Wigwam Blog

Dienstag, 1. Juni 2004

Autor: Susanne Rowley

Briefe zu "Darüber spricht man nicht"

Resonanz zu meinem Mai-Info-Brief-Thema

Hallo liebe Wigwam-Freunde, Zu meiner großen Freude bekam ich sowohl mündliche als auch schriftliche

"Darüber spricht man nicht....".

Wir haben darüber gesprochen - und offensichtlich habe ich damit eine empfindliche Seite der Tagespflege angezapft - und das ist gut so! Leider habe ich keine schriftliche Post von Tagesfamilien erhalten, sonst hätte ich auch diese in Ausschnitten hier veröffentlicht. Es sind aber Anrufe von Tagesmüttern eingegangen, und es hagelte mächtig Kritik, über deren Inhalt ich zusamenfassend zuerst berichten möchte. 

Während die abgebenden Mütter

die Hauptlast des Problems in der gesamtgesellschaftlichen Grundhaltung erkennen, bemerkten die Tagesfamilien auch andere Ursachen. Zusammengefaßt sahen diese die Diskrepanzen nicht nur in der gesellschaftlichen Haltung, sondern auch in der allgemeinen Unkenntnis und der daraus folgenden mangelnden gegenseitigen Aktzeptanz "beider Lager" und ihrer Lebensentwürfe. Die Tagesmütter berichteten mir, sie spürten oft deutlich eine mangelnde Anerkennung ihrer Leistungen von der berufstätigen Frauenseite und empfänden sich des öfteren als "notwendiges Übel", wenn Krippenplätze fehlten; so nach dem Motto: ....das bißchen Hauhalt......oder: Tagespflege das kann doch jede, das Tageskind laufe doch so nebenbei einfach mit. 

Es spielten in den Argumenten der Tagesmütter

neben allgemeiner Unkenntnis auch deutlich zu spürende Vorurteile und Neid der abgebenden " argumentierte eine Tagesmutter aus Mainz. Die Meinung der Tagesmütter ging auch dahin, dass von ihnen stets erwartet würde, behutsam mit Schuld- und Ablösegefühlen von berufstätigen Müttern umzugehen, was gar nicht so einfach sei - und das "aus dem Stand", ohne die abgebenden Familien erst besser kennenlernen zu können. Viele waren der Meinung, zunächst müsse von den abgebenden Eltern ein klares Signal des Respektes vor dem Berufstand an sich gezeigt werden. Statt dessen sähen sich die Tagesfamilien im ersten Schritt oft in der "Beweispflicht" ihrer Fähigkeiten, was bis zu einem gewissen Grade auch verständlich sei - dies dürfe aber nie soweit gehen, dass negative Wertungen am Beginn eines Verhältnisses stünden. "Wir sollten mal die Rollen tauschen" schlug eine Tagesmutter vor - "und wenns nur für 1 Woche wäre". 

Da ist was dran,

dachte ich mir im Anschluß; die versöhnlichsten Töne hörte ich in der Tat von den Frauen, die beides bereits geleistet hatten - Beruf und Familie verbinden, sowie die Betreuung von Tageskindern im eigenen Haushalt. 

Eine Tagesmutter

sah das Hauptübel in der schlechten Entlohnung der Tagesfamilien - "wir leben doch in einem Staat, in dem das Motto herrscht: Was wenig kostet, ist auch wenig wert.... - oder - gute Ware hat ihren Preis." Wenn man sich nun den Lohn einer Tagesmutter näher betrachte, so sei es in keinster Weise verwunderlich, dass der Respekt gegenüber den Leistungen zu wünschen übrig ließe. Und so sei auch der gewisse "Neid" zu erklären, der durch die mangelnde Gleichberechtigung der Frauen seinen Nährboden schneller fände. 

