Wir bloggen für Sie - quer durch die familienpolitische Landschaft

Donnerstag, 5. September 2013

Autor: Susanne Rowley

Die geistige Mutterschaft eingestanzt in den Köpfen der Frauen

Immer dann, wenn ich mich dieses Thema streift, muss ich den Kochlöffel oder auch den Stift fallen lassen und mich reinknien.


Liebe Wigwam-Freunde,

Die geistige Mutterschaft - eingestanzt in den Köpfen

Warum tun wir uns in Deutschland mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf so schwer?

und der ebenso richtigen Feststellung, den Deutschen fehle es an einer „Kultur der Vereinbarkeit“. Im Grunde ist zu diesem Thema alles gesagt und geschrieben worden. Auch der vielgeübte Blick in die Skandinavischen Länder, in denen es ganz selbstverständlich ist, Erziehungszeiten zwischen Vater & Mutter paritätisch aufzuteilen, und in denen es geradezu verpönt ist, am frühen Abend Sitzungstermine anzuberaumen, hat deutsche Familien im Grundgefühl nicht viel weiter gebracht. Ebenso wissen Mütter hierzulande längst, dass ein hoch perfektionierter Ansatz, sowohl Beruf, als auch Haus- und Familienarbeit gleichermaßen gut zu bewältigen, nicht funktionieren kann. Man sollte annehmen, dass aufgeklärte Familien in der Lage sind, ihre eigenen Prioritäten zu setzen, Aufgaben zu delegieren, Rechte und Pflichten in ihrer persönlichen Gewichtigkeit zu definieren. 

In Deutschland sprechen wir von "Fremdbetreuung"; ein Wort, in dem die Botschaft der Vollkatastrophe schon mitschwingt. Und es schwebt die große Angst über Deutschen Köpfen, das Kind könnte zum emotionalen Krüppel verkommen, selbst dann wenn man es bindungsgerecht betreuen lässt, was so viel bedeutet, wie den Kreis der engen Bezugspersonen eines Kindes zu erweitern. Positive  Seiten werden zunächst einmal nicht wahrgenommen; wie z.B. die Tatsache, dass ein Kind erfährt, die Welt ist ungefährlich und in Ordnung. 

Sie hören, es ist das WIE der Betreuung, dass die seelische Gesundheit ihrer Kinder garantiert. für dieses WIE tragen die Eltern Verantwortung und könnten ganz wunderbar dafür sorgen. Und dennoch bleiben sie im "ob überhaupt" regelmäßig stehen.

Wenn die Mühen um ein verändertes Bewusstsein nicht helfen, das Wälzen von Gutachten und Gegengutachten weiter verunsichert, und die eigene Intuition verstummt ist, dann muss man nach anderen Ursachen Ausschau halten.

Warum nur läuft in diesem Land so vieles anders... ? Die Frage bleibt.

Um annähernd zu verstehen, was in diesem Lande los ist,

warum um Familien und Frauen mit und ohne Erwerbstätigkeit ein solcher Krieg herrscht, dazu bedarf es mehr, als der Blick zu den üblichen Mythen, die wir alle schon kennen. Es gehört vielmehr auch der Blick in die deutsche Geschichte dazu - gemeinsam mit einer Betrachtung der Gründe einer gesamtgesellschaftlich gewachsenen Anspruchshaltung, die an uns klebt wie Kaugummi an den Schuhen.

Es ist eine verkappte unehrliche Wertediskussion,

die in Deutschland geführt wird. Sie geht nicht ab, ohnee die vermeintliche "Gegenseite" kräftig abzuwerten.

Am besten ist dies daran zu erkennen, dass es perse nur "2 Lager" gibt. Auf der einen Seite jene, die die kindliche Betreuung am liebsten früh und ganz unter staatlicher Fuchtel sehen möchten, und auf der anderen Seite jene, die jegliche Bezugsperson des Kindes - außer der leiblichen Mutter - verteufeln. Und dazwischen gibt es nichts?

Woher kommt das?

Das ist die eigentlich interessante Frage. Wir müssen in die Geschichte schauen, um den Versuch einer Beantwortung zu unternehmen. Und es genügt auch nicht, nur bis zum berühmten Mutterkreuz zurück zu gehen, sondern noch ein Stückchen weiter.

Das Mutterbild in Deutschland

wurde bereits im 18. Jahrhundert in Preußen stark geprägt, nicht nur durch gelebten sondern auch streng gelehrten Gehorsam! (Damals gegenüber dem Ehemann) Auch deutsche Dichter wie Kleist nahmen sich immer die Mütterlichkeit und hohe Tugenden in ihren Gedichten vor. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann in Deutschland die Frauenbewegung. Dabei gab es zwei sehr unterschiedliche Strömungen. Die radikaler erscheinende Richtung propagierte eine Gleichheit der Geschlechter, forderte für Frauen gleiche politische Rechte und berufliche Chancen. Der scheinbar moderatere Flügel betonte eher die Unterschiedlichkeit der Geschlechter.

