen diese Familien heutzutage gewachsen sein; sie stecken oft im Hausbau, im Karriere Aufbau, manchmal pflegen sie auch noch ihre Angehörigen.

Und gleichzeitig suchen sie

nach Werten, die sie ihren kleinen Kinder vermitteln und weitergeben wollen, können es aber aufgrund ihrer eigenen Situation oft nicht ausreichend leisten. Und da kommen die Tagesfamilien mit ihren Erfahrungen ins Spiel – gelebte Erfahrung, die überall dort schon gewesen ist und das Ergebnis dessen in Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt und praktisch vorlebt, und damit eine erfahrene Sicht in diese oft gehetzten Familien hineinträgt.

Viele Freundschaften habe ich unter diesen Familien entstehen sehen, die auch dann noch halten, wenn die Kinder schon längst aus dem „gröbsten“ heraus sind.

Und wie schön das ist, wenn ich heute noch Briefe von „ehemaligen“ abgebenden Familien erhalte, in dem sie mir noch Jahre später schildern, dass ihre jung gebliebene Tagesomi ihren Kindern bis heute erhalten geblieben ist, und kein Fest stattfinden darf, ohne dass sie mit am Tisch sitzt.

Und so bin ich fest davon überzeugt, weil ich es selbst erfahren habe, dass alle Kinder, aber insbesondere die Kinder, die kein so gutes oder förderliches Zuhause hatten, oder deren Start ins Leben aus anderen Gründen erschwert wurde, einen ganz besonderen "Halt" bei Ihrer Tagesmama/papa/oma/familie mitbekommen und mitgenommen haben, der dazu geeignet ist und war, als gute Erfahrung bleibend und prägend zu sein.

Und das möchte ich gerne er-halten!

Und damit ist auch meine Arbeit erhaltenswert, sinnvoll, und immer im Fluss. Auch ich bin noch lange nicht angekommen und freue mich auf alle Wege, die ich mit den noch kommenden Menschen gehen darf.

Ich freue mich, wenn Ihnen meine Gedanken zum heutigen Tag gefallen haben und sich vielleicht mit manch' einer Erfahrung, die Sie schon machten, liebe Leserinnen und Leser, decken.

Liebe Grüße

Eure Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
Kapitän-Lorenz-Ufer 20
55583 Bad Kreuznach

Anerkannte Bildungseinrichtung

Phone: 06708 – 660636
E-Mail: info_at_wigwam.de

Kindertagespflegeberatung
Mo-Do: 9-16 Uhr
bei Terminen auf Rückrufbasis

Wigwam Vertragspartner:

BioNTech AG
SWR Mainz & ARD Online
Volksbanken Rhein Nahe Hunsrück

REDAXO 5 rocks!