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Samstag, 12. Juli 2014

Autor: Susanne Rowley

Das Betreuungsverhältnis ist Zusammenklang nicht Gleichklang

Zitat von * Ernst Ferstl


Das gilt insbesondere für das Betreuungsverhältnis Eltern - Tagesmutter/-vater. Auf jeden Fall bedarf es eines Vertrauensvorschusses und nicht - Prüfen, bis der Patient tot ist ;-).

Liebe Wigwam-Freunde,

aber laufen nicht Gleichklang und Zusammenklang im Prinzip auf das selbe hinaus? höre ich sehr oft. Nein, Gleichklang und Zusammenklang unterscheiden sich sogar ganz erheblich.

In der Kindertagespflege würde Gleichklang bedeuten,

die Erwartung zu hegen, das Kind solle von einer Tagesmutter/-vater ebenso wie zu Hause betreut und umsorgt werden.

Zusammenklang hingegen

ermöglicht Vielfalt im Anderssein, und stellt damit eine grundlegende Form von Akzeptanz und Annahme der beiden „Partner“ vor dem Kind dar, die einander zum Wohle des Kindes aus-erwählt haben.

Zeitgleich entsteht etwas sehr Wichtiges;

nämlich eine Erfahrung für’s Kind, die weit über das Kennenlernen der betreuenden Familie hinaus geht. Kinder erfahren die Erlaubnis ihrer Eltern und damit Freiraum und Luft für sich, neue Erfahrungen in ihrem Leben machen zu dürfen, indem Eltern es ein Stück loslassen, um die Um-welt eigen-mächtig zu erfahren - auch auf die Gefahr hin, dass diese Erfahrung nicht perfekt war. Und diese Erfahrung ebnet den Weg hin zu sich selbst.

In diesem Akt liegt „wortlos“ ganz viel verborgen!

Eltern erfüllen ihre naturgegebene Aufgabe! Die Aufgabe beinhaltet von Geburt an das Ab-nabeln von sich selbst.

Das Kind begleiten auf seinem Weg ins Erwachsenwerden, es fit machen für sein Leben, das wir ihm bedingungslos schenkten. Wünsche haben wir als Eltern ganz viele, aber Bedingungen beinhalten Ausschluss, der am Entfalten hindert.

Beim Hinschreiben dieser Worte fühle ich

meine eigene tief verwurzelte Liebe zu meinen Kindern, meine Aufgabe und mich als Mutter, die oft gerne etwas anderes tun würde, weil sie nicht verlieren möchte. Aber die Mutter in mir weiß, dass ich sein-lassen muss, um wirklich Möglichkeiten zu schenken und dann auch erhalten!

Wie finde ich die richtige Tagesmutter für mein Kind?

Wie baue ich ein gutes Betreuungsverhältnis auf, das dieses Gedankengut weiterträgt?

In den Beratungsgesprächen mit Eltern

stelle ich immer wieder fest, dass diese zu Beginn der Suche nach der "richtigen Tagesmutter" nicht recht wissen, woran sie ihre Wünsche und Vorstellungen fest machen sollen. Der Grundansatz ist natürlich immer der gleiche; jede Mutter und jeder Vater möchte für sein Kind nur "das Beste". Die Eltern möchten zu recht, dass es dem Kind gut geht, es liebevoll betreut und gefördert wird, soziale Kontakte zu anderen Kindern bekommt und vieles mehr.

Aber worauf achtet man bei der Suche nach der "richtigen Tagesmutter".

Auf pädagogische Grundsätze, die sie gelernt hat? Auf den nachgewiesenen Förderansatz im Erziehungskonzept? Auf die Vorerfahrung ihrer betreuenden Tätigkeit? Auf die Gruppengröße von Kindern, die sie betreut? Auf Altersstrukturen der anderen Tageskinder, die eine Tagesmutter bereits hat? Auf das Wohnumfeld? oder auf alles?

Mal abgesehen von der Tatsache, welchen Auftrag eine Tagesmutter innerhalb der Tagespflege hat, und welche Kompetenzen sie grundsätzlich mitbringen sollte, richtet sich die Aufmerksamkeit in erster Linie auf die Frage, wie geht es dem Kind bei der Tagesmutter. Von daher tendieren einige Eltern dahin, die Wahl der Tagesmutter vorrangig am Verhalten des Kindes bei Besuchen und der fortschreitenden Eingewöhnung festzumachen- sie prüfen also, wieviele Spielzeuge das Kind beim 2. Besuch bereits umgedreht hat, oder ob das Kind sich auf den Arm nehmen ließ. Aber was, wenn alle Spielzeuge 5 x umgedreht sind, Langeweile einkehrt, weil alles Neue bereits entdeckt wurde. Und was tun, wenn das Kind noch sehr klein ist, man es nicht wirklich fragen kann, es sich vielleicht momentan ohnehin in der Fremdelphase befindet und hin und wieder weint?

