Mittwoch, 3. Juli 2019

Autor: Susanne Rowley

Das Ökonomische dringt ins Soziale. Die Kleinfamilie unter Beschuss.

Die moderne Kleinfamilie gleicht einer fragilen Steuerungseinheit. Fällt ein Hebel aus, stürzt das System ab.


Für berufstätige Mütter gibt es noch immer kaum Rollenmuster. Liegt es etwa an uns selbst? 

Diese Frage stellt sich Zeit Autorin Kerstin Bund in diesem Artikel:

Gut ist gut genug. 

Sie begibt sich auf die Suche nach einem Vorbild und schreibt:

Seit mein Sohn auf der Welt ist, bin ich auf der Suche. Ich suche keinen Babysitter oder Krippenplatz. Ich suche etwas für mich, ein Vorbild. Eine Kontaktanzeige habe ich schon formuliert: Frau zum Hochschauen, Bewundern, Nacheifern gesucht! Du bist Mutter, liebst deine Kinder und auch deinen Job, findest nebenbei Zeit für deinen Partner, deine Freunde und ab und zu sogar für dich selbst? Du gehst ausgeschlafen, gut gelaunt und voller Energie durchs Leben? Dann möchte ich dich kennen lernen und dich fragen: Wie machst du das?

Wir alle kennen diese und andere Artikel. Sie handeln von erschöpften Eltern, die Vereinbarkeit als komplette Lüge für sich entlarvt haben, oder fragen sich, warum ausgerechnet sie, die so unabhängig und selbstbestimmt leben, wie keine Generation zuvor, Job und Familie nicht besser auf die Reihe kriegen. Dagegen tönt es zuweilen aus der Ecke älterer Generationen, die nie in den Genuss von Vätermonaten, Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung und Elterngeld Plus gekommen sind, was zum Donnerwetter denn noch fehlen könnte am Vereinbarkeitsglück in Zeiten flexibler Arbeitszeitmodelle und Betriebskindergärten.

Auch beim Kindeswohl scheiden sich die Geister

In Blogs und Sozialen Netzwerken tummeln sich Befürworter und Gegner von „Fremd“ Betreuung. Einerseits weil die Qualität noch zu wünschen übrigt lässt, andererseits, weil Bindung und Geborgenheit außerhalb der eigenen Familie kaum vorstellbar erscheint. Rabenmütter und Heimchen am Herd tragen auch heute noch noch subtil oder offen den uralten Wertekrieg von Richtig oder Falsch aus. Frisch gebackene Eltern erkunden früh die Ansichten renommierter Ratgeber, von Jesper Juul, über André Stern und Gerald Hüther bis hin zu Gordon Neufeld und seinem bindungsbasierten Entwicklungsansatz. Andere suchen ganz eigene Wege für sich und ihre Kinder, propagieren Attachment Parenting bis hin zu Unschooling (Freilernen). 

Wie Frau und Mann, Mutter und Vater zum ein oder anderen auch stehen mag. 

Sie alle eint der tiefe Wunsch 

nach Kindeswohl und ganz persönlicher Erfüllung von Elternschaft, Familienglück und beruflichem Streben. 

Und alle bewegen sich zeitgleich in einem Wirtschaftssystem, das scheinbar unproduktive Anteile des alltäglichen Lebens von Familien aus dem Blick verloren hat.

Vordergründig zeigen sich politisch Verantwortliche bemüht, Familie und Beruf vereinen zu helfen. Stellenweise sind gute Ansätze zu erkennen, dass Familie und freie Wirtschaft sich aufeinander zu bewegen. Dass dies nachweislich bei vielen Familien nicht ankommt, sieht man an der oft einseitigen Umsetzung in rein institutioneller Form, die innerbetrieblich schnell an ihre Grenzen kommt, und insgesamt am Reduzieren von Vereinbarkeit auf bloße Kinderbetreuung. Egal wo. Egal wie.   

Aber selbst dann, wenn die Angebote für junge Familien vielfältig gestrickt sind, hört der Stress oft nicht auf.  

Wenn Familien in den gebotenen Lösungsansätzen keine Befriedigung erleben, obwohl politisch Verantwortliche zeitgleich an allen nur denkbaren familienpolitischen Schrauben drehen, muss irgendwann ein ehrlicher Abgleich zwischen Bedürfnislage und Angebot stattfinden.

Finde den Fehler.

