Wir bloggen für Sie - quer durch die familienpolitische Landschaft

Montag, 30. November 2015

Autor: Susanne Rowley

Das größte Sozialpolitische Experiment der Neuzeit - die vernormte Kindheit

Besser kann man das nicht auf den Punkt bringen!


Liebe Wigwam-Freunde,

in dem von mir heute kommentierten Artikel nennt Jesper Juul das, was aktuell mit unseren Kindern in Sachen Bildung und Förderung in Einrichtungen flächendeckend veranstaltet wird,

das größte Sozialpolitische Experiment der Neuzeit.

Ergänzen würde ich diesen Satz noch mit dem Hinweis: und alle Eltern stellen ihre Kinder freiwillig dem Experiment - mit offenen Ausgang - zur Verfügung.

Bemerkenswert an fast allen Interviews mit Jesper Juul ist seine Fähigkeit, sich von provokanten Fragern nicht aufs kindheitsromantische Bulllerbü-Glatteis führen zu lassen, wenn ihm bereits in der Fragestellung scheinbar unlösbare Betreuungsdilemmas untergejubelt werden. Im Gegenteil, er führt den Frager galant zum Kern dessen zurück, worum es bei der Begleitung der frühen Kindheit nunmal gehen muss. Und das ist nicht die Verpackung, sondern immer schon der Inhalt. Weiterhin erinnert, nein ermahnt er Eltern, nicht nur an ihre Rechte, sondern auch an ihre eigene Verantwortung für das individuelle Aufwachsen ihres Kindes zu denken. Denn diese elterliche Pflicht ist fast beschwerdefrei an die Politik abgegeben worden.

Man hat ihnen gesagt, dass und wie sie mit dem Bildungs- und Förderstrom mit zu schwimmen haben, um zu verhindern, dass ihr Kind in Zukunft abgehängt wird. Diese Aussage von ganz oben genügt, um Eltern dazu zu bringen, ihr Kind dem gleichen Stress auszusetzen, dem sie selbst täglich unterworfen sind. So einfach ist das.

Und so stellt Juul Eltern gerne die Gretchenfrage nach deren Lebensstil, bei dem außer höchster Funktionalität nicht wirklich mehr viel "Eigenes" geblieben ist. Ja sogar so wenig geblieben ist, dass wir das Unwort der Qualitätszeit schon erfinden mussten. Das ist jene tolle Zeit, die uns beim Kampf ums wirtschaftliche Überleben noch geblieben ist (es sei denn wir sind im Schichtdienst versumpft), um über den längst zur Pflichtübung gewordenen Sonntagsausflug mit Kind, hinweg zu täuschen.

Sein Artikel erinnert mich sehr an die Gedankenwelt, die mich in diesem Blogbeitrag "Moderne Kindheit" bewegte: http://www.kinderbetreuungsboerse.de/wigwam-blog/wigwam/nachricht/-c3be3ff800/

Aber ich selbst lerne täglich, dass dies und vieles Andere noch lange nicht das Ende der Bildungsstange auf Kosten der Bindung sein wird. Es geht nicht nur unaufhörlich weiter, es wird zum manifestierten Irrsinn.

Ich nannte in meinem Blogbeitrag den den Ausbau der Kinderbetreuung und die Art wie er von statten geht, die Institutionalisierung der gesamten Kindheit – Jesper Juul hat eine viel treffendere Beschreibung dafür:

In seinen Augen beträgt die Vorschulzeit jetzt satte 5 Jahre, bevor es nahtlos weitergeht.

http://familylab.de/files/Artikel_PDFs/Presse_2015/Newsletter_01_2015/Wohin_mit_dem_Kind.pdf

(um den Artikel zu lesen, klicken Sie auf das Bild)

