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Montag, 1. Oktober 2001

Autor: Susanne Rowley

Das Tageskind verändert sich / Wenn´s kritisch wird - wie sag´ ich es den Eltern

Hallo liebe Wigwam-Freunde,
Nachdem wir in den letzten Info-Briefen viel über Eingewönung und den Start von Betreuungsverhältnissen gesprochen haben, möchte ich den Oktober-Brief vorrangig den laufenden Verhältnissen widmen.

Kindliche Signale/das Tageskind verändert sich plötzlich

Immer wieder rufen Tagesmütter bei mir an und berichten, dass die Betreuung bislang gut gelaufen sei; doch plötzlich klappt es nicht mehr so reibungslos wie vorher, das Tageskind hat sich verändert. Die Tagesmutter ist unsicher - ihre Mutmaßungen gehen in alle Richtungen. Sie fragt sich, ob beim letzten Gespräch mit der Mutter was schiefgelaufen ist, oder sie sucht die Schuld zunächst bei sich - hat sie sich zu wenig gekümmert? ect.

Dann erinnere ich die Tagesmütter zunächst einmal an das erste Kennenlern-Treffen. Erinnern Sie sich noch, wie das 3-jährige Mädchen in ihrer Tür stand und den Kopf tief im Mantel seiner Mutter vergraben hatte. Und 14 Tage später erlebten sie ein ganz anderes Bild. Das Mädchen rennt in die Wohnung und sagt nicht mal mehr "Tschüss" zur Mama. Es sind also Momentaufnahmen - zunächst einmal - die wir da sehen. Nicht immer heißt also ein kurzfristig verändertes Verhalten des Tageskindes, dass Handlungsbedarf besteht. Also kommt es schon auf die Dauer und Intensität der Verhaltensänderung an.

Kinder geben einfache Signale und beschränken sich in der Regel auf das Wesentliche. Wenn sie neugierig sind - rennen sie auf die Dinge zu. Wenn Sie Angst haben, verstecken sie sich unterm Tisch oder hinter dem Rücken eines Erwachsenen. Wenn sie mit etwas nicht klar kommen - suchen sie Hilfe beim Erwachsenen - erregen Aufmerksamkeit. Wenn sie Trost brauchen suchen sie Körperkontakt. Wenn sie traurig sind - fließen schnell die Tränen. Ich will damit sagen, dass widersprüchliche Signale bei Kindern eher selten sind. Eigentlich können wir die Momentaufnahmen ganz gut deuten; vorausgesetzt das Umfeld des Kindes ist soweit in Ordnung.

Bei regelrechten Verhaltensauffälligkeiten von Kindern über lange Zeit hinweg hingegen, gilt es nicht vorrangig die übliche "Schuldfrage" zu klären, sondern mehr über das Umfeld des Kindes zu erfahren, um zu verstehen und einfach wertfrei zu beobachten. Das kann ein Kind sein, dass bislang "trocken" war und plötzlich wieder einnäßt, oder Essenschwierigkeiten, Lustlosigkeit, Angst, Aggressionen und übergroße Unruhe zeigt. Eins steht fest: Signale des Kindes fordern uns heraus, auf jeden Fall näher hinzuschauen. Manche Tagesmütter berichten, dass sie sich bsp.weise aus falsch verstandener Schuld heraus intensiver als sonst um ein Tageskind gekümmert haben, das plötzlich immer wieder über unerklärliches Bauchweh klagte. Der Grund war im Umfeld nicht zu finden. Die Mutter wußte keinen Rat - der Kinderarzt wurde ebenso befragt - ohne Ergebnis. Später fiel der Tagesmutter auf, dass sie sich ständig nach dem Befinden des Kindes erkundigte und auch immer wieder die gleiche Antwort von dem Kind bekam: ja ich habe wieder Bauchweh. Das Kind stand ständig im Mittelpunkt und die Beschwerden wurden stets häufiger und schlimmer. Das Kind ist mit Sicherheit kein Simulant, hat aber auch festgestellt, dass es im Mittelpunkt steht mit seinen Beschwerden. Die Tagesmutter ging später dazu über, das Kind nicht mehr danach zu befragen, sondern ihm aufmerksam zuzuhören, wenn es von sich aus klagte - ihm Zuwendung zu geben, wenn es danach verlangte.

