Wir bloggen für Sie - quer durch die familienpolitische Landschaft

Freitag, 6. Mai 2016

Autor: Susanne Rowley

Alles Menschliche und Unmenschliche steckt in Kinderschuhen

Diese Überschrift ist doppeldeutig zu verstehen

 

und erschließt sich Ihnen im Laufe meines Beitrages.

Liebe Wigwam-Freunde,

ich gehe davon aus, sehr viele von Ihnen haben diesen hammerharten Artikel schon gelesen.

http://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2016-04/kita-qualitaet-erzieherinnen-uebergriffe-gewalt

Es ist von massiven Missständen in deutschen Kitas die Rede und davon, wie das „Geschäft“ mit der frühkindlichen Bildung seit dem Vorstoß von Frau von der Leyen boomt. Von grausamen emotionalen Vernachlässigungen und körperlichen Miss-Handlungen gegenüber Kleinstkindern ist hier die Rede, und vom Druck der Träger und Leitungen, weil sie die gesetzlichen Vorgaben erfüllen müssen; und das, wie man zur Kenntnis nehmen muss, auf Teufel komm raus.

All das möchte ich nicht noch einmal kommentieren,

denn wir alle wissen, es gibt gute und schlechte Einrichtungen, und mein Beitrag soll eben nicht davon handeln, diesen Umstand noch einmal zu verdeutlichen; das hat der Artikel ausreichend getan.

Mein Blogbeitrag dreht sich nur um eine einzige Sache:

Nämlich ein Problem, das wir ganz rasend schnell angehen sollten und auch könnten, weil wir es bereits seit Jahrzehnten an anderer Stelle schmerzlichst zu beklagen hatten und noch immer haben, und hoffentlich daraus lernen durften. Der sexuelle Missbrauch von Kleinstkindern und seine Unmöglichkeit, seine Existenz einzugestehen! 

Das Kartell des Schweigens / Verharmlosens / Beschönigens aller Beteiligten haben wir auch hier im Kita-Bereich, weil es immer dann entsteht, wenn jene, die Teil der Lösungen sein sollen, auch Teil des Problems sind! Nehmen wir also ganz schnell zur Kenntnis: Das System ist exact das Gleiche! 

Ich befürchte zutiefst, wir werden auch hier einen sehr langen Weg vor uns haben, den wir uns in der Kitabetreuung mit so verletzlichen Kleinkindern  keinen einzigen Tag mehr leisten können, wenn wir nicht in Blitzgeschwindigkeit bereit sind anzunehmen, was wir abertausenden Menschen in Sachen sexuellem Missbrauch angetan haben! 

Jeder, der von solchen oder ähnlichen wie im Artikel beschriebenen Vorgängen weiß, betroffen ist, oder gar selbst mitwirkt, hat aber Grund zu Schweigen! Und hier liegt das Problem.

Die Kommunen, weil sie nicht eingestehen können und dürfen, dass der Rechtsanspruch schon ihren Handlungsrahmen sprengte, als die Tinte auf der Gesetzesvorlage noch nicht trocken war. Die Kitaleitungen, die schwerlich eingestehen werden, dass gerade sie ihren Laden nicht im Griff haben. Die Erzieher, die ggf. einen Kollegen mit allen Folgen anschwärzen müssten - ggf. stünde sogar der Verlust des eigenen Arbeitsplatzes zur Debatte, wenn eine Einrichtung geschlossen würde. Und schlussendlich sogar manche Eltern, die weder als neurotische Helikopter-Eltern dastehen, noch mit den üblichen Repressalien leben möchten, die den Verlust des so dringend benötigten  Betreuungsplatzes nach sich ziehen können. Auch sie versuchen sich mit Umdeuten, Verharmlosen und Wegtrösten der inneren Stimme irgendwie über die Zeit retten.

Ein perfektes Kartell des Schweigens - das aber geschlossen von Kindeswohl redet. Das ist ein Skandal.

Es wird laufen, wie es immer läuft.

Zunächst wird von bedauerlichen Einzelfällen die Rede sein, und Jahre später überkommt uns die unermessliche Empörung, wenn sich scheinbar so spät erst heraus stellt, was wir alle zuvor wussten. Ein offenes Geheimnis droht sich wieder breit zu machen in unserer Gesellschaft. Ein Geheimnis unter dem tausende Kinder zu leiden haben werden, bis der Druck so groß wird, dass er den Bildungsteppich zum Fliegen bringt.

Muss das schon wieder so sein?