Die österreichische Politikwissenschaftlerin Mariam Irene Tazi-Preve erforscht seit geraumer Zeit die Lebensumstände von Müttern und Vätern. Dabei zieht sie ein etabliertes Lebensmodell in Zweifel: 

Die Kleinfamilie. 

Dies tut sie, genau wie ich, weil sich um sie noch immer alte Mythen ranken, aus denen eine hohe Erwartungshaltung erwächst, deren Erfüllungsdruck immer abenteuerlicher wird, je stärker und schneller die Anforderungen einer modernen Berufswelt auf die Kleinfamilie nieder gehen. 

Die Politikwissenschaftlerin bietet Lösungen an, die sehr umstritten sind, und die auch ich so nicht für umsetzbar halte in einer westlichen Welt: 

Es gibt viele alternative Familienformen, nur westliche Gesellschaften leben so ein rigides "Vater, Mutter, Kind"-Modell. Kennen Sie das afrikanische Sprichwort "Es braucht ein Dorf, um ein Kind groß zu ziehen"? Das führt zwar jeder im Mund, doch niemand lebt so. Zwei Bezugspersonen sind für ein Kind jedoch zu wenig. Ich halte ein matrilineares Verständnis von Verwandtschaft für ideal, wie das beispielsweise in Burkina Faso üblich ist. Dort fühlen sich alle Frauen einer Familie für alle Kinder verantwortlich, die Kinder wachsen also mit mehreren Müttern auf. Wer die leibliche Mutter ist, ist irrelevant, ein Wort für "Tante" gibt es gar nicht. Die Brüder der Mutter fungieren als soziale Väter. Das ist quasi das Gegenteil des irrsinnigen Mutterwahns, den wir speziell in Deutschland pflegen, wo wir der Frau, die das Kind geboren hat, die komplette Verantwortung aufbürden.

Hier geht's zum vollständigen Artikel: Das Ende der Kleinfamilie

Und dennoch lohnt es sich, ursächlich genau in diese Richtung zu schauen. 

Zusammenfassend kann man sagen: 

Die Kleinfamilie stockt auf ihrer Fahrt auf hypermodernen Straßen, weil die eigentliche Ursache für das Stottern der überhitzte Motor ist. 

Ein Blick in die Geschichte kann manchmal hilfreich sein. 

Entweder wurden die gleichen Fehler schon zu anderen Zeiten übersehen, oder aber Mensch, Problem und Lösung korrespondieren nicht mehr mit dem Zeitgeist. 

Bei dieser Feststellung geht es nicht um die klassische Konstellation Vater, Mutter, Kind. Schon heute hat die Kleinfamilie sich auf andere Formen wie Regenbogen- und Patchwork Familien ausgedehnt, die ihr aber keinen Mehr-Wert in Sachen Entlastung gebracht haben. Denn geblieben ist die geringe Anzahl von Bezugspersonen, auf die eine kleine Familie verlässlich zurückgreifen kann. Und so bleibt ihnen oft nur, sich auf den jeweilig greifbaren Partner zu konzentrieren, der in einer rein Erwerbs orientierten Gesellschaft seinerseits schon auf dem Zahnfleisch geht, noch bevor der Wunsch nach mehr Unterstützung an ihn herangetragen wird.  

Überforderung ist das Stichwort.

Und Überforderung hat die Tendenz sich immer neu zu bestätigen und in andere Lebensbereiche auszustrahlen. 

Wir alle wissen, die Großfamilie aus früheren Zeiten, die junge Familie ergänzte, die natürliche Rollen spielend übernahm, wurde der Kleinfamilie von heute schwerpunktmäßig durch die Globalisierung genommen. Das Rad zurück zu drehen, ist wohl keine umsetzbare Möglichkeit. Westlich geprägten Menschen ein völlig anderes Wertesystem überstülpen zu wollen, auch nicht. Aber

wir können uns auf die Suche begeben nach dem Wesen des Verlustes. 

Und versuchen daraus zu lernen. Und das sollten wir schleunigst tun. Denn Überforderung hat sicherlich einen großen Anteil an Trennungen, an der steigenden Zahl von Alleinerziehenden, an Gewalt in Familien u.v.m.  

Familien fehlen stabile Beziehungen in einer Gemeinschaft.

Mariam Irene Tazi-Preve fordert zunächst Eltern auf:

„Wir können vom Glauben abfallen“.

