Sonntag, 13. Oktober 2019

Autor: Susanne Rowley

Die elterliche Suche nach Orientierung.

Woran orientieren sich Eltern auf ihrer Suche. Zunächst an Büchern und Bewegungen. 

Und das tun sie, weil sie versucht sind, dem Zeitgeist entsprechend in der Erziehung ihrer Kinder alles „richtig“ zu machen. 

(In früheren Zeiten konnte das bedeuten:

 >>Solange der Sprössling nicht tot, kriminell, drogensüchtig oder arbeitslos war, hatte man die Bestätigung, alles richtig gemacht zu haben.<<) 

Oder aber sie spüren, dass der ein oder andere Ratgeber ihrer eigenen Intuition komplett zuwiderläuft.

Dieser wunderbare Artikel:

Eine neue Elternkultur

greift das entscheidende Dilemma auf, das sich zwischen Zeitgeist und elterlichem Wunsch, seinem Kind eine persönliche Entfaltung zu ermöglichen, auftut.

Dem ist eigentlich nichts hinzu zu fügen, außer einer Anmerkung zum Umgang mit Vertrauen durch Kontrolle.

Es gibt kaum ein Wort,

ein Gefühl, das uns mehr im Leben begleitet, als Vertrauen oder der Mangel an selbigem. Und bei kaum einem Wort sind mir unterschiedlichere Auffassungen in der Zusammenarbeit mit Eltern Tagesmüttern und -vätern, Kita Aussteigern, Pädagoginnen begegnet. 

Die meisten verbinden mit Vertrauen eine vorauseilende Gewissheit, dass ihre Erwartungen nicht enttäuscht werden:

"Frau Rowley, was tun Sie eigentlich, wenn....". 

Meine Antwort darauf ist in der Regel eine humorvolle Gegenfrage: 

"Was tun Sie, wenn ich morgen vom Bus überrollt werde" ;-).

Mir persönlich ist die lebenslange Auseinandersetzung mit der Definition von Vertrauen näher, wie sie Vaclav Havel, tschechischer Künstler und Politiker einmal beschrieb:

Vertrauen ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass es gut ist, egal wie es ausgeht.

Soll nicht heißen, wir lassen alles laufen. 

Vielmehr ist damit eine Haltung zum Leben als solches gemeint. 

Umstände und Situationen los zu lassen, die sich unserer Steuerung entziehen, oder einer Entwicklung den Raum und die Zeit zu geben, die sie einfach braucht, ist heilsam. Eine solche Haltung einnehmen zu können, ist ebenfalls ein langer Prozess, je nachdem, was uns selbst in der frühen Kindheit widerfahren ist.

Das Los-lassen von Kindern beginnt bezeichnender Weise mit der Abnabelung. Es löst sich sichtbar von uns. 

Die fortwährende Suche nach Halt und Sicherheit für uns und unsere Kinder eint alle Eltern, und sie ist auch mehr als verständlich. 

Aber schlussendlich macht der Wunsch nach vollkommener Kontrolle eines Entwicklungsprozesses das Leben eng. 

Kontrolle und Angst ist Garant für hausgemachten Frust, sich selbst potenzierender Verbitterung; schränkt also die eigentlich gewünschte individuelle Entfaltung im genau gleichen Maße, wie wir sie kontrollieren wollen, ein. 

Wie also hinkommen zu der Art von Vertrauen, die Raum lässt für Entfaltung für uns und unser Kind. 

Es beginnt, wie so oft, mit dem Vertrauen in uns selbst. Und das wiederum geht einher mit dem Anerkennen dessen, wer wir sind, was uns prägte, womit wir ggf. noch nicht "fertig" sind. Nur dann können wir unseren Kindern authentisch vorleben, dass wir wirklich bereit sind, ihre ureigene, und vielleicht völlig anders verlaufende Entwicklung als wir sie als richtig oder falsch erachten, mit Liebe zu begleiten.

Und genau an dieser Stelle frage ich mich beim Blick in unsere frühkindliche Betreuungs- und Bildungslandschaft:

Wo ist noch Raum und Zeit für völlig natürliche Entwicklungsprozesse?

Natürliche Prozesse lassen sich nicht beschleunigen. 