Bei dieser Form der Fragestellung wird einem schnell bewusst, dass wir etwas getan haben, was wir nicht tun sollten:

Wir haben Verantwortung, die uns obliegt, auf das Kind übertragen.

Aus dem Blickwinkel "für" das Kind und damit wieder im Verantwortungskreis der Eltern müsste die Frage viel eher lauten: Wie geht es den Erwachsenen miteinander?

Besonders kleine Kinder orientieren sich an den sichtbaren und unterbewussten Botschaften die Eltern und Tagesmutter miteinander aussenden. Ein entspanntes Verhältnis zwischen beiden signalisiert dem Kind:

hier ist die Welt in Ordnung - hier kann auch ich mich entspannen.

Die Qualität der Erwachsenenbeziehung

ist somit die wesentlichste Voraussetzung für den Aufbau und das spätere Gelingen eines Betreuungsverhältnisses - neben dem Anspruch zur Bildung, Erziehung und Betreuung eines Kindes. Also kann man als Antwort ganz klar festhalten. Wenn Eltern das Beste für ihr Kind suchen und umsetzen möchten, so ist die gute Anfangschemie zwischen den Erwachsenen das 1. Qualitätsmerkmal, das anzusetzen ist.

Das Betreuungsverhältnis ist eine Form der Partnerschaft,

aus der nur dann letztendlich ein gutes Betreuungsverhältnis wird, wenn beide Seiten offen sind in den Entwicklungsprozess einzusteigen. Hilfreich ist dabei selbstverständlich, wenn die Tagesmutter sich ihrer Rolle bewusst ist, ihre Kompetenzen tatkräftig einbringt und somit den Beziehungsprozess moderiert. Denn meistens sind es die abgebenden Eltern, die unsicher dem neuen Verhältnis und den sinnvollen Regeln und Abläufen gegenüberstehen.

Das gute Betreuungsverhältnis ist ein Balanceakt,

der seinen Anfang nur und ausschließlich in der guten Chemie findet, die ausreichen muss, um alle anderen wichtigen Voraussetzungen, die in der Tagespflege von Belang sind, auf- und auszubauen.

Wenn ich mit Eltern,

die noch keine Betreuungserfahrung haben und deren Kind noch sehr klein ist, über diese Startgedanken spreche, höre ich sehr oft, Unsicherheiten zu diesem Thema heraus. Viele Mütter/Väter sind der Meinung, dass die Chemie zweitrangig sei; die Tagesmutter solle das Kind pädagogisch fördern, sich an Absprachen halten, flexibel sein, ganz einfach ihren Job verstehen und die Kompetenz in der Tagespflege mitbringen - dann hätten sie Vertrauen zu ihr – sonst nicht. Das Tagesmütter all diese Fähigkeiten nur dann "gewinnbringend" an die Eltern bringen können, wenn die Bereitschaft zur Zusammenarbeit da ist, weil die Chemie stimmt, realisieren die meisten Eltern erst, wenn sie mitten drin stecken.

Das Betreuungsverhältnis steht und fällt

mit der Grundakzeptanz und dem gegenseitigen Vertrauen – und der Lerneffekt für’s spätere Leben, der genau hier für’s Kind spielerisch verborgen liegt, wird enorm unterschätzt.

Wenn man aber weiß, dass Kinder Schauen und Nachahmen, wird der Wert sofort bewusst. Jede Partnerschaft bringt Konfliktpotential zu tage - wird durch Reibungen und gelebte Lösungen erst richtig gut. Beide Seiten brauchen also zum Start die klar formulierte Grundbereitschaft, dieses wirklich zu wollen, zu erkennen und gemeinsam auszuräumen

– und nicht einander zu prüfen, bis der Patient tot ist.

Nur so findet man die Balance zwischen Nähe und Distanz, Eifersucht und Konkurrenzverhalten, kann Erwartungen und Enttäuschungen offen formulieren, tragfähige Lösungen erarbeiten, Misstrauen in Vertrauen umwandeln.