Soll heißen: Aufhören zu hoffen, dass der Partner alle möglichen und unmöglichen Rollen übernimmt. Sie fordert stattdessen ein Unterstützer Netzwerk von Geschwistern, Freundinnen und Großeltern, stellt fest und beklagt zugleich:

(..) Für die Kinder sind das starke, verlässliche Bezugspersonen, die wir als solche wertschätzen sollten. Leider werden sie zu oft als mittelmäßiger Ersatz für den aufgrund der starken Erwerbszentriertheit von Männern leider nicht anwesenden oder zu wenig anwesenden Vater gesehen. (..) Statt anzuerkennen, dass wir längst andere Grundlagen für das Familienleben brauchen, halten wir die Norm der Kleinfamilie für zuständig, die romantische Paarliebe und gesundes Aufwachsen von Kindern zeitgleich zu garantieren und sprechen jenen, die "es halt nicht hingekriegt haben" die Fähigkeiten ab. Dabei sind stabile Beziehungen in diesem Wirtschaftssystem kaum möglich. 

Wie bereits erwähnt, teile ich ihren Lösungsvorschlag in Richtung Geschwister, Großeltern, Freundinnen nicht, weil sie dabei verkennt, dass auch das nahe Umfeld sowie die eigene Verwandtschaft der Globalisierung und ihren Folgen nicht entkommen ist. 

Wer Wigwam kennt, der weiß, ich sehe die Kleinfamilie schon sehr lange unter unhaltbarem wirtschaftlichen Beschuss. Und ich sehe die Verschärfung der Entwicklung von 1994 bis heute. Ich plädiere dafür, die einmalige Chance nicht verstreichen zu lassen, die Kindertagespflege als jene Gemeinschaft zu etablieren, die so dringend gesucht und gebraucht wird. Sie kann, bei richtiger Herangehensweise, die Lücken schließen, und selbstverständlich kann sie Bindung und Bildung auf hohem Niveau hervorragend zusammen führen.  

In Kürze bietet sich mir die Gelegenheit, ein persönliches Gespräch auf bundespolitischer Ebene genau über diese Vision zu führen. Darauf freue ich mich sehr.   

Nicht noch ein Elterngeld plus plus plus hilft uns weiter.

Sondern ein knallharter Faktencheck über sehr differente private, politische und wirtschaftliche Interessenlagen muss offen legen, wie einem fragilen Lebensmodell, das mit geschichtlichen, religiösen und moralischen Altlasten gleichermaßen kämpft, das unsägliche Strampeln nach sinnloser Selbstoptimierung, die zum Scheitern verurteilt ist, langfristig genommen werden kann. 

Wo kamen wir her. 

In früheren Gesellschaften waren Rollen in Familien und damit die Verantwortung auf den Schultern klar verteilt. Eine Interaktion zwischen Arbeit und Familie war in vielen Berufen, wie z.B. der Landwirtschaft natürlich gegeben. Auch das Handwerk wurde in früheren Zeiten oft unter dem häuslichen Dach ausgeübt. Erst mit der Industrialisierung kam die räumliche Trennung von Beruf und Familie real zum Tragen. 

Leben hier. Arbeiten dort. 

Frau Mariam Irene Tazi-Preve setzt noch einen drauf und macht in Ihrem neuen Buch "Das Versagen der Kleinfamilie" das ganz große Ehe Fass in seiner geschichtlichen Dimension auf und stellt die Begründungszenarien über die Jahrhunderte bis heute mit zur Diskussion.  

(..) Die Ehe war lediglich eine Möglichkeit für Männer, zu bestimmen, welche Kinder ihre relichen Nachkommen sind. Die Begründungsszenarien variierten über die Jahrhunderte. Die Kirche stülpte ihre Sexualmoral darüber und die Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe. Heutzutage rechtfertigen wir die Ehe mit der Idee der romantischen lebenslangen Liebe. Auch das Zwei-Kind-Ideal kommt nicht daher, dass man herausgefunden hat, dass das am besten für die Beteiligten ist. Sondern dass ein Volk zwei Kinder pro Frau braucht, um nicht auszusterben. Sie sehen, wir fangen beim Glück an und kommen bei der Bevölkerungspolitik raus. 

