Wigwam Blog

Samstag, 14. Mrz 2015

Autor: Susanne Rowley

Bindungsbedürfnisse von Babys mit Füßen getreten

Authentischer Bericht einer Fachkraft

Geht Ihnen das auch so, liebe Wigwam-Freunde,

Sie lesen einen Forschungsbericht über die Folgen fehlender Bindung in der Kinderbetreuung & der damit einhergehen könnenden Kindeswohlgefährdung, verstehen alles, klappen die Seiten betroffen zu und hoffen, dass dies keinem Kind in diesem Lande real widerfahren möge? 

Vor wenigen Tagen erreichte mich ein authentischer, mehr als erschütternder Bericht einer angehenden Erzieherin aus Bayern, die nicht mit Namen genannt werden möchte.

Sie schildert in diesem Bericht, wie es sich anfühlt, Kindeswohlgefährdung real zu sehen.

Im Rahmen einer Ausbildung absolvierte sie Praktika in diversen Kinderbetreuungseinrichtungen. Sie traf dort u.a. auf Babys im Alter zwischen 8 & 10 Monaten. Was sie dort, bezogen auf diese Allerkleinsten, erleben musste, erschütterte sie so sehr, dass sie einen Bericht an Wigwam 1994 schickte.

Für alle diejenigen, die Wigwam noch nicht so gut kennen:

In Sachen Wahl der Betreuungsform berate ich Eltern seit 22 Jahren völlig wertfrei – mit einer Ausnahme: Kinder unter 1 Jahr und etwas darüber, sind in Kindertagespflege besser aufgehoben, weil sie große Bindungsbedürfnisse haben. Wie sehr diese Bindungsbedürfnisse mit Füßen getreten werden können, lesen Sie in diesem Bericht.

Ich rate dazu, diese Geschichte wirklich bis zum Ende zu lesen, denn er hilft uns allen, das Thema Kindeswohlgefährdung aus der Abstraktion zu heben.

Bitte beachten Sie beim Lesen ebenfalls,

dass es sich bei den Schilderungen einerseits sicher um persönliches Unvermögen einzelner Erzieherinnen handelt, das so nicht auf andere Einrichtungen übertragbar wäre; andererseits halte ich die Schilderungen bezüglich der kleinen Babys aufgrund der allgemeinen Strukturen einer Einrichtung & den Bedürfnissen dieser Kinder für sehr wohl übertragbar.

Ich stelle Ihnen nun diesen Bericht ungekürzt ein, und ich werde ihn auch nicht weiter kommentieren.

Bericht einer angehenden Erzieherin:

>> „Mein Herz blutet“. Mein menschliches. Mein mütterliches. Mein Herz der Nächstenliebe. Mein pädagogisch/psychologisch-kompetent-fachliches. Irgendwie hab ich immer noch einen Art „Schockzustand“. Wie erst, muss es den Kleinsten der Kleinen gehen?!

Im Rahmen meiner Ausbildung zur Erzieherin auf dem 2. Bildungsweg habe ich vor zwei Jahren in verschiedenen Einrichtungen Praktika absolviert. U.a. auch in zwei verschiedenen Krippen. Damals erlebte ich bereits Situationen, die mich erschütterten bis schockierten. Eine junge Erzieherin wirkte auf mich unglaublich bedrückt. Etwas fern des Geschehens. Keine Freude. Keine Herzlichkeit. Kein Lächeln zu den Kindern. Es waren 12 Kinder in der Gruppe. Ein Baby mit 9 oder 10 Monaten. Der Kleine war glücklich und zufrieden, wurde aber im Grunde überhaupt nicht weiter beachtet. Er fiel nicht auf, krabbelte vor sich hin und fertig. Es wurde ein kl. Morgenkreis gemacht. Das Wetter war schön, man ging jeden Tag in den Garten. Dort weinte der Kleine und krabbelte zur Kinderpflegerin, die wirkte, wie wenn die neueste Mode das einzig Wichtige in ihrem Leben war, incl. der neuesten verlängerten Fingernägel, die ließ ihn erst eine Zeitlang an ihrem Bein weinen, dann langte sie runter – sie war sehr korpulent, ein richtiges Bücken war wohl nicht möglich, oder sie war zu faul, griff das Baby an einem Handgelenk und riss es nach oben. Setzte es auf den Schoß und ratschte mit der Kollegin weiter.