Psychologen sagen dazu "verschlüsselte Botschaft".

Das Kind hat sich durchaus nach mehr Zuwendung gesehnt - es bestand aber offensichtlich kein erhöhter Handlungsbedarf. Wir müssen bei unseren Deutungen auch immer daran denken, dass unsere Entscheidungen und Interpretationen von so vielen Dingen abhängig sind; von uns oft in Bruchteilen von Sekunden getroffen werden - d. h., Aktion und Reaktion oft unmittelbar aufeinanderfolgen. Oft ist das Kind nur der "Spiegel" unserer eigenen Verhaltensweisen; jede Tagesmutter, jedes Tageskind hat ihre/seine "Tagesform" ect. Oft hat auch die abgebende Mutter ursprünglich ein ganz "anderes Bild" von ihrem Kind gemalt. Sie sprach davon, dass das Kind immer schon gerne mit anderen Kindern zusammen war; noch nie Probleme gemacht hat und auch sonst sehr genügsam sei. Die Tagesmutter erwartet nun unterbewußt ein solches Kind auch vorzufinden. Oder schauen Sie doch mal nach ihrer eigenen Sympathie. Ist Ihnen die Mutter immer sympatisch - mögen sie das Kind "zum fressen" gern? Spiegelt sich im Verhalten des Kindes vielleicht eine Veränderung bei der Tagesmutter selbst und deren Situation wieder? Sicher kann jeder das am besten für sich selbst beantworten. Wichtig ist auf jeden Fall, sich zunächst wertfrei zu verhalten, um mit der Mutter überhaupt ins Gespräch zu kommen. Wenns kritisch wird/Wie sag ich's den Eltern Natürlich gibt es auch ernstere Situationen, in denen wir mit einfachen Mittelchen nicht mehr weiterkommen. Das Tageskind wehrt sich abgegeben zu werden, und das fast täglich; es stört und sabotiert den Tagesablauf der Tagesmutter in hohem Maße; was dann? Jetzt müssen Sie das Gespräch mit den Eltern suchen. Dann ist aber auch Diplomatie angesagt. Stehen Sie bitte nicht mit dem Notizbuch vor den Eltern, sondern erzählen Sie locker aus dem Stehgreif. Versuchen Sie die Vorkommnisse nur zu beschreiben, enthalten Sie sich zunächst jeglicher Bewertung; treten Sie keine Beweise an, die schon fast eine Beleidigung für die Eltern darstellen, z.B. das Kind filmen bei bestimmten Verhaltensweisen (leider alles schon dagewesen)! Beziehen Sie die Eltern mit ein - fragen Sie nach, ob die Eltern bereits ähnliche Situationen beobachtet haben. Geben Sie den Eltern das Gefühl, dass diese bei der Lösung des Problems gebraucht werden. Interessieren Sie sich unaufdringlich für evtl. veränderte Lebenssituationen in der abgebenden Familie; ziehen Sie evtl. vergleichbare Situationen aus Ihrem eigenen Familienleben mit heran, um der Mutter die offene Reaktion zu erleichtern. Geben Sie der Mutter/Vater nicht das Gefühl dieses Problem "seit Wochen und Monaten" vor sich hergewälzt zu haben und jetzt nicht mehr zu können -  Und vor allen Dingen: zeigen Sie sich selbst kompetent. Eine Tagesmutter, die bislang nicht viel zu berichten hatte, die ganze Tagessituation als recht "aufgeräumt" beschrieben hat, aber jetzt in der Problemphase mal "so richtig" ausholt, wirkt insgesamt unglaubwürdig. Zeigen und erzählen Sie den Eltern, dass Sie auch in "guten Tagen" auf viele Dinge geachtet haben und sich mit dem Verhalten des Tageskindes, wenn Sie es betreuen, wirklich auskennen. Dazu gehören: die gefühlsmäßige und köperliche Verfassung morgens beim Abgeben, der Entwicklungsstand des Kindes im allgemeinen, das grundsätzliche Verhältnis des Tageskindes zu anderen Kindern, die sonstige Bindung zur Tagesmutter, Verhalten beim Essen und schlafen, Entwicklungsfortschritte, Abschiedssituationen. Das ist natürlich kein Thema für ein "Tür und Angel-Gespräch.