Eine andere Tagesmutter

fand es abgedroschen, dass man sich bei jedem Tabu-Thema auf die allgemeine Gesellschaft und deren Haltung beziehe. "Die Gesellschaft sind wir - meinte sie - "und wir müssen endlich lernen, nicht wie die Lämmer auf der Weide mitzunicken, sondern sollten endlich lernen, jeden einzelnen Menschen und seine Geschichte individuell zu betrachten"; und das täte sie auch bei jeder abgebenden Familie, deren Kind sie betreue. Es gäbe durchaus Mütter, denen man dringend anzuraten hätte, beruflich mal kürzer zu treten, statt mit ihrem Kind von einem Verhaltenstherapeuten zum anderen zu laufen - andererseits gäbe es für eine Frau nichts schöneres, den Wind der Berufsluft zu schnuppern, noch ein Leben "draußen" führen zu können, ohne das dabei die gegründete Familie zu kurz käme, und dies sei ihr auch zu gönnen.

Hier nun Ausschnitte von Briefen, die mich von der Seite der "abgebenden Eltern" erreichte:

>> Liebe Frau Rowley,

Als nicht-deutsche Frau habe ich selbstverständlich eine Meinung zu diesem in Deutschland ganz emotionalen Thema. Eigentlich hatte ich aufgehört dieses Thema in Deutschland überhaupt zu kommentieren oder darüber zu diskutieren, da ich wie Sie festgestellt habe, dass dieses Thema Tabu ist. ABER Ihrer Aufforderung, doch Meinungen dazu hören zu wollen, möchte ich jetzt gerne folgen....

In anderen Ländern ist es 'normal', dass die Frauen nach 1/2 oder 1 Jahr wieder arbeiten gehen. Die Kinderbetreuung wird vom Staat garantiert und die Kinder wachsen also von ganz klein an damit auf, mehrere Bezugspersonen zu haben. Sie lernen mit anderen Kindern zu spielen, Sachen zu teilen und für ihre Rechte zu kämpfen. M.E. sind diese Kinder häufig sehr selbständig und ausgeglichen. Sollte diese Art und Weise Kinder zu erziehen falsch sein oder für die Kinder schlecht sein, hätten wir schon vor 30 Jahren Nationen von verrückten Kindern gesehen.

Selbst habe ich nach einem halben Jahr nach der Geburt angefangen wieder Vollzeit zu arbeiten. Manche Sprüche, die Sie auch genannt haben, musste ich mir auch anhören - und das nicht nur von Fremden, sondern auch von Freunden. Z.B. Rabenmutter - und die Frage 'warum hast du überhaupt ein Kind bekommen?'

Für mich war es immer klar, dass zu meinem Leben auch Kinder gehören. Ich finde es SEHR TRAURIG, dass so viele deutsche Frauen sich dazu gezwungen fühlen, zwischen Beruf und Kindern zu wählen. Ich weiß nicht ganz genau aus welchem Grund. Weil die Umwelt es verpönt beides zu wollen, oder weil sie sich selbst im Wege stehen?

Ich liebe meinen Job. Ich habe keine Ambitionen mich weiter hoch zu kämpfen - ich möchte einfach nur meinen Job machen - und den gut machen. Ich brauche die Bestätigung durch meine Arbeit und von meinen Kollegen - ist das so schlimm? Manche meiner Bekannten schreien ihre Kinder an, weil sie am Ende des Tages erschöpft sind und kein Kindergeschrei mehr hören können. Am Ende meines Tages spiele und lache ich mit meiner Tochter, weil wir uns beide freuen. Von der Arbeit hole ich Energie um mit meiner Tochter zusammen zu sein, sowie ich von meiner Tochter auch Energie hole um meinen Job gut zu machen. Eine super Ergänzung! Ich liebe meine Tochter mehr als alles andere auf dieser Erde - aber ich brauche auch ein Leben neben ihr. Für mich gehört meine Tochter zu meinem Leben - genau wie mein Mann, mein Job und meine Freunde. Ich denke, diese Konstellation macht aus uns eine ausgeglichene Familie mit einer prachtvollen Tochter, in der wir uns alle drei respektieren und uns freuen auf das Zusammensein.