Manchmal ist ein Blick zurück in die Geschichte, aus der wir auch lernen könnten, wenn wir denn wollten, segensreich. Das heißt nicht, dass wir nur zurück blicken sollten, um Ruder herum zu reißen, es kann auch helfen, zu erkennen, was radikaler Wandel infolge noch so alles vermag. Bevor Schule als Erziehungsmittel im späten 19. Jahrhundert auf den Plan trat, gab es die sogenannten „Lehrjahre“ – also Jahre, in denen ein Verhältnis zu einem Lehrmeister mit bestimmend war für das, was und wie Kinder lernen sollten. Es waren also nicht die Inhalte allein, die Kinder vermittelt werden sollten, man hatte auch die gelebte Erfahrung des Meisters seines Faches mit im Blick. Mit "Schule" trat erstmals der Projekt-Gedanke auf den Plan, angetrieben von der Vorstellung, dass kindliche Entwicklung massenhaft kontrollierbar sein könnte und damit der Mensch von morgen ebenso. Die Forschung focussierte sich zunehmend auf die optimale Sozialisation eines Kindes; und schon immer haftet einer solchen Vorstellung irgendwie auch der Gegenpart an, dass es somit gute und schlechte Kinder geben kann.

Ähnlich verhält es sich heutzutage mit der Qualitätssicherung.

Grundsätzlich kann niemand wirklich etwas gegen gute Bildung und Förderung haben, aber es bleibt eben nicht aus, dass Standards auch darauf abzielen, Vielfalt an den Rand zu drängen. Und nicht nur Geschichte lehrt uns, dass irgendwann der Zeitpunkt näher rückt, an denen nicht Standardisiertes als störend empfunden und ggf. sanktioniert wird. Es müsste also auch jedem einleuchten, je früher im Kindesleben mit solchen Standards begonnen wird, umso tiefer mag sich dies bis in die private Familie hinein auswirken. Zu Wigwam-Gründungszeiten erinnere ich mich noch daran, dass Eltern sich mit ihrem persönlichen Einsatz, ihre Kinder groß zu ziehen, völlig alleine gelassen fühlten. Aktuell heute sehe ich die Entwicklung schon völlig ins gegenteilige Extrem verkehrt. Bereits jetzt ist es selbstverständlich, Kinder früh mit Bildungsstandards zu konfrontieren; plädiert man für "Spielen & Matschen" muss man schon heute den ein oder anderen missbilligenden Blick in Kauf nehmen!

Es riecht wieder verdächtig nach

den „richtigen Werten“ der „richtigen Betreuung“, der „richtigen Bildung“ und damit schlussendlich dem „richtigen Leben“.

Es ist ein großer Wandel im Gange, der sich nicht erst seit dem Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz vollzieht, sondern schon Jahre zuvor begann.

Jetzt wäre es noch Zeit,

die individuellen Bedürfnisse von Familien und Kindern in den Blick zu nehmen, ab und an kritisch zu überprüfen, ob die Realitäten noch dem Ansinnen entsprechen und wo warum die Interessen der einzelnen Akteure nicht nur auseinander, sondern dem Kind zuwiderlaufen. Warten wir noch längere Zeit damit abzuprüfen, was wir eigentlich da langfristig mit unserem eigenen Familienleben und der Zukunft unserer Kinder anstellen, wird es vielleicht zu spät sein, denn Gewohntes hat es an sich, dass die Hürden immer höher werden, Ungewohntes wieder einzufordern.

Ich stelle wohltuend fest, dass es keinem Interviewer bislang gelungen ist, Jesper Juul ein „Für oder ein Wider“ gegen „Fremd-Betreuung“ abzuringen, sondern er bleibt auf der Bedürfnisschiene eines Kindes und damit bei der Vielfalt der daraus einmal erwachsen sollenden Gesellschaft.

„Um ein Kind groß zu ziehen, braucht es ein ganzes Dorf“,

sagt ein afrikanisches Sprichwort. Weil wir aber zunehmend keine Dörfer mehr haben, müssen wir ein gesellschaftliches und politisches Netz für Familien weben, in dem sie sich wohl fühlen und gesund bleiben.