Vereinbaren Sie mit den Eltern eine Unterredung (ohne Kinder!). Bei einem solchen Treffen sollten beide Seiten vorbereitet sein. Über eins muss Klarheit herrschen; wie steht der "Pegel" zu Beginn. Bin ich noch daran interessiert, das Verhältnis aufrecht zu erhalten? Oder möchte ich eigentlich als Mutter/Tagesmutter schon lange alles hinschmeißen? Klären Sie das zu Beginn. 2 Gesprächspartner mit unterschiedlichen Zielen können nur "aneinander vorbeireden"!! Setzen Sie sich ein zeitliches Gesprächslimit (ca. 2 Stunden) und nehmen sich dann aber auch richtig Zeit. Beide Eltern und Tagesmutter müssen gleichermaßen zu Wort kommen. Auch hier gilt - enthalten Sie sich möglichst störender Wertungen - berichten Sie gegenseitig und erarbeiten dann Lösungen, hinter denen alle gleichermaßen stehen können. Veranstaltungsheinweis Die Frauenbeauftragte der Stadt Bad Kreuznach, Gabriele Wenner, veranstaltet in Bad Kreuznach einen Kurs für "Selbstverteidigung und Selbstbehauptung". Die Kurse werden von Jutta Arnecke (Dipl.Sozialpädagogin, WenDo-Trainerin) geleitet. "Mädchen und Frauen erleben immer wieder Situationen, in denen sie gegen ihren Willen von Männern oder Jungs sprachlich oder körperlich belästigt werden; in der Schule, auf dem Arbeitsplatz, auf der Straße...WenDo zeigt Möglichkeiten diesen Übergriffen und Belästigungen zu begegnen, den Willen zur Selbstbehauptung zu stärken, sich abzugrenzen und zu verteidigen. Das Selbstbehauptungstraining beinhaltet Gespräche und Wahrnehmungsübungen, Techniken zur Selbstverteidigung und Befreiung, Rollenspiele und natürlich auch Spiel und Spaß". Termine: Samstag 20.10./Sonntag 21.10.01 für Frauen // Samstag 26.10/Sonntag 27.10.01 für Mädchen von 8-10 Jahren // Samstag 08.06./Sonntag 09.06.02 für Mädchen von 11-13 Jahren // Samstag 26.10./Sonntag 27.10.02 für Mädchen ab 13 und älter // Samstag 09.11./Sonntag 10.11.02 für Frauen.

Die Kurse finden sowohl Samstags als auch Sonntags jeweils von 10.00 Uhr bis 16.30 Uhr statt. Informationen zu Kursgebühren, Veranstaltungsort ect. sind bei der Frauenbeauftragten der Stadt Bad Kreuznach, Gabriele Wenner, Tel.: 0671-800202, Fax: 4820808 oder per E-Mail: wenner_at_bad-kreuznach.de zu erfragen.

Das wars mal wieder für heute - "Finger wund geschrieben" - ich hoffe, dass war nicht zu "schwere Kost" - bis zum nächsten Briefchen.

grüßt ganz herzlich

Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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