Es ist ein sehr häufig verwendeter Ausspruch zu sagen, dass manche Frauen sich in ihrem Job verwirklichen wollen. Das ist so ein leerer Spruch! Irgendwie dürfen Männer ihre Bestätigung gerne beruflich holen - aber wenn Frauen dies machen, sind sie egoistisch. Wo ist die Gleichberechtigung? Warum dürfen Frauen ihren Job nicht mögen und gerne tun? Noch ein Vorteil des Arbeitens ist, dass mein Mann und ich uns als gute "Sparringspartner" nutzen, wenn berufliche Fragen entstehen. Wenn ich 'nur' zu Hause wäre, hätten wir diesen wichtigen Punkt in unserem Leben nicht mehr, und wir würden uns voneinander entfernen -befürchte ich.

Ich möchte mit meiner Email nicht die deutschen Frauen vor den Kopf stoßen oder sagen, dass die meisten (weil es doch die Mehrzahl ist) ihr Leben – meiner Meinung nach falsch leben. Ich denke, dass jeder für sich entscheiden muss, was ihn oder sie glücklich macht. Ich bitte nur darum, darüber mal nachzudenken, dass das Leben auch anders gelebt werden kann als immer nur die klassische Variante, 3 Jahre nach der Geburt zu Hause zu bleiben. Ich bitte nur um Respekt und Akzept für die Entscheidung, die mein Mann und ich für unser Leben getroffen haben. Viele liebe Grüße Anja G. 

Liebe Frau Rowley, ein heikles Thema. Gott sei dank gab es zwischen mir und meiner Tagesmutter in dieser Hinsicht keinerlei Probleme. Schon bei unserem ersten Telefonat habe ich ihr erzählt, dass ich gerne wieder arbeiten gehen möchte, weil mir der Job großen Spaß macht. Ein weiterer Grund fürs Arbeiten ist, dass wir zu zweit unser Haus abbezahlen müssen/wollen. darufhin hat meine Tagesmutter sehr souverän reagiert: Sie meinte, in anderen Ländern sei es selbstverständlich, dass die Frauen nach der Geburt relativ schnell wieder zur Arbeit gingen. Keiner würde eine Frau dafür schräg anschauen. Meine Tagesmutter meint, dass wir Deutsche damit ein Problem hätten. Und ich glaube, dass stimmt auch wirklich: Freunde von uns leben in Frankreich und da gibt es eine ganz andere Familienpolitik, die die Frauen viel mehr unterstützt. Folglich herrscht auch ein anderes Frauenbild in der Öffentlichkeit vor. Leider haben unsere Politiker es Jahrzehnte lang versäumt, Familien entsprechend zu fördern. Aber jetzt sind wir ja auf einem guten Weg ...herzliche Grüße Silke H. 


Sehr geehrte Frau Rowley,
Ihre letzte Mail zum Thema "berufstätige Mutter" fand ich sehr interessant, da ich persönlich auch immer wieder auf Mütter treffe, die mich aufgrund meiner positiven Einstellung zu "Berufstätigkeit und Kinder" verurteilen oder zumindest schief anschauen; insbesondere weil es bei uns keine finanzielle Notwendigkeit ist. Aber manchmal sind es nicht nur Mütter sondern auch Väter (der älteren Generation), die meiner Berufstätigkeit ablehnend gegenüberstehen (ihre Ehefrauen sind meist sofort und komplett zu Hause geblieben). Manchmal frage ich mich, ob es nicht sinnvoller wäre, jeden nach seiner "Fasson" glücklich werden zu lassen und nicht jeden mit seiner persönlichen Meinung zu beglücken." Mit freundlichen Grüßen Dr. Jeanette R.  <<

Ich möchte diese Zeilen gerne unkommentiert so stehen lassen - wenn Sie liebe Eltern und Tagesfamilien hierzu noch etwas loswerden müssen, kann ich nur sagen: 

Nur zu.

Es grüßt herzlich
Susanne Rowley

WIGWAM 1994
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