In einer anderen Einrichtung hatte ich das große Glück

zu einer sehr jungen, gerade ausgelernten Erzieherin ins Praktikum zu kommen, die so war, wie man sich als Mutter eine liebevolle Erzieherin wünscht. Wandte sich den Kindern wirklich zu. Kümmerte sich in aller Ruhe und Geduld um alle Anliegen. Strahlte Gelassenheit aus. Es war gut.

Was nicht gut war,

war der Umgang der Kinderpflegerin aus der Nachbargruppe – zu der meistens die Türe offen stand. Diese Kinderpflegerin schrie den ganzen Tag die kleinen Kinder an. In einer Art und Weise, wie man sie wohl eher einem Despoten zurechnen würde. Als es nach dem Mittagessen zum Schlafen ging, kostete es mich wirklich den letzten Nerv. Sie bestrafte ein Kind, das nach ihren Maßstäben nicht brav war damit, dass sie ihm das Kuscheltier zum Schlafen entzog. Wir sprechen hier von kleinen Kindern unter 3 Jahren. Dieser kleine Junge, der wohl im 3. Lebensjahr war, konnte natürlich nicht einschlafen, immer wieder ging der Kopf nach oben, und er verlangte nach seinem Kuscheltier. Diese Kinderpflegerin – so um die 20 Jahre alt – drückte ihn immer wieder nach unten und sagte, er solle jetzt Ruhe geben – während wir anderen versuchten, die anderen Kinder (aus insg. zwei Gruppen, d.h. ca. 20 - 24 Kinder) zum Schlafen zu bringen.

Irgendwann verlor sie die Geduld und „fixierte“ ihn.

Sie legte sich neben das Bettchen (es war so ein kleiner Schaumstoffrand um die Matratze) und legte ihre Oberschenkel über das Kind, so dass er keine Möglichkeit mehr hatte, nach oben zu gehen. Ruhe kehrte dadurch auch nicht ein. Sogar die Leitung der Einrichtung war zwischendurch im Raum, fragte nach, warum er das Kuscheltier nicht bekommt, doch als die Kinderpflegerin antwortete, dass er es nicht bekommt, weil er nicht folgsam war, wurde das so hingenommen, denn man untergräbt ja nicht die pädagogischen Entscheidungen der Kolleginnen.

Am nächsten Tag war die Fachaufsicht zur Qualitätssicherung in der Einrichtung. Kehrtwende ihres Verhaltens um 180 Grad. Unglaublich, wie sich ein Mensch verstellen kann. Eine zuckersüße Stimme den Kindern gegenüber. Freundlich. Nett. Alles hat gepasst. Am Tag drauf, hielt das freundliche Verhalten noch etwas an, am übernächsten keifte sie wieder den ganzen Tag die Kinder an. Dann war meine Woche dort Gott sei Dank auch vorbei.

Ich beschloss: in eine Krippe werde/kann ich nicht gehen,

weil ich das psychisch nicht aushalte, wie dort mit Babys und Kleinkindern umgegangen wird. Ich bin selbst Mutter. Nach den bestandenen Prüfungen trete ich demnächst das Berufspraktikum, das letzte Ausbildungsjahr, zur Erzieherin an. Nun durfte ich einen halben Tag in einer Einrichtung hospitieren, die Interesse mir gegenüber bekundeten, mich als Berufspraktikantin haben zu wollen. Ich freute mich sehr auf diesen Tag, denn die Einrichtung liegt sehr nahe an meinem zu Hause und hat einen sehr guten Ruf.

Ich habe das Gefühl, ich befinde mich immer noch im Schockzustand von dem Erlebten.

Es hat mir so den Magen umgedreht, dass ich mich tatsächlich am Nachmittag übergeben musste.

Die Hausbesichtigung fing in einer Gruppe an, wo ein kleiner Kreis mit zwei Betreuerinnen zusammen saß. Neben einer der Frauen, eine Erzieherin, saß ein kleines Baby. Das weinte ganz fürchterlich. Saß aber wie die anderen größeren Kinder auf dem Boden in diesem Kreis. Ich bekam die Hausführung durch alle Gruppen und kam dann in diese erste Gruppe wieder zurück. Es ist eine altersgemischte Gruppe, d.h. Krippenkinder mit Kindergartenkindern bis zum 6. LJ gemeinsam in einer Gruppe.

An diesem Tag waren ca. drei Babys da.

