Montag, 6. Februar 2017

Autor: Susanne Rowley

Der Finger einer Kindheitspädagogin tief in der Systemwunde

Eine Kindheitspädagogin am persönlichen & gesellschaftlichen Scheideweg.

Dieser Brief einer Kindheitspädagogin an Wigwam 1994 ist nur scheinbar ein sehr persönlicher; bei genauer Betrachtung legt diese Frau ihren Finger tief in die Systemwunde, weil sie das Bildungsei, das ihr einst so vehement ins Studien-Nest gelegt wurde, nirgends ausbrüten kann.

Liebe Eltern, liebe Wigwam-Freunde,

Dieser bewegende Brief,

der mich vor wenigen Wochen erreichte, beantwortet nicht nur die häufig an mich gerichtete Frage, mit welcher Intention kommen Pädagogen und Erzieher eigentlich zu Wigwam. Sondern er untermauert alle von mir seit Jahr und Tag angeprangerten strukturellen und systemischen Missstände, die die "Qualitätsoffensive" der Bundesregierung ad absurdum führen!

Nehmen Sie sich die Zeit!

Beim Lesen dieses Briefes wohnen Sie hautnah dem jahrelangen inneren Prozess einer studierten Kindheitspädagogin bei, der in einem Rundumschlag enden musste! Sie hat alles gesehen. Vernachlässigte Kinder, gehetzte Eltern, unreflektierte Platzzuweisungen, Erzieher am Limit. Und damit zeigt sie einerseits ihre persönliche Wunde, legt aber zugleich den Finger tief in die immer weiter aufklaffende Systemwunde, zu deren Heilung sie in Kürze nichts mehr beitragen wird - weil sie nicht mehr kann!

Aktuell hat sie einen scheinbar "verrückten" aber verständlichen Weg gewählt.

Sie klärt Eltern vor Aufnahme in die Einrichtung, in der sie selbst tätig ist, auf: "Wissen Sie eigentlich wo Sie und Ihr Kind hin geraten sind..?"   Welche Handlung könnte die innere und äußere Zerrissenheit einer ambitionierten Frau mehr aufzeigen. Mir fällt keine ein. Sie kann nicht mehr vertreten, was sie täglich "verkaufen" soll. Und so steht sie wohl alsbald vor der Wahl, ihre Ziele loszulassen, sich selbst und ihre Werte zu verraten, sich dem System zu ergeben, oder aber ihren Beruf aufzugeben. Noch kämpft sie gegen alle Widerstände. Sie träumt (noch) davon, ein Umfeld zu finden, in dem sie sich entfalten kann.

Wenn ich diese Frau für Wigwam gewinnen kann,

wird sie den 3. Weg gehen, der sie dahin führen wird, wo sie einst hergekommen ist. Sie wird „nach Herzenslust bindungsgerecht betreuen" dürfen. Das ist mein Versprechen!