Diese Auffassung muss man nicht teilen, und sie ist von vielen Seiten stark kritisiert worden. Diese Betrachtungen können jedoch hilfreich dabei sein, pragmatische Zusammenhänge früherer Lebensstrukturen und Folge Verstrickungen in heutiger Zeit sichtbar zu machen. Man kommt nicht umhin zu verstehen, dass der Familienzug auf einem Gleis stehen geblieben ist, während alle anderen unaufhörlich weiter fahren. 

Aber sie weiß auch: 

(..) Eine eigene Familie zu gründen, steht bei Jungen tatsächlich weit oben auf der Wunschliste. Wir erleben eine Re-Familisierung. Je unsicherer die Welt, in der wir leben und arbeiten, desto grösser die Sehnsucht nach einem stabilen Rückzugsort. 

Denkt man diesen letzten Satz zu Ende, wünscht man jungen Menschen nichts mehr als diesen Rückzugsort. Doch dieser Rückzugsort kann nicht alleine leisten, was in ihn hinein gewünscht wird. Womit wir wieder bei den Ursachen von Überforderung wären. 

Wo stehen wir.

Berufstätigkeit geht heute mit hoher Einsatzbereitschaft, selbstverständlicher Erreichbarkeit, maximaler Flexibilität, gewünschter Ortsungebundenheit bei gleichzeitig oft befristeten Berufsperspektiven einher. Ich kann es auch so zusammen fassen. Gefordert wird weit mehr als produktive Leistung. Es wird erwartet, dass Privates nicht mehr Privat ist. Sicherheit und Planbarkeit sind "Zuhause" ausgezogen.   

Das Ökonomische dringt ins Soziale. 

Im Arbeitsmarkt herrscht Konkurrenz Denken, Kosten-Nutzen-Logik und Profit Maximierung. Im Familienleben hingegen ist emotionale Zuwendung und Empathie wichtig. Die Werte beider Sphären widersprechen einander. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf entspricht daher der Quadratur des Kreises. All das, was das System im einen Bereich trägt, bringt es im anderen zum Scheitern.

Und wo geht’s hin.

Der Zug fährt weiter. Jetzt ins digitale Zeitalter. Und immer noch haben wir uns in Sachen Familienmodell keinen Millimeter bewegt. Jetzt werden alte Trennlinien, die die Industrialisierung erkennbar zog, stellenweise wieder aufgehoben. Aber es geht nicht zurück zu „Familie und Handwerk“ unter einem Dach, gestützt von einer Großfamilie. Jetzt dringt die Wirtschaft tiefer in die Kleinfamilie ein. Strukturen lösen sich weiter auf als je zuvor. Man hat überall erreichbar zu sein, egal wohin man sich flüchtet. Gewissen Berufsständen wird dies zu mehr Gestaltungsfreiheit verhelfen. Für andere kann jedoch gelten: Die geschrumpfte Familie verschmilzt mit der Arbeitswelt. 

Die extremste Folge, die heutzutage auch schon einen Namen hat, ist nach Ansicht der Politikwissenschaftlerin: 

Regretting motherhood 

Wenn man vor Umständen kapituliert, kann Frau unter Umständen den Weg wählen, gar nicht erst in Umstände zu kommen.

Zur Familenpolitik

Unseren gewählten Volksvertretern käme die Aufgabe zu, Diskrepanzen zu ermitteln und Brücken zu bauen. Aber augenscheinlich verfolgen diese mehr den Ansatz des Feuerlöschens – je nachdem welche Baustelle in der Legislaturperiode gerade brennt. 

Die Geburtenrate ist per se im Blick zu behalten, das Bildungsniveau soll der freien Wirtschaft den Nachwuchs von morgen bescheren, Steuer- und Sorgerecht zementieren die Modelle, die wir schon haben.

Das Paradoxon: Je moderner es beruflich wird, um so mehr streben Teile der Gesellschaft nach dem Konservativen. 

Ein gesellschaftlicher Dialog zu diesem Thema lohnt sich in allen denkbaren Richtungen. 

Wenn der Glaubenssatz in Politik und Wirtschaft weiter vorherrscht, dass die Kleinfamilie alles aushalten kann, dann werden politisch Verantwortliche vielleicht eines Tages auf einem ganz anderen Gleis aufwachen. Im Zug(e) des eeewigen Wachstums kann und möchte dann vielleicht niemand mehr in ihm Platz nehmen. 

Mit diesen Gedanken verbleibt heute

Susanne Rowley


 

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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