Das kleine schreiende Mädchen ist 8 Monate alt und noch in der Eingewöhnung. Ca. die 3 oder 4. Woche da. Als ich wieder in diese Gruppe kam, war nochmal ein Morgenkreis, wo es um den Wochentag und das Datum und Jahr ging. Und es wurde ein Lied gesungen. Das Baby saß weiterhin neben der Erzieherin am Boden und schrie und schrie und schrie. Es hat mir das Herz zerrissen. Als sich der Kreis auflöste, ein Teil der größeren Kinder ging zu einer Projektarbeit, fragte ich, ob ich die Kleine auf den Arm nehmen darf. Durfte ich nicht, denn sie musste lernen, dass sie nicht die ganze Zeit rumgetragen werden kann. Sie hätten das jetzt zwei /drei Wochen gemacht. Nur alleine in den Arm nehmen würde nicht reichen, man müsse dabei dann im Zimmer auf und ab gehen, dass sie sich beruhigt. Sie ist von der Mutter gewohnt, nur rumgetragen zu werden, die hat sie sogar bei der Hausarbeit getragen – das sei hier in der Einrichtung natürlich nicht zu leisten. Außerdem sei sie total müde schon vormittags, weil sie nachts so schlecht schlafe, da sie die ganze Nacht bei der Mutter an der Brust nuckeln würde. Und die Kleine schrie und schrie und schrie.

Sie muss lernen, dass alles gut ist und ja immer jemand da ist, aber sie eben nicht alleine hier ist und nicht die ganze Zeit auf den Arm kann. Die Erzieherin, die keinerlei herzliche Ausstrahlung hatte, den ganzen Vormittag nicht ein einziges Mal ein Lächeln den Kindern gegenüber oder ihrer Kollegin gegenüber – oder auch zur Begrüßung oder Verabschiedung mir gegenüber hatte – packte die Kleine etwas unsanft an den Oberarmen und setzte sie zwischen ihre Beine mit den Worten: „Vielleicht hilft ja das was.“ So hatte die kleine zumindest im Rücken „menschlichen Halt“.

Aber es nützte überhaupt nichts.

Zwischendurch setzte sie die Kleine zu uns dazu, ich saß mit anderen Kindern bei den Bauklötzen, und sie setzte sich zu den anderen zwei Kleinsten, der eine dürfte auch ca. 8 – 10 Monate alt gewesen sein, der andere ca. 12 – 15 Monate. Dann ließ sie die Kleine ganz alleine sitzen.

Und sie schrie und schrie und schrie.

Die Kleine saß mir gegenüber und ich musste all meine Kraft aufwenden, um das kleine schreiende Knäul nicht einfach auf den Arm zu nehmen und es zu wiegen. Es kam die 2. Erzieherin dazu. Die nahm sie dann auf den Arm, so ganz fest, wie man ein Baby hält, das man zum Stillen anlegt. Schnuller rein. Mein Gott wie hat die Kleine dann durchgeseufzt... die Augen fielen ihr augenblicklich zu und sie war ruhig. Dann stand die Frau auf und legte sie mit den Worten: die ist ja so müde, in den Korb zum Schlafen. Und sofort schrie sie wieder. Dann saßen sie abwechselnd mind. eine Stunde neben dem Korb, haben ihr ständig den Schnuller reingesteckt und die Hand auf den Bauch oder mal über die Augen und sie etwas gewackelt. Sie schrie und schrie und schrie. Und mir zog es Herz und Magen immer mehr zusammen. Zwischendurch kurze Momente der Erschöpfung, wo ein Ansatz zum Schlafen war, dann flog wieder ein Bauklotz um oder sonst war was - und sie schrie wieder. Dann machten sie Musik an, weil beim Singen im Morgenkreis hatte sie auch kurz Ruhe gegeben - aber half im Grunde nichts weiter. Irgendwann so gegen 10:45 nahm die unbewegt schauende Erzieherin sie wieder raus und meinte, das würde eh nix bringen, sie geht jetzt mal mit ihr Wickeln und gibt ihr dann was zu Essen. In der Zeit wurde dann eh der Tisch gedeckt - um 11 Uhr gab es Mittagessen. Pause zwischen drin, hatte es keine gegeben..... Dann fütterte sie sie mit einer Gläschenkost - ich dachte, die spuckt ihr gleich alles wieder auf den Tisch.

Die Kleine schrie und schrie und schrie

und sie bekam dabei ständig einen Löffel reingeschoben. Es war so grauenvoll zum Zuschauen!!!!!

