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Donnerstag, 23. Oktober 2014

Autor: Susanne Rowley

Bildung und Förderung auf dem Rücksitz

Kindertagespflege soll für Randzeiten herhalten.


aktuelle-sozialpolitik.blogspot.de/2014/10/21-kita.html

Liebe Wigwam-Freunde,

bitte geben Sie den o.g. Link in Ihren Brouwser ein. Mein Artikel hier bezieht sich darauf.

Bildung und Förderung von Kleinkindern findet bald auf dem Rücksitz statt!

Da war doch mal ein Berufsstand - wie hieß der doch gleich? Könnte man den nicht ausgraben?

Schuster bleib‘ bei Deinen Leisten

möchte man Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, zurufen, wenn man seinen wenig durchdachten Appel an die familienpolitisch Verantwortlichen liest:

Zitat

>> Die oft starren Betreuungszeiten in Kitas passen nicht zur heutigen Lebens- und Arbeitswelt. Wir brauchen mehr Absicherung der Betreuung in Randzeiten und an Wochenenden. Nur so können wir Arbeitskräftepotenziale insbesondere unter den Alleinerziehenden aktivieren“. Länder und Kommunen könnten sich intensiver mit der Qualifizierung und Vermittlung von Tagesmüttern und Tagesvätern auseinandersetzen. Durch eine enge Verzahnung der jeweiligen Betreuungsangebote werden so Betreuungslücken geschlossen und bedarfsgerechte Angebote insbesondere zu Randzeiten bereitgehalten. <<

Zitat Ende

Man fühlt sich flux ins Jahr 2004 zurückversetzt

und könnte sich biegen vor Lachen, wenn’s nicht insgesamt so traurig wäre.

Probleme, die man nicht löst, deren Ursprung und langfristige Auswirkungen man auch nicht wissen will, haben nun mal die leidige Eigenschaft, Junge zu kriegen. Und so kommt es, dass einstigem Flickwerk weiteres Flickwerk folgen muss. So auch hier. Die Grundintention ist weder neu noch den Verantwortlichen unbekannt. Nur haben die, die für den ganzen Schlamassel verantwortlich sind, und die, die nun glauben, sie hätten am Rechenbrett das Ei des Kolumbus gefunden, keinen blassen Schimmer von der Materie.

Ganz viel Ahnung

von der Problematik hingegen hat Prof. Dr. Stefan Sell, der sich im hier eingestellten Beitrag umfassend zur o.g. Problematik aus verschiedenen Blickwinkeln heraus äußert, und er warnt zu Recht am Ende seines Beitrages davor, den 3. Schritt vor dem 2. zu tun.

In seinem Beitrag ist im Grunde schon alles gesagt, darum möchte ich nur noch kurz Stellung beziehen zum leidigen Thema der Kindertagespflege, die hier wieder als Lückenbüßer aus dem Hut gezaubert werden soll.

Erst sorgt man dafür, dass die Kindertagespflege fast von der Bildfläche verschwindet, denn der Ausbau der Einrichtungen wurde vorrangig forciert. Zeitgleich vergütet man die verbliebenen Tagesmütter- und väter in manchen Regionen so schlecht, dass nur noch Überlebenskünstler bereit und in der Lage sind, sich in dem Bereich zu engagieren, oder solche, denen ich nachts im Dunkeln nicht begegnen möchte. Ebenso zeitgleich erhöht man aber die Qualitätsanforderungen stetig, um die, die sie erfüllen sollen, nach Abschluss der Prüfung ins Tageskinder-Ödland hinaus zu schicken.

Irgendeinem "Experten" kommt dann zwischendurch noch die "unternehmerfreundliche" Idee, den Berufsstand seiner Freiberuflichkeit zu entheben, indem man ihn in die Betriebe hineinschickt (wir schieben ein bisschen Bauklötzchen von links nach rechts im flux leer geräumten Kopier-Raum).

Und jetzt?

Na jetzt hat da einer ein altes Problem, also das mit den Arbeitszeiten versus den Öffnungezeiten von Einrichtungen, als offenkundig neu erkannt. Da war doch mal ein Berufsstand - wie hieß der doch gleich? Könnte man den nicht ausgraben?