Das ist ein Weg,

der erst mal zu gehen ist – zugegeben – aber einer der formuliert und willentlich gegangen wird – und NUR das macht in wert-voll für ein Kind, weil es dabei zusieht. Sehr erfahrene Tagesmütter, mit denen wir seit Jahren zusammenarbeiten, beschreiben, die kritischen Themen in der Praxis in etwas so:

Zum Thema Akzeptanz:

In der Tagespflege treffen 2 Frauen/Väter/Familien aufeinander deren Lebensentwürfe im Grundsatz völlig verschieden sind. Eine Tagesmutter hat sich entschieden bei den eigenen Kinder zu Hause zu bleiben, und die berufstätige Mutter spiegelt ihr den gegenteiligen Lebensentwurf wider. Allein dieser Umstand kann im Alltag zu erheblichen Spannungen, zu Konkurrenzverhalten und im schlimmsten Falle zu einem Wettbewerb führen, wer die bessere Mutter für das Kind ist. Diese Tatsache kann man nicht auslöschen, man muss sich nur dessen bewusst sein und damit umgehen lernen.

Warum?

Weil man erklärterweise die andere Seite will, braucht – und ein solches Verlangen hat nur dann seine Berechtigung, wenn man bereit ist, zu geben und zu nehmen, was da kommen mag.

Zum Thema Vertrauen:

Anders als in einer Kita gehen Eltern tagtäglich im privaten Haushalt einer Tagesmutter ein und aus. In einer öffentlichen Einrichtung ist der Ablauf programmatischer festgelegt und Eltern wissen darum, dass sie sich hier mehr in vorgefertigte Abläufe fügen. Bei einer Tagesmutter hilft da nur der regelmäßige Austausch über den wahren Erziehungsalltag - also ist der Weg zum Vertrauen die tägliche Kommunikation und das aktive Miteinbeziehen von Eltern. Eltern sind und bleiben für eine gute Tagesmutter immer noch der kompetenteste Partner für ihr Kind und doch führt die Tagesmutter im Alltag Regie.

Diesen Balanceakt kann die Tagesmutter schaffen, wenn sie den Informationsfluss nie versiegen lässt und Eltern stets Raum gibt, Unsicherheiten aussprechen zu können. Hierbei ist eine wertfreie Haltung hilfreich, denn aller Anfang ist schwer. Eltern dürfen unsicher sein, ob ihr Kind schon in einer Gruppe zurechtkommt, ob es nicht zu früh ist, es überhaupt betreuen zu lassen. Hier werden die Eltern bei einer guten Tagesmutter "aufgefangen", die Bedürfnisse werden ernst genommen, Erfahrungswerte erzählt, Lösungswege aufgezeigt und erfahrbar gemacht.

Sobald die Eltern Vertrauen gefasst haben, schaffen es nämlich auch die Kinder – nein, in Wahrheit: nur dann!

Vertrauen braucht Zeit und darf wachsen - nichts kann im zwischenmenschlichen Bereich "hergestellt" werden.

Die Grundbasis für ein berechtigtes Vertrauen ist nicht Perfektion und ein immerzu garantiertes Gelingen, sondern Ehrlichkeit und ein authentisches Verhalten, auch wenn das heißen mag, dass eine Schwäche sichtbar wird.

Eine „gute Tagesmutter“ weiß,

was Sie kann, was sie will, und wo die Grenzen ihrer Belastbarkeit erreicht sind. Sie sagt nicht JA, wo Sie "eigentlich" NEIN meint und das Wort "JEIN" kennt sie schon gar nicht.

Eine Tagesmutter bietet nicht nur etwas, sie formuliert auch Erwartungen, Regeln, die sie für ihre Abläufe braucht, steht zu Visionen, die sie an ihren Berufsstand knüpft und bleibt sich selbst dabei treu.

Eine erfahrene Tagesmutter weiß,

dass die Erwartungen an sie zu Beginn immer sehr hoch gesteckt sind, weil die Eltern ihr nun mal das Wichtigste anvertrauen, was sie haben - Ihr Kind!

Aber sie macht den Eltern auch klar, dass sie keine Übermütter ist, dass sie auch eigene Kinder hat, Freiraum für private Erledigungen braucht, gerecht entlohnt werden möchte etc.

Zum Thema " richtige Nähe und Distanz"

Da es sich in der Tagespflege um eine Mischung aus persönlichem Freundschaftsverhältnis und Geschäftsbeziehung handelt, ist dies ein besonders kritischer Punkt. Am einfachsten wäre dem zu begegnen, wenn man grundsätzlich beim "Sie" bleibt, akzeptiert, dass eine bestimmte Form von Nähe auf gewissen Gebieten nicht erreicht werden kann. Viele erfahrene Tagesmütter berichten aber, dass sie das auf Dauer nicht durchhalten, da man sich doch gerade aufgrund der guten Chemie sehr sympathisch ist. Das sollte jede Tagesmutter nach ihren Möglichkeiten und ihrem Wesen nach selbstverständlich frei entscheiden – dann aber auch handhaben können!