Zitat

>> Sehr geehrte Frau Rowley, ich bin durch eine Facebook-Anzeige auf Sie und Wigwam gestoßen. Ungewöhnlich für mich, da ich nicht sehr häufig auf diesem Network unterwegs bin und den vorgestellten Inhalten normalerweise nichts abgewinnen kann. Eine Handvoll Bilder machten aber den entscheidenden Unterschied: Es waren Aufnahmen aus einem „Wigwam-Stübchen“. Die Fotos haben mich getroffen, aber auf eine gute Art und Weise. Ich sah Räume, die mit Bedacht und Liebe eingerichtet waren, warm und einladend. Keine Bilder aus Katalogen oder Modelleinrichtungen, sondern Räume die ge- und belebt schienen – und das Ganze innerhalb einer Wohnung / eines eigenen Hauses?
Das ist etwas völlig Neues für mich, also musste ich einfach nachschauen was es mit Wigwam auf sich hat. Zuerst bin ich auf Ihren Blog gestoßen und habe gelesen. Und gelesen. Zwei ganze Tage lang. Nicht nur, weil ich die Botschaften der Einträge (die Plädoyers für eine von Bindung getragene Betreuung von Kindern, für echtes Verständnis und eine enge Partnerschaft zwischen Familien und betreuenden Menschen und gegen das „Verschwinden“ der Kindheit) vollends unterstützen kann, sondern vor allen Dingen, weil ich Tagespflege noch nie aus solch einer wertschätzenden Perspektive betrachten durfte!
Mir ist nun klar, ich weiß eigentlich fast nichts über Tagespflege.
Und das Wenige, das ich weiß, entspringt den Vorurteilen und dem Unwissen von jenen, die sich durch andere Betreuungsformen in ihrer beruflichen Daseinsberechtigung bedroht fühlen, oder von jenen, die sich selbst geringgeschätzt fühlen und sich nur durch das Herabsehen auf andere selbst erhöhen können: „Ach, Tagespflege – das sind doch die Unqualifizierten.“, „Das sind die Muttis ohne Hobby oder die Erzieher die keine Anstellung finden.“
Aber alte Lumpen sind schnell abgelegt, genauso wie veraltete Ansichten, und so verfolge ich nun seit einiger Zeit aufmerksam Beiträge, die Sie mir und anderen zur Verfügung stellten. Stumm eher aus einem unendlichen Erstaunen heraus, möglicherweise eine Alternative zu dem alltäglichen Betreuungswahnsinn im Kindergarten gefunden zu haben.
Ich hielt mich mit Nachrichten an Sie zunächst zurück, weil der Wunsch in mir, anders für die mir anvertrauten Kinder und Familien da sein zu dürfen so groß ist, dass ich fast Angst hatte enttäuscht zu werden, würde ich mich bei Ihnen melden.
Es ist kein Zufall, dass ich Ihre Anzeige gesehen habe und so nutze ich jetzt die Gelegenheit, mich etwas detaillierter vorzustellen als es einige Zeilen in Facebook erlauben.
Mein Name ist (…) und ich bin Kindheitspädagogin. Ein Abschluss, der von vielen als eine unnötige Akademisierung der Erzieherausbildung angesehen wird, aber für mich ist er viel mehr. Seit meiner Jugendzeit bin ich im Sozialverein meines Heimatortes in die Kinderbetreuung involviert. Ferienbetreuungen, Babysitten, all das machte mir Spaß und schnell war klar, ein Beruf mit Kontakt zu Kindern sollte es sein. Nur was? Aus Erfahrung heraus war mir klar, dass beispielsweise das Schulsystem mir keine Freiheit für die individuelle Begleitung der Kinder lassen würde. Schon damals hatte ich die berechtigte Befürchtung, mich in einem so einschränkenden System, zwischen Lehrplänen und Bildungsquoten nicht wohlzufühlen und nicht helfen zu können. Im Gegenteil, ich wünschte mir, die Kinder stark machen zu können bevor sie womöglich zwischen den Zahnrädern unseres Bildungssystems zerquetscht würden. Aber „Flöhe hüten“, wie kurz nach meinem Abi die Erzieherausbildung vom Bund propagiert wurde, das erschien mir zu diesem Zeitpunkt auch nicht als richtig. Ich wollte doch eigentlich mehr tun für die Kinder. Also habe ich viele Monate in einer integrativen Tagesstätte gearbeitet, habe die Arbeit kennen und schätzen gelernt und auch bemerkt, dass es keinen Sinn hat, Kinder isoliert zu betrachten, sondern dass eine Familie als Ganzes das Recht auf Aufmerksamkeit und Unterstützung hat, damit es allen und so auch den Kindern gut geht. Dazu sollte mich meine Ausbildung befähigen und ich bin immer noch dankbar, dass ich für mich das Richtige gefunden habe.
Als ich studiert habe, hieß die Ausbildung noch „Elementarbildung“ (eine passendere Bezeichnung, denn es ging darum zu lernen, was elementare Voraussetzungen dafür sind, dass Kinder sich bilden können) und war ein praxisbegleitetes Studium das auf der Welle der Qualitätsoffensive getragen wurde. Heute sieht das zwar schon wieder ganz anders aus, denn wer fragt denn heutzutage noch nach Qualität in der Kindertagesbetreuung? Man hat ja schließlich vor einigen Jahren etwas Geld zugeschossen und einfach beschlossen, dass ab diesem Zeitpunkt Betreuung einfach qualitativ hochwertig ist – Bildungsplänen sei Dank. Aber ich durfte dadurch immerhin profitieren von großartigen, fachlich kompetenten Dozenten, die uns beibrachten, welcher Schatz sich in den ersten 6 Entwicklungsjahren von Kindern verbirgt, wie wichtig gute Bindung ist, wie Kinder auf deren Grundlage sich und die Welt erkunden und wie wir feinfühlig Anteil daran nehmen können. Ich lernte wissenschaftliche Erkenntnisse zur Kindesentwicklung zu nutzen und kritisch zu hinterfragen, ich lernte Methoden kennen, belastete