Wigwam Blog

Freitag, 6. November 2015

Autor: Susanne Rowley

Bindungserfahrungen sind jede Anstrengung wert.

Kindertagespflege hat noch immer nicht den Stellenwert,

 

den ich ihr in der Betreuungslandschaft gerne eingeräumt sehen möchte.

Das stimmt mich stellenweise traurig nach nun fast 23 Jahren Einsatz für diese Betreuungsform. Aus Sicht der Gesellschaft und dem Bild, das ihr durch Medien und auch (leider) stellenweise in den Foren der sozialen Netzwerke zugetragen wird, aber auch aus meinen persönlichen Erfahrungen in Vorstellungsgesprächen mit Menschen (vorwiegend Frauen), die sich dem Beruf zuwenden möchten, kann ich es sogar verstehen, dass wir in der Außenwirkung und politisch real nicht wesentlich weiter gekommen sind.

Rahmenbedingungen, die ein Staat einem Beruf zur Verfügung stellt,

sind nun mal zu einem großen Teil mit entscheidend dafür, wer auf gutem Niveau bei der Stange bleibt und sich dem Beruf zuwenden möchte. Zu einem großen Teil sage ich deswegen, weil es selbstverständlich immer Menschen gibt und geben wird, die sich auch von miesesten Rahmenbedingungen nicht abschütteln lassen und ihren Herzensberuf mit Liebe gestalten.

Wie noch etwas bewegen, frage ich mich

nach so vielen Jahren und unzähligen Blogs, die ich zu diesem und artverwandten Themen verfasst habe.

Vorleben – ok –

das ist eine Sache, und das tun wir auch im Wigwam tagein tagaus.

Aber vielleicht ist es auch an der Zeit, deutlicher zu werden, und das Bild der Kindertagespflege im öffentlichen Horizont zu erweitern und in neue, zusätzliche Zusammenhänge zu bringen. Dieser Betreuungsform erwachsen bei guter Ausgestaltung Chancen, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen, aber auf den zweiten Blick nicht von der Hand zu weisen sind!

Um meinen folgenden Text innerlich auch zulassen zu können, möchte ich Sie bitten, sich auszumalen, was durch den Wegfall der Großfamilie von früher an Lücken entstanden ist...

haben Sie's ?

Kindertagespflege steht für mich nicht nur für eine gelingende Vereinbarkeit von Beruf & Familie, weil sie flexibel ausgestaltbar ist. Sie steht für mich auch nicht nur ganz vorne, weil sie die entscheidene Bindung in der frühkindlichen außerhäusigen Betreuung bietet.

Kindertagespflege ist Begleiter mit möglicher Langzeitwirkung

Sie ermöglicht "unter Umständen" sogar (über) lebenswichtige Bindung in weiten Zusammenhängen!

Dass Bindung per se wichtig ist, streiten die verschiedenen Lager pro und contra Betreuung nicht ab. Aber die Konsequenzen, die beide Lager ziehen, tragen Scheuklappen. Denn die eine Seite des Lagers sieht Bindung nur im "innerhäuslichen Bereich", und Bildung in der klassischen Einrichtung. 

Worauf ich hinaus möchte

Schauen wir uns die vielfältigen guten und weniger guten, und auch gerne die verheerenden Erziehungsstile und -ziele von Familien an. Schauen wir uns bitte auch die Gewalt- und Missbrauchsstatistiken in unserem Lande an, müssen wir zugeben, die Zahlen sind erschütternd. Wenn wir glauben, was tagtäglich hinter Nachbarstüren so geschieht, und sehen wir dann noch den sofortigen tiefgreifenden Handlungsbedarf, den wir diesen Kindern schuldig sind, an, müssen wir zugeben, wir sind nicht in der Lage "frühe Kindheit" unter den Schutz zu stellen, den sie verdient!

Lassen wir dann noch den Gedanken zu, dass durch die globalisierte Arbeitwelt "Familie" zu einer ziemlich (kl)einzelligen Angelegenheit geworden ist, die nicht nur auf sich alleine gestellt alle Rollen in sich zu vereinen hat, sondern in die wir genau aus diesen Gründen weniger natürlich gewachsene Einblicke haben, dann müssten wir uns fragen, mit welchem Instrument es möglich wäre, aus "Einzellern" wieder "Mehrzeller" zu machen.