Und gerade der jetzt geltende Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem 1. Lebensjahr, den viele Eltern so aufzufassen scheinen, als sei schon der Anspruch selbst ein Freibrief für Qualität, den man nicht mehr hinterfragen müsse, mahnt uns sofort zu handeln. Es ist jetzt nicht damit getan, die Personalnot zu beseitigen – auch die qualifiziertere Ausbildung der Beschäftigten wird nicht die schnelle Lösung bringen. Es muss vielmehr sofort ein Klima der Offenheit geschaffen werden, die es Wissenden ermöglicht, Tacheles zu sprechen. Ein weiterhin ewig langes Ringen um das gewünschte Qualitätsgesetz können wir uns genau so wenig leisten, wie langwierige Diskussionen, ob Kontrollen angekündigt oder überraschend erfolgen sollen. Es liegt auf der Hand, dass ein angekündigter Kontrollbesuch nur erwünschtes Verhalten hervorbringen kann. Also verplempern wir bitte keine Zeit damit. 

Bei aller Liebe zur frühkindlichen Förderung gepaart mit der chronischen Unterbesetzung der Erzieherfraktion muss man sich angesichts der Tatsache, dass bei solch desolaten Zuständen Förderung auch noch dokumentiert werden muss, was wieder wertvolle Kinderzeit kostet, langsam aber sicher an den Dickschädel greifen.

Kindeswohl ist längst verkommen zu einem lächerlichen Pseydofähnchen, dass sich eine arrogante bildungsschwangere Republik ans Knopfloch geheftet hat. 

Eine bildungsverliebte Republik, die "Betreuung" nicht mehr nötig zu haben scheint!

Schließen möchte ich meinen Beitrag mit dem Hauch eines neuen Phänomens, dass ich im Zuge der Betreuungsdiskussion, die ja immer gerne ideologisch geführt wird, feststelle. Verdeutlichen möchte ich das mit einem Teilkommentar, den ich speziell unter diesem Artikel in einem anderen Forum fand. Und ich stelle fest: Wir sind schon wieder soweit, ein neues Begriffs-No Go zu kreieren: "Die Betreuung". Nimmt man diesen Begriff in den Mund, wird man sich schon bald zu rechtfertigen haben, denn Betreuung wird in die "unterste Schublade" gehören, und seine Verwendung ein Zeichen von Nichtwissen sein. 

Dass "die Be-treuung" eines Kindes, dem Bildungshype eben fehlt, zeigt der Artikel. Es wird Zeit, dass wir verstehen:

Alles Menschliche steckt in den Kinderschuhen. Meine Überschrift ist durchaus doppeldeutig zu verstehen. Zum einen haben wir in einer sich als modern bezeichnenden Geselllschaft nicht verstanden, welchen Stellenwert echte Zuwendung hat, und zum anderen sind es die in Kinderschuhen Laufenden, die diese Zuwendung dringend brauchen. Grundlegende Bedürfnisse kleinster Kinder, wie Betreuung, behütet sein, sich geborgen und sicher fühlen lapidar abzutun, ist nicht modern, es ist rückschrittlich. 

Es ist ein Unding anzunehmen, dass empathische und fürsorgliche Fähigkeiten, die ein Quälen von Kindern ausschließen sollen, allein durch ein Studium zu verhindern wären. Wer Kinder an Stühle bindet, hat ein größeres Problem, als "nur" Überforderung. Denn ein Mensch, der Verantwortung für die ihm anvertrauten Menschen übernimmt, ist sich nicht zu schade, um Hilfe zu bitten, bzw. Missstände darzulegen.

Vergessen sollten wir auch jenen Umstand niemals: Wer Zuwendung und Geborgenheit erfahren hat, ist auch eher im Stande diese weiterzugeben! Von daher ist Betreuung die wohl größte Investition in Zukunft.

Diese Frau hier sieht das Heil in ihrem Kommentar ganz woanders:

Zitat: >> Juliane Kliefoth Wir haben in diesem Land mehrere grundlegende Probleme im Kita-Bereich: 1. Wir verstehen Kitas und Krippen immer noch mehr als reine Betreuungseinrichtungen, anstelle sie als frühkindliche Bildungseinrichtungen anzusehen und entsprechend zu honorieren (..). Sämtliche europäische Nachbarn haben Kitapflicht. Es wird über die Sinnhaftigkeit gar nicht diskutiert, weil sie in einer emanzipatorischen Gesellschaft nicht zur Debatte steht. Wir halten in Deutschland aber immer noch an einem längst überholten Mutterbild fest und daran ändern auch zwei bis drei Monate Elternzeit des Papas nichts. (..) Frühkindliche Bildung ist wichtig für unsere gesellschaftliche Zukunft aber vor allem auch für das hier und jetzt. (..) Und so etwas im 21. Jahrhundert in Deutschland? Na danke! <<

Dazu fällt mir nur noch ein:

Auch in einem 25. Jahrhundert

werden kleine Kinder auf Bindung durch echte Betreuung angewiesen sein. Es anders zu sehen, ist nicht modern, sondern eine ärmliche Reduzierung auf Menschen als Humankapital einer nimmersatten Wirtschaft.

herzliche Grüße

Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
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