Aber nicht, dass Sie jetzt denken,

da hätte eine ehrliche Rückbesinnung stattgefunden. Nein. Wir sind lediglich am Beginn des Rattenschwanzes wieder angekommen, und sowohl Denk- als auch Handlungsfehler der Vergangenheit drängen sich geradezu auf. Aber natürlich nicht wirklich jedem, wie man am vorliegenden Lösungsvorschlag sehen kann. Man möchte einen Berufsstand, für dessen langsames Absterben seit Jahren aktiv gesorgt wird, nochmal aus der Kiste zerren und an den Tropf hängen. Allerdings nicht, um ihn wiederzubeleben oder gar einer Wertschätzung zuzuführen, sondern nur um ihn für betreuerische Handlangertätigkeiten auf Zuruf zu missbrauchen.

Man stelle sich das praktisch vor.

Man geht davon aus, dass hochqualifizierte Tagespflegepersonen darauf warten, dass ihnen vom Jugendamt eine Taxifahrt zur Kita vermittelt wird, und ehe das abgeholte Kind die Jacke ausgezogen hat, klingelt die abholende Mutter oder der abholende Vater an der Tür? Und werden mal gerade keine Randzeitenbetreuungen gebraucht, kauen diese Tagesmütter- und väter solange an den Fingernägeln?

Und wenn sich eine Gruppe von über Tag betreuten Tageskindern bei der Tagesmutter befindet, setzt man dann also 4 andere Tageskinder mit ins Taxi, um 1 Kind aus der Kita abzuholen? Und machen die das dann um 16 Uhr, und um 17 Uhr und nochmal um 18 Uhr?

Findet dann Bildung und Förderung auf dem Rücksitz statt?

Und was sagen die Eltern der Kinder dazu, die kein Randzeitenproblem haben? Mal abgesehen davon, dass wir seit Jahren fordern, dass Kleinstkinder in der bindungsgerechten, familiären Kindertagespflege wesentlich besser aufgehoben sind, so ist es doch ein Hohn, diesem Berufsstand, der flächendeckend deutschlandweit finanziell und in seinem Ansehen gebeutelt, weil grundsätzlich nicht geachtet und nicht erwünscht, jetzt zuzumuten, mal eben auf "Pfiff" in die Presche zu springen, weil Verantwortliche ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben!

Die ohnehin schwerst vernachlässigten Kleinstkinder – von Gefährdung in Einrichtungen kann man stellenweise beim besten Willen nicht mehr sprechen, da das Wohl der Kinder bereits vernachlässigt wird - sollen nach Kitaschluss, zusammen mit anderen Tageskindern zur vielleicht 3., 4. oder 5. Bezugsperson am Tag gekarrt und weiter gereicht werden?

Mein lieber Herr Betreuungsverein.

Es muss doch mal der Tag kommen, an dem Verantwortlichen ein Lampenladen aufgeht, dass wir es hier mit einem Grundsatzproblem in der gesamten Herangehensweise an Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu tun haben, und an dessen Lösung noch lange nicht alle Nutznießer ernsthaft in die Mitverantwortung genommen werden. Schon allein die Tatsache, dass es kein Geheimnis mehr ist, dass gute Fachkräfte, die aktuell noch betreuen, aufgrund der Zustände und Arbeitsbedingungen in den Einrichtungen und in der Kindertagespflege massenweise die Flucht ergreifen, kann man doch nicht im Ernst glauben, dass eine von oben verordnete „Verzahnung“ der Betreuungsformen, wie hier angedacht, zu einem besseren Ergebnis in Sachen Zufriedenheit der Fachkräfte und damit zum Erhalt wertvoller Betreuungskapazitäten führt; und schon gar nicht hätten wir auch nur eine Sekunde das Wohl der Allerkleinsten damit in den Blick genommen.

Man kann grundsätzlich einen Berufstand nicht missbrauchen und zeitgleich gute Leistungen von ihm erwarten.

Aber dieser mittlerweile tief verankerte Glaube, man könne Menschen zu Sklaven der freien Wirtschaft machen, findet sich in der gesamten Familien- und Arbeitsmarktpolitik wider, und die neuen Probleme, die daraus erwachsen, können wir täglich sehen.

herzliche Grüße

Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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