Was aber war daran wirklich moderater?

Was bleibt hängen, wenn in Mädchenschulen die Mutterschaft als höchste Erfüllung der Weiblichkeit gepriesen und gelehrt wurde, die Mutter-Kind-Beziehung als wichtigste Liebesbeziehung im ganzen Leben galt? Was bewirkt es, wenn solches Gedankengut nicht nur Haushaltsfachschulen hervorbringt, sondern dies als Voraussetzung angesehen wird, überhaupt eine Familie führen zu können und zu dürfen?

Sie ahnen, worauf ich hinaus möchte.

Es ist eine Art

„geistige Mutterschaft“,

die in den Köpfen unserer Mütter und Großmütter eingestanzt wurde, und die sich im praktischen Leben immer widerspiegelt, und die auch nicht einfach so abzustreifen ist wie ein alter Schuh. Die Installation dieser geistigen Mutterschaft ist u.a. deswegen so gut gelungen, weil sie gleichermaßen eine empfundene Lücke in der Gesellschaft füllte (die auch heute noch auf anderen Ebenen empfunden wird) nämlich einen Gegenpol zur gefühlt so kalten Welt – damals war das die Welt der Männer.

Schauen wir doch hin:

Noch heute ist es üblich, dass die Frau des Präsidenten sich vorrangig um wohl- und mildtätige Zwecke kümmert. Wen wundert‘s da noch, wenn die rosarote und minderbezahlte Welt sich stets um’s Helfen rankt – damals in Form von Hilfswerken für Mütter, für Waisenkinder usw. Es gründete niemand eine Vereinigung für hart arbeitende Frauen – egal in welcher Branche – Frauen traten immer nur dann auf den Plan, wenn uns die Männer durch Kriege "aus-gegangen" waren. Den Gipfel allerdings hat natürlich die Naziherrschaft gesetzt – denn nun war das Muttersein nichts Privates mehr, sondern ein Gedankengut, dass sich in politischen Frauenverbänden zu professionalisieren hatte. Wollte man einen SS Mann heiraten, musste zuvor nachgewiesen werden, dass man an einem Mütterschulungslehrgang teilgenommen hatte. Eine Heiratsgenehmigung wurde vom Rassen- und Siedlungshauptamt erstellt. Den Gegenstand solcher Schulungen können wir uns lebhaft ausmalen, neben Dingen, die wir auch heute durchaus gerne lernen, wie Kochen und Nähen, gab es Fächer wie Haushaltsführung, deren Inhalte sich neben praktischen Vorgaben auch wieder vergeistigten - von der Benimm-Regel bis zur althergebrachten Schlüsselgewalt.

Warum soll dieses noch bis heute nachwirken fragen Sie sich?

Gab es das nicht auch in anderen Ländern? Gewiss – aber nur in Deutschland ist geschichtlich betrachtet so deutlich die latente Unart zu erkennen, das Gegenteil von Gehorsam als entartet und krank – auf jeden Fall aber als nicht ohne Widerspruch akzeptabel zu verurteilen; und davon erholt sich eine Gesellschaft nicht so schnell, wie man das gerne annehmen würde. Und das ist deswegen so, weil zu einer tiefgreifenden Veränderung die reine Erkenntnis des Verstandes nicht ausreicht. Der Geist lebt weiter von Generation zu Generation – entweder in Form von Erziehung durch Erlebtes – oder aber für die Pragmatiker unter Ihnen durchaus auch durch Vererbung.

Forscher können längst nachweisen, dass z.B. Gewalterfahrungen massive Veränderungen im Gehirn nach sich ziehen, die bis zum Lebensende unumkehrbar sind. Und so folgte Jahrzehnte später zunächst einmal die äußerliche Befreiung von alten Haltungen - begleitet von einem bleibenden permanent schlechten Gewissen, dass es immer noch nötig hat, sich nach links und rechts umzuschauen, um sicher zu stellen, mit der eigenen Verwirklichung keine Norm verletzt zu haben.

Das heißt

in den 50igern und 60igern rückte zwar das Mutterdasein wieder in den Privatbereich, aber auch hier ging sofort eine Idealisierung mit einher – nämlich die Hervorhebung der Essenz der Weiblichkeit als solches. Mütter hatten jetzt plötzlich den unausgesprochenen Auftrag aus der Mutterschaft eine tiefe seelische Befriedigung zu ziehen – und schon standen jene welche wieder in der Büßerecke, die gleiches nicht empfinden konnten.