Wie es dazu kam, dass wir heutzutage ziemlich dringend ein ganzes Dorf brauchen, wissen Sie hoffentlich noch?

Die Globalisierung war nur ein Baustein, der der Großfamilie mit all ihren natürlichen Funktionen den Garaus machte.

Nun steht uns die nächste große Hauruckaktion ins Haus,

die massenhafte kollektive Gleichschaltung der Kindheit. Jetzt sogar der ganz frühen Kindheit – dem wertvollsten Lebenszeitraum überhaupt, denn hier wird an Basis gelegt, wovon wir im ganzen weiteren Leben profitieren und/oder mit welchen Schatten wir bekanntermaßen lebenslang zu kämpfen haben. Und wieder tun wir so, als ob wir wertvolles Kinderleben in baugleiche Teilbereiche zerpflücken könnten, in denen wir entscheiden, was wir wann warum an erklärten  Defiziten ausgleichen und was konkret wann zu fördern ist. Und das, obwohl wir wieder nicht wissen, wie sich der Verlust von jenen Komponenten, die wir unweigerlich dafür wegnehmen müssen, an anderer Stelle auswirkt.

Und es sind 2 entscheidende Komponenten, die wir jetzt über die staatliche Wupper gehen lassen.

Das ist zum einen der enge Bezug eines Kleinkindes zu vertrauten Personen, zu denen es in echter Beziehung steht, und zum anderen geben wir gerade die völlig individuelle Entscheidung, wie ein Kind aufwachsen soll, an eine höhere Macht ab!

Die abnehmenden Möglichkeiten, individuell für sein Kind zu entscheiden, haben den nur scheinbaren Vorteil, kindliche Entwicklung besser kontrollieren zu können. Was aber geschieht parallel, wenn ein Kind nicht mehr müde sein darf, wann es müde ist, nicht mehr alleine sein kann, wann es Rückzugswünsche verspürt, isst, wenn alle essen, spielt, wenn „Spielzeit“ ist. Individualität und die Mühen darum, sie zugunsten ureigener Entfaltungsmöglichkeiten zu erhalten, liegen allerorten röchelnd in der Ecke. Und das nennen wir Qualität?!

Treu seinem Ansatz gibt Jesper Juul auch zu Recht keine Antwort auf die immer gleiche Frage: Wie soll denn nun ein Kind in welchem Alter konkret betreut werden. Viele halten das für ein Ausweichen auf die eigentliche Kernfrage. Ich halte es für das was es ist: Er weist mit der Verweigerung auf die verlorene elterliche Intuition hin noch selbst zu erkennen, was für ihr Kind gut ist - und damit auf die zunehmende Gängelung und den mangelnden Mut, Rahmenbedingungen für ein individuell gutes Leben von der Politik deutlich einzufordern. Jesper Juul fordert auch Quallität zu allen „Kinderzeiten“ unabhängig von der Form. Und so lässt er sich auch nicht provozieren von Aussagen, dass seine Forderungen klängen wie: Frauen zurück an den Herd. Er fordert echte Bezugspersonen für kleine Kinder – wo die dann zu finden wären, bei der Tagesmutter, in der Kita, oder zu Hause, ist gar nicht die Frage. (Ich persönlich wüsste natürlich wo ;-) ). 

Dass die Qualität in den Kitas dermaßen grottenschlecht ist,

ist dem Ausbaudruck, also dem Zeitpunkt geschuldet, an dem die Interessenlagen sichtbar auseinander drifteten. Und kein Elternpaar steht auf! Im Gegenteil: Sie klagen das Recht auf schlechte Betreuung auch noch ein! Ich erinnere daran, dass wir ähnlich hartnäckige Strukturen schon mal bekämpfen mussten. Vor Jahren ging es noch heftig zur Sache in Sachen Rabenmutter versus Oberglucke. Auch hier war der Zeitpunkt schnell erreicht, an dem die Sache reduziert auf „richtig oder falsch“ aus dem Ruder lief, und kaum jemand wagte noch aufzustehen um seine individuellen Lebenswünsche mit und ohne Kind einzufordern.