Eine Schwangerschaft dauerte in der Steinzeit 9 Monate, und diese Zeit braucht sie noch immer im digitalen Zeitalter. Synapsen im Hirn brauchen Zeit, um sich zu vernetzen. Ein Kind muss ein gewisses Alter erreicht haben, um seinen Schließmuskel zu kontrollieren oder ein verlässliches Erinnerungsvermögen auszubilden.

Am deutlichsten wird mir die schier unerträgliche frühkindliche Enge, wenn ich einen Blick in Bildungsstudien werfe, die uns auf kaum zu toppende groteske Weise vor Augen führen, was an die Stelle der zuvor aktiv zerstörten natürlichen Entwicklungsräume getreten ist. Künstliche Einrichtungen, in denen wir glauben herstellen, überwachen und dokumentieren zu müssen, was wir einfach nicht „lassen“ können, bis es Zeit dafür ist. Und wir glauben tatsächlich, ein verlässliches Human Kapital für die Gesellschaft zu kreieren, das uns später genau das zurück gibt, was wir zuvor in "es" investiert haben. Wenn wir uns da mal nicht gehörig ver-rechnet haben.

(Zitat Emil Zitlau: 

Für wen das Wort „Humankapital“ zu hart klingen mag, der schaue doch bitte in die englische Sprache, die den Personalbereich in Unternehmen völlig unkaschiert als „Human Ressource“ (HR) beschreibt. 

Ich würde es übrigens „unmaskiert“ nennen.

Der frühkindliche politisch verordnete Bildungskrampf wird begleitet von Indikatoren, um Erfolgsquoten von Bildungssystemen zu ermitteln. Es ist die Rede von messbarem Bildungszugang, Bildungsverläufen, Bildungsergebnissen, Bildungserträgen, die uns als Bedürfnisse eines Kindes verkauft werden.

Wären Kleinstkinder imstande, solche Studien schon zu verstehen, würden sie vermutlich einhellig rufen:

Der Kaiser ist ja nackt!

Zur manipulativen Quintessenz des uns allen bekannten Märchens, dass nämlich nur der, der für sein Amt nicht tauge oder gar dumm sei, die neuen Kleider des Kaisers nicht sehen könne, passt dann auch die Beschreibung Emil Zitlau’s, dass wir genau dann besonders empfänglich sind für Anweisungen von außen/oben, wenn wir im Zustand der Orientierungslosigkeit sind.

Leider wird es in diesem Fall kein Kind sein können, dass die Lüge des Kindeswohls als gesteuertes Human Kapital entlarvt. Das müssen schon selbstdenkende, selbstfühlende Eltern und PädagogInnen erledigen.

Von daher begrüße ich 

die vielen Kita Aussteiger, die sich vermehrt bei Wigwam bewerben, und die suchenden Eltern in bunten Bewegungen, die ich derzeit beobachte. Angefangen von Kindergarten.frei bis hin zu Freilernern und Unerzogenen. Ob Richtig oder Falsch ist hier nicht die Frage. Die Bewegungen selbst sind Ausdruck einer Suche nach Sinn und der Essenz des Lebens von Anfang an. Wir haben nur das EINE.

Wer sich hier oder dort nicht wiederfinden kann, 

weil er darin nur eine verlagerte neue Enge empfindet, könnte sich wie Emil Zitlau auf den Kern natürlicher Entwicklungsprozesse besinnen.

Diese sind auch für mich: 

Bindung, Spiel und Emotion. 

Ok ab und zu auch Schokolade ;-) (In meinem Fall geht’s eher Richtung Oliven).

Spaß beiseite. 

Meine Zuversicht wächst wieder, 

dass die krampfhafte Bildungshysterie im frühkindlichen Bereich einen starken Gegentrend erfahren wird! 

Der Zenit dieser ungesunden Entwicklung ist bereits überschritten, weil die Folgen spürbar sind. Eine noch viel breitere Bewegung genau jener Generation, der im frühkindlichen Bildungswahn die Kindheit gestohlen wurde, wird sich als Eltern auf die Suche nach ihren Bedürfnissen machen. Und sie werden es sein, die einfordern werden, dass auf frühkindliche Entwicklungsbedürfnisse nicht erst dann geachtet wird, wenn das Fehlen derselben sich schmerzhaft im Erwachsenenleben bemerkbar macht.

Herzlich 

Ihre Susanne Rowley 

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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