Die Großfamilie von früher war eben nicht nur Entlastung für die junge Familie, sie war auch Wächter und Hüter der selben

und

sie konnte noch etwas ganz Entscheidendes:

Sie eröffnete Kindern einen zusätzlichen Horizont ihrer frühkindlichen Erlebniswelt,

Und dieser zusätziche Horizont kann, wenn der innerfamiliäre Horizont keinen Ausblick bietet, ergänzend, differenzierend, heilend hinzutreten.

Kindertagespflege als Kleinfamilien-Begleiter!

Kindertagespflege ist nicht nur im Augenblick, da ein Kind „gepflegt“ wird eventuell entscheidend, sondern sie kann eine verbleibende Ressource für’s ganze Leben bieten.

Stellen Sie sich einfach vor: (Video 2)

ihre Ursprungsfamilie bietet nicht die Nestwärme, die Zeit, die gesunde Umgebung, die ein kleines Kind braucht. Dann ist das die einzige „Erfahrungswelt“, die ein kleines Kind mit in seine spätere Entwicklung nehmen wird. Stellen wir unseren Kindern eine funktionierende, pflegende, wertschätzende und liebende Welt zusätzlich an die Seite, kann das der entscheidende Dreh- und Angelpunkt sein, der diesem Kind in früher Entwicklungszeit das Rüstzeug mit ins Leben gibt, um a) schlechtere Startbedingungen nicht nur zu kompensieren, sondern b) gewinnbringend einzuordnen.

Ein hervorragendes Beispiel dafür bin ich selbst. Und ist die Autorin, Dami Charf, die ich Ihnen in 2 Videos, die es wirklich wert sind, anzusehen, ans Herz legen möchte.

Sie widmet sich in ihrer Arbeit frühkindlicher und erwachsener Traumata. Traumata, liebe Wigwam-Freunde, sind nicht immer nur die schrecklichen Ereignisse, die man sich auf die Schnelle darunter vorstellt, im Gegenteil:

Trauma ist schlicht und einfach eine Entwicklung oder ein Ereignis, das unsere aktuellen Bewältigungsstrategien überfordert. Das kann also durchaus "nur" ein Zahnarztbesuch sein *Sie verstehen mich. Was könnte man also tun, um die berühmten Resilienzen zu stärken, die einen großen Sicherheitsfaktor darstellen in einer so unsicheren Welt!

Lassen Sie sich also beim Betrachten des einen oder anderen Videos nicht davon irritieren, dass Frau Charf vorwiegend von Traumen im Erwachsenenleben spricht, sondern lassen Sie den Zusatzgedanken fließen, dass jene Erwachsenen, die sich aktuell heute in Behandlung begeben müssen, diese ggf. gar nicht bräuchten, hätten sie frühkindlich ein stabiles und sicheres Rüstzeug erhalten.

Und glauben Sie mir - dieses Rüstzeug ist nicht die "Bildung".

Es steht also außer Frage, dass wir alle im Erwachsenenlebens vielen Stressfaktoren und überwältigenden Situationen ausgeliefert sind und noch sein werden. Die entscheidende Frage ist:

Schaffen wir es, damit umzugehen: (Video 1)

https://www.youtube.com/watch?v=5KqTjrUnfDU&index=1&list=PLODoBgoEeRLSvHeqRKq9OdIRtUkHh-Jig

Ein Baum steht nur so wacker, wie seine Wurzeln verankert sind!

Auf sich allein gestellte Einzellerfamilien und rein bildungsorientierete Einrichtungen werden die Wurzeln unserer zukünftigen Gesellschaft nicht pflanzen können!

Wir brauchen eine "Erweiterung" der Kleinfamilie, die überlastet vor sich hin wurstelt.

Mit einer erweiterten Form, ähnlich der Großfamilie, oder einem freundlichen Netz von Nachbarn, einem fröhlichen Freundeskreis, oder einer ausgebildeten Tagesfamilie wächst die Chance für jedes Kleinkind weit gefächerte kräftigende Ressourcen fürs ganze Leben mit zunehmen.

Und ich empfinde es als Schande der fortschreitenden modernen Welt, dass wir allem, was mit dem Verstand begreifbar und noch dazu von ihm allein gesteuert ist, stets den größeren Raum einräumen, als der Gefühlswelt, die dann mit mühseliger Nach- und Aufarbeitung ausgegraben werden muss!

herzlich

Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
Kapitän-Lorenz-Ufer 20
55583 Bad Kreuznach

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