Der neue Maulkorb für Andersdenkende ist bereits in Passung, und wehe den Eltern, die für ihr Kind „nur“ Nähe und Betreuung wünschen; diese werden sich schon bald dem Vorwurf ausgesetzt sehen, nicht „DAS deutsche Beste“ an Förderung ihrem Kind angedeihen lassen zu wollen. Und setzen sie es dennoch durch, schwant mir heute schon der Rattenschwanz von „selber schuld“, dass du es zu Hause oder bei Ommma gelassen hast.

Wir werden „gelebt“ –

zunehmend greift Politik mit fertigen Schubladen auf buntes Leben zu, und schafft es auch noch, dass wir uns schlecht fühlen, wenn wir nicht nur diese eine Farbe tragen wollen.

Statt einen Rahmen flankierend dafür vorzuhalten, dass wir uns entfalten und nach unserer Fasson glücklich werden können, lassen wir zu, dass zukünftig unsere Allerkleinsten nach Defiziten abgeklopft und einer Pädagogik ausgesetzt sein werden, die den Mangel früh aufzuspürt, statt Entfaltung zu ermöglichen. Das schlimmste jedoch ist, dass sich Politik hierbei auch noch jener Begrifflichkeiten bedient, die uns inhaltsleer ins Gehirn hämmern sollen, wir hätten sie ja jetzt - die geliebte individuelle Betreuung.

Nichts haben wir außer einer zukünftig gleichgeschalteten Kindheit, einer glänzenden Verpackung und den fast täglich auf uns niederregnenden Aussagen der politisch Verantwortlichen, dass am Glanze gerade noch gearbeitet werden muss.

Und es kommt der Tag, wie in vielen anderen Lebensbereichen schon geschehen, da werden Eltern mit monetären Anreizen geködert, ihr Kind weiter zu perfektionieren. Das ist dann der vor-letzte Schritt, alle Individualisten und Selberdenker zum Trotz aus der hochtrabenden Bildungsrepublik an den Rand zu moppen. Es ist bereits jetzt eine Norm der Kindheit erschaffen, an der wir das Kind messen. War das so gedacht?

Wenn wir nun die berechtigte Frage stellen,

wo wäre der Mittelweg, dann muss man sich zunächst die grundehrliche Frage stellen, wollen wir wirklich, dass alle Kinder in Massen aus familiären Strukturen heraus gelöst werden? Der Mittelweg wäre möglich, wenn Betreuung und Begleitung eines Kindes wieder den Stellenwert hätte, den es verdient. Und zu Recht weist Jesper Juul genau an dieser Stelle daraufhin, dass die Dänen uns nicht nur in dieser Entwicklung 30 Jahre voraus sind, sondern auch in den Erfahrungen, die sie dabei machten. >> Sollten wir nicht hellhörig werden, wenn uns die Schulen in Dänemark plötzlich zurückmelden, dass die Kinder in der ersten Klasse keine soziale Kompetenz mehr haben? <<

Und das finde ziemlich bezeichnend, denn die „soziale Kompetenz“ ist es doch, die als Hauptargument ins Felde geführt wird, warum Kinder früh eine Gruppenerfahrung machen sollen. Juul fragt also kritisch nach, ob wir da nicht einer großen Illusion aufgesessen sind. Ganz sicher sind wir das – ebenso dachte man ja auch mal, Erwachsene wären von Natur aus beziehungsbereit und beziehungsfähig. Nein, das sind sie eben nur dann, wenn sie selbiges am eigenen Leibe er-leben durften; und zwar zu einer Zeit ihres Lebens, als sie noch darauf angewiesen waren: in frühester Kindheit. Also müssen wir nicht lange fragen, warum "Beziehung" in Therapien Kernthema ist. 

In diesem Sinne

Ihre

Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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