Familien zu unterstützen. Ich durfte Kunst, Musik und Theater für und mit Kindern machen und alles immer gleich in der Praxis im Kindergarten und in der Familienhilfe erproben. Der Krippenbetreuung stand ich sehr kritisch gegenüber bis ich durch ein Praktikum eine wunderbare Einrichtung entdecken durfte, in der ich nach meinem Studium auch arbeitete. Die Krippe war eine Elterninitiative mit 2 Gruppen und einer Leitung mit beeindruckend klarer pädagogischen Haltung, die eine liebevolle und familiennahe Betreuung gelebt hat. Ich habe sehr gerne dort gearbeitet bis die Einrichtung zur Betriebskrippe umgestaltet, vergrößert und als Dienstleistungsunternehmen von jeglichem Bezug zum Wohlergehen der Kinder entkernt wurde. Daraufhin habe ich beschlossen zu gehen und habe zu einem Trägerverein gewechselt, der von seiner Grundpädagogik her meinen Werten entspricht. Für diesen baue ich nun seit zwei Jahren eine neue Einrichtung auf, zunächst „nur“ im Gruppendienst, mittlerweile als pädagogische Leitung. Es ist eine sehr große Einrichtung mit 6 Gruppen und Krippen- und Kindergartenbereich und ich kämpfe jeden Tag darum, allen Beteiligten eine Haltung nahe zu bringen und vorzuleben, die das Wohl des Kindes als kleinem Menschen mit Recht auf Geduld und Liebe wieder in den Mittelpunkt stellt. Eltern sollten ihr Kind wohl geborgen sehen, Kinder sollten sich angenommen fühlen und Erzieher kreativ ihre eigenen Stärken ausleben können.
Was soll ich sagen?
Große Kinderzahl, unreflektierte und willkürliche Platzvergabe durch die Gemeinde, Personalmangel, Eltern die ewig auf einen dringend benötigten Platz warten und dann unter enormem Zeitdruck stehen, eine Einrichtungsleitung mit fatal respektlosem Menschenbild, aber einem sicheren Sinn für Wirtschaftlichkeit …
Ich gebe mein bestes, aber ich sehe wie selbst uns jungen Kollegen die Puste ausgeht, wenn nach der Arbeit, Zuhause im Stillen wieder das Herz blutet und der Körper schlappmacht weil man über die eigenen Kräfte gegangen ist und doch keinem der Kinder gerecht werden konnte. Dabei hatte ich schon während des Studiums gemerkt, dass auch für die Eltern in den Einrichtungen immer zu wenig Zeit bleibt um deren Belange und Bedürfnisse zu adressieren. Deshalb habe ich mir nach langem Sparen den Wunsch nach einer zusätzlichen Ausbildung als systemische Beraterin erfüllen können, um Familien kompetent, einfallsreich und unkonventionell dabei zu helfen, eine neue Perspektive einzunehmen, Stärken zu erkennen und ganz eigene Lösungen für Probleme zu finden.
Ein Weg fort von der konventionellen pädagogischen Elternberatung in Form von Gebrauchsanweisungen: Verhalten sie sich wie vorgeschrieben, folgen sie genau Methode A und Kind XY wird sich auf wundersame Weise so verhalten wie sie es sich vorstellen. Zu vielen Eltern wird trauriger weise eingeredet, Erziehung funktioniere so. Und wenn nicht, dann sind entweder sie oder ihr Kind defekt. Doch auch für eine solche Form von Beratung bietet der Kindergarten kaum Zeit oder Raum –
Eltern, Kinder und wir stehen unter riesigem Druck, alle sind gehetzt,
schließlich muss der Alltag funktionieren. Egal wie.
Nun bin ich fast (…) Jahre alt und merke, so weiter zu arbeiten wie bisher, das kann ich nicht. Gemeinsam mit meinem Partner sprach ich darüber, wie es wäre, eigene Kinder, die wir irgendwann einmal haben wollen, in die Krippe geben zu müssen. Dabei bekomme ich Gänsehaut.
Deutlicher kann mir ja nicht gezeigt werden, dass ich dieses System KiTa in dem ich arbeite so nicht länger unterstützen kann. Schon einmal habe ich eine Stelle gekündigt, weil ich die Arbeitsweise mit meinen eigenen Werten nicht vereinbaren konnte. Ich bin nicht bereit, jetzt einfach diese unbefriedigende Arbeitsform hinzunehmen, nur weil ich an dem Grundsystem der Betreuung in Einrichtungen nichts ändern kann.
Ich bin nicht bereit, mich und meine innersten Werte aufzugeben.
Ich brauche eine Alternative!
Ich wünsche mir wirklich einen Austausch mit Ihnen, denn trotz vielen Nachlesens im Internet (auch auf anderen Seiten) fühle ich mich immer noch sehr unsicher und fehlinformiert was die Tagespflege angeht. Es gibt so viel, das ich bisher nicht wusste und auch nie in Erwägung gezogen hätte. Ich möchte gerne sehen, spüren und begreifen was Tagespflege, in der Form wie Sie sie möglich machen, bedeutet. Und ich möchte, nein, ich MUSS herausfinden ob die Tagespflege mein Leben in Zukunft erfüllter gestalten kann und was ich zu Ihrer großartigen Arbeit beitragen kann.
Ich bedanke mich schon jetzt für Ihr Engagement, auch Unwissenden wie mir die Vorzüge und Umstände Ihrer und der Arbeit von allen Wigwam-Tagesmüttern und -vätern zu erklären. Danke sehr! Herzlichst (…) <<

Brief Ende

Und ich danke an dieser Stelle für das Vertrauen, das mir in diesem Brief entgegen gebracht wurde.

Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
Kapitän-Lorenz-Ufer 20
55583 Bad Kreuznach

Anerkannte Bildungseinrichtung

Phone: 06708 – 660636
E-Mail: info_at_wigwam.de

Kindertagespflegeberatung
Mo-Do: 9-16 Uhr
bei Terminen auf Rückrufbasis

Wigwam Vertragspartner

Universitätsmedizin Mainz
BioNTech SE Mainz
Südwestrundfunk Mainz und ARD Online

REDAXO 5 rocks!