Das Übrige

verrichtete dann die klassische Psychoanalyse, die nicht etwa darauf ausgerichtet war, zu erforschen, was Frauen unterschiedlicher Herkunft so antreiben könnte, sondern sie zielte nur darauf ab, neu geschaffene Lebensgrundsätze zu untermauern. Und schon hatten wir unsere Außenseiter erkoren – wer nicht die liebevolle Kleinstfamilie mit Lenor und und Omowaschmittel leben wollte, waren berufstätige Rabenmütter, alleinerziehende Bindungsunfähige, Stieffamilien, die eine Schande hinter sich hatten; wobei man dann so gnädig war, und mehr hinter vorgehaltener Hand darüber sprach.

Wann fragen Sie sich wurde es besser? Eigentlich nie!

Denn das Grundproblem zeigte sich in allen Jahrzehnten ähnlich, nur immer im neuen Gewand. Natürlich konnte man beobachten, dass in den 70iger und 80igern scheinbar gesündere Bewegungen auf den Plan traten, weil man erstmals das Wort Kompromiss kürte zwischen dem traditionellen Mutterbild und dem Wunsch vieler Frauen nach Berufstätigkeit.

Und warum geht der Zickenkrieg dann weiter?

Weil es nicht dabei geblieben ist! Es dauerte stets nur wenige Wochen oder Monate, dann wurde eine Wertedifferenzierung vorgenommen – es trat nämlich die Frage auf den Plan: WANN sollte eine „gute Mutter“ denn nun arbeiten. Nur vor dem Kinderkriegen versteht sich. Heißt: Gute Schul- und Berufsausbildung ja – aber wenn das 1. Kind geboren ist, sollte sie bitte wieder verzichten, bis es aus „dem Gröbsten“ raus ist.

Und raten Sie mal, welche Diskussion dann angestrengt wurde?

Wann ist denn das Gröbste vorbei?

Und schwups waren die „Schlüsselkinder“ geboren, die die berufstätigen Frauen wieder zu dem machten, was sie immer schon waren. Schlechte deutsche Mütter.

Und was kommt jetzt?

Heutzutage müsste doch eigentlich Ruhe herrschen, denn viele Lebensformen existieren längst nebeneinander und haben sich einen Weg durch das Wertegestrüpp gebahnt. Da haben wir die Supermütter, die Karriere und Familie spielend vereinbaren können, wir haben Allein erziehende, die zwar immer noch ein vorrangig schlechter gestelltes Rollenmodell in der Gesellschaft leben, aber auch hier gibt es längst Ausnahmen, weil Frauen besser gebildet sind, schon mal in die Führungsetage hoch rutschen und ihren Kindern etwas bieten können. Und wir haben die Mittelklasse-Mama, die arbeiten könnte, aber nicht möchte, weil sie eine bewusste Entscheidung getroffen hat. Wir reden laut davon, dass wir uns heutzutage „ausleben“ – wir leben scheinbar das, was wir gerne möchten.

Hinzu kommt die Politik, die uns mit Steuerungselementen, angefangen vom Elterngeld bis zum Betreuungsgeld überhäuft und uns vorgaukelt, wir dürften so leben wie wir wollten.

Aber Die Frauen liegen immer noch im Krieg!

Die schöne Vorstellung: stell Dir vor es ist Krieg und keiner geht hin, wird es an dieser Front nicht geben, zumindest in der mir verbleibenden Lebenszeit nicht mehr. Weil das schlechte Gewissen uns immerfort begleitet – in allen Medien – in allen Forschungsergebnissen – in allem was konsumierbar ist - in allen Strömungen und Gegenströmungen – in allem Fortschritt, den wir bislang in Sachen Emanzipation bis hin zur beruflichen Gleichstellung erreicht haben.

Und was ist ein schlechtes Gewissen?

Naturgemäß kann es nur entstehen, wenn man

„eine Norm“

verletzt hat – entweder eine gesetzliche, eine gesellschaftliche, oder eine persönliche gesetzte. Das heißt, die Messlatte der deutschen Frau liegt immer schon zu hoch, so dass ihr nichts anderes übrig bleibt, als sie durch all die Jahrhunderte weg „zu reißen“. Autobahnen von Glaubensgrundsätzen haben sich in die Gehirne gefräßt; da ist es schwer, eine neue Verknüpfung entstehen zu lassen.

Ein kleiner Trampelpfad müsste es sein, der immer öfter begangen wird. Die Autobahn wird niemals ganz weg sein, aber ich wünsche allen Frauen, dass sie irgendwann bis zur Unkenntlichkeit zu gewuchert ist, und wir von unserem neuen Pfad aus, sie zwar noch sehen können, sie aber bewusst nicht mehr befahren maximal noch rüber winken zu denen, die diesen Weg einfach nicht verlassen wollen.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit

Eure Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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