Wenn Sie das "Du" angeboten hat, so ist es besonders wichtig, auf die nötige Abgrenzung im alltäglichen Verlauf des Verhältnisses zu achten und einmal gezogene Grenzen nicht aufweichen zu lassen. Hier gilt "wehret den Anfängen", wenn mal die Windeln fehlen, oder das Mitbringen des Betreuungsgeldes vergessen wurde, oder die Eltern sich verspäten. Das einmalige darüber hinwegsehen, kann schon der Grundstein für weitere Grenzüberschreitungen sein. Eine selbstwerte Tagesmutter spricht diese Themen immer sofort an, bevor sich negative Gefühle und mögliche Mutmaßungen in ihr aufbauen. Die Tagesmutter macht deutlich, dass einmalige Vorkommnisse nicht schlimm sind, das Betreuungsverhältnis auf lange Sicht aber darunter leiden kann.

Sie zeigt also nicht nur Missstände, sondern auch Lösungen auf und bleibt bei sich.

Ein gern angeführtes Beispiel:

Thema "Unpünktlichkeit"

Wohlwollende Tagesmutter, die nicht wissen, warum und was sie da tun, bieten Angriffsfläche. Die Tagesmutter sollte ganz explizit nach dem Grund des Zuspätkommens fragen. Nur so erfährt sie, ob es eine Ausnahme war, oder ob die Eltern grundsätzlich die Haltung mitbringen, dass es auf eine Viertelstunde früher oder später nicht ankommen sollte. So hat eine Tagesmutter früh die Möglichkeit, noch einmal zu reflektieren, ob sie bereits beim ersten Kennen lernen zu viel Großzügigkeit signalisiert hat und selbst zur Grenzüberschreitung beiträgt, oder ob es sich um eine Ausnahme auf Elternseite gehandelt hat. Nur dann hat eine Tagesmutter die Möglichkeit, ihre Grundsatzhaltung zum Thema Pünktlichkeit noch mal deutlich dagegen zu setzen. Gegebenenfalls kann dann der Betreuungszeitrahmen nach hinten erweitert werden, um weiteren hausgemachten "Enttäuschungen" entgegenzuwirken, oder die Eltern konnten zufriedenstellend klären, dass eine Wiederholung nicht wahrscheinlich ist. Und wenn gar kein Reden hilft, so hilft nur die gemachte Erfahrung auf Elternseite.

So berichtete eine Tagesmutter, dass die Eltern erst dann wirklich pünktlich waren, als sie beim Abholen eine verschlossene Tür vorgefunden haben und ihrerseits warten mussten, bis die Tagesmutter mit Tageskind vom Einkaufen wieder zurück war.

Aber dieser Weg muss selten gegangen werden - denn die meisten Eltern zeigen Einsicht, wenn sie verstehen, dass auch ihr Kind......wartet!

Das Thema „gute Tagesmutter/-vater“ bietet für mich sehr viel er-fahrenen Raum und hat immer ganz viel zu tun mit Persönlichkeitsentwicklung auf und innerhalb des Weges und ganz wenig mit ge-wollter und aufgesetzter Perfektion.

Die Frage muss bleiben,

was möchten wir Kindern mit auf ihren Lebensweg geben, um deren Eigenentfaltung zu ermöglichen.

Und wenn wir uns genau dieser Frage ehrlich stellen, können wir ganz schnell entlarven, welche Anliegen dem Be-Ruf im Wege stehen.

Im Wege stehen immer die Dinge,

mit denen wir ausschließlich eigene Defizite füllen möchten; also etwas wofür wir im eigenen Leben keine Lösung hatten und was uns fest hielt.

Was nicht heißen soll,

dass uns der Beruf nicht erfüllen darf! Im Gegenteil – dies sollte er auf jeden Fall – aber wir sollten schon wissen, warum er das tut. Dienlich sein sollte uns also vorrangig die „Freude am Weitertragen“ ohne Anspruch auf Übernahme dessen, was uns persönlich weitergetragen hat.

Das ist wahrlich Kunst "am Bau des Lebens",

an der ich mich im Hinblick auf meine eigenen Kinder und die Beratung von Eltern täglich versuche – und auch so manches Mal sichtbar gescheitert bin.

Aber das ist Leben, in dem ich nicht umhin komme, mich zu zeigen.

Ich wünsche allen, die uns und unsere Themen mögen, ein schönes Restwochenende - und: lassen Sie nichts liegen, was es wert gewesen wäre, auf-gehoben zu werden

Liebe Grüße

Eure Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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