So schnell wie sie ihr den Löffel reinschob nach jedem Bissen, so schnell konnte das Baby zwischen dem Schreien gar nicht schlucken und Luft holen. Als sie sich nach dem wickeln nochmal mit zum Tisch setzte, ließ sie die Kleine auf ihrem Schoß sitzen, mit den Worten: „Vielleicht beruhigt sie sich so mal“ - was dann mit Hilfe des Schnullers und der totalen Erschöpfung, immerhin schrie sie bis dahin schon fast 3 Stunden, auch etwas Beruhigung rein brachte. Nach dem Essen wurde die Kleine hingelegt, die dann wohl gleich einschlief -nachdem noch kurz die Betreuerin daneben saß. Andere Situation: als sie die Kleine da mal kurz ganz alleine sitzen gelassen hatte, setzte sie sich, wie schon erwähnt, zu zwei Jungen, der eine auch unter einem Jahr, der andere vielleicht etwas drüber. Die spielten mit Bausteinen. So rechteckigen, einfarbigen Holzklötzen. Sie fing an einen Turm zu bauen. Mit je vier Teilen im Quadrat. Der Kleine kam her und langte rein, so dass er umfiel.

Die Erzieherin schrie ihn an: „Nein. Du machst das jetzt nicht kaputt (IHREN Turm, den die Erzieherin baute!!!!) sondern wartest.“ Der Kleine fing zu weinen an, die Tränen liefen ihm runter. Sie baute seelenruhig ihren Turm weiter. Als er eine gewissen Höhe hatte, wischte sie ihm eine Träne ab und sagte: „Alles gut. Alles gut. So, jetzt darfst Du ihn kaputt machen.“

Ich war fassungslos.

Dritte Situation. Wir räumten die Tische nach dem Essen ab, die jüngere , eher freundlichere Erzieherin hatte den Wagen hergestellt, wo alle Teller und Schüsseln drauf kamen und ein kleines dreijähriges sehr aufgewecktes Mädchen, das vom ersten Moment an Vertrauen zu mir hatte und nur mit mir spielen wollte, räumte ihren Teller ab und ging dazu um den Wagen rum. Plötzlich schrie sie die Kleine an, wieso sie jetzt von hinten an den Wagen geht, wo sie doch den Wagen extra so hingestellt hätte. Sie ging in die Hocke und schimpfte und schaute das Mädchen richtig böse an. Die Kleine stand völlig schuldbewusst da - und ging dann geknickt wieder an ihren Platz.

Diese Einrichtung zählt zu den Besten unserer Stadt.

Tolles Raumkonzept, ein traumhafter Garten. Ich ging aus dieser Einrichtung raus und wusste: selbst wenn ich keinen Platz bekomme oder bis in die nächste Großstadt 100 km fahren müsste:

DAS TUE ICH MIR NICHT AN. Ich kann das nicht.

Ich kann nicht zuschauen, wie die Babys in Krippen behandelt werden!

MEIN GOTT, was wird diesen kleinen Babys nur angetan???? 8 Monate alt. Was machen kleine Menschenkinder für eine Entwicklung im ca. 8. Lebensmonat durch? Sie erkennen, dass es eine Trennung zwischen ihm und der Mutter gibt. Die Fremdelphase ist meistens in dieser Zeit sehr ausgeprägt. Was braucht ein Kind in dieser Zeit: GEBORGENHEIT, LIEBE und SICHERHEIT! Immer und immer und immer wieder. Nur dann kann es sich lösen und hat den Mut, seine Umwelt zu erkunden.

Die Kinder bekommen doch täglich neue Traumen. Und geben irgendwann einfach erschöpft auf, nachdem sie wochenlang geweint haben.... was das für Spätfolgen haben wird..... wir ziehen eine kranke Generation heran.

Psychisch traumatisiert, weil sie keine Bindung erfahren haben..

Was ist nur aus den Menschen geworden? phu.. ich geh jetzt erst mal die Tränen abwischen. Mir ist wieder schlecht.

Wie mir heute eine Fachkraft

aus dem sozialpädagogischen Bereich sagte, würden sich meine Aussagen mit sehr kritischen Kommentaren einer der Mitautoren/in der NUBBEK-Studie decken.  <<

Ende des Berichtes.

herzliche Grüße

Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
Kapitän-Lorenz-Ufer 20
55583 Bad Kreuznach

Anerkannte Bildungseinrichtung

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E-Mail: info_at_wigwam.de

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